Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Grusswort
GoetheFEST 2021

 
Liebe Filmfans,
 
Wer schon einmal mit uns die Eröffnung des GoetheFESTs in Serbien erlebt hat, ist um ein Filmerlebnis reicher und weiß um die pure Energie, die entsteht, wenn ein paar hundert Menschen gemeinsam emotionale Momente teilen, lachen oder berührt sind. Zehn deutsche Spielfilme im Rahmen unseres Festivals beweisen Jahr für Jahr in Belgrad, Nis und Novi Sad, dass sie gleichermaßen verbriefte Fiktion und ein echtes Kinoerlebnis sind. Deshalb freuen wir uns ganz besonders, Ihnen in diesem Jahr wieder „Live-Momente“ im Kino präsentieren zu können, nachdem das GoetheFEST im vergangenen Jahr ausschließlich online stattfinden konnte aufgrund der Pandemie. Was wir aber auch festgestellt haben, war eine Erhöhung unserer Reichweite durch die Screening-Plattform. Das hat uns gefreut, und darum gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal ein hybrides GoetheFEST, um das Beste aus zwei Welten verbinden zu können.
 
In diesem Jahr feiert das GoetheFEST des deutschen Films bereits sein 10. Jubiläum. Grund genug für eine kurze Rückschau: seit 2012 waren es um die einhundert Spielfilme aus Deutschland, keine Klassiker, sondern aktuelle Neuerscheinungen des jeweiligen Jahres, ausgewählt und zusammengestellt aus den jeweiligen Programmen der Berlinale, und viele davon vorgeschlagen für den deutschen Filmpreis. An unseren drei Spielorten in Serbien hatten wir viele ausverkaufte Vorstellungen, und eine vorsichtige Schätzung kommt auf über 25.000 Zuschauer. Zeit auch, Ihnen, unseren treuen Besucherinnen und Besuchern einmal herzlich Danke zu sagen für ihr fortgesetztes Interesse an unserem Programm. Alle, die vielleicht zum ersten Mal dabei sind, heißen wir natürlich genauso herzlich willkommen. Das Programm, das sei an dieser Stelle auch einmal bemerkt, wird von Anfang an und bis heute jedes Jahr aufs Neue zusammengestellt von meiner Kollegin Suncica Sido, unserer Film-Expertin und Programmmanagerin im Goethe-Institut, der ich ebenso herzlich danken möchte für ihr kontinuierliches Engagement.
 
Dann kann es ja eigentlich wieder losgehen! Das GoetheFEST lädt ein zu einem spannenden neuen Programm, das wir Ihnen hier kurz vorstellen dürfen. Die hybride Form des Festivals ist natürlich kein Statement gegen die Filmkunst im Kino, sondern im Gegenteil ein zusätzlicher Service für diese außergewöhnlichen Spielfilme, die jenseits des Festivals in anderen Städten und Dörfern in Serbien nur selten bis gar nicht zu sehen sein würden.
 
Ich wünsche Ihnen viele emotionale, spannende und überraschende Momente mit unserem Jubiläumsprogramm.
 
Ihr
Frank Baumann
Leiter des Goethe-Instituts


Liebes Publikum,
in Zeiten der Pandemie, die, wir können es nicht ändern, zum zweiten Mal auch unser Festival prägt, haben wir uns für ein Motto entschieden, das die folgende Frage aufwirft: Müssen oder Wollen, zumal sie in zahlreichen Entscheidungen mitschwingt und sowohl von den Filmfiguren als auch den Autoren der Filme gestellt wird, die wir dieses Jahr für Sie ausgewählt haben. Dies ist auch eine Frage, mit der wir uns selbst täglich in den verschiedensten Situationen beschäftigen. Vor Ihnen sind nun Filme, deren Dreharbeiten ganz knapp vor der Pandemie abgeschlossen wurden und mit der Nachproduktion begannen, als die Pandemie bereits die neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen diktierte. Bei vielen wurde die Premiere mehrmals abgesagt und manche hatten das Glück, im leeren Pergamonmuseum in Berlin drehen zu dürfen und so ein ungemein starkes Bild der im Kuss vereinten Frau und Maschine zu schaffen, als Zukunftsvision in einem tausendjährigen Portal vor antikem Hintergrund.

Die diesjährige Auswahl der Filme vermittelt einen Einblick in Debütleistungen junger deutscher Filmautor*innen, etwa der Regisseurin Lisa Bierwirth oder das Regiedebüt des Schauspielers Daniel Brühl. Seit der Entstehung dieses Festivals ist es unser Wunsch, Ihnen zu ermöglichen, die neuesten Werke deutscher Regisseur*innen, Drehbuchautor*innen und Schauspieler*innen kennenzulernen. Und nicht zum ersten Mal können wir Ihnen Filme der Regisseur*innen Johannes Naber, Anne Zohra Berrached sowie des Großmeisters des deutschen Films, Dominik Graf zeigen.

