Goethe Open Space The House of Insomnia

The House of Insomnia © 韩娅娟

Datum: 07.11.2018-04.01.2019, Mo.-Fr. 10:30-18:00, Sa. 13:00-17:00

Abteilung Kultur und Bildung

101 Cross Tower, 318 Fu Zhou Road

The Mental State of Our Time

Eröffnungszeremonie 06.11.2018 19:30-22:00


The House of Insomnia © 韩娅娟 Wenn ein Ei zerbricht, ist es dann ein Huhn, ein Stückchen Wahrheit oder ein pochiertes Ei?
Wenn unser gegenwärtiger Raum durchgeschnitten wird, halten wir dann die Vergangenheit oder die Zukunft in unseren Händen? Oder handelt es sich einfach nur um eine andere Schicht des Raumes oder um ein anderes ich?
Ein Gedicht und ein Computerchip, was davon ist kostbarer?
Eine Datenmenge und der Anblick des Sonnenunterganges, was davon fasziniert mehr?

Han Yajuans Soloausstellung „The House of Insomnia“ ist ihr neues Kunstprojekt. Es wirft Fragen auf, denen man sich stellen muss, ohne sie konkret zu beantworten. Die Ausstellung findet im Rahmen des „Goethe Open Space“ der Abteilung für Kultur und Bildung des Deutschen Generalkonsulats in Shanghai statt.
 
Neben aktuellen Gemälden und Bildern stellt Han Yajuan eine größere VR-Arbeit aus, die sie mit akribischer Sorgfalt anfertigte. Die Künstlerin ist sich darin der Faltungen äußerst bewusst, die in unseren Zeiten entstehen. Das menschliche Leben ist dabei, fundamentale Veränderungen zu erleben. Damit wird die menschliche Natur erneut zu einem Puzzlespiel. Ihre künstlerische Diskussion bezieht hierbei ein sehr weites Themenspektrum mit ein wie etwa Blockchains, elektronisches Überleben und Big Data.
 
Als Prophetin untersucht Han Yajuan die bevorstehende Zukunft und die wüstenartige reale Welt: Daten (er)füllen den Planeten, die Gesetze des Lebens werden in der Welt der Big Data als grundlegende Logik umgeschrieben. Kultur und Erbe werden nicht mehr im Detail diskutiert und die Digitalisierung hat die Existenz ersetzt. Das ist die Krise, der sich die Menschheit gegenüber sieht: Das florierende Leben ohne Vitalität rauscht durch die Welt. Sich den Freuden des Lebens hingeben, ohne über die Zukunft nachzudenken, ist zur Mode geworden. Daten werden verewigt, während ihre Bedeutungen verloren gehen.
 
In der Ausstellung „The House of Insomnia“ befinden sich zahllose Seelen, die von modernen Ängsten betroffen sind. Das ist der geistige Zustand unserer Zeit. Jeder ist durch die Wiedergeburt von Technologie und Zeit zu einer Art Sisyphus geworden. Und jede Person betritt in ihrer Schlaflosigkeit den Traum der Zukunft. Man drückt gegen Türen, fühlt sich erschöpft im Rad des Lebens und irgendwie grenzenlos, unfähig zur Flucht.

Schaut man in den Himmel, befinden sich dort neun Sonnen. Sind die Medizinflaschen in der Wüste ein Relikt der Zivilisation oder ein Energievorrat für die Generation des Posthumanismus? Springt man vorwärts, ist das Kaninchenloch zu dieser Zeit dann ein Konstrukt unendlicher Datenströme und Speichereinheiten? Wir können nicht wissen, wie tief das Kaninchenloch ist. Das einzige, das eingeschätzt werden kann, ist die unendliche Beschleunigung und der unendliche Sturz.

失眠者之家 © 韩娅娟 Han Yajuan entwickelt diese Krise am Tiefpunkt dieser Ära mit ihren künstlerischen Mitteln weiter und versucht eine humanistische Antwort in den Vordergrund zu schieben. Wenn sich alle Informationen und alles Wissen in unseren Händen befinden, wenn jede Existenz digital gespeichert und gesendet wird, dann fragen wir erneut, was genau das „menschliche Wesen“ auszeichnet. Wird die menschliche Natur zerstört oder verdorben?

Han Yajuans gefühlvolle und tiefgreifende Videoarbeit „Memory Palace“ beschreibt eine Zukunftsszene. Es handelt sich nicht einfach um einen Speicherpalast für die zukünftige virtuelle Welt: Im Jahr 2091 wurden menschliche Wesen elektronisch unsterblich gemacht. Das menschliche Bewusstsein, das einst als wichtiges archäologisches Muster der biologisch intelligenten und mystischen Zivilisation hochgeladen wurde, wird nun im Bewusstsein einer industriellen Raumstation auf dem H-Stern aufbewahrt. Wenn wir zu dieser Station zurückkehren, sehen wir etwas Lächerliches. Wir befinden uns in einer Krise und sind voller Hoffnung. Wir befinden uns gleichzeitig am Rande des Zusammenbruchs der Zivilisation und vor dem Sprung zu einer neuen Zivilisation. Han Yajuan reagiert auf diese wichtige Frage in ihrer eigenen Denkweise und Kreation: Wie erkennen wir das Leben in der Ära einer solchen Zivilisation und ebenso das Leben in einer Ära nach der unendlich technologischen Ausweitung wieder.
 
