Filmvorführung und Diskussion DIGITALISIERUNG UND GLOBALISIERUNG

M;, Regie: Zhao Liang, 2015 M;, Regie: Zhao Liang, 2015

Sa, 15.09.2018 -
So, 16.09.2018

Goethe-Institut Peking in „798”

Goethe-Institut China
Originality Square, 798 Art District, Jiuxianqiao Road 2, Chaoyang District
Beijing

DOKUMENTARFILMREIHE „REFRAMING THE REAL“

Partner: DOK Leipzig
Ort: Goethe-Institut China
Gäste: Rahul Jain, Zhao Liang, Yang Beichen
Sprache der Filme: Deutsch/Englisch/Chinesisch mit chinesischen und englischen Untertiteln
Eintritt frei
 
„Digital divide“ oder besserer Zugang zu Information und Bildung für alle? Neue Geschäftschancen vs. Dominanz großer Firmen? Bedeutet Digitalisierung Gleichheit und Gerechtigkeit? Diesen Fragen widmet sich das Goethe-Institut China im Rahmen seines 30-jährigen Jubiläums mit der Dokumentarfilmreihe „Reframing the Real: Digitalisierung und Globalisierung“, die in Kooperation mit dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm entstanden ist. Am 15. und 16. September 2018 zeigen wir neun internationale Produktionen, die sich u.a. mit den Themen digitale Infrastruktur und Darknet, Überwachung und Freiheit sowie Arbeitswelt im Zeitalter der Globalisierung auseinandersetzen. Wir freuen uns besonders, dass die Regisseure Rahul Jain und Zhao Liang für ein Gespräch im Anschluss an die Filmvorführung am 15. September zu Gast sein werden.
 

Programmübersicht

15.09.2018 14:00 – 20:30
COTTON
MACHINES
BEHEMOTH
 
15.09.2018 20:30 – 21:30
Rahul Jain im Gespräch mit Zhao Liang
Moderation: Yang Beichen (Kritiker, Kurator)
Sprache: Chinesisch, Englisch
 
16.09. 14:00 – 21:30
DIGITAL IMMIGRANTS
DOWN THE DEEP, DARK WEB
CLEANSING SCHAERBEEK
CINEMA FUTURES
AIRPORT
PARCHIM INTERNATIONAL
 

Filmvorführungen

Cotton
In einer chinesischen Industrie mit Symbolcharakter
Regie: Zhou Hao | China | 2014 | 93 Min
 
Vier Hauptfiguren – ein Bauer, ein Baumwollpflücker und zwei Arbeiter in Baumwollfabriken – stehen im Mittelpunkt dieser von ihren Darstellern lebenden Odyssee ins Herzland der chinesischen Baumwollindustrie. Der Film lässt uns die Funktionsweise einer sehr arbeitsintensiven Industrie erleben: von der Aussaat und der Ernte von Baumwolle in der nordwestlichen Provinz Xinjiang bis hin zu den Modewochen in Chinas südlicher Provinz Guangdong.
Der Regisseur Zhou Hao führt uns hinter die Kulissen einer „ehrwürdigen“ Industrie und wir werden Zeugen der Entstehung einer neuen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die die Klassensysteme nachbildet, die von den kommunistischen Idealen der goldenen Zeiten eines Mao Zedong erfolgreich zerstört wurden. Harter Wettbewerb heißt heute die Devise, Gewinnen ist das neue Credo. Doch trotz der erbärmlichen Bedingungen, unter denen die Protagonisten leben und die darum kämpfen, auf der sozialen Leiter aufzusteigen, können sie dank ihrer außergewöhnlichen Menschlichkeit und Courage ihre persönliche Würde wahren.
 
 
MACHINES
Regie: Rahul Jain | Indien, Deutschland, Finnland | 2016 | 71 Min
Geisterhaft sind die Bewegungen der Kamera, denn sie schwebt körperlos durch die Fabrik. Auch was sie sieht, ist surreal: infernale Feuer und Stoffbahnen, die fallen wie Wasser. Es lärmt, es ist dunkel, doch auf dem Rücken des bildgierigen Wesens bewegt man sich zügig durch die Räume. Was es sucht, ist unklar. Manchmal versteckt es sich, hockt in einer Ecke, lauert auf die Arbeiter, die es nicht zu bemerken scheinen. Feuchte überall, Flüssigkeiten und Tinkturen und Schweiß. Und Geräusche von rollenden Walzen. Eine Textilfabrik im indischen Bundesstaat Gujarat, wohin niemand kommt, der nicht unbedingt muss. Immerhin gibt es hier noch Arbeit, aber sie ist schlecht bezahlt, und von Gewerkschaftsstrukturen keine Spur. „Gujarat füttert die Bäuche der Armen“, heißt es im Film. (Text: Carolin Weidner)
 

BEHEMOTH
Regie: Zhao Liang | China | 2015 | 95 Min

Eine Landschaft wie gemalt in Grau-und Brauntönen, doch ihre Geometrie irritiert. Dann plötzlich eine Explosion, Ascheregen. Wie das mythische Ungeheuer Behemoth fressen sich Maschinen durch die Erde, werden Landschaften umgegraben, verschlingen die Steppe, vertreiben die an deren Rändern lebenden Menschen samt Schafen. Dazu erhebt sich der elegische Obertongesang der Tuwa. Der Film ist Gleichnis, Dokumentation und Filmessay in einem. Auf dem Filmfestival in Venedig 2015 feierte „Behemoth“ seine Weltpremiere.
 
