Diskussion Schreiben, Form und die Bedingungen und Grenzen von Bedeutung

Ausstellung „Bibliothek der unlesbaren Zeichen © Goethe-Institut China

Sa, 24.11.2018

Goethe-Institut Peking in „798”

Goethe-Institut China
Originality Square, 798 Art District, Jiuxianqiao Road 2, Chaoyang District
Beijing

Zeit: 24.11.2018, 14:00 – 16:00
Sprecher/Künstler: Axel Malik, Jiao Yingqi, Wang Dongling
Moderation: Maya Kóvskaya
Sprache: Englisch, Chinesisch
Ort: Bühne, Goethe-Institut China (798)
Eintritt frei
  
Was ist das Verhältnis zwischen Form und Bedeutung im Kontext des geschriebenen Wortes? Haben Linie und Form in der Schriftsprache eine Bedeutung jenseits der semantischen Glossen, mit denen sie in unserem konventionellen Verständnis symbolisch verbunden sind? Welche Bedeutungshorizonte gibt es in Bezug auf das geschriebene Wort und wo liegen die Grenzen der Bedeutung? Unterscheiden sich dies je nach Sprache, oder hat die Form selbst in gewisser Weise Ausdruckskraft? Um diese und weitere Fragen zu diskutieren, treffen drei renommierte Künstler, die mit dem „Schreiben“ internationale Anerkennung gefunden haben – Axel Malik, Wang Dongling und Jiao Yingqi – auf die Kunstkritikerin und Kuratorin Maya Kóvskaya, die ausführlich über Semiotik und Sprachphilosophie innerhalb und außerhalb des Kontextes der zeitgenössischen Kunst gearbeitet hat. Ein Gespräch über Sprache, das geschriebene Wort, den Akt des Schreibens, das performative Schaffen eines schriftlichen Werkes und über die künstlerische Praxis in Bezug auf Sprache und Kultur. Nicht zuletzt geht es um das Selbstverständnis einer Zivilisation und ihre Fähigkeit, sich zu erinnern und kritisch zu reflektieren: Dies sind Themen, mit denen sich auch das Goethe-Institut in seiner Arbeit auseinandersetzt. 
 
Seit 1989 schreibt Axel Malik täglich, zunächst in Tagebüchern, dann auch auf Leinwände. Millionen von komplexen, zeichenartigen Schreibspuren, erfasst in mehr als 140 Bänden mit insgesamt über 30.000 Seiten, sowie auf großformatigen Leinwänden, dokumentieren ein Projekt, das Malik als skripturale Methode bezeichnet. Lesbar ist das nicht, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Die Schriftzeichen haben keinerlei Bezugspunkt, sind nicht Symbol, beruhen auf keinem Code, haben keinen Verweis- oder Hinweischarakter. Merkwürdig und auffällig: Keines der Zeichen kommt zweimal vor, jedes ist von individueller, unverwechselbarer und einzigartiger Setzung und Gestalt. In der Summe formatieren die Zeichen einen unlesbaren Text, der semantisch leer ist und gleichzeitig eine differenzierte strukturelle Sprache erzeugt. Bibliothek der unlesbaren Zeichen ist der Titel seiner Kunstinstallation mit der er auch im Goethe-Institut Beijing das Thema Schrift und Schreiben, Zeichen und Text in den Mittelpunkt setzt. Mit seinen Zeichen-Interventionen und Performances eröffnet er ungewöhnliche Perspektiven und neue Wahrnehmungen auf Schrift, Lesen und Schreiben. Axel Malik lebt und arbeitet in Berlin.

Jiao Yingqi (1958) lebt in Peking und ist Konzeptkünstler und Forscher am China Art Research Institute. Er ist Absolvent der Zentralen Hochschule für Bildende Kunst (CAFA) und war bis 1997 Dozent in der Abteilung Wandmalerei der CAFA. Seine Praxis hat sich von der traditionellen Malerei und Mischtechnik über computergestützte Hypertexte hin zu seiner aktuellen Forschung über neue chinesische Schriftzeichen entwickelt. Das Werk von Jiao Yingqi, einer der wenigen echten „Public Intellectuals“, unterscheidet sich insofern von dem anderer chinesischer Künstler, die sich mit der Form chinesischer Schriftzeichen auseinandersetzen, als es ihm gelungen ist, ganze Corpora aus neuen, lesbaren und kohärenten chinesischen Schriftzeichen zu schaffen. Damit untersucht er die pragmatischen Bedingungen des Alltagslebens auf eine Weise, wie es kaum ein anderer chinesischer Künstler tut, der mit Sprache arbeitet. Seine Praxis zeugt von einem tiefen Verständnis von Geschichte, Philosophie, Semiotik und der Beziehung zwischen Linie, Form, Radikal, Zeichen und ihrer semantischen und pragmatischen Bedeutung. Jiao ist einer der frühen Pioniere der chinesischen Gegenwartskunst mit internationaler Präsenz, und seine Arbeiten wurden an vielen Orten weltweit gezeigt, u. a. im Madrid University City Museum of Modern Art (1994), im Contemporary Art Museum von Madeira (Portugal 1995) und beider Biennale von São Paulo (1996). Von 1997 und 2001 betrieb Jiao Yingqi das von ihm gegründete Beijing Artists Warehouse, einer der ersten und wichtigsten Künstlerräume Pekings. Seitdem hat er auch zahlreiche Ausstellungen kuratiert. Zu seinen jüngsten Einzelausstellungen zählt eine Ausstellung in der Arrow Factory in Peking (2013).

