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Begegnungen in Zypern
Auf einem Gespräch mit Sendecki & Spiegel

Hamburger Duo Sendecki & Spiegel
Foto: Aglantzia Municipality

Der erster Tag vom 13. AglanJazz Festival in Nikosia ist mit zwei hochkarätigen Jazzmusikern aus Deutschland zu Ende gegangen: dem Hamburger Duo Sendecki & Spiegel.

Schlagzeuger Jürgen Spiegel ist seit mehr als 15 Jahren die treibende Kraft und sensibler Klangmaler hinter dem Tingvall Trio, Hamburgs Hausmarke in Sachen Jazzkultur; der polnische Pianist Vladyslav Sendecki gilt als einer der dynamischsten und kreativsten Pianisten der europäischen Jazzszene und wirkt seit über 20 Jahren in Deutschland, unter anderem in der legendären NDR Bigband. Die zwei haben sich 2019 in einer ungewöhnlichen Klavier-Schlagzeug-Konstellation zusammengeschlossen und sind gleich ins Studio gegangen um ihre erste Platte, Two in the Mirror, aufzunehmen.

Wir waren kurz vor dem Auftritt mit den zwei Musikern auf einem Kaffee in der Altstadt und haben über ihre Musik und ihre Erfahrungen aus der Musikszene geredet.

Wie ist diese Gruppe zustande gekommen?

JS: Das „Orchester“ von uns beiden! Ich habe den Vlady 2008 getroffen und da habe ich gedacht, „was für ein genialer Pianist“. Dann haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren, bis ich mir irgendwann gedacht habe – „ich rufe ihn mal an.“ Ich habe einfach das Telefon genommen und ihn angerufen. Er war auch begeistert. Wir haben uns mit Audiofiles von Stücken, die wir hatten, gegenseitig „gefüttert“ und sind dann gleich ins Studio gegangen, ohne uns vorher getroffen zu haben um zu Diskutieren oder viel zu Spekulieren. Wir haben einfach Musik gemacht.

VS: Und es ist auch bis heute so – wir sprechen uns gar nicht ab. Wir versuchen, soweit es möglich ist, es natürlich zu belassen und „füttern“ uns eher intuitiv auf der Bühne und im Studio. Jeder hat seine Aufgaben, seine Philosophien und Attitüden, aber prinzipiell versuchen wir uns gegenseitig zu inspirieren und uns schön zu ergänzen.

Das klappt wunderbar! Ιhr Album „Two in the mirror“ ist 2019 erschienen.

JS: Dieses Album ist zu 80 Prozent an einem Tag aufgenommen. Es ist nicht zu Tode editiert sondern es ist wirklich so wie wir in diesem Studio gespielt haben.
 

Duo Sendecki & Spiegel


VS: Unser Prinzip ist eben, den Flow zuzulassen. Gute Musik im freien Lauf zu machen und sie mit unserer Erfahrung und Wissen und dem was wir eigentlich können zu unterstützen. Es wird mit irgendetwas angefangen und dann wird es weiterentwickelt, ganz spontan.

JS: Es gibt natürlich bestimmte Themen, aber was innerhalb der Themen passiert ist relativ offen. Das ist eigentlich das Schöne. Und dadurch, dass wir nur zu zweit sind, können wir natürlich sehr schnell reagieren. Man würde denken, „wo ist jetzt der Bass“, aber da auf dem Piano die linke Hand diese Läufe spielt, vermisst man das nicht. Und ich spiele auf sehr tiefen Trommeln, deswegen gibt es einen Frequenzbereich, der die ganze Zeit vorhanden ist.

Was sind die Herausforderungen von dieser außergewöhnlichen Konstellation?

VS: Für mich ist jedes Konzert eine Herausforderung, weil ich immer versuche über meine eigenen Grenzen zu gehen und einen freien Gedankenfluss zu erreichen. Ich sage immer, „ich spiele gar nicht, ich höre nur zu“. Wenn ich darüber nachdenke, irgendwas zu spielen, dann geht alles schief. Wenn wir spielen, kreieren wir eine Stimmung, und das ist zum Beispiel davon abhängig, vor wem man spielt oder wie sich die Situation akustisch entwickelt. Wir versuchen zu kommunizieren und Spaß zu haben. Wir treten auf, ohne Rücksicht auf Risiken zu nehmen. Manchmal gibt es Spannungen, aber die müssen sich irgendwie lösen. So wie im normalen Leben; man hat Situationen, die man quasi kontrolliert und manche, die man nicht immer kontrollieren kann. Manchmal sagen wir, „wir spielen noch ein Stück“, und dann spielen wir zwei Stunden ein Stück; aber in diesem einen Stück ist eine ganze Welt, ein ganzes Leben. Die Musik ist ja Leben.
 

  • Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia Foto: Aglantzia Municipality
    Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia
  • Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia Foto: Aglantzia Municipality
    Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia
  • Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia Foto: Aglantzia Municipality
    Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia
  • Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia Foto: Aglantzia Municipality
    Duo Sendecki & Spiegel auf dem 13. AglanJazz Festival in Nikosia

Sie haben im Ausland oft gespielt, aber Sie sind zum ersten Mal auf Zypern. Welche Erwartungen haben Sie vom zyprischen Publikum und die lokale Musikszene?

JS: Ich habe persönlich keine Erwartungen. Ich freue mich einfach nur, andere Menschen zu Sehen die Musik machen. Ich will einfach sehen was andere machen, das inspiriert mich; das finde ich total spannend.

VS: Wir haben unsere Musik so angelegt, dass sie das Publikum mitnimmt. Musik ist unser Zuhause und das Publikum ist unser Gast. Wenn jemand in mein Haus reinkommt, dann umsorge ich ihn. So ist es mit der Musik – ich gebe das Beste was ich kann, so dass sich die Gäste wohl fühlen.

[An VS] Sie sagen selbst „Ich bin nicht Jazzpianist, ich bin Pianist“. Was heißt Jazz für Sie?

VS: „Jazz“ ist in der heutigen Zeit oft ein künstliches Gebilde. Ich hasse nicht Jazz, aber ich will mit solcher Musik nichts zu tun haben.

JS: Musik wird oft irgendwann verschnürt. Und in dem Moment in dem sie verschnürt wird, ist es so als ob du eine Pflanze einsperrst – die stirbt irgendwann. Du musst sie gießen und gießen, mit Kreativität. Und du brauchst auch die Sonne – die Sonne ist das Publikum, das kann man nicht isolieren.

VS: Wenn man jemanden liebt, kann man ihn nicht einsperren. Wenn ich Jazz liebe, dann kann ich nicht absolut sein und sagen „Jazz ist Das“. Jazz ist die idealste Kunstform, weil sie eine gesamte Palette von Emotionen beinhaltet, und vor allem die Intimität der persönlichen Aussage. Es ist unfair dieser Musik gegenüber, sie einzugrenzen.
 

Duo Sendecki & Spiegel – „Meanwhile in Heaven“ aus dem Album „Two in the Mirror“


Welche Wirkung wollt ihr mit eurer Musik erreichen?

VS: Ich sage, ich bin Musiker des Volkes. Ich möchte Menschen glücklich machen und ihnen Geschichten anbieten, die mich und sie betreffen. Es ist alles mir überlassen; diese Situation des Daseins und der Aufbau einer Beziehung mit dem Publikum, sind für uns beide unglaublich wichtig. Wir sperren uns nicht, wir setzen keine Grenzen.

Der Schwierigkeitsgrad der Musik, die wir machen, ist völlig egal. Hauptsache ist, dass sie wirkt und dass wir nicht umsonst spielen. Wir wollen, dass sie zunächst auf uns wirkt. Wenn wir spielen, erzählen wir mit der Musik eine Geschichte, die so eine Kraft hat, dass sie einfach alle Leute mitnimmt. Das ist irgendwie Magie.

JS: Meiner Meinung nach, wirkt es auf jeden anders. Man kann das beschreiben, aber wenn man das hört, dann hat es auf jeden eine bestimmte Wirkung.

VS: Es ist einfach schön, die Menschen zu erreichen. Man sieht die Leute zum ersten Mal, man kennt sie und ihre Mentalität nicht. Und das ist für mich das Wundervolle – zu versuchen, sie zu berühren und Signale zu geben. Man gibt die ersten Signale und sieht wie weit man ein interessantes Gespräch führen kann.

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