Videovorführung mit Einführung „Zement“ von Heiner Müller nach Gladkow

"Zement" ©Armin Smailovic

So, 07.07.2019

Goethe-Institut Peking in „798”

Goethe-Institut China
Originality Square, 798 Art District, Jiuxianqiao Road 2, Chaoyang District
Beijing

in der Regie von Dimiter Gotscheff, Münchner Residenztheater

Einführung durch Eva Behrendt (Jurorin beim Theatertreffen, Theaterkritikerin)
Zeit: 07.07.2019, 16:00 – 18:50
Sprache: Deutsch mit chinesischen Untertiteln / chinesischer Übersetzung
Ort: Goethe-Institut China
Eintritt frei

 
Im Rahmen des Theatertreffens in China 2019 präsentieren wir am 7. Juli 2019 die Aufzeichnung einer Inszenierung, die im Jahr 2014 zum Theatertreffen eingeladen war: „Zement“ von Heiner Müller nach Gladkow, inszeniert von Dimiter Gotscheff am Münchner Residenztheater. Mit einer Einführung durch Eva Behrendt, Mitglied der Jury des Theatertreffens.
 
Nach drei Jahren Revolution und Bürgerkrieg kehrt Regimentskommandeur Gleb Tschumalow gleich dem ODYSSEUS in seine Heimat zurück wie in eine fremde Welt. Die Zementfabrik scheint dem Verfall preisgegeben und die revolutionären Träume und Visionen zerrinnen im Kampf um das alltägliche Überleben. Tschumalows Frau Dascha organisiert die Frauen und die Versorgung des örtlichen Kinderheims. Besitz und Familie zählen für sie nicht mehr, und ihrer revolutionären Aufgabe opfert sie wie MEDEA das gemeinsame Kind. Der bürgerliche Ingenieur Kleist provoziert in Tschumalow den Zorn des ACHILLEUS. Einst hatte er Gleb an die Feinde verraten, doch nun wird er für die Inbetriebnahme der Zementfabrik gebraucht. Die jungen Revolutionäre Polja und Iwagin widmen sich voller Euphorie der Revolution. Doch der Parteiapparat sortiert sie aus. Die Revolution verrät ihre Kinder. Tschumalows verzweifeltes Ringen gleicht dem KAMPF DES HERAKLES MIT DER HYDRA: ein alptraumhaftes, verirrtes Gefecht des verletzlichen Körpers mit den neuen Ideen.

Heiner Müller, dem die „Arbeit am antiken Mythos immer Arbeit an der Geschichte war“, hat 1972 nach Gladkows Revolutionsroman aus dem Jahr 1925 eine große menschliche Tragödie geschrieben. Die archaische Sprache der Figuren, die Intensität der Bilder und Visionen provoziert gleichermaßen Fremdheit und Nähe. Dimiter Gotscheff inszeniert Müllers selten aufgeführtes Drama über den kurzen Augenblick der Menschheit, wo ein uralter Traum gelebt und zunichte gemacht worden ist, als ein groteskes, poetisches Ritual aus der Sicht des Kindes der Tschumalows, denn: „Was man braucht ist Zukunft und nicht die Ewigkeit des Augenblicks. Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen“. (Heiner Müller)

„Zement“ von Heiner Müller ist Dimiter Gotscheffs letzte Regiearbeit und die fünfte Inszenierung des im Oktober 2013 verstorbenen Regisseurs, die zum Theatertreffen eingeladen wurde. Premiere am Münchner Residenztheater war am 5. Mai 2013. Dimiter Gotscheff hat sich zeitlebens mit dem Werk des Autors Heiner Müller auseinandergesetzt.

Die Theatertreffen-Jury formuliert in ihrer Begründung zur Einladung: „Ausgerechnet – oder auch gerade – in München an der noblen Maximilianstraße erzählt Gotscheff unbeirrt und verzweifelt noch einmal von der Revolution und wie schwer es ist, sie zu machen, vor allem aber: sie durchzustehen, zu rechtfertigen und aus ihr zu lernen. (…). Im allerbesten Sinn ,altmodisch‘, kompromisslos in einer archaischen Bildersprache und schmerzend klar ohne szenischen Firlefanz hat Gotscheff davon erzählt, in der Asche der Vergangenheit die Vision für die Zukunft suchend: An einem bedrohlich grauen Unort wird mit herausragenden Schauspielern (darunter Valery Tscheplanowa, Bibiana Beglau, Sebastian Blomberg) eine (keinesfalls nur die alte russische) Utopie zu Grabe getragen und gleichzeitig die Sehnsucht nach Verbesserungen geträumt und die ewige Notwendigkeit von Veränderungen beschworen.“
 
Eva Behrendt, geboren 1973, studierte Geschichte, Literatur und Theaterwissenschaft in Mainz, Dijon und Berlin. Seit 2001 freie Redakteurin der Zeitschrift Theater heute sowie Autorin für taz, Deutschlandfunk Kultur und andere. Sie war u. a. Jurorin für das Festival Impulse, den Berliner Senat, das Berliner Theatertreffen von 2008 – 2010, das Festival Politik im Freien Theater und für den Hauptstadtkulturfonds.
 

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