Architektur der Distanz
Die Einsamkeit der Bürgersteige

Foto: Nestor Barbitta

Die Abgrenzung von Gebäuden zur Straße hin wird in brasilianischen Großstädten oft durch Glasmauern vorgenommen. Doch als subtile Form der Distanzierung simuliert es Nähe und Offenheit nur. Fußgänger bleiben auf einsamen Straßen sich selbst überlassen, die Unsicherheit im öffentlichen Raum nimmt dadurch zu.

Von Anna Azevedo

Soziale wie räumliche Spaltung ist das Kennzeichen brasilianischer Großstädte. Unterschiedliche soziale Gruppen leben in diesen eng beieinander, sind zugleich aber durch Mauern, Eisengitter, Überwachungskameras und Elektrozäune voneinander getrennt, neuerdings auch durch Barrieren aus Glas - die Vorspiegelung eines durchlässigen, offenen Raums. In der Praxis sind Glasmauern noch unüberwindbarer als ein Gitter und tragen weiter zur Vereinsamung der Gehwege bei.

Die 1980er-Jahre waren ein Scheidepunkt im Verhältnis von öffentlichem zu privatem Raum in Brasilien. Die Redemokratisierung führte zu einer verstärkten demografischen Verdichtung der Hauptstädte bei gleichzeitig zunehmender Kriminalität, sozialer Spaltung und Angst. Die Antwort der sozialen Elite darauf war die Verschärfung sozialer Apartheid, welche den Städten ein architektonisches Muster aufdrückte, das die brasilianische Anthropologin Teresa Caldeira als „befestigte Enklaven“ beschrieb. Unter der Dynamik des Alltags entstanden einerseits privilegierte Gruppen, die sich hinter einem vermeintlichen Sicherheitsgefühl im Inneren ihrer Wohnanlagen verschanzten, auf der anderen Seite stehen die Fußgänger einsam und verlassen auf ungeschützten, trostlosen, verlassenen Gehwegen.

In ihrem Buch A cidade dos muros — crime, segregação e cidadania em São Paulo [Stadt der Mauern — Verbrechen, Abgrenzung und Zivilgesellschaft in São Paulo] verdeutlicht Caldeira, wie Bewohner der festungsartigen Gebäude sich bevorzugt mit ihresgleichen umgeben und sich von unerwünschten Interaktionen, Bewegung, Heterogenität, Gefahr und der Unvorhersehbarkeit der Straße abgrenzen. Sie suchen den Bruch mit der übrigen Stadt und die Abgrenzung von der Straße als Begegnungsraum urbanen Lebens. „Es handelt sich hierbei nicht um eine stilistische Veränderung einzelner Bauprojekte, sondern  um eine veränderte Charakteristik des öffentlichen Raums. Die neue Ausgestaltung des Urbanen ist ein Angriff auf den modernen, demokratischen Raum“, sagt Teresa Caldeira, die derzeit an der Universität von Berkeley in Kalifornien lehrt und von dort weiter die Metropole São Paulo erforscht.

Einsamkeit und Unsicherheit

1961 veröffentlichte die US-amerikanische Journalistin Jane Jacobs ein Werk, das die Art der Betrachtung urbaner Erscheinungsformen verändern sollte: The Death and Life of Great American Cities besingt das „Ballett der Fußgängerwege“, das Kommen und Gehen im Alltag, Alltägliches, wie das Spazierengehen mit dem Hund oder den Austausch in der Nachbarschaft — für das Wohlergehen eng besiedelter Stadtviertel lebenswichtige Tätigkeiten. Wenn jemand sagt, eine Stadt sei gefährlich, sagt Jacobs, dann weil er sich auf dem Bürgersteig allein, also unsicher fühlt.

Die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger kommt daher, so die Wissenschaftlerin, nicht von Mauern und Alarmanlagen, sondern entsteht aus der Begegnung vieler — aufmerksamer, wachsamer, helfender — Blicke von innerhalb des privaten Raums der entsprechenden Stadtviertel hinaus auf die Straße. Mit dem Errichten von Barrieren entziehen Bewohner sich der bürgerlichen Verantwortung für die Stadt und stehlen sich aus ihrer Rolle im Sicherheitsgefüge, indem sie sich von den Gehwegen zurückziehen. „Es ist aussichtslos, der Unsicherheit entfliehen zu wollen, indem man die Sicherheit der Innenbereiche verstärkt“, sagt Jacobs.

Steril unterwegs

Der Architekt Pedro Rivera aus Rio de Janeiro beklagt, dass zugunsten eines fragwürdigen Sicherheitsbegriffs inzwischen die heitere Stimmung auf den Bürgersteigen einem sterilen Unterwegssein Platz gemacht habe. Rivera war von 2011 bis zu seiner Schließung 2018 Leiter des Studio-X, einem städtebaulichen Forschungsprojekt und Thinktank der Columbia University in Rio de Janeiro. Auf seine eigenen Kindheitserinnerungen zurückgreifend betrachtete Rivera die breiten Fußgängerwege des Stadtteils Humaitá im Südteil von Rio de Janeiro in den 1980er-Jahren.

