Schreibkompetenz im universitären Kontext Mitschriften, Seminararbeiten und Abschlussarbeiten

Wissenschaftliches Schreiben kann man üben.
Wissenschaftliches Schreiben kann man üben. | Foto (Ausschnitt): © SolisImages - Fotolia.com

Wissenschaftliches Schreiben ist im Studienalltag omnipräsent. Nicht nur ausländische Studierende haben damit so ihre Probleme. Mithilfe eines Seminarportfolios mit unterschiedlichen Schreibanlässen und Textsorten können sie jedoch ihre wissenschaftlichen Schreibkompetenzen verbessern.

Wissenschaftliches Schreiben stellt eine wichtige Handlung zur Bewältigung von studienrelevanten Aufgaben dar, zum Beispiel beim Verfassen von Seminararbeiten, beim Mitschreiben in Vorlesungen oder Exzerpieren/Zusammenfassen von Sekundärliteratur. Das universitäre Schreiben dient neben der Verarbeitung von vermitteltem (Fach-)Wissen auch als Mittel zur Erkenntnis und eröffnet den Zugang zur jeweiligen Disziplin. Somit handelt es sich hierbei auch um eine Schlüsselkompetenz, die sich durch die gesamte Bildungssozialisation zieht und bereits mit schulischen, also wissenschaftsvorbereitenden Schreibaktivitäten beginnt und sich durch verschiedene Ebenen des Wissen entwickelnden Schreibens in der universitären Ausbildung bis hin zum forschungsbezogenen Schreiben in der Masterarbeit weiterentwickelt.

Die Domäne Wissenschaft ist trotz ihrer universellen, sprachübergreifenden Charakteristika, wie beispielsweise Fachlichkeit durch Verwendung von Fachtermini, auch durch kulturspezifische Besonderheiten geprägt, die im internationalen Studierenden- und Wissenschaftleraustausch zu Irritationen oder auch zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen in Bezug auf die so genannte Wissenschaftlichkeit führen können.

Merkmale von Wissenschaftssprache

Es gibt kein „Rezeptbuch für gutes wissenschaftliches Schreiben“. Es gibt kein „Rezeptbuch für gutes wissenschaftliches Schreiben“. | Foto (Ausschnitt): © kwanchaichaiudom – Fotolia.com Viele studentische Ratgebertexte zum Thema wissenschaftliches Schreiben beschäftigen sich in erster Linie mit den Besonderheiten der deutschen Wissenschaftssprache und den wissenschaftlichen Text(sorten)konventionen – darunter Vorgaben zur Textgliederung und Zitierregeln. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von den Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens. Im Zentrum stehen sowohl stilistische als auch textsortenorientierte Aspekte, die letzten Endes auch prüfungsorientiert betrachtet werden. Ein „Rezeptbuch für gutes wissenschaftliches Schreiben“, so auch im Vorwort zum Ratgeber von Moll/Thielmann 2016, das heißt eine Sammlung von Modelltexten und ein 1:1-Verhältnis von übertragbaren Leitfäden zur Anfertigung für jede Art der im deutschen Universitätsstudium zu produzierenden Textsorten, gibt es jedoch nicht. Gerade Studierende aus dem Ausland mit einem kulturbedingt anderen Textsortenwissen und einem sprachlich eingeschränkten Inventar – also ohne Rückgriff auf muttersprachliche Kompetenzen im Register der Alltagssprache, aus der sich die alltägliche Wissenschaftssprache speist – erleben diesen „fremden Stil“ als doppelte Herausforderung.

Eines der Hauptmerkmale des sogenannten wissenschaftlichen Stils ergibt sich aus der Sachbezogenheit des wissenschaftlichen Diskurses, die einen unpersönlichen Ausdruck und ein Ich-Verbot nach sich ziehen. „Die kulturellen Unterschiede (im weiteren Sinne) in den Sozialsystemen Wissenschaft und Universität können mitunter unterschiedliche Anforderungen in Bezug auf die Sprechernennung mit sich bringen […]“ (Hennig/Niemann 2013: 626). Kennzeichnend für Fachsprachen ist außerdem die klare Darstellung des Wesentlichen, die sich darüber hinaus durch Nominalstil und Hypotaxe auszeichnet. Wissenschaft gilt auch als Streitkultur, für die typisch schriftsprachliche Strukturen eines Streitgesprächs zur Verfügung stehen, zum Beispiel für das Kritisieren und Bewerten. Deutsche Studierende verfügen bei oberflächlicher Betrachtung über einen Vorsprung gegenüber den Kommilitoninnen und Kommilitonen aus anderen (Wissenschafts-)Kulturen. Dennoch ergeben sich auch bei Studierenden mit Deutsch als Muttersprache Probleme, unter anderem Unsicherheiten bei Registerunterschieden zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit.