Zhao Liang gehört zu den spannendsten chinesischen Dokumentaristen der jüngeren Zeit. 1971 geboren, studierte er an der Lu Xun Fine Art Academy und lebt seit Anfang der 1990er Jahre in Peking. Seine Verantwortung als Dokumentarfilmer liege darin, den Dingen auf den Grund zu gehen, von deren Existenz viele Menschen nicht einmal ahnten. Er erzählt von marginalisierten Gruppen, die mitten unter uns leben, von jungen Heroinabhängigen (Paper Airplane, 1997-2001), von der gewaltsamen Auflösung der Künstlerkolonie am Rande des Alten Sommerpalastes (Farewell to Yuanmingyuan, 1995- 2006), vom kleinen Grenzhandel zwischen China und Nordkorea (Return to the border, 2005) oder einer Polizeieinheit in Liaoning (Crime and Punishment, 2007). Sein internationaler Durchbruch war die Einladung zum Filmfestival nach Cannes 2009 mit dem Dokumentarfilm „In Petition“. 2011 kam er mit „Together“ zur Berlinale. „Behemoth“ war der einzige Wettbewerbsbeitrag Chinas in Venedig 2015. Zhao Liang arbeitet meist mehrere Jahre an einem Projekt, in denen er auch andere Formen der Präsentation aufgreift, um sich mit dem Material auseinanderzusetzen. So entstehen Foto-und Videoinstallationen, die eigenständig in nationalen wie internationalen Ausstellungen ihren Platz behaupten.
(Quelle: Der Dokumentarist und Fotograf Zhao Liang „Meine Sprache sind Bilder“, Autorin: Peggy Kames)
 
 
DIGITAL IMMIGRANTS
Regie: Dennis Stauffer, Norbert Kottmann | Schweiz | 2016 | 21 Min
 
Wer heutzutage dazugehören will, muss das Internet beherrschen. Digital Natives vs. Digital Immigrants. Eine Gruppe von Seniorinnen und Senioren besucht einen Computerkurs und kämpft mit der Log-In-Funktion. Nicht lachen! Ihre Probleme sind unsere von morgen. Trost liefert das Archivmaterial von der Geschichte des Heimcomputers, dessen siegreicher Einzug in die privaten Haushalte sinnigerweise 1984 begann. (Text: Cornelia Klauß)
 

DOWN THE DEEP, DARK WEB
Regie: Duki Dror, Tzahi Schiff | Israel, Frankreich | 2016 | 56 Min
 
Unter der Oberfläche von Google-Land, in dem es sich so komfortabel lebt, existiert eine Welt, die als Deep respektive Dark Net bekannt ist. Ein virtueller Datenraum, dessen Inhalte nicht von herkömmlichen Suchmaschinen erfasst werden und der dem normalen User verschlossen bleibt – es sei denn, er installiert eine spezielle Software. Regierungen, Banken oder Konzerne nutzen das Deep Net ebenso wie all jene, die ihre Aktivitäten im Netz verbergen wollen. Im Google-Land hinterlassen wir Spuren, im Deep Net surft es sich durch eine spezielle Verschlüsselungstechnologie anonym. Duki Drors und Tzachi Schiffs breit aufgestellter Film über das Internet, Privatheit, Überwachung und die Vision einer völlig neu strukturierten Ökonomie beginnt mit dessen übelster Variante: als Umschlagplatz von Drogen, Kinderpornografie und Waffen. Ist das der Grund, warum Regierungen das Netz bekämpfen? Andererseits ist es der einzige digitale Raum, der kritischen Journalisten, Oppositionellen in Diktaturen oder Whistleblowern Schutz vor Verfolgung bietet.
 
