Interview #7
Vorbeugen ist besser als Heilen

Lam Chui Kit
© Chiu Kit LAM

Ende Januar gab es die ersten Infektionsfälle mit dem neuartigen Coronavirus (COVID-19) in Hongkong. Inzwischen ist daraus eine Pandemie geworden und hat eine weltweite Krise ausgelöst. In vielen Ländern wurde der Notstand ausgerufen und zahlreiche Großstädte befinden sich im Lockdown. Was früher nur in Science Fiction Szenarien denkbar war, ist jetzt alltägliche Realität. Schon heute steht fest, dass die Welt nach dieser Krise nicht mehr dieselbe sein wird und wir Menschen unser Leben neu definiert haben werden. 

In unserem aktuellen Interview mit Chiu Kit LAM fragen wir ihn, welche Unterschiede er im Umgang mit der Epidemie und hinsichtlich der rasanten Digitalisierung in Hongkong und Deutschland sieht, wie er selbst die aktuelle Krise bewältigt und was er für sich persönlich daraus lernt.  

Du hast als Jugendlicher vor 17 Jahren die SARS-Epidemie in Hongkong erlebt. Welche Erinnerungen hast du daran?

Nur schlimme Erinnerungen. Wenn ich jetzt zurückdenke, muss ich mich fragen, ob die SARS-Pandemie wirklich passiert ist. Die Bilder aus der Zeit sind so irreal.

Damals war ich erst 13, in dem Alter hat man keine Angst vor einer Pandemie. Allerdings konnte ich mir schwer vorstellen, dass die ganze Gesellschaft innenhalb von ein paar Tagen auf den Kopf gestellt werden konnte.

Alle Medien berichteten nur darüber, wie unsere Pflege und Ärzte gekämpft haben, zum Teil bedauerlicherweise daran gestorben sind. Schulen waren geschlossen, Straßen waren leer. Alle hatten einen Mundschutz an, und trotzdem konnte man durch die Masken sehen, wie deprimiert die Gesichter dahinter waren.

Ich weiß noch ganz genau, dass ich an einem Tag wegen leicht erhöhter Temperatur vor der Schule angehalten wurde. Ich war in dem Moment so hilflos! Es gab dann eine Diskussion, ob ich zu Hause bleiben muss. Nach einer erneuten Kontrolle war meine Körpertemperatur wieder normal. Eine große Erleichterung war das für mich, aber seitdem weiß ich zu schätzen - ein gesundes, normales Leben ist nicht selbstverständlich.
Interview 7 © Yahoo Taiwan Hongkong war von der SARS-Epidemie besonders schwer betroffen und vieles erinnert uns heute an 2003. Aber Hongkong hat aus den bitteren Erfahrungen von damals gelernt und konnte deshalb den COVID-19-Ausbruch sehr effizient bekämpfen und schnell eindämmen – auch ohne kompletten Lockdown. Fazit: Vorbeugen ist besser als heilen! (Foto: Yahoo Taiwan)
 
SARS hat sich damals glücklicherweise nicht weltweit ausgebreitet, weil das Virus weniger ansteckend und die Globalisierung noch nicht so weit fortgeschritten war. Hongkong hat für den Umgang mit Epidemien viel daraus gelernt. Was kann Deutschland jetzt von Hongkong lernen?
Ein Spruch der Römer "Si vis pacem para bellum." bedeutet "wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor." Ja, das klingt ziemlich dramatisch, aber wir Hongkonger sehen die momentane Situation wirklich so, als wenn die Menschheit einen Krieg gegen einen unsichtbaren Feind führt. Niemand darf sich in diesem Krieg zurücklehnen und entspannen. Seit Tag eins sind wir höchst alarmiert, reagieren schnell und scheuen uns auch nicht, Maßnahmen zu ergreifen, wenn es um die öffentliche Gesundheit geht: wir haben schlichtweg aus der Erfahrung vor 17 Jahren gelernt. So gut vorbereitet waren wir damals auch nicht, als die SARS-Pandemie uns traf.

Ich weiß, es ist sehr schwer, eine Balance zwischen Panikmache und Verharmlosung zu finden. Am Anfang habe ich oft gehört, dass wir Hongkonger "aus einer Mücke einen Elefanten" machen, besonders wenn es um Mundschutz geht wurden wir oft belächelt. Im Nachhinein wissen wir, dass viele - auch viele Experten - am Anfang das Ausmaß völlig unterschätzt haben. Jetzt schlägt auch das Robert-Koch-Institut das "vorsorgliche Tragen einer Maske" in der Öffentlichkeit vor. Jetzt gilt sogar in allen Bundesländern die Maskenpflicht

Ich hoffe, dass man in Zukunft in Deutschland stärker sensibilisiert ist, sich der Gefahr durch Viren besser bewusst ist und z.B. das Tragen von Mundschutz - und sei es nur aus Rücksichtnahme anderen gegenüber - auch hier normal sein wird.
 
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©Chiu Kit LAM

Maske auf, wenn‘s raus geht! Es ist unfassbar, wie schnell das Tragen einer Maske von "Sinnlosigkeit" zur Pflicht werden kann. Für viele in Deutschland ist diese Verdeckung des Gesichts noch ungewöhnlich, aber eine Maske kann ja vielleicht als ein stilvolles Accessoire gesehen werden J Mein Sohn fand meinen Mundschutz jedenfalls super und wollte auch unbedingt einen tragen. (Foto: Chiu Kit Lam)
 

Wie erlebst du die aktuelle Krisensituation in Deutschland? Was ist jetzt komplett neu und anders in deinem alltäglichen Leben und was lernst du daraus?

