Der Kinoherbst 2023 in Belgrad, Novi Sad und Niš bringt uns das zwölfte Festival der neuesten deutschen Spielfilme, bekannt als GoetheFEST. Unter dem Slogan „Reflexionen – zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit“ stellen wir Ihnen die Auswahl von sieben Filmen vor, die eine tiefgreifende Analyse aktueller Phänomene in der modernen Gesellschaft bieten bzw. jener, die für die moderne Gesellschaft relevant sind.
Ein besonderes Programm-Highlight ist der Film von Ilker Çatak „Das Lehrerzimmer“, der für den Oscar nominiert ist und mit fünf großen Filmpreisen der deutschen Filmakademie ausgezeichnet wurde – für den besten Film, die beste Regie das beste Drehbuch (Johannes Duncker), die beste weibliche Hauptrolle (Leonie Benesch) und den besten Schnitt (Gesa Jäger). Ilker Çatak stellt in diesem bewegenden Drama, das in der Sektion Panorama der Berlinale uraufgeführt wurde, den Mikrokosmos der Schule unter die Lupe und zeichnet dabei ein Porträt der modernen Gesellschaft. Durch die Geschichte einer jungen Lehrerin am Anfang ihrer Karriere, in deren Mittelpunkt eine Reihe von Diebstählen an ihrer Schule steht, hinterfragt dieser Film kritisch unsere Diskussionskultur und fordert zu einer Diskussion über Wahrheit und Gerechtigkeit auf. Çataks Kinofilm setzt sich mit einem stets aktuellen Thema auseinander: dem Schulsystem, das jahrzehntelang mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht Schritt halten kann und in dem stets dasselbe System der Wissensübertragung und der Hierarchie herrscht.
Im Programm ist noch ein Kandidat für den prestigeträchtigsten Filmpreis, den Oscar, und zwar aus Dänemark. Von dieser dänisch-deutsch-schwedisch-französischen Koproduktion, dem Film „Holy Spider“, sagen seine Autoren, dies sei der iranischste Film, der jemals gedreht wurde, und er habe es vermocht, die 50-jährige Zensur ein wenig zu lockern. Der Regisseur Ali Abbasi und alle anderen Mitglieder der Filmcrew iranischer Herkunft müssen schwerwiegende Folgen ihrer Entscheidung tragen, dass sie auf gesellschaftlich engagierte Weise an das Thema des Frauenmordes als Folge des Frauenhasses im Kontext des islamischen Fundamentalismus herangegangen sind, und dies ausgerechnet während der iranischen Proteste für Frauenrechte. Dieser Neo-Noir-Film beruht auf einem wahren Ereignis Anfang der 2000er Jahre in der heiligen Stadt Maschhad, der zweitgrößten Stadt im Iran, als ein Familienmensch und Kriegsveteran des iranisch-irakischen Kriegs, der von seiner religiösen Mission überzeugt ist, 16 Morde begeht. Die herausragende Zar Amir Ebrahimi wurde mit der goldenen Palme für die beste weibliche Hauptrolle beim Filmfestival in Cannes ausgezeichnet. Sie spielt eine Journalistin aus Teheran, die hartnäckig und unerschrocken in der Mordserie mysteriös erwürgter Prostituierte ermittelt, um den Täter der Gerechtigkeit zuzuführen. Zur gleichen Zeit ist die iranische Gesellschaft in jene geteilt, die Angst haben, und in jene, die den Mörder für einen Helden halten, da er die Stadt vor Unmoral „reinigt“. Musik, Schauspiel und Fotografie gehören zu den weiteren Stärken dieses Films, weshalb er einer der besten europäischen Filme des vergangenen Jahres ist.
Interessant ist die Tatsache, dass beim diesjährigen Programm sogar fünf Filme von wahren Ereignissen inspiriert sind.
