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Freiraum

Das Projekt Freiraum erkundet, wie es in den Städten Europas um die Freiheit bestellt ist. Welche Fragen ergeben sich, wenn Bürgerinnen und Bürger, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Kulturschaffende ganz ortsspezifisch über den Begriff „Freiheit“ nachdenken? Welche Probleme werden in einer Stadt erkennbar?
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Mann mit Ball© Goethe-Institut / Caroline Lessire

Projektergebnisse

Im Rahmen des europäischen Projekts Freiraum erarbeiteten die Schüler des römischen Instituts IIS Enzo Ferrari mit Unterstützung des Comic-Museums in Cosenza ein Graffiti für die Fassade der Schule sowie die Bibliothek der Accademia Popolare dei diritti e dell’antimafia. Ein identisches Graffiti wurde in Nikosia im Flüchtlingslager und an anderen emblematischen Orten der Stadt geplant. Eine interaktive Tafel und eine dazu entwickelte App wurden in Rom anlässlich der 4. Ausgabe von Restart!, Festival der Kreativität gegen die Mafien und für die Rechte in Rom präsentiert. Die Vorstellung in Nikosia fand am 24. November 2018 statt.
 

Beyond the walls: Das Projekt

Zypern liegt am äußersten südöstlichen Zipfel Europas, näher zur Türkei, Syrien Libanon und Israel als zu jedem anderen europäischen Land. Nach dem Putsch und dem Einmarsch der Türkei, wurde das Land 1974 geteilt in den von der Türkei besetzten Norden, in den alle türkisch-sprachigen  Zyprioten umgesiedelt wurden und die Republik Zypern im Süden, in die alle griechisch und armenisch-sprachigen Zyprioten umgesiedelt wurden. Seit 2004 ist Zypern Mitglied der Europäischen Union und seit 2008 in der europäischen Währung. Da der Beitritt während hoffnungsvoller Friedensverhandlungen erfolgte, ist ganz Zypern Mitglied der Europäischen Union, d.h. alle Zyprioten haben einen EU Pass.

Von 2009 bis 2013 litt Zypern unter einer schweren Finanzkrise, die im sogenannten Haircut vom 25. März 2013 ihren Höhepunkt erreichte, als die beiden größten Banken des Landes geschlossen wurden. In beiden Banken wurden Konten über 100.000 Euro mit einer einmaligen Bankeinlagenabgabe beschnitten. Obwohl dies ein schwerer Einschnitt war, kann aus heutiger Sicht gesagt werden, dass diejenigen, die am meisten gelitten haben, nicht diejenigen sind, die vom Haircut betroffen waren, sondern diejenigen, die keinen Zugang zu Ressourcen haben, und insbesondere die Jugendlichen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Zypern wie in vielen Ländern Südeuropas sehr hoch, obwohl viele Jugendliche eine gute Ausbildung haben.

Was bedeutet der Begriff Freiheit und Freiraum angesichts der Teilung des Landes und den Folgen der Wirtschaftskrise von 2013 in Zypern und welche Frage beschäftigt das Land in diesem Zusammenhang am meisten? Zusammen mit der Artos Foundation, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst und Wissenschaft, hat das Goethe-Institut Zypern Vertreter von NGOs, Universitäten, Künstlern und Journalisten aus ganz Zypern zu einem Workshop eingeladen, um eine gemeinsame relevante Fragestellung zu finden.

Teilnehmenden des Workshops waren:
Karin Varga
Achilleas Kentonis
Eliza Patsalidou
Prof Michalis Attalides
Dr. Theo Panayiotou
Maria Hadjimichael

Sowie:
Teresa Constandiniou
Niyazi Kizilyürek
Demetra Kallitsi
Xenia Loizidou
Markella Papanikolaou
Joanna Hadjicosti
Ali Tuncay,
Glafkos Constantinides  
Hayriye Rüzgar
Elia Neofytou
Achim Wieland
Melissa Hekkers
Selen Mesutoglu Altan
Yiorgos Hadjichristou
Halil Karapasaoglo
Yiannis Laouris

In drei Weltcaférunden zu den Themen Wirtschaft, Identität und Europa wurden insgesamt 16 Fragen formuliert und in einem Ranking bewertet.

