Mit dem Handy lernen
So weit, so nah

Foto: Nestor Barbitta

Auch wenn er für Lehrende und Lernende eine Herausforderung darstellt, ist der Notfall-Fernunterricht eine Möglichkeit, Hindernisse beim Lernen auf Distanz zu überwinden. In Brasilien konnten einige Initiativen zum Gelingen beitragen.

Von Tânia Caliari

„Als ich sah, wie der Unterricht fern der Schule sein würde, dachte ich, meine Kinder würden nicht mitmachen. Ich konnte gerade einmal mit Whatsapp umgehen, einen Computer hatten wir noch nie. Ich konnte mir das nicht vorstellen“, sagt Ailza da Conceição, Mutter von Gabriel (7) und David (14) aus der Favela Paraisópolis in São Paulo. Mit der durch die Covid-19-Pandemie erforderlich gewordenen Isolation waren Schüler, Eltern und Lehrkräfte gezwungen, auf Notfall-Fernunterricht umzustellen, mit mehr oder weniger Problemen wie bei Ailza da Conceição. Im März 2020 stellte die UNESCO fest, dass derzeit 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler weltweit, das sind circa 1,37 Milliarden Menschen, nicht zur Schule gehen konnten und empfahl den Einsatz unterschiedlicher Technologien, um in Zeiten der Pandemie Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler wieder zueinanderzubringen.

In einer ungleichen Gesellschaft wie der brasilianischen, wo circa 30 Prozent der Bevölkerung kaum bis gar keinen Zugang zum Internet hat, erwiesen sich einige Maßnahmen der Regierungen und der Zivilgesellschaft als hilfreich bei der Verwirklichung eines neuen Lehrens und Lernens.

Vom Spielzeug zum Werkzeug

Ailza da Conceição und ihre Kinder etwa wurden durch das Projekt „Se loga, Paraisópolis“ [Dt etwa: Log dich ein, Paraisópolis] der NGO Casa da Amizade aufgefangen, das 80 Kinder und Jugendliche außerhalb ihrer Schulzeit mit Sport, Tanz und Nachhilfeunterricht betreut. Der Koordinatorin Mônica Mation war schnell klar, dass etwas getan werden musste, um den Schülerinnen und Schülern im Stadtteil Distanzunterricht zu ermöglichen. „Der Prozess ist alles andere als trivial“, sagt sie und strukturierte die Unterstützung für Schulkinder und deren Familien in zwei Etappen: zunächst eine Einweisung in das Herunterladen der Software, das Einloggen in die Plattform und die Verwendung der unterschiedlichen Hilfsmittel. In einer zweiten Stufe kam dann die alltägliche Begleitung der Aktivitäten durch das Team der NGO dazu.

„Ich war komplett gegen Handys für Kinder. Es erschien mir widersinnig! Das muss ich nun zurücknehmen, denn das Handy ist zu einem echten Hilfsmittel geworden“, sagt Mation, die den Schülerinnen und Schülern erst per Videocall auf Whatsapp die Aufgaben erklärt, dann alle Aktivitäten über Google Classroom begleitet. „Viele Kinder glauben, sie hätten Ferien oder steigen irgendwann aus. Jugendliche weigern sich mitzumachen. Viele hören nur bei den Aufgaben zu; man muss in sehr kleinen Schritten vorangehen“, berichtet Mation.

Distanzunterricht oder Fernunterricht

Professor Daniel Salvador aus Rio de Janeiro ist ein begeisterter Anhänger des Fernunterrichts. Er arbeitet am Zentrum für Wissenschaft und Fernstudium CECIERJ des Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Innovation des Bundesstaats Rio de Janeiro, das für ein Konsortium von acht öffentlichen Universitäten Konzepte für Fernunterricht entwickelt. Aus dieser Spezialisierung heraus konnte das CECIERJ gleich zu Beginn der Pandemie einen offenen Online-Intensivkurs) zur Weiterbildung in Fernunterricht für mehr als 2.200 Lehrende an Universitäten anbieten.

