Goethes Pfadfinder IMAGINATION (ERLEBEN) IN BERLIN

Auf dem Bild sieht man eine Konstruktion aus mehreren Zahnrädern.
Unglaubliche Gegenstände – unglaubliches Berlin. | Foto: Milada Servítová

In der Regel interessiert sie sich eher für Wohndesign. Nun aber war sie inmitten des „DesignPanoptikums“ im Museum für skurrile Objekte in Berlin. Entdecken Sie gemeinsam mit der Buchhalterin Milada diesen ungewöhnlichen Ort von Berlin!
 

Mein Name ist Servítová. Milada Servítová. Ich hatte mich nach Deutschland aufgemacht, um Geheimnisse und Schönheiten unseres westlichen Nachbarlandes kennenzulernen. Und es hat sich gelohnt! Denn Ziel meiner Reise war nichts Geringeres als ….. das Museum für skurrile Objekte.
Die Beschreibung der Fahrt spare ich mir diesmal, denn eine Zugfahrt ist eine Zugfahrt, bequem und schnell, und man kommt direkt im Stadtzentrum an. Außerdem ist der Bahnhof in Berlin so gut wie neu - mit Sicherheit nicht älter als zehn Jahre. Schade ist, dass er etwas kürzer ausgefallen ist, als der Architekt es beabsichtigt hatte. Ein Gleisbündel führt durch einen Tunnel unter der Spree entlang, das andere, quer dazu über ein Viadukt. Einen Katzensprung vom Bahnhof entfernt befindet sich das DesignPanoptikum - Museum für skurrile Objekte, ein Ort, an dem absolut alles möglich ist.


MORD AN DER PHANTASIE

Besitzer und zugleich Museumsführer ist ein junger Russe um die dreißig, der 1991 nach Deutschland gekommen ist und sich seitdem, seinen eigenen Worten zufolge, glücklich fühle. Außer Deutsch spricht er passabel Englisch, und zu jedem einzelnen Exponat weiß er bis ins kleinste Detail alles. Gleich zu Beginn sagte er mir, sein Museum sei der ideale Ort dafür, Klugheit vorzutäuschen. Die Exponate hier seien nämlich nicht mit Beschreibungen versehen, und die Besucher könnten so raten, bei welchem Ausstellungsstück es sich um einen praktischen Gegenstand handele, und welches die Kreation eines verrückten Erfinders sei. Auf meine Frage, und wie ich denn nun jeweils die Auflösung des Rätsels erfahre, d.h. woher ich erfahre, worum es sich bei den einzelnen Gegenständen in Wirklichkeit handelt, (wenn die Exponate keine Beschreibungen haben), erhielt ich als Antwort, die Auflösung wäre Mord an der Phantasie.
Also, ich weiß nicht…. Bei mir löst das eher Nervosität aus, wenn ich nicht weiß, was was ist. Aber was soll´s? Wenn er dieser Meinung ist, kann man nichts machen.
Gleich am Eingang bekam ich vom Besitzer des Museums ein unwiderstehliches Angebot. Einen undefinierbaren Gegenstand in der Hand haltend, sagte er zu mir: „Wenn du mir am Ende des Rundgangs sagen kannst, was das ist, kriegst du dein Eintrittsgeld zurück.“ Ich dachte bei mir, ´acht Euro findest du nicht auf der Straße´, und war fest entschlossen, herauszufinden, was dieses Ding war, das aussah wie etwas, was mein Sohn auf seinem Computer verfolgte und Enterprise nannte. Nur dass es keinen Warp-Antrieb hatte (das kannte ich auch von Martin. Das ist etwas, was eine unglaubliche Beschleunigung erzeugt und bis heute noch von niemandem erfunden wurde). Mich erinnerte es eher an eine gynäkologische Zange. Also, das Ding konnte alles Mögliche sein, oder auch etwas ganz anderes. Der Museums-Besitzer lachte und versuchte, mir auf die Sprünge zu helfen, indem er sagte: „Sie haben das bestimmt auch zu Hause.“ „Nein. So etwas habe ich nicht. Ansonsten wüsste ich doch, was das ist“, murmelte ich und machte mich - entschlossen, die Sache herauszufinden -, auf in die Ausstellung.