Der Film arbeitet sich detail- und kenntnisreich durch die aktuelle Entwicklung unserer digitalen Welt ohne zu werten. Zur Disposition steht die Freiheit des Einzelnen. Skeptisches Fazit: Die Menschen wollen gerade genug Freiheit, um sich wohlzufühlen. Google-Land. Wen kümmert es da schon, dass wir uns dadurch einer permanenten Überwachung ausliefern?
(Text: Matthias Heeder)
 

CLEANSING SCHAERBEEK
Regie: Farah Kassem | Libanon, Belgien | 2017 | 19 Min

Nachdem in Belgien die Terrorwarnstufe angehoben wurde, äußert der Innenminister mit markigen Worten, dass er den Stadtteil Molenbeek – mittlerweile ein Synonym für Islamistenbrutstätte – säubern wird. Währenddessen entdeckt eine Bewohnerin des ebenfalls migrantisch geprägten Bezirks Schaerbeek, dass sich vor ihrem Fenster mysteriöse Dinge abspielen. Sie informiert die Behörden und filmt das Geschehen … Ein intelligenter wie amüsanter essayistischer Blick auf Paranoia und Sicherheitswahn. (Text: Frederik Lang)
 
 
CINEMA FUTURES
Regie: Michael Palm | Österreich | 2016 | 126 Min

Die „digitale Revolution“ erreichte das Kino spät. Weithin wurde darin ein Grund zu ungetrübter Freude gesehen, nahm man doch ihr Versprechen, alles würde jetzt besser, größer, schöner und vor allem einfacher, für bare Münze. Hinzu kam, dass diese Revolution als größter technologischer Fortschritt seit dem Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm inszeniert, gefeiert und auch knallhart ökonomisch durchgesetzt wurde. Wer hätte in der Luft dieses Aufbruchs schon als ewig Gestriger oder dumpfer Nörgler abseitsstehen wollen?

„Cinema Futures“ sondiert nun aus dem Abstand einiger Jahre das Feld zwischen der spezifischen Kulturtechnik des analogen Films und den Heilsversprechen über die angebliche Ewigkeit von Bits und Bytes. Auf der einen Seite steht dabei die Vision vom Digitalen als der finalen Überwindung der Vergänglichkeit. Auf der anderen Seite droht die Vorstellung, unsere Gegenwart mache sich ohne wirkliche Not zu einem „dunklen Zeitalter“, von dem nicht viel übrig bleiben wird. Weil erstens Film als physisches Objekt, zweitens Kino als techno-soziale Infrastruktur obsolet geworden sind und drittens die wie auch immer „unsterblichen“ digitalen Daten von keinem Menschen und keiner Maschine mehr aufgerufen werden können.
(Text: Ralph Eue)
 
 
AIRPORT
Regie: Michaela Müller | Schweiz, Kroatien | 2017 | 10 Min

Buchstaben einer Abflugtafel verwandeln sich in graue Gestalten mit Rollkoffern, die durch die Hochsicherheitsflughäfen dieser Welt hetzen. Eine rote Wand beendet abrupt die Reise eines Rastlosen. Dessen ausgebreitete Arme zerfließen wie die Flügel von Ikarus. Das Reale wird durchbrochen und metaphorisch offenbaren sich verhängnisvolle Widersprüche unserer globalisierten Welt. Sechs Jahre lang hat Michaela Müller ihre anfänglichen Tonskizzen-Standbilder aufwendig künstlerisch verdichtet. (Text: Nadja Rademacher)
 
 
PARCHIM INTERNATIONAL
Regie: Stefan Eberlein, Manuel Fenn | Deutschland | 2015 | 93 Min | Deutsch/Englisch/Chinesisch mit chinesischen Untertiteln

Inmitten blühender Landschaften, die hauptsächlich aus Rapsfeldern bestehen, liegt Parchim. Nördlich von Berlin („bei Hamburg“, sagt Herr Pang), fern der Welt und des Wachstums. Das wird Herr Pang, millionenschwerer Chinese, ändern. Denn Parchim hat einen kleinen, einst militärisch genutzten Flughafen, dessen Landebahn Hasen statt Flugzeuge bevölkern. Herr Pang hat Visionen, wobei weltweiter Flugverkehr seine kleinste Übung ist: Business-Center, Marken-Tempel, künstliche Berge, Hotels, hunderte Arbeitsplätze, tausende Shops, Millionen Kunden, Milliarden Umsätze – Wohlstand für alle von Parchim bis Peking. Nur zu gern hört das die Politik in der strukturschwachen Region. Doch während Herr Pang landauf, landab unterwegs ist, um unverdrossen um investitionskräftige Partner zu werben, mahlen in Mecklenburg die Mühlen langsam, und die Feuerwehr mäht weiter Rasen auf der leeren Fläche. „Nächstes Jahr starten wir im großen Stil“, sagt Herr Pang und läuft …

Sicher bewegen sich Stefan Eberlein und Manuel Fenn zwischen Culture-Clash-Komödie und Provinzposse, ohne Handlung oder Protagonisten je der Lächerlichkeit preiszugeben. Insbesondere bewahren sie die Figur des Jonathan Pang davor, als „der Chinese“ wahrgenommen zu werden, indem sie ihn mit Tiefe und auch Tragik zeichnen. Der abgenutzte Begriff „Aufschwung“ bekommt eine neue Dimension – auch wenn man in Parchim noch auf ihn wartet. (Text: Grit Lemke)
 

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