Interview Marios Ioannou

Marios Ioannou
Foto: Nicolas Iordanou

Womanhood – Marios Ioannou hat versucht das Universum der Frauen auf die Bühne zu bringen – im Interview verrät er, warum es ihn reizt, tief in die weibliche Psyche einzutauchen und welche Botschaft er damit übermitteln möchte.

Wie ist die Idee für diesen Workshop und diese Performance entstanden?

Die Idee zu Womanhood hat sehr viel mit den Erfahrungen und Impulsen zu tun, die ich von der der ersten Frau in meinem Leben bekam. Meiner Mutter. Ich wollte einen Weg finden, sie zu ehren, denn für mich war sie eine unerschöpfliche Inspirationsquelle, mit den Gedichte, die sie las, den Liedern, die sie sang, und den Zeichnungen, die sie machte. Sie vermittelte mir die Liebe zu den Menschen und zur Kunst. Und durch die Kunst wollte ich sie wieder finden. Meine Mutter hatte einen liebenswerten und bunten Charakter und eine anarchistische Natur, daher glaubte ich, dass alle Frauen so sind. Ich wollte dem Publikum dieses positive Bild, das ich von meiner Mutter und von allen Frauen habe, mitteilen.

Welcher Teil des Prozesses reizt Sie am meisten?

Ich bin fasziniert von vielen Momenten des Prozesses, die sowohl mit den Workshops als auch mit der Performance zu tun haben. Momente, in denen ich sehe, wie sich Fremde vom ersten Treffen an näher kommen und sich liebevoll umarmen. Momente, in denen wir persönliche Geschichten teilen, um gemeinsam eine Stimme zu finden und unser Herz öffnen. Momente, in denen eine Person, die bis vor kurzem schüchtern und gesammelt erschien, auf der Bühne plötzlich befreit ist. Und tausend andere Momente, wenn wir aus dem Herzen etwas erschaffen, und dabei Bedeutungen entdecken, die einfach und dennoch komplex sind. Und am Ende, wenn die Lichter angehen und der Dialog mit dem Publikum beginnt und der Augenblick des Applauses kommt. Das ist der ultimative und katharsische Moment, der uns bleibt, mir und allen, die daran teilnehmen. Es ist ein unglaublich schönes Gefühl der Zufriedenheit, für die Anstrengung und geistige Arbeit, die man geleistet hat.

Welche Botschaft möchten Sie durch die Aufführung mitteilen?

Wenn wir „Frau“ sagen, ist es so, als würde man Himmel, Wind oder Erde sagen. Wie kann man den Himmel, die Erde oder das Meer beschreiben? Man kann sie nur aus bestimmten Blickwinkeln beleuchten. Das machen wir mit unserer Performance. Mit einem Vergrößerungsglas beleuchten wir einzelne Aspekte aus dem großen Universum der Frauen. Die Performance ist eine besondere Art Frauen zu ehren und im Fall von Womanhood 2 genau am Internationalen Frauentag. Aus Improvisationen und Texten des modernen und klassischen Theaters entsteht der großzügige, der süße, der bittere, der grenzenlose, der sensible, der wilde und der harte, aber im Kern immer mitfühlende Charakter dieser Frauen.

Die Performance Womanhood erinnert uns daran, dass auch der Mann das Weibliche in sich trägt, aber in der heutigen Welt ist es tief begraben. Geld und Macht sprechen nicht die Sprache der Frau. Das heißt, dass sogar Frauen das Weibliche in sich begraben haben, um sich zu behaupten. Wenn die Machthaber die Frau, die sie in sich tragen, nicht so tief begraben hätten, hätten wir eine schönere Welt.

Sehen Sie einen Unterschied in der Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft? Oder glauben Sie, dass manche Probleme immer bleiben?

Generell haben Frauen in westlichen Gesellschaften Fortschritte gemacht. Das ist etwas, womit sich Anthropologen und Soziologen besser auskennen. Was mich angeht, so frage ich mich, wer bestimmt wie Gesellschaften funktionieren. Sind sie so strukturiert, dass zwischen männlicher und weiblicher Energie ein Austausch stattfindet? Fördern sie Mitgefühl, die Umarmung, die eine Mutter allen ihren Kindern geben würde? Sensibilität?

Haben wir viele Frauen in hohen Positionen in Unternehmen gesehen, die Blumen und Schmetterlinge an ihren Kleidern tragen, oder haben sie sich um zu überleben in Grau begraben?

Ich möchte unserem Gespräch gerne die Worte von Eckhart Tolle hinzufügen: „Wenn das Gleichgewicht zwischen männlicher und weiblicher Energie auf dem Planeten nicht gestört worden wäre, wäre die Entwicklung des Egos nicht so grenzenlos. Wir hätten der Natur nicht den Krieg erklärt, die Menschen würden einander lieben und wir wären nicht so entfremdet vom ‚Sein‘ “.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem ersten und zweiten Womanhood? Wie reagierten das Publikum/die Öffentlichkeit sowie die Teilnehmerinnen auf das erste Womanhood?

