Grusswort
GoetheFEST 2019

 

Liebe Kinofreunde,
 
„Manche Dinge ändern sich nie“, behauptet eine bekannte Fastfoodkette in ihrer neuen Werbekampagne. Überall in Serbien, dem Land der massiven Pljeskavice, würzigen Cevape und anderer vegetarischer Alpträume, leuchten einem nun die Bigmacs entgegen, gewissermaßen als käufliche Beweise einer fleischgewordenen Kontinuität in sehr instabilen Zeiten. Der amerikanische Traum lebt, zumindest in der Werbung und in der Fiktion. Dieser Traum wurde bis vor kurzer Zeit nirgendwo wirkungsvoller in Szene gesetzt als in Hollywood. Die ganze Welt schaut zu, die ganze Welt beißt zu. 
 
Manche Dinge ändern sich nie? Nun, zumindest für die Filmindustrie, für die Entstehung, Vermarktung und Rezeption von Filmen, ergeben sich wohl doch starke Veränderungen, wie man hört, und das nicht erst seit Corona. Hollywood hat Konkurrenz bekommen. Natürlich nicht so sehr durch deutsche Produktionsstätten wie Potsdam-Babelsberg, Köln-Bocklemünd oder die Münchner Bavaria-Studios, wo seit 120 Jahren die Bilder laufen lernen. Filme aus Deutschland sind schließlich anders, irgendwie konkurrenzloser, spezifischer und manchmal ein bisschen speziell. Thematisch fokussierter (Deutschstunde), gesellschaftlich relevanter (Berlin Alexanderplatz), politisch weniger korrekt (The Trouble With Being Born), finde ich. Billiger übrigens meistens auch. 
 
Der deutsche Film 2020, quasi die Pljeskavice unter den europäischen Arthouse-Produktionen. Kommerziell vielleicht weniger erfolgreich als Hollywood & Co, aber hält einfach länger satt. Wenn Sie dem GoetheFEST, um das es hier ja geht, seit langem treu verbunden sind, wissen Sie das. Wenn Sie zum ersten Mal dabei sind, werden Sie es hoffentlich erfahren, erleben, genießen können. Denn das ist unser Anspruch und das Versprechen: eine von Suncica Sido kuratierte, sorgfältig ausgewählte Zusammenstellung aktueller deutscher Spielfilme, in Originalfassung mit serbischen Untertiteln, präsentiert an sieben aufeinanderfolgenden Tagen im Herbst. Das ist das 9. GoetheFEST, im Jahr 2020 erstmals und hoffentlich letztmals komplett im Streaming-Verfahren für Ihr ganz privates Heimkino-Erlebnis. Kein Lamento an dieser Stelle, nicht zu oft das böse C-Wort – wir alle, die wir Filme und Kinos lieben, wissen, dass nichts über das gemeinsame Erlebnis im dunklen Saal geht. Manche Dinge ändern sich nie. Aber manchmal müssen wir uns den Dingen eben anpassen, um bestehen zu können. Darum lade ich Sie, liebe Freundinnen und Freunde des deutschen Films in Serbien, herzlich ein, ab dem 29. Oktober dabei zu sein – nehmen Sie sich die Zeit, und schalten Sie ein: kostenfrei, keimfrei und künstlerisch wertvoll wie immer. Viel Vergügen!
 
Ihr
Frank Baumann
Institutsleiter Goethe-Institut Belgrad


Sie fragen sich wahrscheinlich: Würde das diesjährige Festival des zeitgenössischen deutschen Films statt in Kinosälen von Belgrad, Novi Sad und Niš wirklich bei Ihnen zu Hause stattfinden, wenn es den aktuellen Pandemie-Wahnsinn nicht gäbe – denn wie denn sonst könnte man die radikale Umgestaltung unserer Welt, unseres Lebens und unseres Alltags bezeichnen, mit der wir gerade konfrontiert sind?
 
In den letzten Monaten haben wir, ob wir es wollten oder nicht, neue Einblicke in die Welt um uns herum bekommen. Es dröhnen von überall her die neuen Buzzwords und Keywords: Corona-Virus, physische Distanz, Lockdown, Abflachung der Kurve, (Selbst)Isolation, Quarantäne, Homeoffice (if office at all), Immunität / Abschwächung der Immunität, Verbreitung von Fake News, Algorithmus-Messung, Anti-Mobility. Und als Folge haben sich auf allen Gebieten der Kunst und Kultur neue Programm-Formate entwickelt. Es schlägt die Stunde der totalen Digitali- sierung. Wir betreten neue virtuelle Räume.

Die Filmauswahl beim diesjährigen GoetheFEST wurde bei der Berlinale 2020 festgelegt, d. h. bei dem letzten großen internationalen Filmfestival, das noch im realen, physischen Raum stattfinden konnte. Die Covid-19-Epidemie hatte sich bereits angekündigt. Eine stille Vorahnung dessen, was noch kommen sollte, hat bei der Filmauswahl gewiss eine Rolle gespielt, denn offensichtlich wurde Deutschland einige Wochen früher als Serbien mit dem Ausbruch der Epidemie konfrontiert.

