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Interview
Natascha Sadr Haghighian: Zwischen Orten

Natascha Sadr Haghighian
© NiMAC, Loizos Papacharalambous

„Ich habe die Idee der Herkunft (…) aufgegeben, denn ihre Bedeutung wird in der heutigen Zeit auf so toxische Weise benutzt“, bemerkt unter anderem die Künstlerin, die eine Vielzahl an Identitäten als Teil ihrer Arbeit benutzt.

Natascha Sadr Haghighian vertrat Deutschland auf der Biennale 2019 in Venedig, die im letzten November zu Ende ging. In ihrem vorwiegend politischen Werk benutzt die Künstlerin Performanz, Installation, Klang und Wort, um Themenbereiche zu erforschen, die Kultur, Identität und den Begriff der Zugehörigkeit umfassen. Sie hielt sich in Zypern auf im Rahmen des Forums, das aus Anlass der Ausstellung Hypersurfacing im Kunstzentrum NiMAC stattfand, wo sie ihre Arbeit am 23. Januar 2020 vorstellte und parallel dazu  einen viertägigen Workshop mit den Künstlern durchführte, die an der Ausstellung teilnahmen: Raissa Angeli, Natalie Yiaxi, Stelios Kallinikou, LitoKattou, Phanos Kyriakou, Orestis Lazouras, Marina Xenofontos, Nayia Savva, Constantinos Taliotis, Maria Toumazou, Leontios Toumbouris und Peter Eramian.

Was ist das Ziel Ihres Workshops für Sie persönlich und was sollen die teilnehmenden Künstler für sich möglichst mitnehmen?

Die Kuratorin der Ausstellung Hypersurfacing, Marina Christodoulidou, lud mich ein mit dem Vorschlag, ich solle mich vertraut machen mit der Ausstellung und dem Vorgehen der teilnehmenden Künstler, um danach meine Sicht der Bedeutung von Über- der- Oberfläche-  erscheinen mitzuteilen: Was bedeutet Oberfläche, was heißt es, wenn etwas erscheint?

Wir haben diese Begriffe diskutiert. Zum Beispiel lasen wir gestern einen Text, der von der engeren Bedeutung des Hypersurfacing, wie es innerhalb der Ausstellung behandelt wird, leicht abweicht und es somit auf weitere Bereiche überträgt. Wir lasen einen Text von Rijn Sahakian mit dem Titel „Abbau, Aufstand“, indem wir den Abbau von Bodenschätzen als eine Art des Erscheinens, allerdings einer eher mit Gewalt verbundenen Erscheinungsform, werteten. Danach diskutierten wir, was es bedeutet, wenn etwas aus eigenem Antrieb an die Oberfläche drängt oder wenn es aus dem Boden gezogen oder gegraben wird. Gerade dies schien mir persönlich wichtig, da der Bergbau eine große Rolle in den Gegenden spielt, die mich interessieren.

Ich denke nicht, dass sich ein viertägiger Workshop auf Produktion konzentrieren sollte, vor allem, wenn es sich um ein konzeptuelles Thema handelt, und ich bin der Überzeugung, dass die Künstler fantastische Arbeit geleistet haben, indem sie mit dem von Marina vorgegebenen Konzept gearbeitet haben. Außerdem meine ich, sie befinden sich in einem Stadium ihrer künstlerischen Tätigkeit, in dem sie niemand zur Ermutigung brauchen, um auf diese Weise zu arbeiten. Ich brauche ihnen keine Lektion zu erteilen, wie sie die Sache anfassen sollen. Es handelt sich eher um eine Diskussion und um Feedback und ich denke, das Ergebnis dieser Diskussion wird sich in gewisser Weise widerspiegeln in dem, was sie hiernach tun.

Welchen Herausforderungen stehen Sie gegenüber, was Ihre eigene Arbeit betrifft? Welchen gemeinsamen Herausforderungen stehen Ihrer Meinung nach Künstler gegenüber, die sich mit politischen Themen auseinandersetzen?

