aktuelle tschechische Comics Auf dem Weg ins Alltagsleben

© Jiří Grus, AARGH! Viktor Svoboda, Marek Rubec

In welchem Zustand befindet sich heute der tschechische Comic? Welche Entwicklung hat er vollzogen und welche sind die wichtigsten Autorinnen und Autoren? Eine Analyse des Comic-Theoretikers Martin Foret.

Wie geht es dem tschechischen Comic? Nun ja, es geht ihm recht gut, danke der Nachfrage. Also ganz sicher besser als, sagen wir, vor zwanzig Jahren, obwohl es natürlich noch besser sein könnte (es könnte wahrscheinlich immer besser sein), und es kommt natürlich auch darauf an, mit wem, mit welcher Comic-Szene wir seinen Zustand und Erfolg vergleichen – der benachbarte, deutschsprachige Markt ist zehnmal größer, der polnische viermal.
 
Der tschechische Comic steht nach einem spontanen Boom in Verbindung mit der Ära der Freiheit (vor dem Zerfall der Tschechoslowakei zu Beginn der 1990er-Jahre) und durchlief im Anschluss eine recht magere Zeit, in der er in einem beträchtlichen Ausmaß aus Zeitungen und Periodika verschwand, was zuvor stets seine „natürliche Umgebung“ war. Auch der Großteil der Zeichner, der nach der Samtenen Revolution begeistert in die Öffentlichkeit getreten war, verstummte wieder.  
 
Ein neuer Wind wehte im Jahr 2000 durch die tschechische Szene, als Comics vor allem als Alternative für Minderheitengruppen verstanden wurden, deren Kontinuität die Revue/das Jahrbuch Aargh! bis heute sichert und repräsentiert. Nach der „Generation Null“, wie die Künstler dieser neuen Welle genannt wurden, kamen weitere, jüngere Autoren hinzu und es entstand das erste direkt auf Comic-Zeichnen ausgerichtete Hochschulfach. Zum zuvor überwiegend männlichen Umfeld gesellten sich talentierte Zeichnerinnen hinzu, die Wettbewerbe im Comic-Bereich meistens gewinnen. Gleichzeitig begann der Comic auch ins tschechische Alltagsleben vorzudringen, zwar allmählich und schüchtern, aber immer deutlicher. Aus den Zeitungen und Zeitschriften, wo man ihn bereits oft nicht mehr wollte, verschwand er und wurde in Büchern sichtbar, von Kiosken wanderte er in Buchhandlungen, aus Serien wurden einmalige Erzählstrukturen.
 

Periodika: Ein Fixstern, der jedoch immer mehr verschwindet

 
Wenn es um Periodika geht, hält besonders die Zeitschrift Čtyřlístek schon seit 1969 die Stellung für den tschechischen Kindercomic. Außer dem „Vater“ der Heftreihe, dem Gründer Jaroslav Němeček, sind an den Autorenserien auch jüngere Künstler wie Tomáš Chlud (Serie Cyril a Mikuláš, Cyril und Mikuláš), Dan Černý (Tryskošnek) oder Nikkarin (Hubert a Hugo, Hubert und Hugo) beteiligt. Hinzu kam 2015 das Projekt Bublifuk an dem vor allem die Szenaristin Klára Smolíková arbeitet. Diesem Heft fehlt allerdings bisher die Veröffentlichung in kleineren Zeitabständen und ein breiter Vertrieb, um mit der bejahrten Legende Schritt halten zu können.  
 
Eine weiteres wichtiges, langfristig erscheinendes Medium für den tschechischen Jugendcomic ist die Zeitschrift ABC, für die schon seit sechs Jahrzehnten (und als ehemaliger, langjähriger Chefredakteur) Vlastislav Toman wieder und wieder an seine berühmte Serie anknüpft und neue Comics zeichnet. Weiterhin sind Lukáš Fibrich mit seinem Kater Mourrison, aktuell auch Martin Šinkovský mit dem Zeichenkünstler Ticho 762 (seine aktuelle Serie: Detektivní kancelář Prokop & Buben, Detektivbüro Prokop & Buben) und Eduard Stěpař sowie Matyáš Namai (Mistr Šao-linu, Der Meister der Shoalin) involviert. Einige dieser Comics erscheinen auch gesammelt in Buchform – zuletzt beispielsweise Mlžný ostrov zbarvený do ruda (Die erzfarbene Nebelinsel) von Šinkovský/Ticho 762 über die römische Invasion auf den Britischen Inseln.
 
  •  © AARGH! Viktor Svoboda
  •  © Václav Kabát
  •  © Tomáš Kučerovský
  •  © AARGH! Mawil
  •  © Zuzana Kupová
  •  © Lukáš Fibrich, Lenka Procházková
  •  © Jiří Grus
  •  © Vladimír Tučapský
  •  © Jaromír 99, Jan Novák
  •  © Lenka Šimečková
  •  © Tomáš Chlud
  •  © Renáta Fučiková
  •  © Marek Rubec

An den Zeitungskiosken erschien für eine zweijährige Mission ein echtes Mainstreamprojekt für Teenager, die Hefte mit dem Titel Dechberoucí Zázrak (2016–2017, Das atemberaubende Wunder) des Szenaristen Petr Macek und des Zeichners Petr Kopl, die den tschechischen Lesern monatlich einen echten heimischen Superheldencomic anbieten wollten und so in den Läden mit ihren Vorbildern aus dem amerikanischen Marvel-Verlag konkurrierten. Nach 25 Ausgaben sind sie jedoch verschwunden …
 
Comics für Erwachsene lassen sich in Zeitungen nicht mehr finden, in Zeitschriften gibt es noch einige letzte Vertreter. Im Magazin Reflex verfolgt der außerirdische Satirereporter Zelený Raoul (Grüner Raoul), gezeichnet von Štěpán Mareš, bereits seit 1995 Woche für Woche die tschechische Politik und das Showbusiness aufmerksam mit. In der Wochenzeitung Respekt fängt Lela Geislerová in der Strip-Serie Zen žen schon seit 2010 beziehungsdynamische Momente zwischen Männern und Frauen ein.  Ansonsten meiden die allgemeinen Zeitschriften Comics eher.
 