Die Wüste der Zukunft beginnt mit dem Verlust der Bedeutung. Wie baut man das Wissen um das Leben wieder auf? Wie erkennt man Technologie und Zeit wieder? Das sind die Fragen, die wir uns selbst in der Ausstellung „The House of Insomnia“ stellen müssen. Han Yajuans Standpunkt ist nicht vollkommen pessimistisch. Die Wertschätzung für Humanismus und den Humanismus des Menschen alleine reicht allerdings nicht aus, um mit den Herausforderungen der Zukunft zurechtzukommen. Stattdessen müssen wir den gegenwärtigen Moment unserer Existenz weiter untersuchen. Für Han mag das Wüstenartige der posthumanen Welt zur Normalität gehören, über die man sich nicht weiter zu beschweren braucht.

失眠者之家 © 韩娅娟 Eine sentimentale Einstellung alleine zeichnet aber noch lange kein gutes Werk aus. Gerade da, wo sich Han mit der Angst vor Technologie und den Faltungen der Zeit konfrontiert, sind ihre Beobachtungen sehr energiegeladen und haben einen wundervollen Humor. Auch die emotionale Qualität bleibt in ihren Werken trotz aller Ernsthaftigkeit der Themen erhalten. Han Yajuan kämpft nicht gegen das Nichts mit Hilfe des Nichts. In „New Year's Commitment in 2091“ legt sie auf humorvolle Weise dar, wie das menschliche Wesen und seine Natur oftmals zu kurz kommen. Die Diskussion über Menschen und Technologie war noch nie so minimalistisch und sorgfältig.
 
„The House of Insomnia“ ist eine Ausstellung mit einem reichhaltigen Inhalt. Han Yajuan präsentiert darin ihre hochaktuellen und kostbaren Gedanken und Beobachtungen. Die Beziehung zwischen der realen Welt und der virtuellen Welt ist nicht kompliziert. Die Komplexität ist unsere Gegenwart und Zukunft. Es sind die unendlichen Möglichkeiten eines Eies und unserer kommenden Traumwelten. Gegenwart und Zukunft. Es ist die grenzenlose Möglichkeit eines Eis und unserer nächsten Traumwelt.

Künstler
Han Yajuan

韩娅娟肖像 © 韩娅娟
Han Yajuan erhielt ihren Bachelor of Arts von der chinesischen Akademie der Künste in Hangzhou und ihren Master of Arts in bildender Kunst von der Zentralakademie für bildende Künste in Peking. Ihre Arbeiten umfassen vor allem Ölgemälde, VR-Arbeiten, Skulpturen und Videoinstallationen. Der Fokus früherer Projekte liegt auf der jüngeren chinesischen Generation, die während der Zeit des sozialen Übergangs aufwuchs. Darüber hinaus diskutieren sie die Rekonstruktion und den Übergang traditioneller Werte und das Konsumverhalten unter dem Einfluss der Globalisierung. 2015 begann Han ihre jüngste Arbeitsserie mit dem Titel „Superlative“. Sie fertigte darin u.a. eine Serie über geschichtliche Raum-Zeit an, die auf individuellen Wahrnehmungen basierte. Diese Zeitvorstellungen dienen als Referenzrahmen des Menschen, um Veränderungen in der menschlichen Wahrnehmung und die komplizierte Beziehung zwischen der realen und virtuellen Welt zu untersuchen. Sie führen letztlich zu neuen Reflexionen über die ökologische und menschliche Natur.

Han veranstaltete mehrere Soloausstellungen in Ländern wie China, Amerika, im Vereinigten Königreich England, Japan, Holland, Italien, Australien, Spanien und der Türkei. Sie nahm ebenso an verschiedenen Gruppenausstellungen Teil, die im nationalen Kunstmuseum China, im CAFA Art Museum, National Taiwan Museum of Fine Arts, National Museum of Contemporary Arts Korea, in der National Portrait Gallery Australia, im Salvatore Ferragamo Museum, Leonard Pearlstein Museum, Museu Oscar Niemeyer (Brasilien) etc. stattfanden. Die Art Asia Pacific, Art+Auction, Art in America, das V&A Magazin und die Asian Art News haben über Hans Arbeiten berichtet. Die China Academy of Fine Art, Uli Sigg, das M+Museum, die Swiss BSI Foundation und weitere Institutionen und Sammler besitzen Werke von ihr. Im Jahr 2018 hat Han als eine der modernen chinesischen Künstlerinnen am Forschungsprogramm "Womenartists in Contemporary China" teilgenommen, das unter der Leitung des Forschungszentrums der Tate Gallery steht.
 
 

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