Theater gegen die Mauern im Kopf

Teaser Myths and Tales
© CIPS / Marcos Gittis

Wer sind "wir" und wer seid "ihr"?

„Ha, ha, ha, ha, ha.“, keucht es zaghaft aus zwölf Kehlen. Händchenhaltend stehen die jungen Leute im Kreis und den meisten ist anzusehen, was sie in diesem Moment denken: „Was soll der Scheiß?“ Aber Marios heizt sie an: „Lauter!“ Der Schauspieler selbst stößt seine Luft im Stakkato aus. Urlaute dringen aus ihm heraus. Der animalische Ton tut seine Wirkung. Von den anderen wagen die ersten, sich fallen zu lassen. Sie schließen die Augen und vergessen ihre Hemmungen. Erst vorsichtig, dann immer mutiger: „Ha, ha, ha, ha.“ Bis der Raum von dröhnendem Stöhnen widerhallt, das in ein erleichtertes Ahhhh mündet.

Atemübung © CIPS / Marcos Gittis
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Die heiklen Atemübungen sind aber erst der Anfang. Die Theater-Laien des Workshops im Goethe-Institut Nikosia lernen in zwölf Wochen, noch mehr Barrieren zu überwinden. Und die sind weit höher als die Peinlichkeit, sich vor fremden Menschen zum Affen zu machen. Irgendwann später werden sie im Kreis sitzen und sich gegenseitig Dinge sagen wie: „Wir haben euch für Monster gehalten.“ – „Für uns wart ihr die Monster. Wir haben immer gehört nur ein toter Türke ist ein guter Türke.“ Dabei schauen sie einander in die Augen. Dass sie das können, während sie über ihre Haltung und Vorurteile sprechen, ist das Ergebnis dieses erstaunlichen Workshops.

Wer hier „wir“ und wer „ihr“ ist, kann man beim besten Willen äußerlich nicht erkennen. Sie leben alle auf der gleichen kleinen Insel, und doch liegen Welten zwischen ihnen. Nicht, weil die einen griechisch und die anderen türkisch sprechen. Nicht, weil die einen im Süden und die anderen im Norden des geteilten Landes leben. Sondern weil in ihren Köpfen eine Mauer existiert. Im Laufe der nächsten Wochen finden sie Erstaunliches heraus: Nicht nur, dass die Mauer in ihren Köpfen ein künstliches Konstrukt ist. Sondern auch, wer sie errichtet hat. 

Erste Begegnungen

  • Erste Begegnung 1 © CIPS / Marcos Gittis
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„Wir bringen junge Leute von beiden Seiten der Greenline zusammen und erarbeiten aus ihren ganz persönlichen Storys eine Performance“, umreißt Achim Wieland kurz das Projekt. Der Regisseur hat zusammen mit dem Schauspieler Marios Ioannou in Zypern das Devised-Theater-Konzept etabliert. Die beiden wissen um die starke Wirkung, die sich einstellt, wenn ein Skript nicht vorgegeben ist, sondern allein aus der Beschäftigung mit einem Thema entsteht.

Bei Geschichten von beiden Seiten der Trennungslinie denkt man zuerst an Tod und Vertreibung, Flüchtlinge und Vermisste. Fast jeder der Teilnehmer zwischen 17 und 35 Jahren kennt solche schlimmen Erinnerungen aus der eigenen Familie. Aus eigener Erfahrung nicht, denn alle sind lange nach dem Krieg 1974 geboren. Trotzdem nähern sie sich einander misstrauisch. Die meisten haben vorher keinerlei Kontakt mit Gleichaltrigen „von drüben“ gehabt. Nun, als die Aufwärmübungen beginnen, fassen sie sich bei den Händen. Sie spüren die Nervosität der anderen, die ebenso groß ist, wie ihre eigene. Und sie müssen darüber lachen. Ayşe, das Küken, das nicht mal Englisch spricht, bekommt besondere Aufmerksamkeit. Bei Partnerübungen ist sie nie außen vor. Alle warten geduldig, bis ihr die Anweisungen und Fragen ins Türkische übersetzt werden.

clash der kulturen

Innerlich sind trotzdem alle auf den großen Clash der Kulturen gefasst. Besonders als es ans Storytelling geht. Die Massaker von 1963 und 1974, die ins gesellschaftliche Bewusstsein der jeweiligen Community eingebrannt sind, werden sicher in den Raum einbrechen und Debatten über Schuld und Sühne entfachen.