Zwischen den Büchern: ernste Comics für Erwachsene und Geschichte als Thema

Die Anzahl der Comicbücher oder Comicromane (Graphic Novels) für Erwachsene steigt jedoch, denen auf dem tschechischen Buchmarkt und auch in Polen und Deutschland (auch als Filmadaption) der bekannte Alois Nebel von Jaroslav Rudiš und Jaromír „99“ Švejdík den Weg geebnet hat. Der erste Band ist 2003, die Gesamtausgabe 2006 erschienen. Švejdík hat vor kurzem das Drehbuch von Jan Novák im Buch Zátopek. …když nemůžeš, tak přidej (2016, Zátopek. ...wenn du nicht mehr kannst, dann leg noch einen drauf) über den legendären tschechischen Olympia-Läufer künstlerisch gestaltet und arbeitet jetzt gerade an der Adaption eines Romans des gleichen Autors über das Schicksal der kontroversen Mašín-Brüder (die sich Anfang der 1950er-Jahre ihren Weg in den Westen freischossen, Anm. d. Red.) ,..
 
In den letzten Jahren widmet sich der tschechische Comic überhaupt häufig der tschechischen Geschichte – es erschienen bereits einige bemerkenswerte Projekte. Die herausstechendste war bisher wohl die Serie Češi (Tschechen) des Szenaristen Pavel Kosatík, die einerseits die Schlüsselmomente der tschechoslowakischen Geschichte 1918–1992 umfasste, andererseits die seltene Gelegenheit geschaffen hat, neun Comiczeichnern einschließlich jungen Talenten wie Štěpánka Jislová und Karel Osoha an der Gestaltung des Buches mitzuwirken zu lassen.
 
Darüber hinaus wird nicht nur Geschichte im tschechischen Comicroman lebendig. Der in Prag lebende Slowake Branko Jelinek hat zehn Jahre nach der Beendung seiner Trilogie Oskar Ed (2003–2006) eine weitere umfangreiche Fortsetzung veröffentlicht – Oskar Ed: Můj největší sen (2016, Oskar Ed: Mein größter Traum), über den Weg einer dysfunktionalen Familie, die von der Fantasie des Titelhelden komplett beherrscht wird. Für eine weitere große Trilogie, Monstrkabaret Freda Brunolda uvádí… (2004–2009, Das Monsterkabarett von Fred Brunold zeigt…), haben sich die Szenaristen Džian Baban und Vojtěch Mašek mit dem Künstler Jiří Grus zusammengeschlossen, mit dem sie schon die muntere Spielerei Ve stínu šumavských hvozdů (2012, Im Schatten der Wälder des Böhmerwalds) über das Ende des Knabenalters mit Old Shatterhand in der Hauptrolle gestaltet und anschließend eine schwungvolle Adaption der Gründungslegende von Grus’ Heimatstadt Trutnov Drak nikdy nespí (2015, Ein Drache schläft nie) entwickelt haben.
 
Mašek ist auch im Verband Ašta Šmé aktiv, wo er gemeinsam mit den Anthropologinnen Máša Bořkovcová und Markéta Hajska die Lebensgeschichten von Menschen mit komplizierten Schicksalen als Comics verarbeitet hat. Nach dem Zyklus O přiběhy (2010, Über Geschichten), in dem sie auf Erinnerungen tschechoslowakischer Roma zurückgegriffen haben, zogen sie für die Sammlung Nejisté domovy (2016, Unsichere Zuhause) Erfahrungen von Kindern aus Kinderheimen und Pflegefamilien heran. Die letzten Neuerscheinungen von Mašek sind sein erster reiner Autorencomic Sestry Dietlovy (2018, Die Dietlová-Schwestern) und der gemeinsam mit dem Drehbuchautoren Marek Šindelka und dem Zeichner Marek Pokorný entwickelte, bemerkenswerte Comic Svatá Barbora (2018, Heilige Barbora), der nach einem realen (oder eher irrealen) Kriminalfall gestaltet wurde, der die tschechische Öffentlichkeit vor zehn Jahren erschüttert hat.

 
Es gibt immer etwas zu verbessern

Der gegenwärtige tschechische Comic scheut sich also keinesfalls, sich auch mit schwierigen Themen zu befassen – und das ist auch gut so. Wenn es um ernste Comics für Erwachsene geht, gibt es bereits ein umfangreiches Angebot qualitativ hochwertiger Buchtitel. Comics für Kinder gestalten zwar ebenso fähige Künstler, aber hier schaut der tschechische Leser oft auf Sammelbände und Neuauflagen aus dem„goldenen Zeitalter“ des Kinder-Comic von den 1960er- bis 1980er-Jahren . Und was dem tschechischen Comic noch fehlt, sind ein starker Mainstream und Genregeschichten – vielleicht erwartet das die Leser dann in den nächsten Jahren.