Zweitsprache Deutsch an Schulen Förderung bildungssprachlicher Kompetenzen

Deutsch als Zweitsprache?
Deutsch als Zweitsprache? | © Ich-und-Du / pixelio.de

Zuwanderer stehen vor vielen Hürden beim schulischen Lernen in der Zweitsprache. Zu wenig wird an den Schulen darauf geachtet, dass die sogenannte Bildungssprache Menschen mit Migrationshintergrund oft nicht erreicht, sagt Barbara Krischer vom Zentrum für Lehrerbildung der Freien Universität Berlin.

Frau Krischer, wie sollte sich der derzeitige Fachunterricht ändern, damit er auch diejenigen, die in der Zweitsprache Deutsch lernen, fördern kann?

Man muss sich zunächst bewusst machen, dass es ein Unterschied ist, ob jemand in seiner voll entwickelten Erstsprache Fachinhalte lernt oder in seiner Zweitsprache. Denn die für schulisches Lernen verwendete Bildungssprache weist andere sprachliche Strukturen auf als die Alltagssprache. Da finden sich beispielsweise mehr Nominalphrasen als Nebensätze („Beim Abkühlen des Materials“ statt „während das Material kälter wird“) oder umgangssprachliche Wörter werden zu Fachtermini. Nehmen wir zum Beispiel das Wort „umkippen“. Die Schüler wissen, was gemeint ist, wenn der „Eimer umkippt.“ Wenn im Schulbuch aber steht: „Der See kippt um“, so ist aus dem Wort „umkippen“ ein Fachwort mit einer ganz anderen Bedeutung geworden.

Grundlagenwissen in Zweitspracherwerb und Zweitsprachendidaktik

Wie kann man das auffangen?

Lernschwierigkeiten auf bildungssprachlicher Ebene kann man auffangen durch einen „sprachsensiblen“ Fachunterricht, der neben den Fachinhalten auch die sprachlichen Fähigkeiten vermittelt, die neuen Inhalte zu verstehen und wiederzugeben: Also wie präsentiere ich etwas, wie beschreibe ich einen Versuch oder wie argumentiere ich in einem Unterrichtsgespräch.

Was bedeuten die Herausforderungen einer zunehmend multilingualen Schule für die Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte?
Grundausbildung im Zweisprachenerwerb für Mathematiklehrer. Grundausbildung im Zweisprachenerwerb für Mathematiklehrer. | © Bernhard Pixler / pixelio.de Nur speziell ausgebildete Lehrkräfte können sich später auf die besondere Lernsituation von Zweitsprachenlernern einstellen. Das kann ich von Lehramtsstudierenden, die beispielsweise Mathematik, Chemie oder Geografie studieren, nicht ohne weiteres erwarten. Sie müssen zumindest über ein Grundlagenwissen in Zweitspracherwerb und Zweitsprachendidaktik verfügen.

Könnten bei dieser Entwicklung nicht die Schulbuchverlage eine konstruktive Rolle spielen?

Ja, sie können sprachförderliche Lehr- und Lernmaterialien bereitstellen. Man kann Zweitsprachenlerner nicht mit Unterrichtsmaterialien, die für monolinguale Klassen konzipiert wurden, unterrichten. Gefragt sind sprachlich aufbereitete Lehrmaterialien, die den Aufbau bildungssprachlicher Register bei der Verarbeitung  von Fachinhalten ermöglichen.

Was bedeutet das?

Angesichts der enormen Anzahl neuer Fachtexte und Fachwörter, die die allgemeinbildende Schule pro Schuljahr vermittelt, sind für Zweitsprachler Glossare erforderlich, in denen sie Bedeutung und grammatikalische Einträge nachschlagen können. Fachtexte sind meist sehr dicht geschrieben; sie enthalten viele Ersatzformen und Verweise. Dafür müssen Schüler unter anderem „artikelsicher“ sein und beispielsweise von jedem Fachausdruck das grammatische Geschlecht kennen. Andernfalls können sie die nächste sprachliche Ersatzform (zum Beispiel ein Pronomen) nicht rückbeziehen und verlieren den „roten Faden“. Das wiederum wird ihnen nicht selten als fachliches Versagen angelastet.

Zunehmend multilinguale Klassen

Also spezielle Wörterbücher und Worterklärungen zu jedem Text?

Nicht nur. Die Lehrmaterialien sollten auch Methoden der Textentlastung und Visualisierungen, die die Texterschließung stützen, enthalten, desgleichen Übungen zum Aufbau von Lese- und Schreibkompetenz. Angesichts der zunehmend multilingualen Klassen könnten die Verlage hier tatsächlich eine große Marktlücke füllen.

Bisher ist das Fach „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) nur in wenigen Bundesländern in der Lehrerausbildung verankert. Müssten sich hier nicht alle Bundesländer bewegen?

Ja, natürlich, das wäre tatsächlich notwendig. Ich bin sicher, dass dieser Lernbereich in allen Bildungsphasen vom Elementar- über den Primarbereich bis zu den Sekundarstufen inklusive der Beruflichen Bildung an Bedeutung gewinnt. Angesichts der sich rapide ändernden gesellschaftlichen Situation in unserem Land gehört DaZ auf Dauer zu einer professionellen Lehrerausbildung.

Wie kann Lernen gewinnbringend unterstützt werden?

Geht es nur um Jugendliche mit Migrationshintergrund oder sind auch andere Schülerinnen und Schüler betroffen?

Der Begriff „Sprachbildung“ wird zunehmend als Gesamtaufgabe aller Fächer gesehen. Im Zentrum steht die Förderung bildungssprachlicher Kompetenzen generell. Ein bisher selbstverständlicher Erwartungshorizont war der altersentsprechende Sprachstand eines Erstsprachlers aus dem Bildungsbürgertum. In dem Maße, wie diese vorausgesetzte „Selbstverständlichkeit“ jedoch schwindet, sei es durch Zuwanderung, sei es durch den Einfluss der digitalen Medien, müssen wir das didaktisch reflektieren.

Wie lange beschäftigen Sie sich bereits mit diesem Thema? Wie sind Sie darauf gestoßen?

Vor mehr als 20 Jahren habe ich Aussiedler unterrichtet, die ihre Heimatländer verlassen hatten, um sich in Deutschland gesellschaftlich zu integrieren und hier auch beruflich Fuß zu fassen. Dabei begann ich zu ahnen, mit welchen kolossalen Herausforderungen ein solches Unterfangen verbunden war, zumal hier auch die Frage im Raum stand, wie man sich inhaltlich weiter- oder nachqualifiziert in einer Sprache, die nicht die Erstsprache ist. Seitdem ist die Frage, wie Lernen in einer anderen als der Erstsprache gewinnbringend unterstützt werden kann, eine Fragestellung, die mich fasziniert. Im Laufe der Zeit habe ich mir dann die Professionalisierung von Lehrkräften auf diesem Gebiet zur Aufgabe gemacht.
 

Barbara Krischer vermittelt Lehrerkräften didaktische Fachkenntnisse für den Unterricht für Zweitsprachler. Sie ist an der Freien Univesität Berlin im Zentrum für Lehrerbildung, Abteilung Deutsch als Zweitsprache, tätig.