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Film
Wer die Wahrheit sagt, wird gehängt

Das FILMFEST: Das perfekte Geheimnis
© 2021 – DAS FILMFEST

Der Film Perfetti Sconosciuti (etwa: Völlig Unbekannte) hat sich als kleines Phänomen in der europäischen Kinematographie entpuppt. Das erfolgreiche italienische Drehbuch wurde unter anderen auch von der deutschen Filmproduktion aufgegriffen: Lesen Sie einen Vergleich beider Filme von der Filmhistorikerin Alice Aronová.

Von Alice Aronová

Dass der italienische Drehbuchautor und Regisseur Paolo Genovese (*1966) heute genauso berühmt ist wie sein italienischer Kollege Paolo Sorrentino (*1970), hat er einer einzigen Episode zu verdanken, die in Wirklichkeit sein Freund erlebt hat. Als nämlich der Freund von Paolo Genovese einen Motorradunfall hatte, musste seine Freundin dessen persönliche Sachen zusammensuchen, um ihm diese ins Krankenhaus bringen. Dabei schaute sie in dessen Handy und musste feststellen, dass sie ihren langjährigen Partner eigentlich überhaupt nicht kannte. So entstand das Thema für die Tragikomödie Perfetti Sconosciuti (Völlig Unbekannte) (2016).

Die Handlung des Drehbuchs, das von Paolo Genovese gemeinsam mit vier weiteren Kollegen geschrieben wurde (Filippo Bologna, Paolo Costella, Paola Mammini, Rolando Ravello), spielt sich bei einem gemeinsamen Abendessen im Kreise von sieben guten Freunden ab. Die Idee, dass während des Abendessens alle ihre Handys auf den Tisch legen und jede ankommende Nachricht und jedes ankommende Gespräch, miteinander teilen, führt dazu, dass Geheimnisse aus dem Leben jedes einzelnen der Freunde offenkundig werden, und bewirkt im Endeffekt den Zerfall alter Freundschaften und Partnerbeziehungen. Der Abend, der vielversprechend anfing, wandelt sich zusehends in einen Alptraum, und Menschen, die einst eng befreundet waren, werden füreinander auf einmal zu völlig Unbekannten.  

Die Black Box unseres Lebens

„Es ist dies die Geschichte darüber, wie wenig wir uns in Wirklichkeit kennen, und auch darüber, dass wir alles, was uns lieb und teuer ist, nicht den Menschen, die uns am nächsten stehen, anvertrauen, sondern unseren Handys. Dieser Film zeigt auch, dass es nicht ratsam ist, im Rahmen der Familie oder gegenüber Freunden komplett alles über sich preiszugeben. Man kann zwanzig Jahre mit jemandem zusammenleben und diesen Menschen trotzdem in der Tiefe seiner Seele nicht kennen. Manchmal lernt man einen Menschen nur dadurch kennen, dass man ihn in eine Krisensituation bringt, und diese enthüllt dann sein wahres Gesicht. Das Handy funktioniert wie ein Katalysator, durch den Mini-Stories über Verrat, Untreue, mangelnde Loyalität, Scheinheiligkeit usw. ins Laufen kommen und den Glauben an den anderen hinwegfegen,“ sagte Paolo Genovese (1).
 
Die Handlung ist eingebettet in die Atmosphäre einer Mondfinsternis. Der Vollmond hat Auswirkungen auf die menschliche Psyche; der Mensch hat eine größere Neigung, seinen Gefühlen nachzugeben, und das kann zu „Enthüllungen“ führen. Eine wichtige Rolle spielt die Einladung zum Abendessen. Sie verspricht eine Gelegenheit, den Abend mit allen Sinnen auszukosten und gemeinsam am Tisch über grundlegende Fragen zu diskutieren.
 