Mit dem Wunsch, uns alle vor der drohenden Gefahr zu schützen, aber zugleich mit großem Mitgefühl mit allen Kulturzentren, die ihre Kinosäle erst in den letzten Tagen vorsichtig wieder öffnen durften, haben wir vorsichtigerweise die Entscheidung getroffen, das diesjährige GoetheFEST im sichersten aller Räume stattfinden zu lassen. Die vollen Kinosäle müssen in diesem Herbst durch unsere Wohnzimmer ersetzt werden, in denen wir uns dann die Filme mit unseren Familien und Freunden ansehen können. Die regen Gespräche nach der Vorführung, die wir bis jetzt so gerne in Kulturzentren geführt haben, werden diesmal bei jedem von uns zu Hause stattfinden. Mit unserer Filmauswahl möchten wir nämlich wieder viele Diskussionen anstoßen und neue Narrative erschaffen. Mit dieser Idee im Sinn stellen wir Ihnen nun das Programm des IX. GoetheFESTs vor.

Bei der Eröffnung erwartet uns ein großer Film — Berlin Alexanderplatz des deutsch-afghanischen Regisseurs Burhan Qurbani. Bei der Berlinale 2020 wurde Qurbanis Film in 11 Kategorien nominiert. Neben dem Silbernen Bären für den Besten Spielfilm wurde er schließlich auch in folgenden Kategorien ausgezeichnet: Beste männliche Nebenrolle (Albrecht Schuh), Beste Kameraführung (Yoshi Heimrath), Beste Filmmusik (Daša Dauenhauer) und Bestes Szenenbild (Silke Buhr). Es handelt sich dabei um eine Neuinterpretation eines der bedeutendsten Romane der modernen deutschen Literatur – Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz aus 1929. Nach Phil Jutzis Berlin AlexanderplatzDie Geschichte Franz Biberkopfs aus 1931 und der einflussreichen Serie des großen Fassbinder aus 1980 eröffnet Qurbani mit seinem Film viele wichtige Fragen zum Thema Migration, Rassismus und moderne Sklaverei. Bei ihm ist Franz Biberkopf ein afrikanischer Migrant aus Guinea Bissau, der im Volkspark Hasenheide gelandet ist, einem der größten Drogen-Hotspots der deutschen Hauptstadt, und nun in Berliner Clubs von dämonischen Symbolen des Kapitalismus überflutet wird. Einer dieser Clubs heißt Neue Welt. Mit seiner für die damalige Zeit neuartigen Montagetechnik und mit einer vollkommen neuen Sprache ist es Alfred Döblin vor fast 100 Jahren gelungen, ein poetisches Bild der entstehenden Großstadt zu malen. Bei Qurbani sehen wir eine modernen Metropolis, wobei Jella Haases Meta-Narration aus dem Off mit Passagen aus dem Roman eine Frauen-Perspektive auf den männlichen Protagonisten Franz Biberkopf zu bieten versucht. Diesem epischen Drama mit einem provokativen audio-visuellen Arrangement und mit reichem Subtext gilt diesmal unsere ganz besondere Empfehlung.
 
Der Film Es gilt das gesprochene Wort von İlker Çatak wurde mit dem Bronzenen Bären für den Besten Film ausgezeichnet. Auch dieser Film setzt sich mit dem Thema Migrationen auseinander. Am Strand eines türkischen Urlaubsparadieses begegnet eine deutsche Pilotin, die gerade mit einer gefährlichen Krankheit diagnostiziert wurde, einem jungen Anatolier, der sein Geld mangels anderer Möglichkeiten als Gigolo verdient und von einem Leben in Deutschland träumt. Anne Ratte-Polle spielt ihre Rolle meisterhaft. İlker Çatak und sein Drehbuchautor Nils Mohl spielen mit Stereotypen und zeigen dabei, wie die kalte und scheinbar zynische Fassade ihrer Protagonistin allmählich zu bröckeln beginnt. Die Handlung ist mit komischen Dialogen und Passagen durchsetzt.
 
Neele Leana Vollmars Film Auerhaus spielt in den frühen 1980er-Jahren im Süden der alten Bundesrepublik: Wie im Film werden Sie lange danach den großen Madness-Hit Our House aus 1983 singen. Dieser atmosphärische Film basiert auf dem rührenden, unglaublich komischen und gleichzeitig zutiefst melancholischen Coming-of-Age-Roman des deutschen Schriftstellers und Kabarettisten Bov Bjerg, der mit dieser Geschichte alle Altersgruppen gleichermaßen anspricht Die Regisseurin versucht, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob es möglich ist, mit einer gewissen Leichtigkeit über Depression und Ausweglosigkeit zu sprechen, die für die Pubertät manchmal so typisch sind. Wir empfehlen Ihnen, sich diesen Film am frühen Abend mit der ganzen Familien anzuschauen, um später generationenübergreifend Eindrücke auszutauschen und dabei möglichst viel voneinander zu lernen.
 