Doch dann kommt alles ganz anders. Die sorgsame Dramaturgie des Workshops setzt nicht auf Konfrontation, sondern nähert sich dem Geschichtenerzählen aus einer ganz unschuldigen Perspektive: Kinderlieder und Abzählreime. Als die erste Teilnehmerin ein Wiegenlied auf Griechisch anstimmt, legt sich verklärtes Strahlen über die Gesichter – und Verblüffung. „Das kennt ihr auch?“, kommt überrascht die Frage von den Zyperntürken. Nach den nächsten Reimen in Türkisch und wieder in Griechisch ist der Bann gebrochen. Jetzt geht es nicht mehr darum, der „anderen Seite“ die eigene Kultur vorzuführen. Jetzt sind sie einfach junge Erwachsene, die begeistert längst vergessene Spiele aus der Erinnerungskiste holen und durch den Raum toben. Es sind ja die gleichen Verse, die gleichen Melodien. Wen interessiert da noch die Sprache?
Reihentanz Titel
© CIPS
Dieser Nachmittag ist wie ein Befreiungsschlag. Das große Staunen geht aber noch weiter. Ein anderes Spiel, um sich den Geschichten für die Performance zu nähern, ist das „Zypern Wörterbuch“. Ohne Pause geht es immer reihum: „Mein Wort ist: Halloumi: Das ist ein Käse, den alle Zyprer lieben.“ „Mein Wort ist Koliva: Das ist eine Süßspeise aus Getreide, die zu Gedenkgottesdiensten gereicht wird.“ Da ist es wieder, dieses verdutzte: „Ach, das habt ihr auch? Bei uns heißt es Gollifa.“ Die Übergänge in Zypern sind seit 2003 offen. Und die junge Generation hat keine Ahnung von den alltäglichen Gemeinsamkeiten, die sie mit der „anderen Seite“ verbinden.

Über das Wörterbuch tasten sich die Teilnehmer auch an die heiklen Themen heran. Was fällt dir spontan zu Zypern ein? „Mein Wort ist Ausweis: Du brauchst ihn, um die Trennungslinie zu überqueren.“ „Mein Wort ist Vergessen: Das bedeutet, dass du dich nicht an die Vergangenheit erinnerst.“  „Mein Wort ist Vergangenheit: Das ist, was hinter uns liegt.“ Dann die schwierigeren Begriffe: Held, Nation, Stolz. Jedes Wort ist in Zypern politisch aufgeladen.

Ohne berührungsängste

  • Balance 7 © CIPS / Marcos Gittis
  • Balance 1 © CIPS / Marcos Gittis
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  • Balance 3 © CIPS / Marcos Gittis
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  • Balance 5 © CIPS / Marcos Gittis
  • Balance 6 © CIPS / Marcos Gittis
Nach ein paar Wochen gibt es gar keine Berührungsängste mehr. Die Begrüßungen mit Umarmung und Küsschen vor dem Workshop zeugen von der Nähe, die sich entwickelt hat. Noch mehr aber wird diese in den Aufwärmübungen deutlich. „Lehnt euch aneinander, vertraut darauf, dass ihr nicht umfallt.“ Ellada, die Dramaturgin, fordert immer neue Körper-Übungen, die auf Vertrauen und Schutz basieren. „Stellt euch vor, euer Partner ist verzweifelt und will fortlaufen. Haltet ihn sanft aber bestimmt fest.“ Sie stützen einander, sie können sich aufeinander verlassen.

Auch das Konzept für die Performance nimmt immer deutlichere Formen an. Jeder hat seine eigene Erzählung gefunden, die auf Erinnerungen der Familie beruht. Die Geschichten handeln von Trauer, aber auch von Liebe und Hoffnung. Die Akteure sind eine Basketballmannschaft, in der sich die Spieler die Storys wie einen Ball zuspielen, abgeben, abgreifen. Wer dribbelt, erzählt. Hastig, atemlos. Jeder will seine Geschichte zu Ende bringen, holt sich den imaginären Ball wieder, schützt ihn vor den Angreifern.
 
  • Ballspiel 1 © CIPS / Marcos Gittis
  • Ballspiel 2 © CIPS / Marcos Gittis
  • Ballspiel 3 © CIPS / Marcos Gittis
  • Ballspiel 4 © CIPS / Marcos Gittis
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  • Ballspiel 7 © CIPS / Marcos Gittis

Cheers! Şerefe! Yammas!