Die Frage, die in diesem Ranking die meiste Punktzahl bekam, war: Haben wir Zugang zur richtigen Bildung, damit wir eine nachhaltige und faire Ökonomie sichern können, in der wir unsere ökonomische Freiheit effektiv anwenden können?

Die wirtschaftliche Freiheit wird im Allgemeinen als Grundvoraussetzung für die Freiheit angesehen. Und eine Voraussetzung für wirtschaftliche Freiheit ist Bildung. Oder anders gesagt: Viele junge Menschen haben keine Arbeit, obwohl sie gut ausgebildet sind oder weil sie nicht die richtige Ausbildung haben.

Mit dieser Fragestellung hat Nikosia an einem Treffen in Warschau sämtlicher am Projekt Freiraum beteiligter europäischer Städte teilgenommen. Während des Treffens wurden per Zufallsgenerator Paarungen bestimmt und als Tandemstadt von Nikosia wurde Rom gezogen. Rom bearbeitete folgende Fragestellung: „Wie können grundlegende Praktiken lokaler Entwicklung in einem Gebiet umgesetzt werden, das von der Mafia kontrolliert und von Gewalt betroffen ist?“.

Weltweit leidet die Wirtschaft heute unter den Folgen der Finanzkrise des Jahres 2010, und auch die Bürger Roms wohnen einer zunehmenden Reduzierung der grundlegenden Leistungen des Wohlfahrtsstaats bei. In der italienischen Hauptstadt, bleibt neben den Etatkürzungen für Bildung, Wirtschaftsförderung, öffentliche Infrastrukturen und Kultur, auch die Problematik der Korruption und der organisierten Kriminalität gravierend. Vor allem in der römischen Peripherie hat der Rückzug des Staates die Gleichgewichte ins Wanken gebracht und ein fruchtbares Terrain für die Kriminalität geschaffen. Die Mafien und die Kriminalität bieten ganzen Stadtvierteln Dienstleistungen und Arbeitsplätze, werben Wachposten, Lageristen und Dealer für den Drogenhandel an und entlohnen sie, und üben so eine nahezu totale Kontrolle über das Territorium aus. Sie stellen eigene Sicherheitsdienste zur Verfügung, vergeben Sozialwohnungen und kontrollieren Handel und Gewerbe. Die schmutzigen Gelder werden sodann in den Spielhallen reingewaschen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, und den Familien in Geldnot gefährliche Illusionen vermitteln.

Um dieser brisanten Lage Abhilfe zu schaffen, haben sich in zahlreichen Stadtvierteln Bürgerkomitees und -vereine zusammengeschlossen. Im Rahmen des Projekts Freiraum hat das Goethe-Institut Kontakt zu diesen Gruppen aufgenommen und in der Accademia popolare dei diritti e dell’antimafia (Volksakademie zur Verteidigung der Rechte und zum Kampf gegen die Mafien) Workshops organisiert. Die von dem Verein daSud gegründete Akademie hat ihren Sitz im Institut IIS Enzo Ferrari, einem Gymnasium in der östlichen Peripherie Roms. An den Begegnungen haben Vertreter der Anti-Mafia-Organisation daSud – Partner des Goethe-Instituts beim Projekt Freiraum -,Architekten, Städteplaner, Soziologen, und Fachleute teilgenommen, die sich mit der Problematik der Vorstädte befassen, sowie Mitglieder verschiedener Kulturvereine, die in den Bezirken Cinecittà-Don Bosco, Prenestina-Torpignattara und Tor Bella Monaca (insgesamt circa 800tausend Einwohner) engagiert sind.  

