Maerzmusik 2015 Das lange Jetzt

The Long Now, MaerzMusik 2015, 28./29.03.2015
The Long Now, MaerzMusik 2015, 28./29.03.2015 | © Camille Blake

Das Berliner Festival Maerzmusik nennt sich neuerdings „Festival für Zeitfragen“. Es geht um die Ausweitung des bestehenden Konzepts eines zeitgenössischen Musikfestivals. Deshalb wurden bei Maerzmusik 2015 viele Fragen aufgeworfen, aber längst nicht alle beantwortet. Und das zentrale Thema „Zeit“ lud manchen ein, seine Gedanken kreativ und philosophisch schweifen zu lassen.

Berno Odo Polzer, der neue Leiter der Berliner Maerzmusik, sucht neue Konzertformate. Das Eröffnungskonzert Liquid Room etwa wird im Festivalprogramm als „eine Art Live-Streaming“ bezeichnet. Die englische Sprache fasziniert den 1974 in Bregenz geborenen Musikkurator, der zuvor das Festival Wien modern leitete. Wirkt nicht ein Live-Stream aktueller als ein traditionelles Konzert? Dabei ist die Maerzmusik schon unter Polzers Vorgänger Matthias Osterwold multimedial und international ausgerichtet gewesen.

Neue Leitung, neues Konzept

Natürlich möchte ein neuer Leiter alles anders machen. Das bisherige „Festival für aktuelle Musik“ verwandelte Polzer in ein „Festival für Zeitfragen“, wobei er die Zeit nicht zuletzt als eine Kategorie des Politischen versteht. So ergänzte Polzer die Konzerte durch die neuntägige Konferenz Thinking Together – The Politics of Time. Fast alle Vorträge und Diskurse fanden auf Englisch statt, auch die der deutschen Referentinnen und Referenten Aleida Assmann, Sven Lüttiken, Julian Pörksen, Helga de la Motte-Haber, Gregor Herzfeld und Lutz Henke. Polzer stützte sich bei diesem Format auf seine Erfahrungen mit dem Open Space der Darmstädter Ferienkurse.

Nicht zuletzt ging es bei den Diskussionen der Konferenz um die Befreiung vom neoliberalen Zeitregime. Rolando Vázquez, Soziologe am University College Roosevelt im niederländischen Middelburg, plädierte für eine Dekolonisierung der Zeit; der Autor und Dramaturg Julian Pörksen sprach sich für eine großzügige Zeitverschwendung aus. Diese Konzeption prägte auch die Programmgestaltung der Maerzmusik, die das Zeitempfinden weitgehend außer Kraft setzen wollte. Zu diesem Zweck wurde das Eröffnungskonzert Liquid Room auf vier Stunden und die Abschlussveranstaltung The Long Now im Kraftwerk Berlin sogar auf 30 Stunden gedehnt. Es gab Hörer, die sich auch mit unendlich langsam fortschreitenden Klängen oder mit einzelnen Haltetönen zu endlosen Filmprojektionen zufrieden gaben, während andere die Dauerberieselung als Zeitverschwendung empfanden.

Politik und Seufzer

Will man nicht schon die zeitliche Dehnung der Konzerte als politischen Akt verstehen, so wurde die vielbeschworene politische Dimension der diesjährigen Maerzmusik eigentlich nur in zwei Veranstaltungen deutlich. Der Experimentalfilmer Daniel Kötter und der Komponist Hannes Seidl hatten mit ihren Musiktheater-Projekten Kredit und Recht zwei unsichtbare Prinzipien erforscht, die die „Ökonomie des Handelns“ prägen. Während die Kamera bei Kredit Frankfurter Banker bei ihrer Arbeit begleitete, wurde in Recht ein Treffen von Rechtsgelehrten inszeniert, die auf einer Mosel-Insel eine neue englischsprachige Rechtsordnung entwerfen. Aparterweise wurde in Kredit die filmische Tonspur gelöscht und live nachgeschaffen. Man bestaunte die Synchronsprecher und Geräuschemacher, die den fehlenden Ton ergänzten, verstand aber trotzdem nicht die Geheimnisse des Bankwesens. Bei Recht geschah die Verfremdung gerade umgekehrt durch die Verdopplung der Tonspur durch Live-Musik auf der Bühne. Wenn auch hier die inhaltliche Aussage nebulös blieb, so sorgte die originelle Form doch für Denkanstöße.

Den lohnendsten Teil des Festivals bildete die Reihe mit Werken des seit 1965 in Paris lebenden griechisch-stämmigen Komponisten Georges Aperghis, der zu seinem 70. Geburtstag persönlich erschienen war. Seine Récitations für Stimme solo (1977/78) mit der Sängerin Donatienne Michel-Dansac bildete einen fulminanten Auftakt. Nach überaus schnellem Sprechgesang, im Wechsel von Haltetönen und Tonrepetitionen, bestand das zweite Stück aus einer Verbindung von Sprechen und Rufen. Zum Schluss schien es der Interpretin mit gestauter Luft den Atem zu verschlagen. Sie endete mit einem großen Seufzer und wechselte dabei von der bis dahin verwendeten französischen Alltagssprache ins Spanische. Statt der auf dem Programmzettel vermerkten 40 Minuten dauerte die Aufführung allerdings 60 Minuten. Bei einem Festival für Zeitfragen hätte man genauere Angaben zur Werkdauer erwartet.

Der Einzelne und das Ganze

Seine Situations für 23 Solisten hatte Aperghis 2013 für die Musikerinnen und Musiker des Klangforums Wien geschrieben. Es handelt sich um eine Reihe musikalischer Einzelporträts der Interpreten und ihrer Charaktere. So ließ Aperghis den russischen Akkordeonspieler Krassimir Sterev ein Puschkin-Gedicht rezitieren. Der Pianist Florian Müller, der dem Komponisten als besonders schweigsam erschien, trug in deutscher Sprache einen Canetti-Text über das Schweigen vor. Aperghis definierte orchestrales Zusammenspiel als soziale Frage: Wie kann man zusammen leben, ohne die Individualität preiszugeben? Als Antwort auf diese Frage ergab sich mit Situations ein zwischen Soli und Tutti, Spielen, Sprechen und Singen wechselndes Stück voll faszinierender Sprünge und Überraschungen.