The Ghosts Magischer Realismus auf der Bühne

The Ghosts
Foto: Thomas Aurin

Dies ist die zweite Tanzkritik, welche «Beyond Time» zusammen mit «Guangdong Dance Festival» herausgibt. Autor Qi Guai, der die Bühne über alles liebt, ist gleichzeitig Filmschauspieler und Medienschaffender. Diese Tanzkritik reflektiert seine Eindrücke und zeichnet ein Bild dieser Darbietung. Im Vergleich zur eher leichtfüßigen ersten Aufführung „Point One“ bevorzugt Qi Guai die unvergleichliche Schwere von „The Ghosts“.
 

Ein Abbild der Geschichte

Das Stück The Ghosts vom deutschen „Dorky Park“ dauert ganze 100 Minuten. Die Begeisterung des chinesischen Publikums zeigt sich völlig anderes als in Deutschland: Während der gesamten Darbietung herrscht im Zuschauersaal Totenstille, bis am Ende ein tosender Applaus ausbricht. Ein ums andere Mal müssen die Schauspielerinnen und Schauspieler vor den Vorhang treten und sich im Beifallssturm verbeugen. Die Choreografin Constanza Macras ist von der Allgemeingültigkeit ihrer Idee überzeugt: Die Ghosts stellen eine Tröstung der menschlichen Einsamkeit dar; sie sind ein Abbild der Geschichte.

Constanza Macras ist eine deutsche Künstlerin argentinischer Abstammung. Die Tatsache, dass sie in Lateinamerika geboren sei, einem Flecken Erde im unteren Teil der Weltkarte, habe sie dazu gebracht, Amerika und Europa gleichsam von unten zu betrachten und damit aus einem anderen Blickwinkel zu reflektieren, meint Macras.

Dieses Konzept des Blickwinkels von unten durchdringt auch die Produktionsidee von The Ghosts. Es wurden ehemalige Akrobaten aus Europa und China rekrutiert, und als schliesslich Liu Fei (刘飞), Leiter einer Akrobatentruppe aus einem Vergnügungspark am Rande von Guangzhou, gefunden wurde, entspann sich allmählich eine Geschichte um diesen Onkel dreier junger Frauen.

Liu Fei, der aus armen Verhältnissen stammte, hatte mit sieben Jahren Zuflucht bei einer umherziehenden Akrobatentruppe gefunden. Anlässlich einer Aufführung hatte der Leiter der Guangzhouer Akrobatentruppe (广州杂技团) an ihm besonderen Gefallen gefunden, und so gelangte er schliesslich in die strenge Ausbildung der Akrobatentruppe von Guangzhou. Sein Wunsch, diese Fähigkeiten an weitere arme Kinder aus seiner Heimat weiterzugeben, war wenig erfolgreich: nach mehreren Jahren blieben einzig seine drei Nichten mit dabei. In The Ghosts liest Liu Fei vor dem Hintergrund der weichen Körperbewegungen seiner Nichten und weiterer Tänzerinnen und Tänzer mit lauter Stimme aus dem Tagebuch eines Verrückten (狂人日记) von Lu Xun (鲁迅), mit den dringlichen Schreien: „Ich bin der Bruder jener Menschen, die Menschen fressen!“ und „Rettet die Kinder!“

Die Entwicklung eines magischen Realismus

Dieses Tanztheater lebt von einem gewaltigen inneren und äußeren Bilderreichtum. Es werden zahlreiche Interviews, Monologe, gelesene Texte und Fotoprojektionen aus dem realen Leben eingeflochten, welche die Grenzen der epenhaften Erzählung ausweiten. Hier zeigt sich auch der Ehrgeiz der Choreografin Constanza Macras, eine akrobatische Aufführung ohne jegliche Stimmungsmusik und ohne die übliche grellbunte Kleidung darzubieten, so dass die Bewegungen in ihrer realen Art und Weise plötzlich ganz fremd, ja sogar verzerrt wirken. The Ghosts erzählt im magischen Realismus Lateinamerikas von den Kosten der wirtschaftlichen Entwicklung, von akrobatischen Traditionen, von der Härte des Lebens, und auch von der Bedeutung, die im Osten wie im Westen den Geistern und Gespenstern beigemessen wird.

Die Bühnengestaltung besteht aus drei stufenweise angeordneten Plattformen mit Treppen. Die Bewegungen der Schauspieler auf dieser Installation übertrifft die gewohnte Bühnenausstattung. Damit kommt der gesamte dreidimensionale Bühnenraum auf drei Höhenlagen und aus drei Perspektiven zur Geltung, was auch den seelischen Raum der Zuschauer mit zu bewegen vermag.

In der Aufführung ist mehrfach von Porzellanfiguren der Tang-Zeit die Rede, auch von den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen dem Schriftsteller Pu Songling (蒲松龄, 1640–1715) und dem Dichter Tao Yuanming (陶渊明, 365–427), und auch davon, dass man die Geister im Westen nur sehen, aber nicht berühren könne, und dass in China weibliche Geister in leblose Körper einfahren würden. Für Pu Songling sind Frauen eine Art Phantasiegebilde und Tröstung, sie sind wie Träume einer langen Nacht, doch bei Tagesanbruch muss der Traum zerplatzen.

Die 100minütige Aufführung wirkt nicht so lang, und doch scheint sie ganze viertausend Jahre zu enthalten. Die seufzenden Klänge der Orgel und die abrupten Paukenschläge bringen die Geräusche der akrobatischen Utensilien umso deutlicher ins Bewusstsein. Die Aufführung ruft Bilder hervor, die das reale Erleben und die Erfahrungen der ZuschauerInnen aufgreifen. Das chinesische Publikum verharrt vor dieser Aufführung in Totenstille, als wäre es eine Ansammlung von stummen Geistern. Doch am Ende lohnt es die Darbietung mit frenetischem Applaus und ruft die eindrucksvollen AkteurInnen ein ums andere Mal auf die Bühne zurück.