Ich denke, wir leben in Zeiten, in denen es schwierig wird, sich nicht auf die eine oder andere Weise mit politischen Themen zu beschäftigen, sei es, dass sie direkt in unsere Arbeit einfließen, sei es, dass sie schlicht die Arbeitsbedingungen verändern. Ich bin sehr privilegiert, dass ich eine doppelte Staatsbürgerschaft besitze, der deutsche Pass bedeutet ein großes Privileg, was Mobilität betrifft, im Gegensatz dazu müssen viele Freunde ständig Visaanträge stellen, um an Ausstellungen teilnehmen zu können. Ich würde sagen, das ist ein politisches Thema, folglich gibt es viele Ebenen in der Arbeit der Künstler. Und wenn du es genau wissen willst, mich persönlich beunruhigen diese Themen, sie beschäftigen mich sehr. Es gibt unterschiedliche Probleme der Mobilität für die einzelnen Künstler.

Laut Wikipedia wurden Sie in Teheran geboren. Hat Ihre iranische Herkunft in irgendeiner Art Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich habe die Idee der Herkunft aufgegeben. Ich interessiere mich nicht für die Herkunft, denn der Begriff wird heute auf überaus toxische Art benutzt, was wir beim Aufstieg nationalistischer Bewegungen beobachten können. Ich würde es vorziehen, zwischen Orten zu sein, für mich ist eher das Gefühl der Zugehörigkeit genau im Begriff Zusammengehörigkeit enthalten, einer Zusammengehörigkeit im globalen Sinne. Dass wir auf diesem Planeten mit anderen Menschen, aber auch mit anderen Lebensformen zusammen sind, diese Situation müssen wir zuallererst verstehen, anstatt dass wir uns um den Begriff Abstammung oder Herkunft bemühen. Vielleicht ist dies eine provokative Art, mit der ich die Menschen konfrontiere, die der Meinung sind, ihre Abstammung sei entscheidend für ihre Identität; dies will ich in keiner Weise in Frage stellen. Aber da ich zwischen mindestens zwei Ländern aufwuchs, habe ich gelernt, dass die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen, Qualität bedeutet. Meine Arbeit wird immer von all‘ diesen Dingen beeinflusst. Die Sichtweisen, die man sich im persönlichen Bereich angeeignet hat, verändern einen immer. Für mich sind die Dinge komplexer als einfach zu sagen, ich stamme aus einem Ort. Und ich glaube, dies schafft die Grundlage meiner Arbeit.

Warum gibt es dieses Spiel mit der Identität in Ihrer Arbeit?

Die Identität wurde politisch auf toxische Art benutzt, ich will sie keineswegs ablehnen, ich gehe recht vorsichtig mit ihrem Fetischismus um. Dass ich mit ihr spiele, hat folgende Bedeutung: Nichts ist in Stein gemeißelt! Das ist vielleicht das Motiv dahinter. Anstoß gaben auch einige sehr obskure Strukturen des Kunst- Establishments, eine davon ist die Biographie des Künstlers. Als ich zum ersten Mal einen Lebenslauf vorlegen musste, empfand ich dies als eine absolut lästige, traurige Geschichte.  Ich dachte: „Das bringt mich in ganz schlechte Stimmung, warum muss ich das tun?“ Dann begann ich, die verschiedenen Jobs, die ich hatte, aufzuschreiben oder meine verschiedenen Krankheiten in einer Art alternativer Biographie aufzulisten. Danach fragte ich Freunde, ob ich ihren Lebenslauf ausleihen könnte, um ihn dann als Idee auf eine online- Plattform zu übertragen, d.h., auf Bioswop.net, wo Künstler, aber nicht nur sie, ihre Lebensläufe würden austauschen können. Es war ein Projekt, in dem ich spielerisch und humorvoll diese Strukturen verarbeitete. Für die Biennale in Venedig war meine Entscheidung, meinen Namen zu verändern (von Natascha Sadr Haghighian zu Natascha Süder Happelmann) eine humorvolle Art, meine Bereitschaft zu zeigen, mich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, indem ich meinen Namen so anpasste, dass das deutsche Publikum ihn leichter aussprechen konnte. Also war dies eine lustige Art über Integration zu sprechen, ein eher kontroverses Thema in Deutschland. Der Stein auf dem Kopf war sicher ein Bedürfnis nach Humor angesichts der Tatsache, dass ich für eine äußerst exponierte Stelle ausgewählt worden war, an der man von mir erwartete, eine nationale Identität und ein Land zu vertreten. Ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich mich hiermit identifizieren sollte. Und als zweite Sache kam hinzu, dass ich es nicht mag, wenn man mich fotografiert. So fand ich einen Weg, nicht die Schwierige zu spielen, indem ich eben nicht bat: „Bitte, machen Sie kein Foto von mir!“ sondern ganz im Gegenteil: “Bitte, machen Sie so viele Fotos, wie Sie wollen, es stört mich nicht.“

