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Kabarett
„Die Pfeffermühle“ – Erika Manns politisch-satirisches Kabarett in der Tschechoslowakei

Erika Mann als Pierrot in der „Pfeffermühle“, 1934
Erika Mann als Pierrot in der „Pfeffermühle“, 1934 | Quelle: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Anfang 1935 kam in der damaligen Tschechoslowakei ein Ensemble an, das unter der Maske der Harmlosigkeit die Zustände in Deutschland, die Diktatur des Nationalsozialismus und seine unverhüllte Demagogie kritisierte – Die Pfeffermühle.

Von Romana Popelková

Das Exil begann in München

Das politisch-satirische Kabarett Die Pfeffermühle gründete Erika Mann mit ihrem Bruder Klaus, dem Musiker Magnus Henning und der Schauspielerin Therese Giehse im München am 1. Januar 1933 – nur 29 Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Für die Gründung eines antifaschistischen Kabaretts war es keine besonders günstige Zeit – bereits im März 1933 war die Gruppe gezwungen, ins Exil zu gehen.
 
Das Ensemble floh zuerst in die Schweiz, von 1935 bis 1936 trat die Gruppe in der Tschechoslowakei, in Holland, Belgien und – als letzte europäische Station im Mai 1936 – in Luxemburg auf. Insgesamt gab es 1.034 Vorstellungen in Europa. 1936 siedelte das Kabarett in die USA über, wo aber der Erfolg aufgrund von Sprachbarriere und Unverständnis des amerikanischen Publikums für das antifaschistische Engagement ausblieb. Die USA bedeuteten das Ende Der Pfeffermühle, die in Europa wochenlang vor ausverkauftem Haus gespielt hatte.
 
Die Tschechoslowakische Republik gehörte zu den bevorzugten Asylländern der deutschen Emigranten und es war eigentlich die ganze Familie Mann, die in der Geschichte der Tschechoslowakei Spuren hinterlassen hat. Erika Mann gastierte hier mit ihrer Pfeffermühle, äußerte sich in der Presse und hielt Vorträge. Ihr Bruder Klaus hatte zur Republik noch eine engere Beziehung. Er bekam die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft – ebenso wie sein Vater Thomas Mann und Onkel Heinrich Mann (Thomas Manns Bruder). „Prag empfing uns als Verwandte“, so Heinrich Mann, und Klaus Mann erklärte in einer Rede 1938 „…wir [sind] Bürger der Tschechoslowakei. Wir lieben Deutschland, hassen Hitler und sind der Tschechoslowakei dankbar.“
 
Die Pfeffermühle besuchte die damalige Tschechoslowakische Republik insgesamt dreimal: Zum ersten Mal gastierte sie hier Anfang 1935, zum zweiten Mal im August desselben Jahres und zum dritten Mal im Februar 1936. Den großen Erfolg der Vorführungen belegen ausverkaufte Säle, begeisterte Rezensionen in den Zeitungen und ebenso die Briefe Erika Manns an ihre Familie sowie Thomas Manns Tagebuchnotizen.

Die Tourneen durch die Tschechoslowakei 

Das Jahr 1935 begann für Die Pfeffermühle in Prag, wo sie 23 Tage lang gastierte. Weiter spielten sie in Teplitz-Schönau, Mährisch-Ostrau, Brünn oder Bratislava. Über das Kabarett berichteten die deutschen wie auch die tschechischen Zeitungen, meistens positiv. In den tschechischen Zeitungen blieb der Name des Kabaretts aber selten auf Deutsch. Übersetzt wurde er entweder als „Mlýnek na pepř“ oder als „Pepřenka“, was zwar Pfefferbüchse bedeutet, aber der deutschen Fassung ähnlicher klang.
 
Zu dieser Zeit war auch Thomas Mann in Prag. Er traf seine Tochter nach der „ausverkauften Nachmittags-Vorstellung“ und bemerkte, dass sie „von Arbeit und Mühen schmal“ ist. Am nächsten Tag besuchte er die Vorstellung, wohnte aber nur den letzten Nummern bei. „Neue Ergriffenheit von Erika! Wir werden sehr schnell erkannt. Nachher die traditionelle Sekt- und Kaviarfeier mit Erika und der Giehse in unserm Salon bis halb 2“, bemerkte er in seinem Tagebuch. Auch eine weitere Notiz Thomas Manns belegt, dass Die Pfeffermühle wieder einen vollen Saal hatte, obwohl er zeitgleich einen Vortrag hielt. Prompt habe Erika Mann ihrem Publikum gedankt, dass es dem Kabarett treu geblieben und nicht zu dem Vortrag ihres Vaters gegangen sei.
 
