Deutsche Rechtschreibreform Beinahe ein Kulturkampf

Die Deutschen brauchten lange, um sich auf eine Reform der Rechtschreibung zu einigen
Die Deutschen brauchten lange, um sich auf eine Reform der Rechtschreibung zu einigen | Foto (Ausschnitt) © arborpulchra – Fotolia.com

Seit dem 1. August 2006 gilt in Deutschland die neue Rechtschreibung. Vorausgegangen war ein erbitterter Streit: Befürworter der Reform wollten die Schreibregeln vereinfachen, Kritiker fürchteten eine Verflachung der Sprache.

Ein kleiner vergilbter Zettel: Man sieht ihm an, dass er schon viele Male auseinander und wieder zusammengefaltet wurde. Es stehen nur wenige Worte darauf. Aber sie dokumentieren in denkbar kurzer Form einen der heftigsten Kulturkämpfe, den Deutschland je erlebt hat. Seit 1996 trägt Gerhard Augst diesen Zettel immer bei sich: In gestochen scharfer Handschrift hat er damals notiert, was ihm alles vorgeworfen wurde. „Die Kritiker sind über mich hergefallen“, erinnert sich der heute 76-jährige Sprachwissenschaftler und emeritierte Professor für Germanistik an der Universität Siegen.

Die Rede ist von der deutschen Rechtschreibreform, die es ohne Gerhard Augst wohl nie gegeben hätte. 1980 gründete er gemeinsam mit Germanisten aus der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz und aus Österreich den „Internationalen Arbeitskreis für Orthographie“. Das Ziel der Sprachwissenschaftler war die Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung. Es sollte weniger Ausnahmen, Unterregeln und Zweifelsfälle geben.

Radikale Vereinfachung

Die Reformer stützten sich dabei auf die Theorie der sogenannten schichtspezifischen Sprachbarrieren. Demnach haben Kinder aus Familien mit geringerer Bildung besondere Schwierigkeiten beim Erlernen der Rechtschreibung. Dies könne zu sozialen Ausleseeffekten führen. Eine Reform der Regeln sollte das ändern: Wenn die Rechtschreibung einfacher wäre – so die Idee – dann würde sie keine Barriere mehr sein, kein Hindernis beim sozialen Aufstieg. „Was man in acht oder neun Schuljahren lernen kann, soll reichen, um richtig zu schreiben“, so eines der Hauptargumente von Augst.

Gerhard Augst: „etwas lockerer mit der Rechtschreibung umgehen“ Gerhard Augst: „etwas lockerer mit der Rechtschreibung umgehen“ | Foto (Ausschnitt) © Monika Dittrich
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1987 formulierten das Bundesinnenministerium und die Kultusministerkonferenz den Auftrag, ein neues Regelwerk für die deutsche Rechtschreibung zu entwerfen. Gerhard Augst leitete ab 1990 die Kommission für Rechtschreibfragen beim Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und war damit in der Bundesrepublik einer der Hauptverantwortlichen für die Reform. Der erste Vorschlag war radikal: zum Beispiel Bot statt Boot, Keiser statt Kaiser.

Das Konzept wurde diskutiert, verändert, entschärft, bis sich am 1. Juli 1996 Deutschland, Österreich, die Schweiz und einige andere Länder mit deutschsprachigen Gemeinschaften in der Wiener Absichtserklärung verpflichteten, eine reformierte Orthografie einzuführen. Am 1. August 1998 traten die neuen Regeln in Kraft. Zu den bekanntesten Veränderungen gehörte das Doppel-s nach kurzem Vokal: Aus Kuß, Fluß und Schluß wurden Kuss, Fluss und Schluss. Fremdwörter wurden eingedeutscht, so etwa Potenzial statt Potential. Außerdem sollten mehr Wörter getrennt geschrieben werden: Rad fahren oder kennen lernen. Die Reform schien unter Dach und Fach zu sein: Gerhard Augst und seine Kollegen sahen sich am Ziel. Doch es kam anders. Der Streit ging jetzt erst richtig los und nahm beinahe Ausmaße eines Kulturkampfes an.