Bevor die Eingangsbereiche der Hochhäuser vergittert wurden, erzählt der Architekt, sei eine Interaktion zwischen den Bewohnern der Häuser und Menschen auf den Bürgersteigen möglich gewesen, die über ihren gesamten Verlauf mit Blumenbeeten gestaltet waren. „Es gab keine einzige gerade Linie. Unser Spielen war vom kurvigen Verlauf des Gehwegs bestimmt, und der beste Ort für eine Runde mit dem Fahrrad war etwa der Vorplatz eines Hochhauses. Heute ist dort kein Raum mehr für Kreativität, die Gehwege sind nur noch nützlich“, stellt er fest.
 
  • Stadtteil Icaraí in Niterói. Foto Anna Azevedo

  • Stadtteil Icaraí in Niterói. Foto: Anna Azevedo

  • Stadtteil Icaraí in Niterói. Foto: Anna Azevedo

  • Stadtteil Vila Mariana, São Paulo​. Foto: Claudia Nascimento

  • Stadtteil Vila Mariana, São Paulo​. Foto: Claudia Nascimento

  • Glasmauer an der Universität von São Paulo. Foto: Marcos-Santos, USP Imagens. CC BY-NC 3.0 BR

Gepanzerte Transparenz

Von Zeit zu Zeit werden die befestigten Enklaven dem technischen Fortschritt entsprechend verändert und an die neuesten Sicherheitsbedürfnisse und architektonischen Moden angepasst. So wurden zunächst hohe Mauern durch Gitter ersetzt, aus der Erkenntnis heraus, dass nichts sicherer ist, als die Straße einsehen zu können, und von ihr eingesehen zu werden.

Ein Beispiel dafür war die Renovierung des Museums der Republik in Rio de Janeiro, dessen Mauer um den riesigen Garten im Stadtteil Catete ein Gefühl der Unsicherheit evozierte und nun durch Gitter ersetzt wurde. Doch die Ästhetik des Sicherheitsgitters privater Gebäuden hielt der fortschreitenden Oxidation des Eisens nicht stand, insbesondere in Städten am Meer. So wurden Rundstangen aus Aluminium zur ersten Wahl der Architekten, dann aber wegen ihrer zumindest optischen Schwere mittlerweile weiträumig durch (manchmal gepanzertes) Verbundglas ersetzt.

Das Glas stellt sich vor die Gebäude und verwischt die bis dahin klar definierte Trennung von öffentlichem und privatem Raum. Diese neue Form der Befestigung von Enklaven, wie sie Teresa Caldeira beschreibt, kommt ohne die explizite Gewalt stromführender Drähte und spitzer Eisengitter aus. Glas trägt einen Hauch Raffiniertheit hinaus auf die Straße, findet Humberto Kzure vom Lehrstuhl für Architektur und Städtebau der Universidade Federal Rural Rio de Janeiro. „Doch diese Raffiniertheit ist unterdrückend und hält die Bevölkerung auf Abstand“, fügt er hinzu.

Vorgebliche Freiheit

Der Trick ist die Transparenz des Materials. Es simuliert einen lebendigen Austausch von Wohnanlage und Straße, gehorcht aber im Grunde derselben Logik von Sperre und Segregation wie alles andere vorher. Während das Gitter ein klares Symbol für Einkerkerung ist, täuscht Glas eine Freiheit vor, die schon vom Material her unmöglich ist, das an Stärke und Festigkeit einer Mauer in nichts nachsteht und dem Gitter sogar überlegen ist, denn dessen Zwischenräume würden es immerhin noch gestatten, eine Hand durchzustecken auf das Privatgelände. Die Unsicherheit und Einsamkeit der Fußwege nimmt zu.

Der Bauabstand zur Straße gehört zur städtebaulichen Tradition Brasiliens, dessen Grundstücksbebauung der Logik schmaler, aber tiefer Parzellen folgt. Der Kommunikation mit dem öffentlichen Raum ist dies wenig förderlich, findet João Whitaker, Professor an der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität São Paulo. In einem Versuch, die unübersehbar postmoderne Trostlosigkeit der Gehwege zu überwinden, verspricht ein Bodennutzungs- und Bebauungsgesetz von 2015 in der Stadt São Paulo den Eigentümern Vorteile, die sich für eine sogenannte aktive oder gar grüne Fassade entscheiden.

Eine aktive Nutzung bedeutet die Belegung der Vorderfront eines Gebäudes durch kleine Geschäfte und soll der Zunahme von zum Gehweg hin abgeschotteten Gebäuden entgegenwirken. „Handel belebt und gibt der Straße mehr Sicherheit“, findet Whitaker. Dieses Modell ist in Brasilien nichts Neues. Es wurde von brasilianischen Architekten und Stadtplanern schon zu Zeiten des Modernismus in den 1950er- bis 1970er-Jahren gern praktiziert, als frei zugängliche Räume und visueller Kontakt zwischen Straße und Innenraum favorisiert wurden. Gebäude wie das Copan an der Avenida Ipiranga oder das Conjunto Nacional an der Avenida Paulista, beide in São Paulo, sind Beispiele für diese Funktionalität eines Gebäudegrundrisses mit offenen Passagen, Zugängen für Fußgänger und Geschäften zur Straße hin.

Top