Bei der Eröffnung erwartet sie eine deutsche Komödie, eine Mischung zwischen Groteske und politischer Satire von Johannes Naber unter dem Titel Curveball: Einige von Ihnen erinnern sich wahrscheinlich noch an die hervorragende Komödie Zeit der Kannibalen aus dem Jahr 2014, die ebenfalls beim GoetheFEST gezeigt wurde. Johannes Naber ist es wieder einmal gelungen, eine Situationskomödie zu schaffen, ohne die Figuren zu Karikaturen zu degradieren. Es erwartet Sie eine wohlausgewogene Mischung zwischen realen Ereignissen und Fiktion in einer Atmosphäre, die wir auch von Wes Anderson kennen und die thematisch in der Instrumentalisierung von Informationen der Geheimdienste und ihrer Auswirkungen angesiedelt ist. Der Film beschäftigt sich mit dem deutschen Blick auf den Irak-Krieg sowie mit der Entscheidung der Regierung der BR Deutschland, nicht daran teilzunehmen. Die Geschichte beruht einerseits auf Materialien des BND und andererseits auf Zeitungsberichte über biologische und chemische Massenvernichtungswaffen, von denen man glaubte, sie seien im Besitz von Saddam Hussein, was zur amerikanischen Invasion im Irak geführt hat. Die Premiere fand beim Berlinale-Wettbewerb Special 2020 statt, und der Film läuft nach viermaliger Verzögerung derzeit auch in den deutschen Kinos.

Es folgt eine weitere schwarzhumorige Tragikomödie über Lügen, das Regiedebüt des deutschen Schauspielers Daniel Brühl, der auch international bekannt ist. Im Film Nebenan dekonstruieren Daniel Brühl und der Drehbuchautor Oliver Keidel das Image von Daniel. Eine Berliner Eckkneipe dient als Kammerbühne, auf der sich der kulturelle und soziale Zusammenstoß zwischen Ost- und Westdeutschland abspielt - eine Begegnung zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein scharfer Kontrast zwischen dem alten namenlosen Ostdeutschen (Peter Kurth) und dem bekannten jungen Schauspieler mit steiler Karriere. Die Hauptthemen dieses rhythmisch perfekten Films voller Selbstironie sind die Gentrifizierung, soziale Ungerechtigkeit, Angst vor Misserfolgen und Ehrlichkeit.

Man könnte meinen, dies sei ein Festival der Komödien, angesichts des nächsten ausgewählten Films beim GoetheFEST - Blutsauger - Eine marxistische Vampirkomödie, aus dem Berlinale-Wettbewerb Encounters. Das Filmmaterial dieser Metahorrorkomödie beruht auf Fakten aus der Filmgeschichte, als der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein 1927 auf Stalins Anordnung hin, aus dem Film Oktober Szenen ausschneiden musste, in denen Leo Trotzki vorkommt. Der Regisseur hat in Eisensteins Biografie das Detail entdeckt, dass Trotzki in diesem Film von einem Laiendarsteller gespielt wurde, der von Beruf Zahntechniker war. Ljowuschka ist einer der ersten enttäuschten Postsozialisten. Er wird dargestellt von Alexandre Koberidze aus Georgien, dessen Film Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? im Wettbewerbsprogramm der letzten Berlinare gezeigt wurde. Dieser Laiendarsteller, der von Hollywood träumt, gelangt so an die Ostsee, in die Villa einer Gutsherrin, von der man glaubt, sie sei ein Vampir. Die Vampir-Metapher ist das Abbild der Produktionsverhältnisse im Kapitalismus. Obwohl er in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts spielt, weist dieser Film, ebenso wie Babylon Berlin und Berlin Alexanderplatz, starke Parallelen mit der heutigen Zeit auf. Etwa der Aufschwung der Rechtsextremen sowie das Wagnis der Filmszene mit einem Surfer auf der Ostsee, einem modernen Motorrad der Marke Kawasaki und einer Cola-Dose.