Wang Dongling, geboren 1945 in Rudong, Provinz Jiangsu, lebt und arbeitet in Hangzhou, Provinz Zhejiang. Wang Dongling gilt als Chinas bedeutendster lebender Kalligraf und ist vielleicht der einzige Künstler, dem das National Art Museum of China (NAMOC) drei Einzelausstellungen widmete. Während er vielleicht am bekanntesten ist für großangelegte öffentliche Performances seiner monumentalen „verrückten“ kursiven Kalligrafie sowie für seine kalligrafischen Experimente in neuen Medien, ist seine „Chaos“-Schrift die wegweisendste Innovation in seiner experimentellen künstlerischen Praxis und eine der bedeutendsten Innovationen in der zeitgenössischen chinesischen Kalligrafie überhaupt. Wang Donglings kalligrafisches Werk fand schnell Anerkennung in China, wo er Einzelausstellungen im National Art Museum of China in Peking (1987 und 1994) und an der Chinesischen Hochschule für Künste (1987) hatte. Ab Ende der 1980er-Jahre stellte er auch im Ausland aus, mit Solo-Ausstellungen an der University of Illinois, der University of Kansas, der University of Minnesota (1989), der Montreal University (1990) und der University of California, Santa Cruz (1991) etc.Bemerkenswerte Gruppenausstellungen fanden statt in der Hayward Gallery in London, der Yale University Art Gallery (1993) und im National Art Museum of China in Peking (1997); im Guggenheim Museum (China: 5,000 Years, 1998), in der Konsthall Gallery, Malmö, Schweden (1998), im British Museum (2002), bei der Weltausstellung Nagoya, Japan (2003), im Metropolitan Museum of Art, New York (2006), im Louisiana Art Museum, Dänemark (2007), in der Kunstakademie Rom (2007) und bei der dritten Chengdu Biennale (2007). Wang hatte 2007 seine dritte Einzelausstellung im National Art Museum of China und 2011 im Zhejiang Museum of Art. Zuletzt wurden seine Werke im Hong Kong Museum of Art (2014) und bei der Ausstellung Ink Art: Past as Present in Contemporary China im Metropolitan Museum in New York (2014) gezeigt. Wang Donglings Werke befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Metropolitan Museum, New York, des Guggenheim Museum, New York, des British Museum, London, des Palastmuseums, Peking, des National Art Museum of China, Peking, des Zhejiang Museum of Fine Art, Hangzhou, der Yale University Art Gallery, Harvard University und der University of California, Berkeley.
 
Die Kuratorin und Theoretikerin Maya Kóvskaya (PhD UC Berkeley, 2009) war 2010 die erste Gewinnerin des Yishu-Preises für Critical Art Writing. Sie hat zahlreiche Bücher und Artikel über die Verflechtungen zwischen zeitgenössischer Kunst und Politik, Kultur und Ökologie verfasst, mitverfasst, bearbeitet und übersetzt. Sie hat auch viele Vorträge über Kunst, Sprache und Semiotik, das Anthropozän, Politik, Kultur und kuratorische Arbeit an Universitäten, Museen und öffentlichen Einrichtungen weltweit gehalten. Als Kuratorin und Kritikerin und/oder wissenschaftliche Beraterin hat sie an über 35 Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Asien und an öffentlichen künstlerischen Interventionen in Asien, Europa und Nordamerika mitgewirkt. Ihre aktuellen Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf das, was sie die „Multispezies-Politik“ nennt, sowie auf Sprachphilosophie und Studien über politische Zugehörigkeit jenseits eines menschenzentrierten Ansatzes.
 

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Performance und Ausstellung von Axel Malik „Bibliothek der unlesbaren Zeichen“
Zeit: 22.11.2018. Die Performance beginnt um 14 Uhr.
Dauer der Ausstellung: 22.11 – 31.12.2018
Ort: Bibliothek, Goethe-Institut China (798)
Eintritt frei

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