„In Italien ist es so: Wenn Sie jemanden gern haben, dann bringen Sie das ihm gegenüber mit Essen zum Ausdruck. Essen symbolisiert Freundschaft und Liebe. Deshalb ist der gemeinsame Esstisch der beste Ort zum Beisammensein mit Freunden. Da kann man sitzen, sich gegenseitig in die Augen schauen, und vor allem beisammen sein und über alles Mögliche reden. Der zweite Grund ist eher technischer Natur. Ich wollte, dass der Film auch ein bisschen ein Thriller wird: Die Waffen auf den Tisch! Gemeint ist: Legt eure Handys auf den Tisch und macht euch zur Geisel der anderen“, verrät Regisseur Paolo Genovese (2).
 
Im Film sehen wir einen massiven Tisch mit acht Stühlen für die eingeladenen Gäste. Am Ende kommen jedoch nur sieben. Der achte Stuhl bleibt frei und wartet auf den Zuschauer, der in die Handlung hineingezogen wird und das „Spiel mit der Wahrheit“ miterlebt. Alte Sünden, Unrecht, Lügen und scheinheiliges Verhalten werden aus der Vergangenheit hervorgeholt. Vorurteile gegenüber Homosexuellen und stereotype Gendervorstellungen, von denen es dem Zuschauer kalt den Rücken hinunterlaufen kann, werden offenbart. Zur Sprache kommen auch Probleme wie Midlife Crisis, Komplexe, Untreue und Illusionsverlust. Übrigens spielt auch ein anderer Film von Paolo Genovese, nämlich das Drama The Place (2017), nur an einem Ort. Ein geheimnisvoller Mann sitzt Tag für Tag stets an demselben Tisch in einem Restaurant und empfängt zufällig vorbeikommende Menschen, denen er verspricht, ihre Wünsche zu erfüllen. Diese meisterhafte Sonde in das Leben der Menschen im Italien unserer Tage enthüllt deren Sehnsüchte und basiert auf einem präzise ausgearbeiteten Drehbuch und einem perfekten Gefühl für den Dialog. Obwohl die Handlung in einen örtlich und zeitlich unveränderlichen Rahmen eingegrenzt ist, ist der Zuschauer immer wieder aufs Neue fasziniert und kommt aus dem Staunen nicht heraus, was Menschen für die Erfüllung ihrer Träume alles bereit sind zu opfern. Auch der Film Perfetti Sconosciuti bietet eine ebenso minimalistische Auffassung von Zeit und Raum der Handlung (ein Abendessen in einer Luxuswohnung), gepaart mit einer originellen Konfliktidee, Gespür für die Psychologie der handelnden Personen, Tempo und Spannung.

Deutsche Unbekannte mit mehr Humor

Die deutsche Version des Films mit dem Titel Das perfekte Geheimnis (2019) ist eine Neuverfilmung der italienischen Filmvorlage, nur mit mehr komödialer Stimmung. Das Abendessen – ein Menü der internationalen Küche – ist dem Gastgeber (im Gegensatz zu dem köstlichen Menü aus der italienischen Filmvorlage) nicht so recht gelungen. Auch ist in dem deutschen Remake das Thema Elternprobleme wesentlich mehr im Vordergrund (z.B. verkörpert durch die komische Figur des gestressten Vaters Leo, der mit seinen Zwillingen im Elternurlaub ist). Humorvoll gestaltet sind auch die Einleitung des Films (episodische Einblicke in die Welt der Männer-Truppe der vier männlichen Hauptfiguren) und das überschwängliche Finale voller Hoffnung und mit Happy End für alle (außer für das Paar Simon und Bianca, das sich letztendlich trennt).

Der italienische Film dagegen lässt das Ende offen. Der Zuschauer kann sich nicht sicher sein, ob dieses Spiel mit den Handys während des Abendessens tatsächlich stattgefunden hat oder nicht. Denn der italienische Gastgeber Rocco sagte: „Da wir alle verletzlich sind – mancher mehr und mancher weniger -, ist es nicht gut, mit den Handys sein Spiel zu treiben.“ (3) Und vielleicht ist dieser Satz ja auch ein Hinweis auf die Begebenheit, von der der Film ursprünglich ausgegangen ist. Denn Regisseur Genovese bekannte, dass sein Freund und seine Partnerin sich damals nach dem Unfall zwar getrennt haben, das Paar jedoch dann nach einiger Zeit wieder zusammengefunden hat.

