Digitaler Festakt: Goethe-Medaille 2021

„Report on Giving Birth“ © Lin Youyuan

Sa, 28.08.2021

Die Preisträger*innen der Goethe-Medaille 2021 werden am 28. August 2021 um 11 Uhr (MEZ) mit einem in Kooperation mit der Deutschen Welle entstandenen digitalen Festakt geehrt. Aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen können sie nicht gemeinsam nach Deutschland kommen. Einzig Preisträgerin Wen Hui ist in Weimar, wo ihr im Studienzentrum der Anna Amalia Bibliothek nach der Übertragung des digitalen Festakts die Goethe-Medaille durch die Präsidentin des Goethe-Instituts Carola Lentz verliehen wird. Carena Schlewitt, Theaterwissenschaftlerin und Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste HELLERAU, ehrt sie mit einer Laudatio. Im Anschluss diskutieren Carola Lentz und Rolf C. Hemke, Leiter des Kunstfests Weimar, über die Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung im internationalen Kulturaustausch. In welchem Verhältnis stehen die potentiell globale Reichweite und die lokale Verankerung von Kulturarbeit? Und welche besonderen Probleme müssen Kulturakteur*innen in Ländern bewältigen, in denen digitale Kommunikation von Zensur und Kontrolle geprägt ist?

Den digitalen Festakt Goethe-Medaille 2021 eröffnet Carola Lentz mit einem Appell der Goethe-Medaille-Preisträgerin 2017 Urvashi Butalia aus Indien: „‚Niemals zuvor hatte die Meinungsfreiheit so viel Gewicht wie heute. Wir brauchen Transparenz und Kritikfähigkeit, und wir müssen voneinander lernen‘. Ich freue mich sehr, dass wir heute das kulturelle und zivilgesellschaftliche Engagement von Princess Marilyn Douala Manga Bell, Toshio Hosokawa und Wen Hui mit der Goethe-Medaille auszeichnen.“ Mit dem offiziellen Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland ehrt das Goethe-Institut herausragendes Engagement im internationalen Kulturaustausch. 

„Kultur ist ein besonderer Saft – im Netz der globalen Gemeinschaft“ heißt das Motto der diesjährigen Preisvergabe. Christina von Braun, Vizepräsidentin des Goethe-Instituts, erläutert: „Künstler*innen gehören zu den wichtigsten Akteur*innen des digitalen kommunikativen Apparates, der uns miteinander verbindet, aber auch gegeneinander lenken kann. Sie lehren uns, mit anderen Augen zu sehen und zu lesen, mit anderen Ohren zu hören, das heißt, sie sind Mittler jener Differenzierungsfähigkeit, derer wir in der vernetzten Welt bedürfen.“ Daran anknüpfend bringt die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt Michelle Müntefering zum Ausdruck: „Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken. Dabei sehen wir heute klarer denn je: Wer sich zumauert, verbaut die Zukunft. Die großen Aufgaben der Zeit aber, die lösen wir nur gemeinsam. Und deshalb ist die Arbeit von Menschen wie Ihnen so wichtig, liebe Marilyn Douala Manga Bell, lieber Toshio Hosokawa und liebe Wen Hui. Mit Ihrer Arbeit machen Sie sich wieder und wieder auf den Weg in das Offene der Gesellschaft.“ 

Wen Hui, Choreografin und Mitbegründerin des Living Dance Studio, zählt zur Avantgarde des Tanztheaters in China und wird dafür geehrt, dass sie an der Schnittstelle von Kunst, Theater, Tanz und Dokumentarfilm in ihren Stücken eine eindrückliche Spurensuche betreibt, jenseits offizieller Narrative. Wen Hui macht deutlich: „Der Körper ist für mich der zentrale Schauplatz. Durch ihn, durch das Körpergedächtnis erinnern und reflektieren wir Geschichte und Gesellschaft, unsere Realität, alles, was wir erlebt haben. - Die Verleihung der Goethe-Medaille im Alter von 60 Jahren war für mich eine große Überraschung. Eine solche Bestätigung inspiriert mich dazu, diesen Moment als Neuanfang im Leben zu betrachten, und ich denke jeden Tag darüber nach, was wir nach der Epidemie tun sollten. In diesen zerrissenen Zeiten möchte ich die mutigen Menschen würdigen, die die Wahrheit aussprechen, auf welche Art und Weise auch immer sie das können!“ Carena Schlewitt führt in ihrer Laudatio auf Wen Hui aus: „‚Everyone’s body has a stamp‘ ist das Credo ihrer choreografischen und Körperarbeit. Dabei ist dieser ‚Körperstempel‘ immer ein Resultat von historisch-gesellschaftlichen Situationen, von Alltags- und Arbeitswelten. Wenige zeitgenössische Choreograf*innen haben ein so prägnantes gesellschaftlich-historisches und gleichzeitig zeitgenössisches Körperarchiv angelegt wie Wen Hui. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Generationen, zwischen einer tabuisierten Vergangenheit und der Gegenwart, zwischen den Tanzstilen von Revolutionsballett und zeitgenössischem Tanz. Dabei widmet sie sich insbesondere dem weiblichen Körper, fordert auf sanfte Weise die genaue Betrachtung und Würdigung der gesellschaftlichen Rolle der Frau ein.“ 