In Brünn spielten sie vier Tage lang im überfüllten, ausverkauften Bio-Dopz-Saal am Moravské náměstí, wo sich heute das Kino Scala befindet. Zur Zeit der in der Tschechoslowakei aufkommenden nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins fanden dort antifaschistische Vorträge und Kundgebungen statt. Das Programm sahen mehr als 3.000 Zuschauer. Die Kritik war begeistert und überhäufte Die Pfeffermühle mit Anerkennung.
 
Die zweite Tournee begann Die Pfeffermühle in west- und nordböhmischen Städten wie Marienbad, Aussig oder Teplitz. Mehr als zwei Wochen verbrachte das Ensemble dann in Prag. Anfang September 1935 trat Die Pfeffermühle in Brünn auf. Die erste Anzeige in der Presse erschien bereits Wochen vor der Vorstellung, und weil im Winter alle vier Abende ausverkauft gewesen waren, empfahl der Tagesbote, sich die Karten beizeiten zu besorgen.
 
Während der zweiten Tournee hatte sich das politische Klima in der Tschechoslowakei entschieden verschärft. Dennoch bezeichnete Erika Mann die zweite Tournee in einem Brief an ihre Mutter ganz am Anfang als „recht gut, in Anbetracht des Sommers, – der beste Besuch von allen Gastspielen, die hier waren.“ In Prag schätzte sie auch die Aufnahmefähigkeit des Publikums und sein Talent „zuzuhören und mitzugehen“.
 
Einen Monat später äußerte sich Erika Mann nicht mehr so begeistert. Die Pfeffermühle befand sich nicht mehr in Prag, sondern absolvierte Tourneen in den kleineren Städten. Sie war sehr unzufrieden – mit dem tschechischen Agenten Ferry Rosen, mit den Einnahmemöglichkeiten, mit den Wanzen, mit dem Hotel usw.
 
Die Presse und das Publikum waren jedenfalls auch während der zweiten Tournee begeistert, das Programm sei aber der Presse nach milder und distanzierter gewesen, und nicht so offensiv und rasant wie während der ersten Tournee. Das tat Erika Mann leid und befand es als eine Ohrfeige.
 
Ein drittes Mal kehrte Die Pfeffermühle im Februar 1936 in die Tschechoslowakei zurück. Diesmal äußerte sich Erika Mann auch verstärkt abseits der Bühne und hielt in Prag einen Vortrag Unterwegs mit Der Pfeffermühle. Über Herkunft und Hoffnung des kleinen Zeittheaters. Ganz am Anfang drückte sie ihre Freude aus, dass sie in der Tschechoslowakei sein und den Vortrag halten kann, es täte ihr aber leid, dass sie nicht Tschechisch sprechen könne, weil sie Tschechisch nicht beherrsche – die Sprache sei ihr aber sehr sympathisch. Weiter bewunderte sie Prag: „Auch sonst ist viel Anlass, glücklich und gerührt zu sein in diesem Lande, – wir gingen in der alten Stadt spazieren, im Hradschin und in den Gassen, die hinaufführen, – man kam sich ganz verzaubert vor dabei, Sie wissen es besser als ich.“
 
Kritik sparte sie in dem Vortrag aus, diese blieb einem Brief vorbehalten, den sie zwei Tage vorher an ihre Mutter über die „lausige Tschechentournee“ schrieb, die zu arrangieren „mehr Mühe als Einnahme“ mache. Erneut zeigen sich die materiellen Sorgen, die neben den politischen Zielsetzungen auch zum Alltag der Emigranten gehörten.

Das Kabarett im politischen Spannungsfeld 

Die Pfeffermühle war selbstverständlich nicht das einzige deutschsprachige Kabarett, das in der Tschechoslowakeigastierte, es kamen Kabarettisten aus Berlin, Dresden oder Wien, deren Auftritte im Reich unmöglich geworden waren. In Deutschland hielt man Erika Mann für eine gefährlich agitierende Nazigegnerin. Und obwohl das Ensemble in der Tschechoslowakei im Gegensatz zu Deutschland auftreten konnte, war es von Beginn an auf unterschiedliche Probleme gestoßen. Neben den Schwierigkeiten, bei den Behörden die Auftrittsgenehmigung oder einen Saal zu bekommen, lagen weitere in der Zensur sowie in dem wachsenden Einfluss der Henlein-Bewegung.
 
Bei der ersten Tournee war die Zensur noch nicht so offenkundig. Die Pfeffermühle durfte nur ein Gedicht von Gottfried Keller in Prag nicht aufführen, ansonsten gibt es keine weiteren Belege eines direkten Eingriffs. Obwohl  Kellers Text aus dem 19. Jahrhundert stammte, ließ er sich ohne Weiteres auf das aktuelle Zeitgeschehen beziehen.
 