Die erste Aufführung, die auch das Ergebnis der Workshops war, sowie die nächste Aufführung, die im Goethe-Institut stattfinden wird, folgen der gleichen Richtung. Nur die Inhalte sind anders, wie nicht anders zu erwarten ist, da andere Frauen teilnehmen und jede ihre eigenen Erfahrungen mitbringt. Die Performance wird eine Art Parade sein, bei der Frauen nacheinander ins Licht treten, verbunden durch ein poetisches Band. Durch das, was sie dem Publikum mitteilen, bekommen wir einen schnellen, aber intensiven Geschmack der unendlichen Welt der weiblichen Psyche, die ich zuvor erwähnt habe.

Bei der ersten Inszenierung von Womanhood, wurde die Performance vom Publikum sehr positiv aufgenommen. Frauen und Männer und Männer und Frauen und alles dazwischen. Ich erinnere mich gerne an die Worte eines Zuschauers, der mit dreißig Jahren zum ersten Mal ins Theater ging. Er sagte: „Wenn das Theater so ist, werde ich zu Aufführungen gehen.“

Die Teilnehmer der ersten Womanhood-Performance im Dance House Lemesos nahmen das Schauspielwissen mit, die Erinnerung daran, dass sie die Kraft haben, ihre Seele und das Publikum zu bewegen, und die Möglichkeit, tief in die weibliche Psyche einzutauchen.

Nach Myths and Tales across the Divide, ist Womanhood ein weiteres Stück, in dem theaterliebende Amateure die Protagonisten sind. Was reizt dich an der Zusammenarbeit mit Amateuren?

Myths and Tales und Womanhood waren große Freuden. Wunderbare Reisen, die mir viel gegeben haben. Aber ich muss sagen, dass ich im Allgemeinen viel mit Amateur-Schauspielern arbeite. Ich habe eine Werstatt in Limassol, in der ich fast acht Jahre unterrichte. Es ist eine Herausforderung für mich, jemandem, der die Bühne liebt, zu unterrichten, und ihm in kurzer Zeit die Werkzeuge zu geben, die er zusammen mit seinem Publikum auf die Bühne bringen kann.

Es ist natürlich auch so, dass Amateurschauspieler sich auf eine unschuldige Art stärker ausdrücken. Schauspieler neigen eher dazu, das zu tun, was man ihnen gesagt hat, was gut wirkt. So etwas langweilt mich, sowohl als Zuschauer als auch als Regisseur. Vergessen wir nicht, dass wir mit „Amateur“ auf Griechisch „ερασιτέχνης“ (erasitechnis) den Liebhaber der Künste meinen. Es ist eine Sache, Gefühle der Liebe (Eros) für etwas zu haben, und eine ganz andere Sache, es professionell zu betrachten. Unter diesem Prisma bin ich auch ein „Amateur“ – ein Liebhaber der Künste, oder zumindest versuche ich es zu sein.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um dem Goethe-Institut von ganzem Herzen dafür zu danken, dass es mir diese großartigen Möglichkeiten gibt, die ich erwähnt habe, Liebhabern der Kunst mit diesen Workshops etwas zu geben und etwas zu von Ihnen zu erhalten.

Marios Ioannou – Biographie

Marios Ioannou Foto: Nicolas Iordanou Marios Ioannou ist in Paphos geboren und aufgewachsen. Er schloss die Schauspielschule des Athener Nationaltheaters ab, wo er 14 Jahre verbrachte. In der Zeit hat er wichtige Rollen in verschiedenen Theaterstücken gespielt.

Seit einigen Jahren lebt Marios in Zypern. Seine Adaption von Gogols Tagebuch einer Dame in zyprischen Dialekt tourte mit großem Erfolg durch ganz Zypern und London. Für seine Einzeldarstellungen wurde er für den Theaterpreis des THOC nominiert.

In Limassol hat er zusammen mit der Mitos Theater Group Texte aus den Chroniken von Leontios Macheras fürs Theater bearbeitet. 2008 gründete er zusammen mit dem Regisseur Achim Wieland die Gruppe SRSLYyours. Ihre Arbeiten Woyzeck von Büchner und The Fear Industry wurden auf Zypern und in vielen europäischen Städten aufgeführt. Er hat mit Lia Charaki in Active Spectator zusammengewirkt, das bisher im The Performance Shop im Rahmen des Pop Up Festivals Nicosia, und am Athens and Epidaurus Festival 2018 präsentiert wurde.

Im August 2017 präsentierte er im Rahmen von Pafos 2017 – Europäische Kulturhauptstadt das Stück Uniting the Mediterranean Sea, für das er das Drehbuch schrieb, Regie führte und die Hauptrolle spielte. Das Stück war eine internationale Produktion mit Schauspielern aus fünf mediterranen Städten.

Marios hat außerdem in zahlreichen Filmproduktionen gespielt. 2004 gewann er den Preis für den besten Schauspieler am Thessaloniki Filmfest für seine Rolle in Adonis Floridis' und Theodoros Nicolaides' Kalabush. 2012 erhielt er den Ehrenpreis für seine herausragende Darstellung der Hauptrolle in Fish 'n Chips.