Schon in der ersten Unterrichtseinheit stellte Salvador klar, dass Notfall-Fernunterricht sich von der Methodik her von regulärem Fernunterricht unterscheidet, der nach gesetzlichen Vorgaben und Reglements in Brasilien eine eigene Pädagogik, intensive Einarbeitung der Unterrichtenden, spezifisches Unterrichtsmaterial erfordert sowie spezielle Online-Tutoren für die Lernenden. „Trotz eines Zugriffs auf Elemente des Fernunterrichts mussten Lehrkräfte in dieser Notfallsituation letztendlich alles alleine machen, den Unterricht anpassen, das Material auswählen, sich selbst mit dem eigenen Handy filmen und gleichzeitig die eigenen Kinder zu Hause betreuen“, sagt Salvador, dessen wichtigster Tipp lautet: „Versuche nicht, alles selbst zu produzieren!“. Die Auswahl der Inhalte ist für ihn die hohe Schule des Fernunterrichts, gutes Unterrichtsmaterial sei in den Archiven des Ministeriums und auf den Portalen von Universitäten zu finden.

Der Kurs beinhaltete ein Modul über synchrone Werkzeuge, mit denen Lehrkräfte und Schüler sich online in Echtzeit zu einer Unterrichtssituation oder Diskussionen verbinden können, wie Zoom, Google Meet oder Big Blue Button. Ein anderes Modul behandelte asynchrone Werkzeuge wie Google Classroom und Moodle — virtuelle Unterrichtsumgebungen, in denen Lehrkräfte Texte, Videos und Aufgaben hinterlegen, sowie Erledigtes wieder in Empfang nehmen können, und auf die Schülerinnen und Schüler zu jeder Zeit Zugriff haben.

Wissenschaft auf Distanz

Eine weitere Initiative zur Aufrechterhaltung von Lehre auch in Zeiten der Pandemie ist das „Museu Espaço Ciência“ des Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Innovation des Bundesstaats Pernambuco, das sich entschlossen hat, die 26. Ausgabe seiner traditionellen Wissenschaftsmesse „Ciência Jovem“ in diesem Jahr virtuell anzubieten.

Laut dem Direktor des Museums, Antonio Carlos Pavão, liegt der große Nutzen einer Wissenschaftsmesse im Austausch. „Sie stellen ihre Arbeit vor und sehen die Arbeit der anderen. Diese Interaktion leidet im Augenblick, aber wir möchten die auferlegte Distanz kompensieren, indem wir alle über Plattformen für digitalen Austausch zusammenbringen“, sagt Pavão. Welche Plattform das sein wird, steht noch nicht fest, aber es sind bereits 15 virtuelle Einheiten täglich geplant, in denen Arbeiten vor bis zu 500 Personen vorgestellt werden können und in denen das Publikum Fragen stellen und kommentieren kann, was dem Gedanken einer Messe so nahe wie möglich kommt.

Unterricht über Handy

Den Schülerinnen und Schülern des kostenlosen Vorbereitungsseminars „Geraldo José“ für die Hochschulzulassung (ENEM) in einem der Außenbezirke der Stadt Marabá im Südwesten des nordbrasilianischen Bundesstaats Pará ist die Motivation zum Lernen dank der Kampagne „4G für das Lernen“ erhalten geblieben. Die NGO „Nossas“ hat dafür 600.000 Reais (umgerechnet 100.000 Euro) von 7.000 Spendern eingeworben, um 31 solcher Vorbereitungskurse im ganzen Land mit Internet-Guthaben zu versorgen. Bei „Geraldo José“ hätten sonst 40 der 45 Lernenden dem Online-Unterricht wegen eines fehlenden Internet-Zugangs nicht folgen können, tun dies aber nun dank der mobilen Datenpakete.

„Wir kaufen monatlich jedem Schüler ein Datenpaket, und damit kommen wir bis zur ENEM-Prüfung“, sagt die Koordinatorin des Vorbereitungskurses, Karol Cunha. „Online-Unterricht ist für uns kein gleichwertiger Ersatz für den Präsenzunterricht, der den Lernenden Sicherheit vermittelt. Aber unsere Schüler wollen lernen und sind begierig darauf, etwas in ihrem Lebensumfeld zu verändern. Sie wissen, dass dies nur über Bildung geht. Auch wenn sie dem Unterricht momentan nur über das Handy folgen können, sind sie zuversichtlich und glauben daran, auch als Kinder von einfachen Flussanrainern später einmal Ärztinnen, Lehrer oder Ingenieurinnen werden zu können“, sagt Cunha.

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