Eröffnet wird das diesjährige GoetheFEST von der kompromisslosen Verfilmung des Bestsellers des berühmten deutschen Stand-up-Comedians, Podcast-Moderators und Schriftstellers Felix Lobrecht „Sonne und Beton“ in der Regie von David Wnendt. Dieser unglaublich frische Film führt uns in den Mittelpunkt sozialer Missstände, in das Berliner Viertel Neukölln, in dem die vier Hauptfiguren im Teenageralter leben und Drogen, Rapmusik, Gewalt und Langeweile herrschen. Dieser knallharte und zeitweise brutale Film, vollgepackt mit leichten und humorvollen Elementen, handelt vom Versuch dieser Jungs, das akute Problem der Schutzgelderpressung seitens gleichaltriger Drogendealer aus der Nachbarschaft zu lösen, indem sie die neuen Computer stehlen, die unlängst ihrer Schule gespendet wurden. Auch wenn der Plot ein turbulentes Abenteuer verspricht, sollten Sie weder ein belastendes soziales Drama noch eine leichte Komödie erwarten, da die jungen Filmprotagonisten äußerst seriös dargestellt werden und uns ihre Wirklichkeitswahrnehmung geboten wird. Dieser Film zeichnet sich insbesondere durch seine Authentizität aus, die vor allem durch die Musik, die Rollenverteilung und ungewöhnliche Kamerawinkel zustande kommt.
In das diesjährige Programm hat auch der originelle Debütfilm „The Ordinaries“ von Sophie Linnenbaum Eingang gefunden, die nach dem abgeschlossenen Psychologiestudium, dem Schreiben von Theatertexten, dem Regiestudium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, einer ganzen Reihe von Fernsehserien und kurzen Dokumentarfilmen ihren ersten Spielfilm in Form einer Science-Fiction-Satire gedreht hat. In einer dystopisch-repressiven Drei-Klassen-Gesellschaft, bestehend aus Hauptrollen, Nebenrollen und Outcasts werden Fragen über Identität, Klassenteilung, Diskriminierung und Exklusion gestellt. Lassen Sie sich diese intrigierende Hommage an die Filmgeschichte und Filmtechniken nicht entgehen.
Der Film „Orphea in Love“ ist ein besonderer Film im Rahmen der diesjährigen Auswahl, und auch deshalb, weil er Oper und Film in sich vereint, sowie wegen seiner Aktualität und Unvorhersehbarkeit. Wir möchten diesen Film wärmstens empfehlen, mit dem Wunsch, bei den Opern- oder Musikfans schlechthin möge er Verzückung auslösen und den Filmfans die Oper näherbringen. Orpheus und Eurydike sind lediglich ein Anstoß, sodass der unwiderstehlich kreative Regisseur Axel Ranisch seiner Fantasie ungehindert freien Lauf lassen kann. In der Hauptrolle ist Mirjam Mesak zu sehen, im Hintergrund dieses Films gibt es eine Fülle von Camp-Elementen zu entdecken.
Der Film von Visar Morena„Exil“ hatte seine Weltpremiere beim Sundance-Festival, die deutsche Premiere bei der Berlinale und die serbische beim Festival des Autorenfilms; beim Sarajevo Film Festival erhielt er die Auszeichnung als bester Film 2020 sowie mehrere Preise bei anderen Filmfestivals. Thema dieses surrealen Thrillers über Paranoia und Identität mit Elementen eines unkonventionellen Sinns für Humor ist: die Folge von Integration, Assimilierung und Fremdenfeindlichkeit für das Leben des Menschen.
Abschluss des Programms ist der Film „Der vermessene Mensch“ von Lars Kraume, dessen frühere Werke „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und „Das schweigende Klassenzimmer“ beim Publikum des GoetheFEST großen Anklang fanden. Sein neuestes historisches Drama beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte, mit den Verbrechen an den namibischen Stämmen Herero und Nama, die als erster Völkermord im 20. Jahrhundert gelten. An den Dreharbeiten dieses Films, dessen zentrales Thema die pseudowissenschaftlichen Rassentheorien sind, waren vor und hinter der Kamera mehr als 1.500 Namibier beteiligt. Politik und Wissenschaft, die Hand in Hand den Rassismus legitimieren, werden hier unter die Lupe genommen. Die Aktualität des zentralen Themas drängt die Frage auf, wie ist es möglich, dass die Restitutionsprozesse der deutschen Kolonialgeschichte immer noch nicht abgeschlossen sind und wann dies eintreten wird.
In der Hoffnung, dass jeder der Filme im diesjährigen Programm auch zum Nachdenken anregt und Diskussionen auslöst, laden wir Sie herzlichst zum 12. GoetheFEST ein.
Filmkuratorin Sunčica Šido
Koordinatorin des Kulturprogramms
im Goethe-Institut Belgrad