Sprache in politischen Reden „Kompliziert denken, einfach sprechen“

Sachliche Argumente besser transportieren
Sachliche Argumente besser transportieren | Foto (Ausschnitt): © wellphoto - Fotolia.com

In Deutschland hat der Bundestagswahlkampf begonnen – eine Hochzeit für politische Reden. Ihre Wirkung hängt maßgeblich von ihrer Sprache ab, sagt Jacqueline Schäfer, Vorsitzende des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache.

Frau Schäfer, was sind die sprachlichen Merkmale einer politischen Rede?

Auffällig ist zunächst eine eher einfache und verständliche Satzstruktur mit vielen Hauptsätzen und rhetorischen Stilmitteln wie Metaphern und Anaphern, die bei den Zuhörern Bilder erzeugen. Häufigen haben politische Reden auch einen appellativen Charakter.

Haben Sie Beispiele für uns?

Der ehemalige CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz sprach einmal vom „Echo vor dem Ruf“, um eine Äußerung zu beschreiben, die getätigt wird, bevor überhaupt die Frage dazu gestellt wurde – für mich ein sehr gelungenes Beispiel für eine Metapher. Unter Anapher versteht man das wiederholte Nennen von Worten am Anfang aufeinanderfolgender Sätze, zum Beispiel: „Ich sage euch, wir müssen mit der Türkei weiter reden. Ich sage euch, wir dürfen uns dabei nicht klein machen. Ich sage euch aber vor allem, wenn wir an dieser Stelle versagen, dann können wir Europa begraben.“ Das verstärkt den appellativen Charakter.

Zu welchem Ziel setzt man solche Elemente ein?

Das kann im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Geht es darum, bei einem Parteitag meine Mannschaft hinter mich zu bringen – dann will ich mit meiner Rede vor allem motivieren und setze vielleicht verstärkt auf appellative Elemente. Bei einer Wähleransprache auf dem Marktplatz geht es um andere Dinge – nämlich vor allem, von den Menschen, die einem zuhören, verstanden zu werden. Hier ist das Ziel, über Sprache zu differenzieren und zu individualisieren.
 
Was heißt das konkret?

Nehmen Sie den Begriff soziale Gerechtigkeit, der im aktuellen deutschen Wahlkampf eine wichtige Rolle spielt. Mehr soziale Gerechtigkeit ist eine der Hauptforderungen des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Wenn Herr Schulz dieses Thema in einer Rede anschneidet, begnügt er sich aber aus gutem Grund nicht damit, den Begriff einfach zu benennen. Er verpackt seine Bedeutung, nämlich das Eintreten für die Belange von Geringverdienern, in ein Narrativ, also in eine Geschichte. Nur so ist es möglich, Emotionen bei den Zuhörerinnen und Zuhörern auszulösen. Auf diese Weisen lassen sich sachliche Argumente bedeutend besser transportieren.

Das hört sich ein fast wenig nach Manipulation an.

Jacqueline Schäfer Jacqueline Schäfer | Foto (Ausschnitt): © Hoffotografen Es stimmt, wahrscheinlich ist jede Rede zu einem gewissen Maße manipulativ und entsprechend setzt man auch die Sprache ein. Schließlich will ein Redner ja überzeugen. Aber natürlich sollte man eine Rede, die sich durch die Verwendung rhetorischer Figuren und Narrative schlicht darum bemüht, verstanden zu werden, scharf von einer Rede abgrenzen, die Emotionen ausschließlich dazu verwendet, Lügen und Propaganda zu verbreiten. Das ist auch der Unterschied zwischen populär und populistisch. Populär heißt, ich rede so, dass ich verstanden werde, aber immer basierend auf Fakten. Kompliziert denken, einfach schreiben, nannte es der CSU-Politiker Franz Josef Strauß einmal. Populistisch dagegen schreibt derjenige, der nur sagen will, was ankommt, aber nicht, worauf es ankommt.
 
Genau mit dieser Spielart politischer Kommunikation sehen sich aber die etablierten politischen Parteien in Deutschland gerade konfrontiert – etwa durch die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD).

Das stimmt und es ist überaus spannend zu sehen, wie sich dieser Umstand konkret auf die Sprache der klassischen bürgerliche Parteien auswirkt. Polemik wird in aktuellen Reden wesentlich sparsamer als früher eingesetzt. Häme und Diffamierung des Gegners finden deutlich weniger statt. Inhaltlich wird das Thema Demokratie stark in den Vordergrund gestellt, zum Beispiel, indem man von gemeinsamen demokratischen Werten spricht und immer wieder ein gemeinschaftsstiftendes Wir in die Rede einbaut. Man nennt eine solche bewusste Bedeutungsgebung auch Framing.

Gibt es dafür noch weitere Beispiele?

Framing ist inzwischen sehr beliebt, auch weil es tatsächlich wirkt, wie man in vielen verhaltenspsychologischen Experimenten nachweisen konnte. So hat die CDU 2013 ihr komplettes Wahlprogramm sprachlich gegen den Strich gebürstet und beispielsweise den sperrigen Begriff „Haushaltskonsolidierung“ gestrichen, nachdem den Strategen bewusst geworden ist, dass das Wort wenig oder Negatives bei den Bürgern auslöst. Man tauschte ihn ein durch das Wortpaar „solide Finanzen“. Das kann man besser verstehen. Zudem weckt das Adjektiv „solide“ positive Assoziationen.

Was sagen Sie zu dem Vorurteil, Deutsche könnten keine guten Reden halten?

Das ist mir tatsächlich etwas zu klischeehaft. Ich glaube nicht, dass wir Deutschen damit grundsätzlich ein Problem haben. Unsere Art zu kommunizieren unterscheidet sich eben von anderen Kulturräumen. Das hat zum einen historische Gründe. Durch die Erfahrung des Nationalsozialismus, dessen politische Reden durch ein Höchstmaß an Emotionalität geprägt waren, hat sich eine gewissen Nüchternheit als Standard durchgesetzt. Auf der anderen Seite kommt hinzu, dass wir eine Ingenieursnation sind – immer konkret und auf den Punkt. Besonders schön sieht man das an deutscher Verhandlungsrhetorik. Klassische Handelsnationen wie die Briten oder die Niederländer arbeiten sehr viel stärker als wir mit dem Konjunktiv. Während ein Deutscher, etwas zugespitzt, wenig Sinn darin sieht, mehr zu sagen als Eins und Eins gleich Zwei, tendiert der britische Verhandlungspartner eventuell eher zur Formulierung: Es sieht sehr danach aus, dass es eine Zwei sein könnte.

Jacqueline Schäfer arbeitete zunächst als Journalistin, unter anderem für Die Welt und Deutsche Welle tv. Seit 2007 ist sie als Medientrainerin, Unternehmensberaterin und Redenschreiberin für Politik und Industrie tätig. Sie ist Präsidentin des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VdRS).