Ist es für Sie eine Art, gegen dieses System anzugehen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es Sinn macht, gegen etwas anzugehen, wenn man selbst dazu gehört. Deswegen versuche ich immer, andere Wege zu finden, das System, in dem ich mich befinde, zu unterminieren oder es zu spiegeln. Das Kunstsystem ist Teil des Gesamtsystems, in dem wir uns befinden, es ist in gewisser Weise eine Mischung aus neoliberalem Kapitalismus, säkularem Kolonialismus, aus Faschismus und anderen Formen, die natürlich in das System der Kunst eindringen. So bitte ich eher das System, mit mir zu „tanzen“, statt in Konfrontation zu gehen.

Bioswop wurde 2004 gegründet. Wenn man die bedeutenden technischen Veränderungen von damals bis heute in Betracht zieht, würden Sie etwas anders machen, wenn Sie es 2020 gründen würden?

Bioswop ist ein Fossil des Internets. Wenn ich heute eine neue Version schaffen sollte, dann würde ich eine aus Algorithmen bestehende Anwendersoftware erfinden, die einen Lebenslauf zusammenstellen würde mit all‘ den Daten, die der Benutzer online findet, und dies mit dem Grad an Genauigkeit, die er wünscht. Zum Beispiel könnten die Informationen in einem Lebenslauf zu 51 Prozent korrekt sein, der Rest könnte aus zufälligen Hinweisen im Internet bestehen. Ich würde sagen, das wäre eher repräsentativ und korrekt, denn ungefähr so glauben wir doch, dass wir verstehen, wer jemand heute ist. Wir schauen nicht ihre Lebensläufe an, wir googeln und danach sammeln wir Informationen aus ihrem Profil in den sozialen Medien und machen uns ein Bild von ihnen. So würde ich mit der Idee der Anwendersoftware spielen.

  • Natascha Sadr Haghighian – Vortrag: „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung © NiMAC, Loizos Papacharalambous
    „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung – Vortrag
  • Natascha Sadr Haghighian – Vortrag: „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung © NiMAC, Loizos Papacharalambous
    „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung – Vortrag
  • Natascha Sadr Haghighian – Vortrag: „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung © NiMAC, Loizos Papacharalambous
    „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung – Vortrag
  • Natascha Sadr Haghighian – Vortrag: „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung © NiMAC, Loizos Papacharalambous
    „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung – Vortrag
  • Natascha Sadr Haghighian – Vortrag: „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung © NiMAC, Loizos Papacharalambous
    „Haptische“ Oberflächen: Pädagogik und Verschränkung – Vortrag

Ihr Werk stellt häufig das Ergebnis von Kooperation mit anderen Künstlern dar. Warum wählen Sie diese Form und was bedeutet diese Form für Sie?