Ich kann kaum glauben, dass ich so etwas wie im Jahr 2003 nochmal erleben muss. Es ist echt nicht einfach, auf Anhieb den Lebensstil komplett zu verändern und die Kontakte nach außen so stark zu minimieren.

Vor allem muss ich mich auch um meinen kleinen Sohn kümmern. Plötzlich gibt es keine Krabbelgruppe, kein Kinderturnen etc. mehr und keinen Kontakt mit anderen Kindern. Es tut mir leid, ihm das nicht ermöglichen zu können und so versuchen wir, die Zeit zu Hause so schön wie möglich zu gestalten.

Was für mich jetzt neu ist, ist die Art und Weise wie man einkaufen geht. Wir überlegen uns jedes Mal genau, was und wie viel wir kaufen, um die Besuche im Supermarkt zu reduzieren. Ich bin der einzige aus der Familie, der jetzt einkaufen geht und kaufe auch für diejenigen in unserer Verwandtschaft ein, die z.B. zur Risikogruppe gehören.

Zum Glück gebe ich sowieso zu Hause Online-Deutschunterricht, von daher bin ich dankbar, dass ich zeitlich flexibel bin, weiterhin im eigenen Arbeitszimmer arbeiten kann und nicht um meine Existenz kämpfen muss.
Und so lerne ich bestimmte Dinge und Umstände in meinem Leben noch mehr zu schätzen.
 
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©Chiu Kit LAM

Ich habe gelacht, als ich die Nachrichten aus Hongkong las, dass nach den ersten Corona-Infektionen das Klopapier massenweise gehamstert wurde - bis ich auch hier in Deutschland keine einzige Rolle Klopapier mehr im Supermarktregal fand. Es bleibt mir ein Rätsel, warum man in einer Pandemie mehr Klopapier braucht. (Foto: Chiu Kit Lam)
 

Die Pandemie hat aufgrund der Schließung von Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie die Verlagerung der Arbeit ins Home-Office die Digitalisierung rasant beschleunigt. Was hältst du davon?

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Digitalisierung in Zukunft ein unersetzbarer Bestandteil unseres Bildungssystems und unserer Arbeitsgestaltung sein wird. Man hat vor der Pandemie vielleicht völlig unterschätzt, wie wichtig die elektronische Welt für uns ist. Dieser Schub in Hinblick auf die Digitalisierung ist wahrscheinlich einer der wenigen positiven Aspekte der Krise.

Uns ist allen bewusst, dass wir tagtäglich den Komfort der Digitalisierung genießen. Wir kommunizieren miteinander mit Smartphones, wir tauschen in sozialen Netzwerken unsere Meinungen aus, wir buchen unsere Tickets online, wir schauen per Streaming verschiedene Sendungen… Warum darf die Digitalisierung nicht auch eine bessere Rolle in unserer Bildung und Arbeit spielen? Seit Jahren habe ich in meinen Kursen Teilnehmer aus Hongkong, das wäre ohne das Internet erst gar nicht möglich.

Nicht falsch verstehen: Der Fernunterricht und das Home-Office sind keine Alternativen für die direkte Kommunikation, sondern eine wichtige Ergänzung dazu, aber das Potenzial der Digitalisierung ist enorm!
 
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Digitalisierung spielte bei mir schon vor der Coronazeit eine wichtige Rolle, weil ich online Deutschunterricht gebe. Der Austausch via Videoanruf ist zwar nicht der direkteste Kontakt, aber die örtliche Flexibilität bietet eine komplett neue Möglichkeit, sowohl für die Lehrer als auch für die Lernenden. (Foto: Chiu Kit Lam)
 

Deutschland war in Sachen Digitalisierung ja immer etwas rückständig. Das europäische Datenschutzgesetz bremst digitale Innovationen zum Teil aus. In Hongkong geht man unbedarfter mit dem Thema Datensicherheit um. Welche Unterschiede siehst du diesbezüglich zwischen Deutschland und Hongkong?

Deine Beobachtung ist richtig. Als Hongkonger habe ich auch das Gefühl, dass Deutschland ein bisschen Gas geben kann, wenn es um Digitalisierung geht.

Für Hongkonger steht die Funktionalität im Vordergrund. Wir nutzen alle Werkzeuge, um den Alltagsablauf zu verbessern. Viele von uns nehmen dafür in Kauf, dass die persönlichen Daten anderweitig ausgewertet werden, wenn man dadurch einen Service erhalten kann.

Europäer und insbesondere die Deutschen haben hingegen aus historischen Gründen eine andere Einstellung. Sie stellen zuerst Fragen zur Datensicherheit und sehen sich öfter in ihren Rechten bedroht. Der Mehrwert einer Technologie hat im Vergleich dazu eine geringere Priorität.

Genauso ist es bei dem Dilemma „Panikmache oder Verharmlosung“, man braucht immer ein gesundes Maß. Es ist meiner Meinung nach wichtig, dass wir offen für die technologische Weiterentwicklung bleiben. Allerdings ist es auch gefährlich, wenn man Technologien blind vertraut und sie nicht kritisch hinterfragt. Hier würde uns Hongkongern vielleicht etwas von der Vorsicht der Deutschen nicht schaden.
 
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©Chiu Kit LAM

Ich glaube, dass Online-Unterricht künftig eine wichtige Ergänzung in unserem Bildungssystem und Online-Meetings die Normalität in unserer Arbeitswelt werden. Damit können wir viele Ressourcen sparen und flexibler agieren. Es ist für manche vielleicht nicht so einfach, auf den direkten Kontakt mit Menschen durch das Internet zu ersetzen, aber ohne die neuen Technologien geht es in Zukunft wohl nicht mehr! (Foto: Chiu Kit Lam)