Für den deutschen Filmmarkt wurde die italienische Filmvorlage von dem deutschen Drehbuchautor und Regisseur türkischer Abstammung, Bora Dagtekin (*1978), neuverfilmt.  Bora Dagtekin hat an der Filmakademie Baden-Württemberg Drehbuch studiert und ist mit der erfolgreichen Komödienserie Fack ju Göthe (3 Teile: 2013, 2015, 2017) bekannt geworden. Im Genre Komödie hatte er sich schon vorher einen Namen gemacht mit der Action-Komödie Türkisch für Anfänger (2012), die an seine gleichnamige ARD-Serie aus dem Jahre 2006 anschloss. An dem Film Das perfekte Geheimnis war Dagtekin nicht nur als Regisseur beteiligt, sondern auch als Drehbuchautor und Produzent. Bora Dagtekin ist es in seinem Streifen gelungen, die Typen der handelnden Personen in der Konversation schauspielerisch präzise und überdeutlich herauszuarbeiten und beim Zuschauer Emotionen hervorzurufen. Die Hauptrolle verkörperte wieder der österreichisch-tunesische Schauspieler Elyas M’Barek (als Leo), den Bora Dagtekin schon in seiner Kultserie Fack ju Göthe besetzt hatte.

Italienischer Rekord

Dass das Thema des Films Perfetti Sconosciuti zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden ist, bestätigen die vielen Neuverfilmungen dieses Themas in der ganzen Welt. 2018 entstanden nach dem Drehbuch von Paolo Genovese ein südkoreanisches und ein französisches Remake, und 2019 folgten eine polnische und die bereits erwähnte deutsche Version. 2020 wurde Paolo Genovese von einer amerikanischen Filmproduktion angesprochen, und nun wird an einer Hollywood-Verfilmung unter seiner eigenen Regie gearbeitet. Die tschechoslowakische Version ist bereits fertig gedreht. Das Drehbuch dazu wurde von Petr Jarchovský geschrieben, und in den Hauptrollen stellen sich tschechische und slowakische Schauspieler vor (so Táňa Pauhofová, Klára Issová und Martin Hofmann). Die Komödie mit dem Titel Známí neznámí (Bekannte Unbekannte) spielt in einer Silvesternacht, in der sich eine Gruppe von Freunden zusammengefunden hat, um gemeinsam das neue Jahr zu begrüßen. Aufgrund der Pandemie wurde die Premiere des Films auf 2021 verschoben.

Paolo Genovese erklärte selbst zu seinem Filmhit: „In den zurückliegenden anderthalb Jahren haben wir die Rechte zu 21 Neuverfilmungen in 21 verschiedene Länder verkauft. Damit wurde der Film Perfetti Sconosciuti als Film mit der größten Menge lokaler Remakes in der Geschichte der internationalen Kinematographie in das Guinness-Buch der Rekorde eingetragen. Zugleich ist der Film meiner Meinung nach auch ein gutes Beispiel dafür, dass man für einen international erfolgreichen Film nicht notwendig berühmte Schauspieler braucht, und dass man ihn auch nicht notwendig in Englisch drehen muss. Wirklich wichtig ist die Story! Die muss universell sein! Ich habe sieben Personen an einen Tisch gesetzt und habe sie ihre Handys rausholen und hineinschauen lassen. Das ist alles.“ (4)
 
Anmerkung 1, 2: Veronika Bednářová: Pocity se nepřekládají. Interview mit Paolo Genovese, Reflex 12 - 20, S. 45.
Anmerkung  3:  Zitat aus dem Film Perfetti Sconosciuti (2016), Regie Paolo Genovese.
Anmerkung 4: Veronika Bednářová: Pocity se nepřekládají. Interview mit Paolo Genovese, Reflex 12 - 20, S. 45.
 

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