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Tschechische Literatur
Progressiv und künstlerisch – tschechische Kinder- und Jugendliteratur heute

Raketa Cover - Labyrint
© Raketa

Bücher für Kinder und Jugendliche verschaffen sich immer mehr Aufmerksamkeit. Was ist der gegenwärtige Stand zur tschechischen Kinder- und Jugendliteratur? Eine Übersicht von Radek Malý.

Von Radek Malý

Literatur für Kinder und Jugendliche stellt gegenwärtig einen starken und selbstbewussten Bestandteil des tschechischen Buchmarktes dar, der in den letzten zehn Jahren immer weiter im Kommen und auf dem Markt immer breiter vertreten ist. So war das jedoch nicht immer und deshalb folgt – vor der Vorstellung einiger Haupttendenzen – erst einmal kurz und bündig der Kontext, in dem die Kinder- und Jugendliteratur aktuell eingebettet ist.
 

Die Neunzigerjahre: hier nichts, da nichts

In der Zeit nach 1989 veröffentlichten die Verlage nur einen kleinen, aber strategisch wichtigen Teil an Kinderbüchern. Während in den 1990er-Jahren  die Veröffentlichung von Kinder- und Jugendbüchern einen Anteil von ungefähr 4 Prozent ausmachte, vergrößerte sich dieser Anteil schrittweise in der Zeit nach 2000 bis auf 8–10 Prozent. Da Kinder als Leser aus Marketingsicht als zukünftige Kunden attraktiv sind, entschieden sich viele führende Verlage aus dem Bereich Belletristik für Erwachsene, sich auch der Herausgabe von Kinder- und Jugendbüchern zu widmen.
 
Das Jahr 1989 war nicht nur politisch und ökonomisch für die tschechischen Lebensumstände ein Meilenstein, sondern auch der Punkt, an dem die Literatur ihre gesellschaftliche Funktion grundsätzlich geändert hat. Neben einigen Kinderbuchverlagen, die neu entstanden, erneuerten sich auch etablierte Verlage, die sich bereits früher an die jüngsten Leser gerichtet hatten. Der Verlag Albatros, damals das einzige in diesem Bereich tätige staatliche Verlagsunternehmen, passte sich erfolgreich an die Bedingungen des freien Marktes an und gehört weiterhin, unter Leitung des Konzerns Albatros Media, zu den größten Produzenten von Kinder- und Jugendliteratur. Die Grundlage der Veröffentlichungen von Albatros bilden weiterhin Klassiker der tschechischen Kinder- und Jugendliteratur.
 
Nach dem massiven Anstieg der Gesamtanzahl von Verlagen zu Beginn der 1990er-Jahre kam es zu einer Sättigung des Buchmarktes. Die enorme Anzahl kleiner Verlage verringerte sich allmählich wieder. Im Fall der Kinderbuchverlage waren es wenige dutzend Verlage, die in der Regel in ihre Editionspläne auch Literatur für Erwachsene einreihten, um so eine positive Geschäftsbilanz aufrechterhalten zu können. Viele Verlage verschwanden aus ökonomischen Gründen von der Bildfläche. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre kam es zu einer Beruhigung und Stabilisierung des Buchmarktes und damit auch zu einem leichten Rückgang der Anzahl von Kinderbuchverlagen.
 
Die aktuell vorhandenen Kinderbuchverlage haben die turbulenten Neunzigerjahre mehr oder weniger erfolgreich hinter sich gebracht und gehören nun zu den stabilen Buchbetrieben. Am Ende setzten sich einige kleinere Verlage durch, die sich vor allem durch ihren Schwerpunkt auf die künstlerische Seite ihrer Produkte auszeichneten . Der Großteil der dort herausgegebenen Bücher wurde durch das Kulturministerium für die Herausgabe von tschechischen Kinderbüchern gefördert  sowie im Fall von übersetzten Titeln durch Kulturinstitute anderer Staaten unterstützt.
 

