Nina Hollein Gegen die fade Norm

Weil es für Kinder nur Einheitslooks zu kaufen gab, setzte sich die Architektin Nina Hollein in Frankfurt am Main an die Nähmaschine – und macht jetzt aus alten Stoffen und neuen Schnitten ganz eigene Sachen.

Kollektion Kinder 2014 Kollektion Kinder 2014 | Foto: Anja Conrad Kollektion Kinder 2014 Kollektion Kinder 2014 | Foto: Anja Conrad Dass die studierte Architektin Nina Hollein zur Mode fand, war eigentlich weder vorgesehen noch geplant. Nach langem Aufenthalt in New York und Jobs in den Büros von Peter Eisenman und Tod Williams ging die gebürtige Österreicherin im Jahr 2001 mit ihrem Mann Max Hollein nach Frankfurt, wo er erst Leiter der Schirn-Kunsthalle und dann noch des Städelmuseums wurde. Nina Hollein arbeitete zunächst auch in Frankfurt – als Architektin, unter anderem bei Albert Speer –, bevor sie kurz hintereinander drei Kinder bekam „und damit erst einmal zu Hause saß“, wie sie sagt. Dort zu Hause stand allerdings auch eine Nähmaschine, und Nina Hollein, die schon als Jugendliche gerne genäht hatte, fand jetzt immer mal wieder Zeit, sich Gedanken über interessante Kinderkleidung zu machen: „Denn damit fängt es ja meistens an, dass man etwas für das engste Umfeld macht – und das waren bei mir zu der Zeit die Kinder.“ Und da gab es durchaus Bedarf, denn die Auswahl an Kinderkleidung sei zwar riesig, aber „ehrlich gesagt auch ein wenig fad“ gewesen. Sie wollte ihren Kindern nicht nur das anziehen, was die großen Modeketten schon in den Kindergärten durchsetzen: „Mode soll ja die Persönlichkeit unterstreichen – und dann schaut man richtig hin, und es ist doch eigentlich alles genormt und gleich.“ Sie selbst hatte sich als Kind und Jugendliche andere Sachen geschneidert als das, was im Angebot war, und nutzte dafür zum Beispiel Dirndl-Stoffe für Bikinis. „Ich glaube, dass die Jugendlichen damals unterschiedlicher ausgesehen haben. Man hatte mehr Mut, auch Ungewöhnliches anzuziehen.“

Mut, etwas anderes anzuziehen

Kollektion Kinder 2014 Kollektion Kinder 2014 | Foto: Anja Conrad Nina Hollein Nina Hollein | Foto: Anja Conrad An diesen Mut und den früheren Willen zum Umdeuten knüpfte sie dann in der Kinderpause an und schneiderte als erstes aus traditionellem österreichischem Geschirrhandtuch-Stoff Röcke und Jacken für die Kinder. „Wenn meine Kinder sie nicht gemocht hätten, hätten sie sie natürlich auch nicht tragen müssen“, sagt Nina Hollein. Aber sie mochten sie, vor allem der sich immer mitdrehende Glockenrock für die Mädchen war ein voller Erfolg. Und das nicht nur bei den Mädchen, sondern auch bei deren Müttern. Seitdem wurde Nina Hollein immer wieder gefragt, ob sie so etwas auch für andere Kinder nähen könnte. Und als sie die ersten Sachen für sich selbst entwarf, die sie dann in der Frankfurter Kulturszene trug, kamen auch von dort erste Nachfragen nach diesen Teilen. „Und so ergab eins das andere“, sagt Nina Hollein, die sich bald darauf mit einem eigenen Atelier in Frankfurt Sachsenhausen selbstständig machte. Und obwohl sie mittlerweile deutschlandweit und international verkauft, kommen doch immer noch Kundinnen direkt aus Frankfurt vorbei. Das ist in der konservativen deutschen Bankenmetropole, in der eher der Business-Schick zuhause ist, durchaus bemerkenswert.

Tragbar – aber auf dem Weg Richtung Avantgarde

Kollektion Kinder 2014 Kollektion Kinder 2014 | Foto: Anja Conrad Nina Hollein Nina Hollein | Foto: Anja Conrad Nina Holleins Frauenkollektion ist zwar schön und tragbar, einige Teile sind aber auf dem Weg in Richtung Avantgarde. Ihre feinen, durchscheinenden Tops zum Beispiel brauchen selbstbewusste Trägerinnen, ebenso ihre durch Raffung ganz verschieden zu tragenden transparenten Abendkleider. Dazu braucht es schon Überlegung und etwas von der Unerschrockenheit der Designerin, was Mode betrifft.

In diese Richtung geht auch ein Teil, das gleichzeitig Jacke und Hose ist, „und das sich überraschend gut verkauft hat“, wie Nina Hollein selbst etwas verblüfft berichtet.

Der Trick ist vielleicht, dass sie selbst, ganz Architektin, zwar immer mit einem Plan an ihre Entwürfe geht – man es denen aber nicht unbedingt ansehen soll, wie sie sagt. Sie ist zwar fasziniert von alten Handwerkstechniken und davon, wie unterschiedlich Stoffe fallen können. Die Kundin muss die ganze Geschichte und den Hintergrund eines Kleidungsstücks aber nicht zwingend kennen: „Ich mache vielleicht Konzeptmode, aber es sollte leicht und tragbar bleiben.“ Außerdem hat sie selbst große Freude daran, Stoffe, die eigentlich nicht dafür gedacht sind, als Ober-Kleidung zu verarbeiten. Neben den Geschirrhandtüchern und Laken sind das zum Beispiel Futterstoffe, die eigentlich nur oben aus dem Dirndl herausschauen, und aus denen sie ganze Abendroben schneidert.

Stoffe aus alten Weberei-Betrieben

Nina Hollein Nina Hollein | Foto: Anja Conrad Die meisten dieser Stoffe findet sie im oberösterreichischen Mühlviertel, wo ihre Familie einen Ferien-Hof besitzt. Dort in den alten Webereien herumzustöbern, Stoffe mitzubringen und dann im Atelier zu Kleidern oder Accessoires zu verarbeiten – das ist für sie das Interessante an der Arbeit als Designerin. Die Präsentationen der Kollektionen, die Aufregung des Mode-Business nimmt sie dafür gelassen in Kauf. Es ist nicht das, worum es ihr geht. „Mode", sagt Nina Hollein, „entsteht doch eigentlich allein zu Hause vor dem Spiegel“. Und dort können Frauen auch ungestört herausfinden, ob ihnen die Möglichkeiten, die in einem Abendkleid von Nina Hollein liegen, nicht doch mehr zusagen als konfektionierte Massenware. Denn die dominiert ja nicht nur im Bereich Kindermode.