Teilnehmende:
  • Für daSud: Danilo Chirico, Laura Triumbari, Vito Fodera, Andrea Meccia, Marco Carta
  • Goethe-Institut Rom: Gabriele Kreuter-Lenz, Antonella Perin
  • Dicea – Dipartimento di Ingegneria Civile, Edile e Ambientale dell’Università La Sapienza di Roma: Prof. Carlo Cellamare; Giulia Barra; Marco Gissara
  • Alessandro Lanzetta; Deborah Navarra
  • Loris Antonelli, Diversamente
  • Diego Ciarafoni, Eccoci
  • Sandro Iazzetti, Autor
  • Comitato di sviluppo locale di Piscine di Torrespaccata
Danilo Dolci Danilo Dolci | Grafik: © daSud Bei den Begegnungen und Debatten zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch sind Rom und Nikosia übereingekommen, die beiden jeweiligen Fragestellungen mittels gemeinsamer Interpretationsansätze und Ausdrucksformen anzugehen. Einen wichtigen Beitrag lieferten hierbei das Leben und Wirken des Soziologen, Poeten und Aktivisten Danilo Dolci (1924-1997).

Dolcis soziales und erzieherisches Engagement gründete auf der sokratischen Mäeutik und strebte die sog. „Selbstkompetenz”, das Empowerment jener Personen an, die von Macht und System ausgeschlossen sind. Seine Studien, die bis auf die Siebziger Jahre zurückreichen, sind bis heute Inhalt internationaler experimenteller Forschungsprojekte. Danilo Dolcis Arbeitsmethode basiert auf der Überzeugung, dass wahre Veränderungen nur mittels direkter Einbeziehung und Beteiligung der Betroffenen erreicht werden können; Fortschritt bedeutet für ihn den konstruktiven Rückgriff auf Kultur und Kompetenzen des Territoriums sowie auf die Beiträge der einzelnen dort ansässigen Gemeinwesen und Individuen. In den nach der Methode Dolcis abgehaltenen Sitzungen hinterfragt sich jeder Einzelne, konfrontiert sich mit seinem Gegenüber, hört zu, trifft selbstständig Entscheidungen und wird so zur treibenden Kraft der sozialen und politischen Emanzipation der Individuen und der Gemeinschaft, der er selbst angehört.

Ausgehend von der Schlüsselfigur Danilo Dolcis haben die Schüler des Instituts IIS Enzo Ferrari, mit Unterstützung des Comikmuseums in Cosenza, den Entwurf eines Graffitis erarbeitet, das auf der Fassade der Schule sowie in der Bibliothek der Accademia Popolare dei diritti e dell’antimafia zu sehen ist. Identische Graffitis sollen in Nikosia – im Flüchtlingslager und an anderen emblematischen Punkten der Stadt – realisiert werden. Auf diese Weise soll dem im Rahmen des Projekts Freiraum entstandenen Dialog zwischen Rom und Nikosia in beiden Städten ein konkret sichtbares Zeichen gesetzt werden. Zugleich wird eine im Rahmen des Projekts extra entwickelte App Informationen zum Projekt und zu den beteiligten Vereinigungen bieten.
  • Auftakt des Restart-Festivals am 18. Oktober 2018 © Francesco Cicconi
    Auftakt des Restart-Festivals am 18. Oktober 2018
  • Auftakt des Restart-Festivals am 18. Oktober 2018. Amico Dolci erzählt von seinem Vater Danilo Dolci, Aktivist und Soziologe. © Francesco Cicconi
    Auftakt des Restart-Festivals am 18. Oktober 2018. Amico Dolci erzählt von seinem Vater Danilo Dolci, Aktivist und Soziologe.
  • Gabriele Kreuter-Lenz (Leiterin des Goethe-Instituts Italien), Karin Varga (Leiterin des Goethe-Instituts Nikosia) und Vito Foderà (daSud) stellen das Projekt „Freiraum“ vor. © Francesco Cicconi
    Gabriele Kreuter-Lenz (Leiterin des Goethe-Instituts Italien), Karin Varga (Leiterin des Goethe-Instituts Nikosia) und Vito Foderà (daSud) stellen das Projekt „Freiraum“ vor.
  • Gabriele Kreuter-Lenz (Leiterin des Goethe-Instituts Italien), Karin Varga (Leiterin des Goethe-Instituts Nikosia) und Vito Foderà (daSud) stellen das Projekt „Freiraum“ vor. © Francesco Cicconi
    Gabriele Kreuter-Lenz (Leiterin des Goethe-Instituts Italien), Karin Varga (Leiterin des Goethe-Instituts Nikosia) und Vito Foderà (daSud) stellen das Projekt „Freiraum“ vor.
  • Vorstellung der App und der interaktiven Tafel. © Francesco Cicconi
    Vorstellung der App und der interaktiven Tafel.
  • Vorstellung der App und der interaktiven Tafel. © Francesco Cicconi
    Vorstellung der App und der interaktiven Tafel.
  • Interaktive Tafel außerhalb der Schule Enzo Ferrari in Rom. © Francesco Cicconi
    Interaktive Tafel außerhalb der Schule Enzo Ferrari in Rom.
Freiraum Rom Foto: Goethe-Institut

