Interview anlässlich der Buchpräsentation
Oliver Uschmann „Meer geht nicht“

In Zusammenarbeit mit dem Verlagshaus Kreativni centar veranstalten wir ein Gespräch zwischen dem Kinder- und Jugendbuchautor Oliver Uschmann und den Schüler*innen aus der Grundschule Drinka Pavlović aus Belgrad über das Buch „Meer geht nicht“, das vor Kurzem auf Serbisch in der Übersetzung von Olga Lazić erschienen ist. Zu diesem Anlass haben wir mit Oliver Uschmann gesprochen.

Worüber geht es im Roman Meer geht nicht?

Es geht um die drei Schulfreunde Sam, Bina und Sharif, die erfahren, dass ihr neuer Mitschüler Kevin noch nie in seinem Leben am Meer gewesen ist. Sie wollen ihn also unbedingt sofort am Wochenende hinbringen, da man im Leben niemals weiß, wieviel Zeit man noch hat. Dass sehen die drei so, weil Binas Mutter ganz plötzlich bei einem Unfall umgekommen ist. Deswegen sagen sie sich, man soll lieber alles Schöne sofort machen. Sie fragen ihre Eltern, ob sie am Wochenende einfach mit ihnen und Kevin ans Meer fahren, aber die Eltern haben alle keine Zeit. Also machen sie sich selber auf den Weg – heimlich und ohne Handys. So startet ein „Road Trip“, ein Abenteuer auf dem Weg zum Meer, mit vielen Hindernissen und Verwicklungen.


Oliver Uschmann © Sylvia Witt Wo haben Sie die Inspiration für diese Geschichte gefunden?

Meine Frau und ich schreiben die Romane gemeinsam. Das heißt, wir sitzen zusammen, denken uns gemeinsam Figuren und Geschichten aus, verbinden Motive miteinander. Wir lieben beide das Meer und der Ort, den die vier Teenager schließlich erreichen, Horumersiel, bedeutet uns persönlich auch viel. Früher sind wir dort mal ganz spontan hingefahren. Es war ein normaler Tag, wir waren noch nicht verheiratet und wohnten auch noch gar nicht zusammen. Sylvia war bei mir zu Besuch, wir saßen am Frühstückstisch und sie meinte, sie hätte das ganz große Bedürfnis, JETZT ans Meer zu fahren. Und damals war tatsächlich ich derjenige, der sagte: „Wie, jetzt? Auf der Stelle? Ohne ein Hotel gebucht zu haben? Ohne genauen Ort als Ziel?“​​​​​​ Sie war spontan wie die Kids im Buch und ich war unflexibel wie die Eltern; ich habe im Grunde sinnbildlich gesagt: „​​​​​​Meer geht nicht.“ Sie hat mich überredet und was soll ich sagen: Es war einer der schönsten Tage unseres Lebens! Deswegen haben wir uns selber in den Roman reingeschrieben und zwar als das Paar, das das Hotel betreibt, in dem die Kids pitschnass am Ende unterkommen. :)


Die Helden diese Romans haben interessante Hobbys – Bina hat eine Leidenschaft für Reparaturen aller Art, Sharif ist ein lustiger Unterhalter, Sam liebt es, witzige Schilder zu fotografieren und sie auf seinem Videokanal zu veröffentlichen und Kevin kocht gern. Was hat Sie dazu inspiriert, gerade solche Charaktere zu gestalten?

Generell gehört es zum Handwerk der Figurengestaltung, dass jede Figur mindestens eine besondere Eigenschaft haben muss. Etwas ganz Markantes, das die Leserinnen und Leser sofort behalten und mit der Figur verbinden. In diesem konkreten Fall haben wir Bina ganz bewusst die Leidenschaft für Technisches gegeben, um sie als Mädchen ein wenig tougher zu machen. Eine der beliebtesten Figuren aus unserer Erwachsenen-Roman-Reihe „​​​​​​Hartmut und ich“, die Susanne, ist ähnlich gestaltet. Ein weiteres Vorbild war Happy Quinn aus der Serie „Scorpion“​​​​​​​. Was aber am wichtigsten ist - in unserem echten Leben ist auch Sylvia das technische Genie! Bei Sharif floss unsere Begeisterung dafür ein, was mit Schauspiel möglich ist (Sylvia dreht mittlerweile auch Filme als Autorin und Produzentin), aber auch die unheimliche Faszination der Roofer und Freeclimber aller Art. Das würden wir nie machen, aber das schaue ich, Oliver, mir hin und wieder an. Und lustige Schilder fotografiere ich privat gerne, ohne sie zu groß zu veröffentlichen.


Meer geht nicht (Serbisch) © Kreativni centar ​​​​​​​Diese vier Teenager kommen aus ungleichen Familien – ihre Eltern haben unterschiedliche Berufe, auch ihre Herkunft ist unterschiedlich; die Charaktere entstammen unterschiedlichen sozialen Milieus. Trotzdem haben sie alle etwas gemeinsam – ihre Eltern haben immer weniger Zeit für sie. Was wollten Sie den Eltern mit dieser Geschichte sagen?

Das, was die Kids ihnen am Ende am Strand selber klar sagen: Zeit ist das eigentlich Wertvollste im Leben, unser größter Schatz und die einzige Ressource, die sich nicht einfach so auffüllen lässt. Erlebnisse haben, Erinnerungen erzeugen, das ist sehr wichtig... und geht natürlich sogar in unserem Dasein als Künstler häufig unter, in dem wir sehr viel arbeiten, um die Bücher zu schreiben, zu verkaufen und bekannt zu machen oder eben auch die Filme oder die Kunstwerke von Sylvia oder die Seminare und die journalistischen Arbeiten, die ich noch so betreibe. Da vergisst man leicht mal, den Frühling wahrzunehmen, die Knospen, die Schmetterlinge, den Duft der Luft... oder eben, doch auch mal wieder ans Meer zu fahren.