Christian und Heide Schwochows Film Deutschstunde ist die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans des bekannten deutschen Nachkriegsautors Siegfried Lenz aus 1968: Der erfolgreiche Literatur-Klassiker wurde bereits 1971 zum ersten Mal verfilmt. Es handelt sich dabei um eine universelle Parabel darüber, was der Faschismus einem Einzelnen, einer Familie und den Menschen im Allgemeinen antun kann. Dieses Thema findet der Regisseur heute noch außerordentlich relevant, weil Diskriminierung und rassistisches Gedankengut in der deutschen Gesellschaft immer noch präsent sind, und weil es die Frage nach Grenzen der Pflichterfüllung und der persönlichen Verantwortung stellt. 
 
Auch der nächste Film, Persischstunden, eine russisch-deutsch- weißrussische Koproduktion des kanadisch-US-amerikanischen Regisseurs ukrainischer Herkunft Vadim Perelman, die bei der Berlinale 2020 ihre Prämiere feiern konnte, bietet uns die Möglichkeit, eine wichtige Lektion zu beherzigen. Auch für seine Persischstunden hatte Perelman eine literarische Vorlage, nämlich Wolfgang Kohlhaases Kurzgeschichte Erfindung einer Sprache. Der Film Persischstunden basiert auf wahren Begebenheiten und stellt Fragen nach Gedächtnis, Erinnerung und Identität, nach dem Verhältnis zwischen Sprache und Identität und nach der Macht der Resilienz. Zu den besonders interessanten Aspekten des Films gehört mit Sicherheit die Tatsache, dass sich der Protagonist, gespielt vom argentinischen Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart, gezwungen sieht, sich seine eigene persische Phantasiesprache auszudenken, um sie dann einem KZ-Offiziers beizubringen, der von Lars Eidinger geradezu meisterhaft verkörpert wird.
 
Bei dem letztjährigen GoetheFEST konnten wir Ihnen Jan Ole Gersters Film Lara zeigen. In diesem Jahr haben wir uns für den Film Das Vorspiel der Regisseurin und Drehbuch-Koautorin Ina Weisse entschieden, mit der phänomenalen Nina Hoss in der Hauptrolle. Der Film behandelt ein Thema, das bei der Berlinale 2020 eine wichtige Rolle gespielt hat – asymmetrische Beziehungen. Das Vorspiel ist eine spannende Charakter-Studie, ein Familiendrama mit Psycho-Triller Elementen, in dem Anna Bronski, gespielt von Nina Hoss, in einem Netzwerk von zwischenmenschlichen Beziehungen gefangen ist: mit ihrem Vater, Ehemann, Liebhaber, Kollegen, Sohn und Geige-Schüler. Dabei versucht sie, eine tiefe Kluft zu überbrücken, zwischen Selbstdisziplin und Suche nach Perfektion, auf der einen Seite, und Kontrollverlust und Angst vorm Scheitern, auf der anderen Seite.
 
Unsere besondere Aufmerksamkeit verdient der provokative film The Trouble With Being Born von Sandra Wollner. Er trägt den gleichen Titel wie der bekannte Buch des rumänischen Philosophen und Essayisten Emil Cioran – Vom Nachteil, geboren zu sein. Bei der Berlinale 2020 lief dieser Film in der Sektion Encounters, die ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten von unabhängigen, innovativen Filmschaffenden eine Plattform bietet. The Trouble With Being Born wurde mit dem Spezialpreis der Encounters-Jury ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er mehrere Preise beim Festival des österreichischen Films Diagonale, und zwar in Kategorie Bester Film, Bestes Drehbuch, Bester Schnitt und Beste schauspielerische Leistung. Obwohl in seinem Mittelpunkt die Existenzkrise eines Androiden namens Elli steht, ist es kein SF-Film, der sich mit der Frage auseinandersetzt, was in (naher) Zukunft passieren könnte, sondern ein Film, der einen bestimmten Aspekt der aktuellen Realität reflektiert und dabei Kategorien wie Erinnerung, Identität oder Gender hinterfragt. Die Regisseurin ist sich dessen bewusst, dass bestimmte Szenen aus ihrem Film einige Menschen schockieren könnten, aber sie möchte trotzdem darauf hinweisen, dass es in der virtualisierten Welt von heute eigentlich bereits möglich ist, unsere Gedanken und Wünsche in andere Menschen hineinzuprojizieren. Damit stellt The Trouble With Being Born eine gewagt manieristische Pinocchio-Dekonstruktion dar.
 
Und zum Schluss noch eine Anmerkung: Den roten Faden, der alle Filme beim diesjährigen GoetheFEST durchzieht, bilden Themen wie Neuanfang, Wendepunkt der Epoche, des Lebens eines Menschen oder eines Androiden, Eroberung neuer Räume und Freiheit.

Filmauswahl: Sunčica Šido
Koordinatorin Kulturprogramm Goethe-Institut Belgrad

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