DIE WEHRMACHT UND IHRE TECHNOLOGIEN

Gleich im ersten Saal überwältige mich der Überraschungseffekt. „Ahnen Sie vielleicht, was das hier ist?“, fragte mein netter Begleiter (und Besitzer des Museums in einer Person) und zeigte auf eine Metallkugel von der Größe einer Pampelmuse, die in der Mitte ein Scharnier hatte und die man öffnen konnte.
Ich tippte zunächst auf einen Aschenbecher, danach auf das Goldene Ei von Harry Potter, danach auf das Überbleibsel einer automatischen Schellentrommel – aber nichts davon  stimmte. Richtig war etwas, was mir nicht einmal bis nächstes Weihnachten eingefallen wäre: Ja. Es war ein Hodenschutz gegen radioaktive Strahlung, wie sie in der Wehrmacht benutzt wurden. Die Menschen glaubten doch damals an unglaubliche Dinge … Und schon zeigte mir mein Begleiter eine ähnliche Sache, nur hatte diese einen Griff und war weiß. „Das hier“ erklärte er, „ist praktisch das gleiche, nur wurde es bei der Roten Armee verwendet. Und mit dem Griff konnte man das Ding auch als Rumba-Kugel benutzen. Das heißt, das Ganze ist auch musikalisch einsetzbar.“
Danach habe ich in weiteren Sälen noch ein Gerät entdeckt, das aussah wie ein Sarg mit großen Schrauben und einem Schnorchel, das zum Überleben von Patienten mit negativem Druck in Körperhöhlen diente (Gern würde ich Ihnen mehr dazu sagen, aber hier hat mich mein Wortschatz im Stich gelassen, und so habe ich – genau nach Anleitung – eine kluge Miene aufgesetzt und zustimmend genickt. Der Rekord für den  ununterbrochenen Aufenthalt in diesem Gerät betrug jedenfalls 63 Jahre.), außerdem einen unglaublich komplizierten Zahnbohrer, der zum Teil durch Tretantrieb und zum Teil durch Druckluft angetrieben wurde, hölzerne Handschuhe (wahrscheinlich für die Arbeit mit magnetischen Materialien bei Allergie auf Leder), ein Hilfsmittel, mit dem man Petroleum ins Ohr gießen kann, und viele, viele andere Dinge.
Fast bei allen Exponaten war ich mir sicher, dass es sich um Fiktionen handelt, denn das waren Dinge, die doch wohl niemand ernst gemeint haben konnte. Nur ein riesengroßer Gegenstand, der aussah wie etwas aus einem Traum, den man hat, kurz bevor man erwacht – d.h. man sieht es deutlich vor sich und kann es doch nicht beschreiben -, war eine echte Motorhaube einer russischen AN-25, des angeblich störungsanfälligsten Flugzeugs in der Geschichte der Menschheit.Geheimnisvolle Gegenstände gab es in der Ausstellung unzählige. Manchmal waren sie klein, so etwa zwei Zentimeter groß, dann wieder größer, so an die ein bis zwei Meter. Wirklich. Da lehnte ein etwa zwei Meter großer Gegenstand einfach so in der Ecke an der Wand. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was das sein könnte. Am Ende des Rundgangs habe ich dann gefragt. Und wissen Sie, was das war? Ein ganz gewöhnlicher Scharnierstift, nur eben aus dem Tor eines Hangars.
 
VOGELPERSPEKTIVE

Was sollte ich in der verbleibenden Zeit anderes tun, als zum Brandenburg Tor und zum Reichstag zu spazieren? Schon von weitem sah ich eine gläserne Kuppel. Sie musste ganz in der Nähe sein.
Und den winzigen Menschen, die man da oben sah, nach zu urteilen, musste man auch hinaufkönnen, um die Aussicht zu genießen. Ich schlenderte an der Spree entlang und freute mich daran, wie schön sich moderne und historische Architektur doch miteinander verbinden lassen. Doch irgendwie konnte ich den Weg zu der Kuppel nicht finden! Wie hätte ich ihn auch finden können, wenn die Kuppel – wie sich dann zeigte – direkt oben auf dem historischen Reichstagsgebäude saß? Also wartete ich in der Schlange, bis ich eingelassen wurde, und dann genoss ich auf der spiralförmigen Aussichtsplattform den Ausblick über die Dächer der Stadt, das Brandenburger Tor und den Fernsehturm am Alexanderplatz. Ich war überrascht von der Größe der Stadt und der einzigartigen Begegnung von Modernem und Historischem, die man von hier oben aus besonders gut wahrnehmen konnte.
Da waren auf den Dächern konventionelle gebrannte  Dachziegel neben modernen Materialien, Glas neben traditionellen Erkern und Dachgauben zu sehen. Die Zeit war so schnell vergangen, dass ich mich schon langsam ein bisschen beeilen musste, um meinen Zug nicht zu verpassen. Der Weg zum Bahnhof führt wieder an der Spree entlang, und es gibt viel zu sehen.
Bei uns in Tschechien gibt es, soviel ich weiß, ein solches Museum nicht. Also wenn Sie Lust haben, zu staunen und sich zu wundern, dann müssen Sie nach Berlin fahren. Ich kann Ihnen einen Besuch dort nur empfehlen. Und das ist alles für heute. Auf Wiedersehen bis zu einer meiner nächsten Reisen nach Deutschland. Ihre Milada.