Beim zweiten Gastspiel war die Situation dann schon ernster. Die tschechoslowakische Regierung war stärkerem deutschen Druck ausgesetzt; aus den Briefen Erika Manns an ihre Mutter spürt man nicht nur Sorgen, sondern auch Furcht und Angst. Die Stimmung in den Grenzgebieten wurde zunehmend bedrohlicher. Ebenso verursachten die Zensoren größere Schwierigkeiten und Erika Mann hatte es ungleich schwerer, ihr geplantes Programm auf die Bühne zu bringen als noch zu Beginn des Jahres. Obwohl die Texte vier Wochen lang bei der Zensurbehörde lagen, wurde erst am Tag der Premiere bekanntgegeben, dass zwei Drittel des Programms gestrichen werden müssen. Die Absicht, Hohn und Spott unter die Maske der Harmlosigkeit zu setzen, um das Programm zu retten, klappte nicht. Am Anfang sah es so aus, dass sie nicht spielen werden, Erika Mann besuchte aber die Zensoren und erreichte, dass man einige verbotene Stücke doch spielen konnte. Die Wirkung des reduzierten Programms konnte man an den Reaktionen der Presse ablesen, die dem Kabarett zu wenig Pfeffer in der Mühle vorwarf.
 
Von der dritten Tournee gibt es keinen direkteren Beleg für Zensureingriffe. Aus den Briefen von Erika Mann lässt sich aber entnehmen, dass es die unsicherste Tournee war, weil sie gefährlich nah an die Grenze des Deutschen Reiches führte, wo die Sudetendeutsche Partei besonders tatkräftig war.
 
Der Druck auf Erika Mann war natürlich sehr groß. Das Auswärtige Amt in Berlin arbeitete nämlich sehr fleißig an einem Verbot Der Pfeffermühle und intervenierte auch immer wieder bei ausländischen Regierungen. Ebenso schrieben Deutsche, die sich in ihrem Nationalstolz verletzt fühlten – nachdem sie die Vorstellung der Pfeffermühle irgendwo im Ausland gesehen hatten –, dem Auswärtigen Amt Briefe oder wandten sich an die Reichskanzlei mit der Bitte um ein Verbot des Kabaretts.
 
Von Anfang an arbeiten die Künstler Der Pfeffermühle mit Anspielungen und Umschreibungen, sie verwendeten Parabeln, Gleichnisse, Märchen, Balladen oder Kindergeschichten. Die wichtigste Ausdrucksmöglichkeit für politisch agierendes Theater in diktatorischen Zeiten war die „Strategie des Indirekten“ – wie eine Brünner Theaterkritik die satirische Verschlüsselungstaktik Der Pfeffermühle nannte. Ein Teil des Auditoriums nicht nur in Brünn hat jedenfalls verstanden, dass das Ensemble, ohne es ausdrücklich zu sagen, im Sinn des antihitlerischen Kampfes wirkt.
 
Während das Publikum lachte, verbot die Zensur. In der Presse ließ sich Erika Mann oft als eine unpolitische Figur porträtieren, es war aber gerade die Presse, die direkt schrieb, dass sie gegen den Faschismus kämpft. Immer wieder musste Erika Mann die Zensoren überreden, dass es so gar nicht gemeint wurde, immer mit der Hoffnung, dass es die Leute doch verstehen werden.
 
Fraglich ist, inwieweit das Publikum dieses latente Ziel erkannte. Ab und zu beklagte sich Erika Mann, dass sich viele der Zuschauer nur unterhalten wollen. War Die Pfeffermühle nun erfolgreich? Konnte sie eine antifaschistische Wirkung entfalten? Verstehen die Leute, was das Ensemble sagen will, dass es nicht nur um harmlose Amüsiertheater geht und so gegen die nazistische Brutalität kämpfen?
 
In jenen Jahren war ganz Europa auf den Beinen: politische Flüchtlinge, linke Intellektuelle, Kommunisten, viele Künstler, Juden und andere. Viele von ihnen besuchten damals Die Pfeffermühle, weil sie genau über ihre Schicksale erzählte. Das Publikum kam aber in die Vorstellungen oft ohne politische Ambitionen. Trotzdem konnten sie sich damit leicht identifizieren. Die Pfeffermühle – die deutlich gegen Hitler-Deutschland gerittene Attacke – führte Klagen gegen die Barbarei, den Kampf gegen den Faschismus und versuchte, den Zustand der menschlichen Identität im Faschismus zu enthüllen. „Sie machen zehnmal mehr gegen Barbarei als alle Schriftsteller zusammen“, schrieb an Erika im Frühjahr des Jahres 1935 der später ebenfalls emigrierte österreichische Schriftsteller Joseph Roth.

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