Rom / Die lebenswerte Stadt
Die Stadt stark machen

Untersucht wird die Zusammenarbeit von Bürgervereinen und öffentlichen Institutionen – und deren Abwesenheit in peripheren Gebieten mit hoher Kriminalitätsrate. Wie können grundlegende Praktiken lokaler Entwicklung in einem Gebiet umgesetzt werden, das von der Mafia kontrolliert und von Gewalt betroffen ist?

Freiraum Nicosia © Goethe-Institut Zypern

Nikosia / Freiheit, ein Luxus?
Recht auf Bildung

Ökonomische Freiheit wird als Grundvoraussetzung für Freiheit im Allgemeinen angesehen. Eine der Grundvoraussetzungen der ökonomischen Freiheit ist Bildung. Auf Zypern gibt es viele junge Menschen, die trotz sehr guter Ausbildung keine Arbeit finden, weil ihnen die richtige Ausbildung fehlt. Haben wir Zugang zur richtigen Bildung, damit wir eine nachhaltige und faire Ökonomie sichern können, in der wir unsere ökonomische Freiheit effektiv anwenden können?


Unsere Partner

ARTos Foundation – Logo

Artos Foundation

Die ARTos Foundation ist ein Zentrum für zeit­genössische Kunst und Wissenschaft, dem es um Forschung und Kreativität gleichermaßen geht: Lernen, Chaos und Fantasie werden versuchsweise verschaltet. Künstlerinnen und Künstler / Urheberinnen und Urheber und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler finden hier Inspiration in einem weit verstandenen Sinne – und Förderung auf lokaler wie auf internationaler Ebene.

daSud – Logo

daSud

daSud ist ein Antimafia-Verein, der 2005 gegründet wurde. Ziel des Vereins ist es, Mafia mit Kultur, politischen Rechten und Partizipation zu bekämpfen. daSud arbeitet hauptsächlich an formaler und nicht-formaler Bildung in einer Schule in der Peripherie von Rom, mit besonderen Augenmerk auf Geschlechter­gerechtigkeit. Seit 2009 hat der Verein seinen Sitz in Rom und organisiert Aktionen und Veranstaltungen wie Graphic Novels und Theater- und Kino­veranstaltungen aus einer Antimafia-Perspektive. daSud arbeitet in Kollaboration mit dem italienischen Bildungs­ministerium und mit Vertretern der Kunstwelt.


Die Arbeitsgruppe Nikosia

Wir stellen die Arbeitsgruppe Nikosia des europäischen Goethe-Projekts FREIRAUM vor – die zusammen mit der des Goethe-Institut Rom Ideen zur Verteidigung der Vielfalt realisieren wird.


Weiterdenken

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