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Film
Wie klingt eine Rückkehr aus Berlin nach Schwaben?

Landrauschen
© Johannes Müller

Nach wilden Studentenjahren im weltgewandten Berlin kehrt Toni in ihr Heimatdorf zurück. Ohne ihre Jugendfreundin Rosa wäre sie im verschlafenen bayerischen Örtchen Bubenhausen ziemlich aufgeschmissen… Die Filmneuheit Landrauschen entstand mithilfe von Laiendarstellern, ohne festes Drehbuch und ohne finanzielle Unterstützung großer Filmfonds – nun feiert sie Publikumserfolge in ganz Deutschland.

Von Tomáš Fridrich

Als 2014 der Film Love Steaks beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis – eine der wichtigsten Plattformen für das junge deutsche Kino –  Preise in allen vier Hauptkategorien gewann, war das eine kleine Sensation. Bis dahin kam es eher selten vor, dass ein einziger Film so viele Auszeichnungen erhielt. Überhaupt wurde zum ersten Mal ein Film mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet, der eigentlich kein klassisches Drehbuch hatte. So fungierte Love Steaks als Wegbereiter für viele andere Filme ähnlichen Formats, die in die Kategorie des German Mumblecore gehören -  Regisseure arbeiten mit Laiendarsteller*innen, improvisierten Drehbüchern und oft sehr begrenztem Budget. Der Film Landrauschen wurde 2018 beim selben Festival mit dem Preis für den besten Film und das beste Drehbuch ausgezeichnet und die positiven Reaktionen von sowohl Kritikern als auch der breiten Öffentlichkeit bestätigten das wachsende Interesse am jungen deutschen Kino mit seinen unverbrauchten, bürgerlichen Begebenheiten.  

Der erste „queere Heimatfilm“ für die ganze Familie

Die Geschichte beginnt damit, dass die Hauptprotagonistin Toni Sauer ihren zweiten Universitätsabschluss erhält, sie wird bald dreißig und kehrt aus dem pulsierenden Berlin in ihr Heimatdorf irgendwo im bayerischen Teil Schwabens zurück. Im verschlafenen Bubenhausen, wo „nur drei Busse fahren und es nur blöde Clubs gibt“, bekommt sie zudem keinen ordentlichen Job und muss als Praktikantin bei der lokalen Nachrichtenredaktion einsteigen, was etwas unter ihrem Niveau liegt. Doch schon bald trifft Toni ihre Jugendfreundin Rosa wieder, die Bubenhausen nie verlassen hat. Sie macht ihr die Rückkehr etwas erträglicher. Rosa ist fester Bestandteil des Dorflebens: sie spielt in der Blaskapelle, nimmt am gemeinschaftlichen Leben teil, arbeitet im lokalen christlichen Verein für Migranten... Sie ist geblieben, obwohl sie aufgrund ihrer lesbischen Orientierung jeden Tag viele kleine Demütigungen und Unannehmlichkeiten erfährt. Die Begebenheiten bringen die beiden jungen Frauen zueinander und es wird dem Publikum schnell klar, in welche Richtung sich die Story entwickelt. Queer.de beschrieb den Film in der eigenen Rezension bezeichnenderweise als den „ersten queeren Heimatfilm für die ganze Familie“.

„Heimatfilm“ ist ein für den deutschen Sprachraum typisches Filmgenre, das in den 1950er-Jahre entstand. Sogenannte „Heimatfilme“ spielen im ländlichen Raum und behandeln Themen wie Liebe, Freundschaft und Familie. Traditionelle Heimatfilme (wurden bis etwa in die 1970er Jahre gedreht) gelten als triviale bis kitschige Spektakel, während die modernen Genrevertreter die ungefärbte Realität der Dörfer aufdecken, ohne Sentimentalität wecken zu wollen, und dafür oft sehr kritisch gegenüber seinen Darstellern sind. Der Film Landrauschen schließt sich dieser Tradition an, die Autor*innen selbst bezeichnen ihn als „Neo-Heimatfilm“. Damit unterscheidet er sich auch von vielen weiteren Filmen aus der Kategorie des German Mumblecore, die größtenteils in städtischer Umgebung spielen oder räumlich nicht determiniert sind.