Schreibkompetenz und/oder Textkompetenz?

Schreiben ist eine komplexe (und nicht nur wissenschaftssprachliche) Fähigkeit, die in mehrere Teilkompetenzen unterteilt werden muss. Dazu gehört auch, dass Schreiben als Prozess wahrgenommen werden muss, in dem die Überarbeitungsphase bisher vernachlässigt wird: Textkompetenz beinhaltet daher neben der Textgestaltungskompetenz, Textmusterkompetenz und Stilkompetenz auch eine Textoptimierungskompetenz (Portmann-Tselikas/Schmölzer-Eibinger 2008). Es muss also zwischen Textkompetenz (rezeptiver und produktiver Umgang mit Texten) und Schreibkompetenz (neben Textsortenwissen auch strategische und pragmatisch-kommunikative Kompetenzen) bei gleichzeitiger Diskurskompetenz unterschieden werden. Diese Diskurskompetenz beinhaltet in diesem Kontext, dass die Studierenden wissen, dass sie im Prinzip schon während des Studiums für eine (Teil-)Öffentlichkeit schreiben und nicht allein für die Seminarleitung: Die Studierenden müssen so tun, als ob sie in einem öffentlichen Expertendiskurs schreiben würden, während sie sich selber noch auf dem Wissensstand des Nicht-Experten befinden (Adamzik/Pieth 1997: 34). Allerdings ist gerade die allmähliche Aneignung wissenschaftlicher Text- und Schreibkompetenz durch die Facharbeit in der gymnasialen Oberstufe (Venohr 2009) oder die studentische Textsorte Seminararbeit (Steinhoff 2007) eine Spezifik für die progressive Wissenschaftssozialisation im deutschen Bildungssystem. Die Seminararbeit gilt als Vorform des wissenschaftlichen Artikels und orientiert sich sowohl in der Struktur als auch in der verwendeten Wissenschaftssprache daran (Stezano Cotelo 2006).

Zitate übernehmen eine wichtige Rolle in wissenschaftlichen Texten. Zitate übernehmen eine wichtige Rolle in wissenschaftlichen Texten. | Foto (Ausschnitt): © TIMDAVIDCOLLECTION – Fotolia.com

Schreibdidaktische Konsequenzen für das Studium

Das Schreiben beginnt mit der Rezeption von Sekundärliteratur aus dem Expertendiskurs, wie Monografien, Handbuchartikel oder Zeitschriftenaufsätze. Die Studierenden dokumentieren das Leseergebnis durch Exzerpieren und Zusammenfassen in einer neuen, eigenen Textform. Dabei setzen sie das Gelesene mit anderen Texten und dem bereits vorhandenen (Fach-)Wissen in Beziehung (Kruse 2010). Die Integration des Gelesenen in den eigenen Text, also das Zitieren ist dabei eine grundlegende wissenschaftliche Handlung und dient der (eigenen) Verortung im Fachdiskurs. Hier entstehen die häufigsten Missverständnisse seitens der (noch) ungeübten Schreibenden, nicht nur der internationalen Studierenden, da es nicht um das Kopieren von bereits Gesagtem, sondern um die Auseinandersetzung mit verschiedenen Ansätzen und somit auch um einen mehrperspektivischen Zugriff auf die außersprachliche Wirklichkeit geht. 

