Sprachkenntnisse zugewanderter Fachkräfte Wie viel Deutsch muss sein?

Arzt-Patienten-Gespräch
Arzt-Patienten-Gespräch | © Techniker Krankenkasse

Ob Arzt oder Altenpfleger, Ingenieur oder Maurer – wer in Deutschland arbeitet, braucht Kenntnisse der Landessprache. In manchen Branchen sind besondere Sprachkompetenzen gefragt.

Deutschland zieht vermehrt Fachkräfte aus dem Ausland an: Allein im Jahr 2012 stieg die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärzte laut Bundesärztekammer um fast 15 Prozent. Auch Pflegekräfte, Computerfachkräfte, Ingenieure und Facharbeiter kommen aus Südeuropa, Südostasien und anderen Teilen der Welt, um hier zu arbeiten. Meist besuchen sie in ihren Heimatländern Deutschkurse, bis sie das sprachliche Niveau erreicht haben, das sie für die Einreise nach Deutschland und zur Anerkennung ihrer Berufsausbildung benötigen. Manchmal passiert das aber auch nicht: „Theoretisch müssen die Ärzte ein B2-Niveau nachweisen. Aber in der Praxis ist die personelle Situation gerade auf dem Land häufig so desolat, dass Krankenhausbetreiber darauf verzichten. Die Leute bekommen dann beispielsweise einen befristeten Vertrag und sollen innerhalb eines Jahres berufsbegleitend Deutsch lernen“, sagt Almut Schön, die sich in ihrer Doktorarbeit mit Deutschkursen für Mediziner beschäftigt hat. So können in Bayern qualifizierte ausländische Fachkräfte ihre Tätigkeit in der Altenpflege aufnehmen, bevor sie die erforderlichen Sprachkenntnisse vorweisen, sollen dann aber innerhalb von sechs Monaten zum B2-Niveau geführt werden.

Denn wer in Deutschland arbeitet, braucht Kenntnisse der Landessprache: „Alle Arbeitnehmer müssen in der Lage sein, ihre Arbeitsverträge und Lohnrechnungen verstehen zu können und bei Bedarf mit Kollegen einen Smalltalk beim Mittagessen zu machen“, meint Petra Szablewski-Cavus, die berufsbezogene Deutschkurse anbietet. Laut Bernd Meyer, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der Uni Mainz, sind Deutschkenntnisse auch für die Arbeitssicherheit das A und O: „Auf Baustellen entstehen viele Unfälle aufgrund von Sprachschwierigkeiten und Missverständnissen.“ Während die Arbeitsprozesse etwa in der Fertigung und Produktion relativ standardisiert sind und indische Ingenieure bei fachlichen Gesprächen mit ihren Kunden durchaus auf Englisch ausweichen können, sind unzureichende Deutschkenntnisse gerade in kommunikationsintensiven Berufen ein großes Problem.

Kein Erfolg ohne gute Kommunikation

Wenn Ärzte oder Menschen in Pflegeberufen sich nicht verständlich ausdrücken können oder selbst Verständnisprobleme haben, können sie ihre Arbeit trotz hervorragender Fachkenntnisse oftmals nicht gut machen: „Zu der Ausbildung einer Altenpflegerin in Deutschland gehört es, ihr Fachwissen im Gespräch mit Angehörigen in die Umgangssprache zu übersetzen. Selbst für eine fachlich kompetente Altenpflegerin aus Bulgarien stellen sich hier ganz besondere Anforderungen an deutschsprachliche Kompetenzen. Es kann auch ein großes Problem für sie sein, wenn sie Dokumentationen ausführen und dabei auch noch gewisse Formalien beachten muss“, meint Szablewski-Cavus. Besonders heikel ist die Situation bei Ärzten: Der Austausch mit Kollegen funktioniert hier zwar meist gut, weil die fachliche Kommunikation international ähnlich strukturiert ist und weil qualifizierte Ärzte sich die Fachbegriffe meist leicht erschließen können. Aber gerade im Kontakt mit Patienten sind Sprache und Kommunikation von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Denn Patienten benutzen, ebenso wie ihre Angehörigen, in der Regel keine Fachausdrücke: Sie erklären in ihren eigenen Worten, welche Beschwerden und Vorerkrankungen sie haben, wie es zu einem Unfall kam oder ob sie regelmäßig Medikamente einnehmen. Nicht alle Patienten können auf Englisch ausweichen und einige sprechen Dialekt oder gebrochenes Deutsch. Manche ziehen im Nachhinein gar vor Gericht, weil sie die Aufklärungsgespräche von Ärzten mit mangelnden Deutschkenntnissen als nicht ausreichend empfinden.

Am Bedarf ausgerichtet: Deutschkurse und -prüfungen für Fachkräfte

In einigen Branchen ist es bereits üblich, dass zugewanderte Fachkräfte in Deutschland berufsbegleitende Deutschkurse besuchen, die teilweise von den Arbeitgebern oder aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Einige Kliniken wie die Charité in Berlin oder das Universitätsklinikum in Freiburg lassen ihre Mitarbeiter anhand von Rollenspielen Gesprächssituationen mit Simulationspatienten üben. Laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft haben einige Behörden bereits praxisbezogene Sprachtests eingeführt, in denen zum Beispiel Arzt-Patient-Gespräche simuliert werden. Und im Rahmen der Gesundheitsministerkonferenz einigten sich die Länder, eine einheitliche Überprüfung der Sprachkenntnisse zu erarbeiten, denn bisher gibt es in den Krankenhäusern unterschiedliche Reglungen.

Wichtig ist vor allem, dass solche Kurse und Tests Kenntnisse berücksichtigen, die eine Fachkraft im Job tatsächlich braucht. Für manche Branchen wie die Alten- und Krankenpflege und für die Medizin wurden bereits entsprechende Leitlinien und Unterrichtsmaterialien entwickelt. Petra Szablewski-Cavus empfiehlt, dass Lehrkräfte ihre Kursteilnehmer in berufsbegleitenden Fortbildungen zu Rechercheuren ihres eigenen Sprachbedarfs machen und sich – wenn möglich – einen Einblick in das jeweilige Arbeitsfeld und in die konkreten Arbeitsanforderungen verschaffen. Bis zugewanderte Fachkräfte sprachlich so weit sind, ihre Aufgaben zu bewältigen, sollten sie am Arbeitsplatz selbstverständlich erfahrene Kollegen an ihrer Seite haben.
 

Die Goethe-Institute bereiten Fachkräfte in berufssprachlichen Kursen auf ihre Tätigkeiten in Deutschland vor.