Ich begeistere mich für Arbeit in Kooperation mit anderen Künstlern, sowohl kurz- als auch langfristig. Ganz einfach schenkt es mir größere Befriedigung, wenn ich Dinge mit anderen zusammen tue, es macht mehr Spaß, der eine lernt vom anderen, der eine inspiriert den anderen und das gefällt mir, denn alle haben Kenntnisse über etwas anderes, und so schaffen sie gemeinsam etwas, was der Einzelne allein nie schaffen würde. Es ist auch eine Art, den anderen kennen zu lernen, das ist etwas sehr Schönes. Manchmal meint man, man kennt jemand gut, aber durch die Zusammenarbeit lernt man eine neue Seite kennen, nicht immer die beste (lacht), aber auch das ist nützlich. So ist es ein schönes Balancieren zwischen dem Versuch, mich auf das zu konzentrieren, was ich zu einem bestimmten Thema zu sagen habe und wie ich es formulieren möchte, und dem Schritt, mich dann einer Person oder einer Gruppe von Menschen darüber mitzuteilen. Ich habe auch an Projekten teilgenommen, die das Ergebnis der Zusammenarbeit einer ganzen Gruppe waren, das genieße ich auch. Sicher stellt es einen vor ganz eigene Herausforderungen, aber es verleiht der Aufgabe und dem Lernprozess eine andere Qualität.

Man stellt ein zunehmendes Interesse an Kunst fest, die aus Teilen der Welt kommt, die sich früher an der Peripherie befanden (Asien, Osteuropa, Südamerika). Könnten Sie dazu einen Kommentar abgeben?

Es hat immer unglaubliche Zentren der Kunst gegeben, die von der westlichen Welt völlig ignoriert wurden, und es ist wirklich eine lächerliche Idee, dass man immer vom Westen erwartet, dass er diese Künstler anerkennt. Im Rahmen des Workshops haben wir viel über Peripherie und Zentrum diskutiert und ich hege wirklich starke Zweifel angesichts der Tatsache, dass diese alten Zentren immer wieder Bestätigung finden. Sie gehören zu einer Kolonialklasse, zu einer Hegemonie bestimmter Mächte, die seit langem zu sehr ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, als dass sie irgendetwas bestimmen könnten. Mich begeistert die neue Kunstszene in Kabul in Afghanistan, natürlich verfolge ich die Arbeit von Kollegen im Iran und es gibt eine unglaubliche Kunstszene im Libanon.  Nun hier in Zypern lerne ich Künstler kennen, deren Arbeit mich wirklich beeindruckt. Ich habe vorwiegend Künstler der jüngeren Generation kennengelernt, die Qualität ihrer Arbeit ist umwerfend. Über ihre individuelle Arbeit hinaus betreiben die meisten von ihnen unabhängige Kunsträume, was verblüffend ist, und ich denke, diese Aktivitäten sind großartig. Es interessiert mich nicht so sehr, was als „hot“ in New York oder Berlin betrachtet wird.

Ja, sicher gibt es ein Belohnungsschema, das einen in dieses System hineinzieht. Die Belohnung ist ziemlich großzügig, falls man von diesem Milieu anerkannt wird, aber auch das ist noch irgendwie ein Motiv aus Kolonialzeiten. Es gibt immer Belohnungen, die einen dazu führen, dass man Teil einer Situation oder einer Sache sein möchte, zu der man sonst nicht gehören würde. In den meisten Fällen würde ich sagen: „Nimm das Geld und lauf!“ und doch kommen wir wieder zum Thema der Identität und hier würde ich sagen: „Nimm es, aber identifizier dich nicht mit dem System!“ Das ist mein Versuch, bei Verstand zu bleiben.

Was war für Sie wichtig in der Diskussion, die am 23. Januar 2020 stattfand, und was möchten Sie davon der Öffentlichkeit mitteilen?

Ich würde sagen, meine Herangehensweise an die Dinge, was mir dringend erscheint, die verschiedenen Strategien, die ich mit der Zeit entwickelt  habe, um auf Probleme zu antworten, die Teil dessen sind, was wir besprochen haben. Gedanken rund um die Themen Identität und Mobilität. Wie wir ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln oder darin bleiben können, ein Thema, das ich immer für wichtig hielt und besonders jetzt, wo in allem Uneinigkeit herrscht und die Leute zu glauben scheinen, ohne Solidarität sei alles besser. Ich glaube, es ist wichtig, Strukturen zu entwickeln, die die Solidarität feiern und Sensibilität für den Mitmenschen und für Diversität kultivieren.


 

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