Toshio Hosokawa aus Japan, einer der bekanntesten Komponisten zeitgenössischer Musik, wird geehrt für seine unverwechselbare Musiksprache, die er aus der Spannung zwischen „westlicher“ und traditioneller japanischer Kultur schafft. Zur Verleihung der Goethe-Medaille hebt er hervor: „Ich war eigentlich fremd in Deutschland, aber die Deutschen haben mich, einen Ausländer, immer dazu ermutigt, einen eigenen Weg zu beschreiten. Dafür bin ich sehr dankbar, und ich glaube, dass Deutschland mich als Komponisten geprägt hat. In meiner Studienzeit dort habe ich mich selber neu entdeckt und erkannt, dass meine musikalischen Wurzeln in Japan stecken. Wir im Osten müssen die westliche Musik studieren, nicht nur oberflächlich kopieren, sondern richtig verstehen lernen, dadurch können wir unsere eigene Musik besser verstehen. Wir aus dem Osten und Westen müssen uns also gegenseitig mit Respekt begegnen. Dadurch können wir etwas Neues erzeugen.“ Der Chefdirigent und Künstlerische Leiter des Orquestra de València Alexander Liebreich betont in seiner Laudatio: „Ich glaube, dass gerade unsere heutige Zeit Komponisten wie Toshio Hosokawa braucht. Im heutigen flutartigen Strom zwingt uns Toshio Hosokawa in die Sensibilität einer zen-buddhistischen Betrachtung durch sein poetisches Brennglas von Zeit und Raum. Er ist ein Meister in der Behandlung des westlichen Instrumentariums, dies aber im Ausdruck seiner eigenen fernöstlichen Kultur. Das Ergebnis ist weitaus mehr als ein Brückenschlag zwischen Ost und West, sondern sein Wissen darum, dass die wahre Natur der Welt keine Gliederung in Ost und West kennt.“

Die Sozialökonomin und Präsidentin der Kulturorganisation doual'art Princess Marilyn Douala Manga Bell aus Kamerun wird geehrt für ihre zukunftsweisenden Ideen zur Aufarbeitung kolonialen Unrechts sowie für ihr zivilgesellschaftliches Engagement und internationales kulturelles Schaffen. Sie selbst sagt dazu: „Unsere Gesellschaft ist gespalten. Deshalb arbeiten wir an der Erinnerungskultur, an unserem kulturellen Erbe, an den Dingen, die unsere Identität ausmachen. Ich kämpfe dafür, Sinn zu stiften in dieser chaotischen Zeit für die Gesellschaft. Und ich glaube, dass ich das ganz so mache wie meine Ahnen. Sie waren Visionäre, und ich denke so wie sie, arbeite heute für das Morgen.“ Laudatorin Mahret Ifeoma Kupka, Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin für Mode, Körper und Performatives am Museum Angewandte Kunst Frankfurt a.M. unterstreicht: „Die Auszeichnung mit der Goethe-Medaille ist nicht allein Würdigung eines herausragenden Werks, sondern auch Erinnerung an deutsche Entscheidungsträger*innen, dass die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit weit über die Zahlungen sogenannter Entwicklungshilfen hinausgehen muss und die Rückgabe ausgewählter, als ‚Raubkunst‘ ausgewiesener Dinge nicht bloß leere Geste bleibt. Es braucht neue Geschichtsschreibungen und die Wiederentdeckung verlorener Erzählformen. Es braucht Räume für die Entwicklung neuartiger Formen des Zusammenlebens und -arbeitens. Princess Marilyn Douala Manga Bell trägt durch ihre Arbeit einen wichtigen Teil zur Bildung wahrlich globaler Gemeinschaften bei.“

Der digitale Festakt wird auf die Website des Goethe-Instituts übertragen unter www.goethe.de/goethe-medaille, mit Untertiteln in Englisch, Französisch, Japanisch und Chinesisch. Durch die Deutsche Welle außerdem unter YouTube/DWDeutsch sowie im TV-Programm auf DW Deutsch am 28.08. um 13.30 Uhr und 18.30 Uhr, auf DW Deutsch+ am 28.08. um 12.30 Uhr und 18.30 Uhr.


Über die Goethe-Medaille
Die Goethe-Medaille wurde 1954 vom Vorstand des Goethe-Instituts gestiftet und 1975 von der Bundesrepublik Deutschland als offizielles Ehrenzeichen anerkannt. Die Verleihung findet am 28. August, dem Geburtstag Goethes statt. Seit der ersten Verleihung 1955 sind insgesamt 357 Persönlichkeiten aus 70 Ländern geehrt worden, darunter Daniel Barenboim, Pierre Bourdieu, David Cornwell alias John le Carré, Sir Ernst Gombrich, Lars Gustafsson, Ágnes Heller, Petros Markaris, Sir Karl Raimund Popper, Jorge Semprún, Shirin Neshat, Robert Wilson, Neil MacGregor, Helen Wolff, Juri Andruchowytsch, Irina Scherbakowa oder Ian McEwan.

Die Kommission der Goethe-Medaille
Dr. Franziska Augstein (Journalistin, Süddeutsche Zeitung), Prof. Dr. Christina von Braun (Vorsitzende und Vertretung des Präsidiums, Kulturwissenschaftlerin, Humboldt-Universität zu Berlin), Dr. Meret Forster (Redaktionsleiterin Musik, BR-Klassik), Olga Grjasnowa (Schriftstellerin), Matthias Lilienthal (Dramaturg und Intendant), Moritz Müller-Wirth (Journalist, Die Zeit), Cristina Nord (Berlinale Forum, Sektionsleiterin Berlin), Insa Wilke (Literaturkritikerin); in Vertretung des Auswärtigen Amtes: MinDirig Dr. Andreas Görgen (Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation, Auswärtiges Amt); in Vertretung des Goethe-Instituts: Prof. Dr. Carola Lentz (Präsidentin des Goethe-Instituts), Johannes Ebert (Generalsekretär des Goethe-Instituts)

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