Anne Zohra Berrached setzt in ihrem neuen Film Die Welt wird eine andere sein die Tradition der politischen Dekonstruktion im intimen Leben einer Frau fort, die sie mit den Filmen Zwei Mütter und 24 Wochen begonnen hat. Der Film geht provokativ und politisch unkorrekt auf die Frage ein, wo enden Liebe und Loyalität und wo beginnt die gegenseitige Anhängigkeit. Die Regisseurin algerisch-ostdeutscher Herkunft, 1982 in Hamburg geboren, setzt sich mit Tabubrüchen auseinander. Dies ist keine von Kitsch durchzogene Liebesgeschichte, die in ein modernes Migrantendrama gehüllt ist. Dies ist eine Geschichte über den 11. September, und zwar nicht aus der Täter- oder Opferperspektive, sondern aus der Perspektive der Partnerin des Täters. Dies ist zugleich die ungewöhnliche Perspektive des islamischen Terrorismus, in dem die politische Polarisierung zwischen der arabischen und der westlichen Welt zum Ausdruck gelangt.

Der deutsche Oscar-Kandidat, der Film von Maria Schrader Ich bin dein Mensch, ist ein Sci-Fi-Drama mit komischen Elementen. Dieser Film, geprägt von feinstem Sprachgefühl im Drehbuch, dessen Vorlage eine Kurzgeschichte von Emma Braslavsky ist, stellt die Frage, was macht uns eigentlich zu Menschen, sowie eine Reihe weiterer Fragen, zu deren Beantwortung wir nicht bereit sind. Eines der zentralen Themen ist die Nähe zwischen einem menschlichen Wesen und der künstlichen Intelligenz. Maria Eggert wurde mit dem Silbernen Bären für die weibliche Hauptrolle ausgezeichnet, wobei im Kontext dieses Films erwähnt werden muss, dass sie das menschliche Wesen darstellt. Gleichermaßen eindrucksvoll erscheinen in den Nebenrollen Dan Stevens und Sandra Hiller als humanoide Roboter, die einerseits vom Algorithmus betrieben werden und andererseits aus jeder neuen „Lebens“-Situation dazulernen und nach Vollkommenheit streben.

Der Film Le Prince, der seine Weltpremiere im Wettbewerb des Karlovy Vary International Filmfestivals feierte, ist ein Debütfilm der Regisseurin Lisa Bierwirth, der von einem biographischen Detail aus dem Leben ihrer Mutter inspiriert wurde. Im Film wird die Frankfurter Kulturszene als hochgebildete kosmopolitische Elite voller Vorurteile dargestellt. Gekonnt inszentiert wird das gekünstelt kultivierte Milieu mit seinem spezifischen Sinn für Humor und den floskellastigen intellektuellen Diskussionen, wie es mit der Welt der in Deutschland lebenden Migranten aus dem Kongo zusammenprallt. Das Resultat ist ein feinsinniges Bild der postkolonialen Struktur.

Der Film Der menschliche Faktor von Ronny Trocker ist das Psychogramm einer Familie, erzählt aus mehreren Perspektiven. Die markante Ästhetik dieses Films über unsichtbare Einbrecher geht Fragen der Wahrnehmungskonzepte nach. Er ist aktuell in dieser Zeit, in der Social Media und Nachrichten unsere Wahrnehmung des eigenen Lebens und der uns umgebenden Welt ändern, und damit auch die Art und Weise, wie wir die eigenen Realitäten und Wahrheiten konstruieren. Für Sie ist dies eine Gelegenheit, Beobachter*in der Interaktionen zwischen den im diskontinuierlichen Narrativ gefangenen Filmfiguren zu sein, was zugleich psychologische Reaktionen im bestmöglichen Sinne herbeiprovozieren kann. Dieser Film feierte seine Premiere beim Sundance Film Festival.
Zum Abschluss des GoetheFEST wird der neue Film von Dominik Graf Fabian oder Der Gang vor die Hunde gezeigt, der diesmal als Vorlage den Roman eines der größten Schriftsteller der Weimarer Republik, Erich Kästner, gewählt hat, der vor allem für seine Gedichte und Kinderbücher bekannt ist und viermal für den Literaturnobelpreis nominiert wurde. Kästner setzt auch in seiner Literatur so manches Filmwerkzeug ein, während Graf mit seinem bisher gelungensten Filmwerk der Filmkunst eine Hommage erweist, mit Elementen der Schwarzweißtechnik, des Stummfilms, des Tonfilms, Super 8 und in hochauflösender hyperrealistischer Optik. In dieser zweiten Bearbeitung dieser literarischen Vorlage, nach Wolf Gremm 1980, stehen in Grafs historischem Film drei Hauptdarsteller (Tom Schilling, Saskia Rosendahl und Albert Schuch) im Mittelpunkt. Sie versuchen im Berlin der späten, politisch turbulenten Weimarer Republik die Weltwirtschaftskrise zu überleben. Genießen Sie die versetzen Kamerawinkel, die interessante Farbpalette, die sorgfältig eingestreute Musik, die markanten Kostüme und das meisterhafte Zusammenspiel der Schauspieler*innen.
 
Enjoy the show!
Top