Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Reflexionen für eine Post-Corona-Zeit
Die Chronik der infizierten Welt

Opráski sčeskí historje
Opráski sčeskí historje | © JAZ

Ein Virus führt uns vor Augen, wie global vernetzt und zugleich fragil unser öffentliches Leben ist. Was bedeutet die Pandemie für jede*n Einzelne*n von uns und was für die Gesellschaft? Ein Gespräch mit der tschechischen Schriftstellerin Petra Hůlová.

Was versinnbildlicht die aktuelle Situation aus Ihrem persönlichen Blickwinkel oder aus der Sicht des ganzen Landes für Sie?

In Tschechien wird die aktuelle Situation durch den Mundschutz versinnbildlicht. Der anfängliche Mangel an Schutzmasken symbolisiert das Versagen des tschechischen Staats. Die Notwendigkeit, einen Mundschutz tragen zu müssen, symbolisiert das Disziplinieren des tschechischen Volkes und das Tragen dieser steht für seine Gehorsamkeit. Das überstürzte Nähen von Masken zu Hause symbolisiert das tschechische Basteln und Tüfteln, den Erfindergeist und die Solidarität. Die Beatmungsgeräte aus 3D-Druckern, die bald folgten, symbolisieren wiederum technologische Innovationen und uneigennützige Hilfe, die Hand in Hand mit dem Geschäftssinn geht. 

Was ist Ihre persönliche Strategie mit der aktuellen Situation umzugehen?

Die aktuelle Situation ändert sich vor allem ständig. Sowohl durch die Medien als auch durch den Einfluss von Stimmungsschwankungen, deren Ursache diese Situation selbst ist. Ich bemühe mich, die Unsicherheit als Zustand anzunehmen, der langfristig andauert und andauern wird. Wenn mir das gelingt, fühle ich mich am besten. Ansonsten hilft es mir am meisten, mich entweder voll in meine Arbeit zu stürzen oder mich intensiv mit den Kindern zu beschäftigen.

Welche weitreichenden Auswirkungen der Krise beobachten Sie?

Es heißt, dass eine Krise eine Situation ist, in der man zwischen einer Katastrophe und einer Alternative wählt. Das hat der tschechische Philosoph Václav Bělohradský einst über Krisen gesagt. Auf die gegenwärtige passt das für mich jedenfalls, also nehme ich sie als Gelegenheit zur Veränderung wahr. Das, was uns allem jetzt passiert, erweitert die Grenzen unserer Fantasie. Uns wurde immer wieder gesagt, dass wir in einem System leben, das sich nicht ändern lässt und zu dem es quasi keine Alternative gibt. Jetzt sehen wir, wie radikal sich das gesellschaftliche Leben innerhalb von wenigen Tagen verändern lässt. Diese Erfahrung ist an sich wertvoll. Mich haben die Diszipliniertheit und die Folgsamkeit der Leute überrascht. Im Positiven im Sinne von Selbstdisziplin und der Bereitschaft, sich einzuschränken, im Negativen im Sinne von Gehorsamkeit, die nicht problematisiert wird. Wir haben von uns selbst als Gesellschaft gesprochen, die hochgradig individualistisch ist und in der der Staat eine immer kleinere Rolle spielt. Diese Epidemie hat das Gegenteil gezeigt. Die Rolle des Staats ist stärker geworden, er wird sich auch weiterhin selbstbewusst verhalten. Die Leute haben Solidarität gezeigt, allerdings unter der Bedingung, dass sie grundsätzlich niemandem „weh tut“.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Hoffnung sehe ich gerade im Wandel. Die Vergangenheit ist der Grund für den Zustand, in den wir geraten sind und deshalb ist die reine Wiederherstellung der Bedingungen, die vorher galten, nicht erstrebenswert. Das Coronavirus hängt mit dem Klimawandel und dem Kapitalismus zusammen. Das Virus als Verkörperung der kranken Natur und der kranken Gesellschaft. Hoffnung sehe ich darin, dass wir daraus lernen. Das Coronavirus ist ein Simulator, der uns beibringt, die Welt und uns selbst neu zu sehen. Wenn es uns nicht schwächt, dann macht es uns stärker. Und je mehr es uns erst schwächt, umso mehr stärkt uns danach. Ich hoffe eigentlich, dass uns das (wirtschaftlich) sehr weh tun wird und wir uns lange daran erinnern werden. Ansonsten werden wir das Ganze schnell vergessen sein und es bleibt davon nichts übrig. Am meisten Angst habe ich am Ende davor, dass nur alles wieder so wird, wie es war. Wie nach der Finanzkrise 2008. Genauso schnell, wie während der Epidemie die „normale Welt“ verschwunden ist, verschwindet nach dem Ende der Epidemie auch unsere Erinnerung an sie. Nur etwas in unserem Inneren bleibt erschüttert und zerbrechlich. Was wird die nächste „große Sache“ sein? Eine Dürre?

Top