Pause! Erschöpft machen sich alle zusammen auf zu einem Lunch-Break. Das Goethe-Institut liegt auf neutralem Boden, mitten in der Greenline. In der Pufferzone zwischen türkisch-zyprischem Gänsefüßchenland und dem griechisch-zyprischen Rumpfstaat der Republik Zypern. Nachbarn sind das Hauptquartier der UN-Schutztruppe, die das friedliche Miteinander auf der Insel überwacht, und das Home for Cooperation, in dem sich bi-kommunale Gruppen zu Projekten oder zum Kaffeetrinken treffen. Rechts und links liegen die Checkpoints, an denen die Fußgänger sich ausweisen müssen, um in den jeweils anderen Landesteil zu gelangen.

Diesmal macht sich die gemischte Truppe auf in den türkisch-zyprischen Norden. Im Restaurant übernimmt Doğgül die Rolle des Gastgebers: Er liest die Speisekarte vor und erklärt die Gerichte. Als der Kellner das Essen bringt, geht wieder das erleuchtende „Ahhh!“ um. Klar, dass die Zyperngriechen die Speisen kennen. Bei ihnen kommt ja genau das gleiche auf den Tisch, nur unter leicht anderem Namen. Beim Anstoßen geht es bunt durcheinander: „Cheers! Şerefe! Yammas!“ Die Verabredung für ein gemeinsames Arbeitswochenende am Meer wird getroffen. Die eingeschworene Gemeinschaft will so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen.
 
  • Lunch 5 © CIPS / Marcos Gittis
  • Lunch 2 © CIPS / Marcos Gittis
  • Lunch 3 © CIPS / Marcos Gittis
  • Lunch 4 © CIPS / Marcos Gittis
  • Lunch 1 © CIPS / Marcos Gittis
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Am Ende eines langen Workshop-Tages sitzen alle im Kreis und sprechen über die Doku "Birds of a Feather", die sie als Hausaufgabe angeschaut haben. Zyperngriechen und Zyperntürken schildern darin die Schrecken der Vergangenheit. Jeder im Film erzählt seine persönliche Sicht auf die Dinge. Wer hat Recht? Nachdenklich beginnen die jungen Leute von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten. Wie die Mutter mit Angst und Panik in der Stimme immer wieder von der Flucht vor der Türkischen Armee erzählt hat. Wie den Kindern in der Schule die Gräueltaten der Zyperngriechen mit grausamen Bildern vor Augen geführt wurden. Wie das gleiche mit umgekehrtem Vorzeichen in griechisch-zyprischen Schulen gelehrt wurde. „Wir haben euch für Monster gehalten.“ – „Für uns wart ihr die Monster. Wir haben immer gehört nur ein toter Türke ist ein guter Türke.“
 


Bisher haben sie immer nur aus den Erzählungen der jeweils eigenen Seite erfahren, was damals geschehen ist. Doch jetzt hören sie auch der anderen Seite zu. Da bleibt wenig, was unerschütterlich wahr ist. Eine der Teilnehmerinnen bringt das wenige auf den Punkt: „Wir hatten Krieg. Das ist ein Fakt. Wir wollen keinen Krieg mehr. Das ist ein Fakt!“ In nur zwölf Workshops haben die jungen Leute begriffen, dass Hass und Vorurteile ein Erbe sind, das ihnen aufgebürdet wurde. Es sind nicht ihre Gefühle, es sind die ihrer Eltern, Großeltern, Lehrer, Politiker. Und doch müssen sie mit den Konsequenzen leben.

Im Hof des Goethe-Instituts verabschieden sie sich am späten Nachmittag voneinander. Umarmungen und Küsschen zum Abschied – dann gehen sie getrennte Wege. Die Zyperntürken nach links in den Norden, die Zyperngriechen nach rechts in den Süden.

Es ist wohl an der Zeit, dass die junge Generation ihre eigenen Geschichten erzählen darf.

Abschied Dr. Johannes Dahl (Mitte rechts) verabschiedet sich bei den Teilnehmern des Workshops. Der ehemalige Leiter des Goethe-Instituts Zypern hat das Projekt angeschoben. | © CIPS / Marcos Gittis