Im Falle von Landrauschen handelt es sich (zum Glück) nicht um ein sentimentales Werk. Regisseurin Lisa Miller gelang es dadurch, dass sie an realen Orten während realer Ereignisse drehte (beispielsweise bei der Kirchweih oder Gottesdiensten) und mit Laiendarstellern arbeitete, ein ganz schmuckloses Bild der schwäbischen Landschaft zu vermitteln, in dem Alkohol, Chauvinismus und Sexismus an der Tagesordnung sind und jedes abweichende Verhalten auf den Unmut der Alteingesessenen und auch der eigenen Familie stößt. Aufmerksame Zuschauer können sogar eine Ähnlichkeit zu Ulrich Seidls äußerst kritischem Film Hundstage erkennen. Im Gegensatz zum Werk des bekannten österreichischen Regisseurs hingegen ist in Landrauschen zu sehen, dass Lisa Miller eine Bindung zu den Protagonist*innen hat. Sie verurteilt niemanden (mit Ausnahme der modellhaft dummen Polizisten in zwei Szenen), was dem Film sicher zugutekommt. Trotz des allgemein hellen Tons schneidet der Film wichtige und kontroverse Themen nicht nur an, sondern bringt sie dem Zuschauer sogar unverkrampft und ohne holprige Moralisierung nahe.

Eine Blaskapelle und Berliner Punk

Auch auf den Ton und die Filmmusik sollte man definitiv zu sprechen kommen. Dafür, dass es sich um ein Filmdebüt mit sehr geringem Budget handelt, sind Ton und Musik außerordentlich professionell. Laiendarsteller, die in ihrer angeborenen Mundart reden, sorgen für eine authentische Atmosphäre. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass beispielsweise Tonis Vater, der den lokalen Dialekt spricht, oft genauso „gut“ zu verstehen ist wie die somalischen Asylbewerber. Der Regisseurin zufolge war das Absicht, denn selbst für deutsche Muttersprachler*innen kann der schwäbische Dialekt genauso unverständlich sein wie das exotische Somali. Die Untertitel sind also oft auch für das einheimische Publikum hilfreich.

Eine wichtige Rolle im Film spielt auch die Musik: zu Beginn steht diese für Tonis Leben in Berlin, so sieht der Zuschauer eine dörfliche Kirchweih, auf der reinste Clubbeats gespielt werden. Musik ist für Toni eine starke Verbindung zu ihrem alten Leben. Mit der Zeit dringen aber auch immer stärker die tatsächlichen „Klänge des ländlichen Raumes“ zu ihr durch, die sich mit den Berliner Elektronikbeats vermischen. Und als Toni ihren neuen Platz zumindest teilweise angenommen hat, geht sie sich eine Probe von Rosa und ihrer Blaskapelle anhören – was noch kurz vor ihrer Rückkehr nach Bubenhausen kaum denkbar gewesen wäre. Im Soundtrack finden sich Stücke der bekannten deutschen Punkband Feine Sahne Fischfilet oder der in bayerischem Dialekt textenden Hip-Hop-Gruppe Dicht & Ergreifend. Komplettiert wird die musikalische Sammlung durch einige Lieder des lokal bekannten Schlagersängers Julian Frank.

Mithilfe einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne und insbesondere der unbändigen Energie von Regisseurin Lisa Miller sowie Produzent Johannes Müller ist ein Film entstanden, der Liebhaber nicht nur der deutschsprachigen Kinematographie in seinen Bann ziehen wird. Wir können nur hoffen, dass dieser einzigartige Ansatz als Inspiration für viele weitere junge Filmemacher*innen dient. Lisa Miller ließ aber bereits verlauten, dass sie aufgrund der großen Anstrengungen, die in das Projekt gesteckt werden mussten, ihren nächsten Film mit dem Arbeitstitel Strange Paradise auf viel konventionellere Art und Weise vor hat zu drehen.
 
Landrauschen

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