Von Alternative zum Mainstream

Die Zuschüsse aus Fördermitteln zur Herausgabe von Kinderbüchern werden auch vom Verlag Meander häufig genutzt, der 1995 von der Englisch-Übersetzerin und Autorin Ivana Pecháčková gegründet wurde. Die Veröffentlichungen dieses Verlags sind nicht sehr umfangreich, dafür aber werden die dort herausgegebenen Titel stets sorgfältig und einfallsreich grafisch bearbeitet und sie richten sich nicht nur an die kleinen Leser, sondern auch an die Erwachsenengeneration. Die bedeutendste Edition ist Modrý slon (Blauer Elefant); der Verlag gibt allerdings auch Comics in der Edition Pro Emu (Für Ema) heraus. Der Stammautor von Meander ist der vielseitige bildende Künstler Petr Nikl, dessen Schaffen die Altersgrenzen der Zielgruppe überschreitet. Auch die weiteren Veröffentlichungen richten nicht nur an das jüngste Publikum: Die Edition Modrý slon wird vom Verlag selbst als „künstlerisch“ definiert und die Illustrationen dafür werden von bekannten zeitgenössischen Künstlern angefertigt.
 
Als alternativer Verlag für illustrierte Kinder- und Jugendbücher bezeichnet sich der Verlag Baobab, der 2000 entstanden ist. Baobab konzentriert sich auf die Herausgabe von originellen Texten in Zusammenarbeit mit jungen Künstler/innen, die sich im Atelier für Illustration an der Akademie für Kunst, Architektur und Design Prag (VŠUP) profilieren. Dieses Atelier wird von dem Illustrator Juraj Horváth geleitet, der den Verlag mit seiner Frau Tereza Horváthová gegründet hat. Zu den Stammautoren von Baobab gehören beispielsweise der Schriftsteller Jiří Dvořák und die Illustrator/innen Tereza Říčanová und Petr Šmalec. Ebenso sind Neuauflagen tschechischer Bilderbuch-Klassiker von Daisy Mrázková und Alois Mikulka erschienen. Aktuell arbeitet Baobab auch mit dem Verlag GplusG zusammen, der 2012 das mit einer Messe verknüpfte internationale Tabook-Festival für kleine Verleger in Tábor ins Leben gerufen hat.
 
Bei den bedeutenden Verlagen, die ihre Veröffentlichungen um Kinderbucheditionen ergänzt haben, müssen auch die Verlage Práh (z.B. die mit grafischen Details von Renáta Fučíková gestaltete Edition Největší Češi, dt. Die größten Tschechen), Host, Argo, Mladá fronta, BB art und Paseka genannt werden. Bei Paseka gab Pavel Šrut seine Bücher in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Galina Miklínová heraus – aus deren Künstlerwerkstatt erschien das erfolgreichste tschechische Kinderbuch der Gegenwart, die umfangreiche Trilogie Lichožrouti (Die Sockenfresser). Einer der jüngsten tschechischen Verlage, die sich ausschließlich auf Werke für Kinder, speziell auf Leporellos, konzentriert, ist der Prager Verlag Běžíliška. Dieser gibt neben den ziehharmonikaartigen Leporellos auch Miniaturbüchlein heraus, die als Mikroliška bezeichnet werden.
 
Erwähnenswert sind auch die Veröffentlichungen für Kinder vom Verlag Labyrint, dessen Edition Raketa die Bilderbücher von Petr Sís und die Bücher des Künstlerduos Milada Rezková und Lukáš Urbánek auf dem tschechischen Markt bekannt gemacht haben. Seit 2015 gibt Labyrint auch vier Mal jährlich die Zeitschrift Raketa (dt.: Rakete) heraus, die die tschechische Literaturszene auf eindrucksvolle Art und Weise belebt: Es handelt sich um eine geschmackvolle Zeitschrift ohne Werbung, die sich an die kleinsten Schulkinder richtet und die in Zusammenarbeit mit den jüngsten talentierten Künstlern und Autorinnen entsteht.
 
In der Zeit nach 2000 begannen bestimmte verlegerischer Trends in der Tschechischen Republik und auch weltweit den Buchmarkt zu beeinflussen. Es erscheinen Bücher für „junge Erwachsene“ (young adults) und es lässt sich ein Trend zu sogenannten „all-age-books“, also Büchern für alle Altersklassen, beobachten. Auffällig sind auch die Tendenzen zur Intermedialität (Bücher werden mit CDs mit Hörtexten, Animationsfilmen oder Computerspielen ergänzt), zur Sachliteratur und zu erzählenden Publikationen mit dem Themenschwerpunkt Geschichte. Damit ist Kinder- und Jugendliteratur in den Krisenzeiten des gedruckten Buchs einer der wenigen progressiven Zweige des Buchmarktes.
 

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