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Anni Albers und die andine Textilkunst
Die präkolumbische Seele des Bauhauses

Anni Albers
© Juan Camilo Roa, 2018

Der Einfluss der lateinamerikanischen Textilästhetik und -technik auf das Bauhaus war beachtlich. Davon zeugt Anni Albers künstlerische Arbeit auf faszinierende Weise.

Von Soledad Hoces de la Guardia und Carolina Arévalo

Die deutsche Textildesignerin, Weberin, Künstlerin und Schriftstellerin Anni Albers verstand und schuf Textilien als eine Kunstform. Beim Weben machte Albers die Gitterstruktur zur virtuellen Stütze, die vielfache Variationen des Figur-Grund-Verhältnisses zulässt. Darin besteht eine der wichtigsten Verbindungen ihrer Arbeit zu andinen Textilien. Diese wiederum verdanken ihre Kohärenz der Einhaltung eines Ordnungssystems, dessen Angebot einer technischen Lösung sich der Vermittlung einer Botschaft ihrer Ursprungskultur verpflichtet sieht.
 
Als Anneliese Elsa Frieda Fleischmann kam Anni Albers am 12. Juni 1899 in Berlin zur Welt. Sie wuchs in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf, ihre Jugend fiel in die Zwischenkriegszeit. Das sollte ihren kreativen Charakter ebenso bestimmen wie die Schicksalswendungen ihres Lebens.
 
In den turbulenten Anfangsjahrzehnten des 20. Jahrhunderts verfestigten sich große gesellschaftliche und politische Veränderungen, woran die Kunst nicht unbeteiligt war. Verschiedene künstlerische Bewegungen formulierten neue Antworten auf der Suche nach einer geeigneten Ausdrucksform von Künstlerseite. Unter diesen Bedingungen gründete sich 1919 das Bauhaus. Es versuchte, sich von den traditionellen und historistischen Formen abzugrenzen, und war geprägt von einem Interesse für die Abstraktion, die ihrem Wesen nach elementar, unminderbar, essentiell, grundlegend und ursprünglich ist. Bei dieser Rückkehr zu den Ursprüngen entpuppten sich die Werke der andinen Webkunst als eine Synthese dieser intellektuellen und technischen Ambition, ja als vollkommene Kunstwerke, die einen Code abstrakter Formen in sich tragen, hergeleitet aus den ihnen innewohnenden Eigenschaften.
 
1922 schrieb sich die Studentin Anneliese Fleischmann am Bauhaus ein. Im selben Jahr lernte sie auch ihren zukünftigen Ehemann, Josef Albers, kennen. Zielstrebig verfolgte Anni ihre Karriere als Designerin und Dozentin der Webkunst, bis sie schließlich die Leitung der Bauhaus-Weberei übernahm.

Das Ehepaar Albers in Amerika

Der Hass der Nazis auf den Modernismus und Annis jüdische Abstammung machten ihren Verbleib in Deutschland immer schwieriger. 1933 emigrierten die Eheleute Albers in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Bauhaus-Methodologie trugen sie im Gepäck mit sich, und das neue Leben sollte es ihnen ermöglichen, Orte und die materielle Kultur von Völkern aus der Nähe zu sehen, die ihnen zuvor nur in einigen europäischen Museen oder Büchern zugänglich gewesen waren. Diese Artefakte hatten das stetig wachsende Interesse der Albers genährt, und jetzt konnten sie sich auf das Abenteuer der Reise in die geographische und kulturelle Welt des präkolumbischen Amerika und seiner Nachfahren begeben. Von 1935 an bereiste das Paar mehrere lateinamerikanische Länder.
 
Anni wurde Dozentin in der Weberei der neuen Kunsthochschule Black Mountain College in North Carolina. Wie das Bauhaus war die Schule fortschrittlich geprägt. Gebaut auf dem Fundament gesellschaftlicher und pädagogischer Ideale mit einer Betonung auf dem Wert der Gemeinschaft sollte sie eine Alternative bieten zur traditionellen Akademie. Anfangs mangelte es der Weberei noch an Ausstattung, weshalb Albers ihren Unterricht in Anlehnung an den „Vorkurs“ am Bauhaus mit einem vorbereitenden Studium begann. Damit weckte sie bei den Studierenden das Bewusstsein für das Material und die Potenziale gewebter Oberflächenstrukturen. Anni Albers führte das präkolumbische Rückengurt-Webgerät ein, um den Fokus auf die Herstellung des Gewebes, auf Strukturen, den direkten Zusammenhang zwischen Fasern und Farbtönen zu legen. Außerdem integrierte sie moderne Materialien wie Plastik und Metall gemäß den zeitgenössischen Forschungen der Textilindustrie.