Während sie die vielen Abenteuer zusammen erleben, wird den Helden des Romans klar, wie wichtig Freundschaft ist, und zwar so, wie das eben nur bei Teenagern möglich ist. Sehen Sie Unterschiede zwischen Freundschaften unter Kindern von damals und aus früheren Generationen, und den heutigen, die im Zeitalter des Internets aufwachsen?

Der Kern von Freundschaften ist sicherlich gleich geblieben. Er bildet sich durch gemeinsame Interessen und Erlebnisse, am besten solche Abenteuer wie dem im Buch. Wirklich enge Freunde fühlen und handeln also wahrscheinlich nicht viel anders als vor den Internetzeiten. Und durch Messengerdienste als Medium können sogar moderne Formen der Brieffreundschaft entstehen, die tief gehen und eben gerade nicht oberflächlich sind. Wenn man sich über Jahre hinweg Tausende von Stunden an Sprachnachrichten gegenseitig hinterlässt, kann das eine echte Freundschaft ergeben, ohne dass man sich oft sieht. Etwas anders scheint das mit den sozialen Netzwerken zu sein, wo sich alle ihre eigene „​​​​​​Bühne“​​​​​​​ machen und sich dort dann in bestimmter Weise präsentieren, so dass sie irgendwann ihre Erlebnisse daran anpassen, was sie posten wollen, und nicht umgekehrt das posten, was sie eben erleben. Da kann Neid entstehen und Mobbing, passive Aggression, alles Mögliche. Da ist sehr viel „​​​​​​​Ego-Trip“​​​​​​​ drin, wie man so sagt. Und es ist ja leider in der modernen Zeit das „​​​​​​​Ghosting“​​​​​​​ entstanden –​​​​​​​ das ist das schlimmste Seelengift überhaupt und das sollte man Menschen auf keinen Fall antun.


Diesen Roman haben Sie gemeinsam mit Ihrer Frau Sylvia Witt geschrieben. Wie ist es, wenn man zu zweit schreibt?

Das macht unglaublich Spaß und klappt viel besser als allein. Zusammen etwas zu entwerfen, das ist wie Musiker, die gemeinsam Spielen und im Spielen nach und nach das Lied entdecken. Oder wie im Fußball eine perfekte Kombination mit Pass und Tor. Ganz konkret arbeiten wir manchmal so, dass wir eine Handlung nach einem bestimmten Muster aufbauen, etwa dem der „​​​​​​​Heldenreise“​​​​​​​ oder dem der „​​​​​​​15 Beats“​​​​​​​ nach Blake Snyder, auch „​​​​​​​Beat Sheet“​​​​​​​ genannt. Das sind klassische Erzählstrukturen, die es teilweise schon seit der Antike gibt und die auch in Hollywood verwendet werden. Manchmal aber denken wir uns auch eine Menge Szenen aus, die wir auf jeden Fall erzählen wollen und schauen dann erst, wie sie sich am besten sortieren lassen, also sogar wörtlich, als Karteikarten oder als Blätter an der Wäscheleine. Das eigentliche Schreiben der Szenen geht mal abwechselnd oder mal so, dass einer die Rohfassung schreibt und der andere diese dann fertig schleift, wie Bina es mit dem Hobel machen würde.


Dies ist ihr dritter Roman, der ins serbische übersetzt wurde. Woran arbeiten Sie gerade?

Unser neuer Jugendroman für Beltz, „​​​​​​​Lange Krallen“​​​​​​​, ist dieser Tage in Deutschland erschienen und wir bewerben ihn gerade. Für den nächsten haben wir dem Verlag bereits einen Vorschlag gemacht, der gerade im Verlag diskutiert wird. Zugleich entstehen gerade mehrere Romane und Drehbücher für Erwachsene, von denen wir aber prinzipiell nichts verraten, solange die Vollendung oder die Veröffentlichung nicht feststeht. Allgemein arbeiten wir immer parallel an mehreren Projekten und folgen dabei einerseits klaren Plänen und andererseits auch immer unserem Bauchgefühl und unserem Herzen, woran genau wir jetzt, an diesem Tag, gerade weitermachen wollen.


Ein Mensch ist so alt wie er mutig ist –​​​​​​​ sagt Bina, die weibliche Heldin Ihres Romans. Was ist das mutigste, das Sie in letzter Zeit getan haben?

Die wirklich im klassischen Sinne mutigen Dinge, die wir getan haben, sind zu persönlich, um sie hier zu äußern. Sie hatten damit zu tun, Menschen zu helfen, denen sonst keiner half und denen sonst zunächst keiner glaubte. Sie hatten damit zu tun, für Menschen in sehr harten Zeiten da zu sein, bei denen andere sich eher entfernen, weil sie Angst davor haben. Sie hatten aber auch damit zu tun, sich im Leben und im Geschäft durchsetzen zu lernen und einzustehen für Entscheidungen. Ganz persönlich gibt's aber etwas im wahrsten Sinne des Wortes Kleineres, auf das ich bis heute stolz bin - dank eines tollen Trainings durch Sylvia habe ich mit den Jahren meine extreme Spinnenangst überwunden und bringe diese Tiere heute alle immer lebendig im Glas aus dem Haus.