Verflachung der Sprache

„Die Rechtschreibreform ist überflüssig wie eine Warze am Fuß“, sagt Friedrich Denk. Der heute 73-Jährige klingt dabei kampfeslustig wie eh und je. Er gehörte zu den einflussreichsten Gegnern der Rechtschreibreform. Als Lehrer an einem Gymnasium im oberbayerischen Weilheim wollte er die neue Orthografie nicht akzeptieren – und schon gar nicht unterrichten. Die Reform verhunze die deutsche Sprache und sei obendrein teuer gewesen, „ein gutes Geschäft nur für Wörter- und Schulbuchverlage“, sagt Denk. Er und auch andere Reformgegner sahen in der angestrebten Vereinfachung vor allem eine Verflachung der deutschen Sprache. Besonders durch die neue Getrenntschreibung würden Bedeutungsmöglichkeiten verloren gehen.

Friedrich Denk: „überflüssig wie eine Warze am Fuß, klein aber schmerzhaft“ Friedrich Denk: „überflüssig wie eine Warze am Fuß, klein aber schmerzhaft“ | Foto (Ausschnitt) © Friedrich Denk
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Denk scharte Schriftsteller und Intellektuelle um sich, sammelte Unterschriften, veröffentlichte die Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform und gründete eine Bürgerinitiative. 1998 musste sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit der Reform beschäftigen. Es erklärte die Einführung der reformierten Regeln per Kultusministererlass allerdings für rechtmäßig. In den folgenden Jahren wurde weiter über die Reform gestritten. In Umfragen, etwa des Instituts für Demoskopie Allensbach, gaben die Deutschen mehrheitlich an, die alte Rechtschreibung behalten zu wollen. Zeitungen und Verlage, die die neuen Schreibregeln zunächst eingeführt hatten, kehrten reihenweise zur traditionellen Orthografie zurück. Das Chaos war perfekt, die Reform wäre fast gescheitert.

Sprache im Internet

2004 zogen die Kultusminister der deutschen Bundesländer die Notbremse und gründeten den Rat für deutsche Rechtschreibung. Das Gremium erarbeitete einen Kompromiss: Einige Regeln von 1996 wurden rückgängig gemacht, andere beibehalten, zum Beispiel das Doppel-s nach kurzem Vokal. Zum Teil sind auch Varianten zulässig wie „kennen lernen“ und „kennenlernen“. Diese reformierte Reform, die am 1. August 2006 in Kraft trat, entspricht im Wesentlichen den heute gültigen Regeln – und sie war auch ein Schlusspunkt der Debatte. Im Januar 2007 übernahmen die Frankfurter Allgemeine Zeitung und andere reformkritische Tageszeitungen die modifizierten Regeln. Die neue Schreibung hat sich etabliert, Schüler von heute kennen ohnehin nichts anderes mehr.

Peter Schlobinski: „jetzt mal abhaken“ Peter Schlobinski: „jetzt mal abhaken“ | Foto (Ausschnitt) © GfdS
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„Man kann die Rechtschreibreform jetzt mal abhaken“, sagt Peter Schlobinski, Professor für Germanistik an der Universität Hannover und Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache (Gfd). Seine Überzeugung: „Die Digitalisierung hat heute viel mehr Einfluss auf die Sprache als es die Rechtschreibreform je hatte.“ Schlobinski erforscht die Sprache im Internet, wie also etwa bei Twitter, Facebook oder in E-Mails geschrieben wird. Rechtschreibregeln würden da locker gehandhabt, was aber kein Nachteil sein müsse: „Es gibt einen experimentellen und kreativen Umgang mit Sprache und das ist durchaus positiv.“
   

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