Andine Textilkunst

Anni Albers Bewunderung für die andine Textiltradition beginnt bei deren Ausübung: Es entsteht eine authentische Textilsprache, die den Ausdruck des Webers getreu widergibt, welcher zugleich auch ein Schöpfer ist. Diese Genese steht im Widerspruch zur europäischen Tradition, wo Webarbeiten Übersetzungen von Gemälden sind und der Weber zum reinen Nachahmer des Bildes wird. Albers Ansicht nach degradierte diese Konzeption die Textilkunst zu einer Gebrauchskunst. Sie begriff, dass die Andenbewohner ihre Webkunst zum privilegierten Träger ihrer Botschaften gemacht hatten, zum wesentlichen Verzeichnis und Kommunikationsmittel ihrer Kultur. Als hohe und zugleich nutzenorientierte Kunst verkörperte sie damit die Prämisse des Bauhauses von einer vollkommenen Kunst.
 
Albers knüpfte an diese kommunikative Dimension des Textils an. Sie zehrte vom immensen Wissensschatz und den Fähigkeiten der andinen Weber. Hervorgegangen sind die Textiltraditionen der Anden aus einem Akkumulationsprozess. Die ersten archäologischen Zeugnisse stammen aus dem achten Jahrtausend v. Chr., noch bevor die Keramik ihre Hochzeit erlebte, was die Textilien zu vorrangigen Trägern visueller Botschaften macht. Die Vielfalt an Strukturen und Techniken ist Ausdruck der Notwendigkeit, durch Symbole Bilder zu erzeugen und zu verbreiten. Der Kommunikationskontext erweitert sich um ein Vielfaches, die haptisch-visuelle Sprache bereichert und verfeinert sich in ihren Bedeutungen.

Das Erbe

Dass Anni Albers dem gegenwärtigen Textildesign ein wichtiges Erbe hinterlassen hat, ist unbestreitbar. Bei der Betrachtung ihres künstlerischen Werkes ist die kreative Suche nach verschiedenen Formen gewebter Texte erkennbar. Werke wie Code (1962), Two (1952), Pictographic (1953), Red Meander (1954) und Tikal (1958) folgen labyrinthischen Fährten und Pfaden, die stets auf einer zugrundeliegenden Gitterstruktur entstanden sind, ganz ähnlich den Webarbeiten der peruanischen Nazca-Kultur. Bei Open Letter (1958) ist das Gewebe genauso wie bei andinen Textilien ein Medium, um die Welt zu konzeptualisieren. Das Werk ist von intensiver semantischer Qualität, es enthält Motive verschiedener Muster wie ein Repertoire an Zeichen, in denen sich die Kommunikationsfunktion verschiedener Ebenen innerhalb desselben Rasters materialisiert.
 
Die bedeutsamen Werke von Anni Albers zeugen von ihrem Talent, ein geometrisch abstraktes, visuelles Vokabular mit konstruktiven Prozessen wie Doppel- und Dreifachgeweben zu vereinen, sowie mit innovativen Konstruktionen wie offenen und Mehrfachgeweben. Ihre Feinsinnigkeit offenbart sich in der Beherrschung von Oberflächen und Strukturen, die sie auf intime Weise, ungeachtet der Jahrhunderte, mit den andinen Webern ins Gespräch bringt.
 
Dieser Dialog wurde in ihrem Buch On Weaving nachgezeichnet. Gewidmet hat sie es ihren großen Vorbildern, den Webern des alten Perus. Anni Albers berichtet dort, dass sie und ihr Ehemann beim Betreten des Anthropologischen Nationalmuseums in Lima völlig überrascht innehielten und begeistert ausriefen: „Wir waren also doch nicht allein!“

Mehr zum Thema:

Albers, A.: On Weaving. Wesleyan University Press, 1965.

Arévalo, C. Textile Intersections Between the Andes and the United States: Anni Albers and Sheila Hicks. National Design Museum and Parsons The New School for Design, 2016.
 
Brugnoli, P. y S. Hoces de la Guardia: Anni Albers y sus grandes maestros, los tejedores andinos en: Anni y Josef Albers, Viajes por Latinoamérica. The Josef and Anni Albers Foundation, 2006.

 

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