In diesem Zusammenhang kann das Seminarportfolio mit verschiedenen Textsorten einen wichtigen Beitrag leisten, indem der eigene Schreibprozess dokumentiert und auch im Sinne von Peer-Review, zum Beispiel durch andere Seminarteilnehmende bewertet wird (auch als ePortfolio bei Kursiša 2012). Bei der Vermittlung von Schreibkompetenzen im Studium sollte konsequent eine text(sorten)orientierte Schreibdidaktik eingesetzt werden – auch unterstützt durch elektronische Medien. Somit kann die Diskurskompetenz, unter anderem in kulturkontrastiver Perspektive, erhöht werden. Lehrende sollten bei der Vermittlung von Schreibkompetenz im Studium auf folgende Aspekte achten:
  1. die konsequente Verbindung vom wissenschaftlichen Lesen und Schreiben herstellen (Imitationsfunktion)
  2. Texte mit unterschiedlichen Fachlichkeitsgraden anbieten (journalistische Texte versus wissenschaftliche Texte)
  3. Stilunterschiede nach Textsorten im jeweiligen Fach herausarbeiten
  4. auf dem Textmusterwissen und der Schreibkompetenz in der L1 aufbauen
  5. Unterschiede zu den (wissenschaftlichen) Textsorten in der Zielkultur (L2 oder L3) erkennen und zum Gegenstand von Schreibberatung und Schreibwerkstätten machen.
Die Notwendigkeit zur (wissenschaftlichen) Schreibanleitung ist zwar immer noch ein vernachlässigtes Thema in der Lehre an deutschen Universitäten, weil viele Hochschullehrende nach wie vor davon ausgehen, dass die Studierenden das entsprechende Wissen über Wissenschaftsstandards automatisch „mitbringen“. Jedoch zeigen Arbeiten zur hochschuldidaktisch-orientierten Schreibberatung, dass das Thema inzwischen Praxis- und Forschungsrelevanz hat (Brandl et al. 2010).
 

Literatur

Adamzik, Kirsten/Pieth, Christa (1997): Anleitung zum Schreiben universitärer Texte in kontrastiver Perspektive. In: Adamzik, Kirsten/Antos, Gerd/Jakobs, Eva-Maria (Hg.): Domänen- und kulturspezifisches Schreiben (= Textproduktion und Medium; 3). Frankfurt am Main u.a.: Lang, S. 30-69.

Brandl, Heike/Riemer, Claudia/Duxa, Susanne/Leder, Gabriela (2010): Ansätze zur Förderung akademischer Schreibkompetenz an der Hochschule: Fachtagung 2.-3. März 2009 an der Universität Bielefeld (= Materialien Deutsch als Fremdsprache; 83). Göttingen: Universitätsverlag Göttingen.
 
Hennig, Mathilde/Niemann, Roman (2013): Unpersönliches Schreiben in der Wissenschaft. Kompetenzunterschiede im interkulturellen Vergleich. In: InfoDaF 40. Jg., H. 6, S. 622-645.
Kruse, Otto (2010): Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium (= UTB 3355). Wien: UVK.

Kursiša, Anta (2012): Aneignung wissenschaftlicher Arbeits- und Präsentationstechniken Welche Möglichkeiten bietet der ePortfolio-Einsatz in der Lehre? In: InfoDaF 39. Jg., H. 4, S. 465-477.
 
Moll, Melanie/Thielmann, Winfried (2017): Wissenschaftliches Deutsch. Wie es geht und worauf es ankommt (= UTB 4650). Konstanz: UVK.

Portmann-Tselikas, Paul R./Schmölzer-Eibinger, Sabine (2008): Textkompetenz. In: Fremdsprache Deutsch H. 39, S. 5-16.

Steinhoff, Torsten (2007): Wissenschaftliche Textkompetenz. Sprachgebrauch und Sprachentwicklung in wissenschaftlichen Texten von Studenten und Experten. Tübingen: Niemeyer.

Stezano Cotelo, Kristin (2006): Die studentische Seminararbeit – studentische Wissensverarbeitung zwischen Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen. In: Ehlich, Konrad/Heller, Dorothee (Hg.): Die Wissenschaft und ihre Sprachen (= Linguistic Insights. Studies in Language and Communication; 52). Frankfurt am Main u.a.: Lang, S. 87-114. 

Venohr, Elisabeth (2009): Textsorten an deutschen Schulen und Hochschulen. In: Dalmas, Martine/Foschi, Marina/Neuland, Eva (Hg.): Wissenschaftliche Textsorten im Germanistikstudium deutsch-italienisch-französisch kontrastiv. Trilaterales Forschungsprojekt in der Villa Vigoni 2007-2008, Band 1. Villa Vigoni: Centro Italo-Tedesco Villa Vigoni, S. 305-322.