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Tschechische Kriminalliteratur
Neue tschechische Autoren im Krimigenre

© Pixabay.com

Dem Kriminalroman geht es in Tschechien in den letzten Jahren recht gut. Es treten neue und interessante Autor*inen in Erscheinung, die ihre Bücher mehr der Realität annähern, die psychologischen Profile der Figuren sorgfältig studieren und das übliche Schema „Mord – Ermittlung – ein scharfsinniger Polizist – überraschende Überführung“ auf verschiedenste Weise stören und erneuern.

Von Pavel Mandys

Krimis waren bei den tschechischen Lesern immer beliebt als Erholungsliteratur, wobei die kommunistische Propaganda nicht gezögert hatte, sie zu ihrem Vorteil auszunutzen. Obwohl die Zensoren Krimis anfangs als dekadenten Ausdruck bürgerlicher Kultur betrachteten, begriffen sie schon Ende der 1950er-Jahre, dass der Krimi mit der richtigen Rollenverteilung ein wirkungsvolleres Instrument zur Erziehung der Lesermassen sein kann als der verehrte „sozialistische Realismus“. Und als sich die Massen dann nach der Invasion des sowjetischen Militärs im August 1968 nicht mehr erziehen ließen, gehörte der Krimi im Unterschied zu Fantasy oder Comics zu den bevorzugten Genres, um die von unerwünschten Schriftsteller*innen schlagartig befreiten Editionspläne zu füllen.
 
Nach dem Fall des kommunistischen Regimes im Jahr 1989, als Selbstverlags-(Samizdat) und Exilautor*innen wieder publizieren durften, sah es so aus, als ob das Interesse an Entspannungsliteratur verebben würde oder zumindest an der heimischen Produktion als Konkurrenz zu den Übersetzungen aus dem Englischen. Sie blieb jedoch nur außerhalb des Fokus der medialen Aufmerksamkeit: Die Thriller von Pavel Frýbort, die klassischeren Krimis von Eva Kačírková oder Inna Rottová oder im Großen und Ganzen von den Autor*innen, die vor 1989 begonnen hatten, Bücher zu veröffentlichen, verkauften sich weiterhin recht gut. Ihre Zeitgenossen schrieben weiter zahme und von der Realität entfernte Geschichten, vor allem für das ältere Publikum.

Erst mit den Übersetzungen skandinavischer Autor*innen nach 2000 entdeckten jüngere und gebildetere Leser und vor allem Leserinnen das Krimigenre. Auch, weil es diese Autor*innen schaffen, in einen gut lesbaren Roman kriminelle Phänomene zu übernehmen, die uns aktuell in den Medien begegnen: von Korruption über Rassismus bis hin zu häuslicher Gewalt. Die Bekanntheit der skandinavischen Krimis zeigte zudem, dass auch in Ländern mit der weltweit höchsten Lebensqualität und den niedrigsten Kriminalitätsraten glaubwürdige Geschichten von grausamen Morden mit uneindeutigem Ausgang entstehen können. Und ein Milieu, das glaubwürdig genug ist, entstand in Tschechien übrigens ebenfalls: Unternehmerische Eliten und Politiker wurden schnell mit dem organisierten Verbrechen verknüpft und ganz sauber sind nicht einmal die Polizei und die Justiz, wie es zahlreiche Fälle in den Medien dokumentieren.
 

Noch mit Netz und doppelten Boden

Der einzige gemeinsame Nenner der neuen Autor*innen sind die großen Ambitionen, den Leser*innen mehr zu bieten, als mit ihren Büchern nur die Zeit am Strand oder auf einer Kur totzuschlagen. Ansonsten lassen sich zwischen ihren Arbeiten kaum weitere Berührungspunkte finden. Ihre Bücher erreichen zwar nicht das Weltspitzenniveau im Bereich Krimi, aber als überdurchschnittlich lassen sie sich gewiss einordnen. Die jungen Autor*innen genieren sich nicht, als Erstlingswerk einen Krimi herauszugeben, besonders wenn es sich eher um einen Roman mit kriminellen Verwicklungen als um einen klassischen „Whodunit“ handelt. Oftmals beherrschen sie das Handwerk aber nicht und die Leser*innen überführen den Täter zu früh. Mehr als der Ausbau einer dramatischen Handlung liegt ihnen die Darstellung der Figuren und motivisch agieren sie eher noch mit Netz und doppeltem Boden.
 
Michaela Klevisová (geb. 1976) veröffentlichte ihren ersten Kriminalroman Kroky vraha (Die Schritte des Mörders) bereits 2007. Ähnlich wie im Fall des nächsten, Zlodějka příběhů (Geschichtendiebin, 2009), handelte es sich um einen traditionellen Krimi mit einem polizeilichen Ermittler und einem Verdächtigen. Klevisovás darauffolgender Krimi Dům na samotě (Das Haus in der Einsamkeit) von 2011 markiert jedoch bereits eine Verschiebung: Die Position der Figur des Polizeikommissars wird bis hin zur Bedeutungslosigkeit schwächer, wohingegen die Rolle der einzelnen Verdächtigen erstarkt. Statt der üblichen Ermittlung gegen einen Zweifachmörder entfesselt Klevisová einen Psychothriller, in dem gegensätzlichen Bestrebungen der Figuren aufeinanderprallen. Ähnlich sind auch die folgenden Romane, die nicht im heimischen Umfeld angesiedelt sind (der Roman Ostrov šedých mnichů (Die Insel der grauen Mönche) von 2015 spielt auf einer holländischen Insel, der folgende Zmizela v mlze (Sie verschwand im Nebel) von 2017 in einem abgelegenen norwegischen Dorf).
 
Die Psyche der Figuren kennzeichnet auch die starke Seite von Michal Sýkora (geb. 1971). Der Literaturwissenschaftler gab 2012 für viele recht überraschend den Krimi Případ pro exorcistu (Ein Fall für den Exorzisten) heraus, dem weitere Titel folgten: Modré stíny (Blaue Schatten, 2013), Ještě není konec (Es ist noch nicht zu Ende, 2016) und Pět mrtvých psů (Fünf tote Hunde, 2018). In allen Büchern tritt ein durch Kommissarin Výrova geleitetes Team der Kriminalpolizei Olomouc auf, wobei Sýkora ihr und ihren Kollegen sorgfältig einen persönlichen und beruflichen Hintergrund ausgestaltet. Sýkora gelang es, damit auch die Dramaturgen des Tschechischen Fernsehens zu fesseln – als Ergebnis entstanden bereits drei Folgen der Serie Detektivové od Nejsvětější Trojice.
 
Eine Fernsehserie (Vraždy v kruhu (Morde im Kreis)) markierte auch bei der als Kinderbuchautorin bekannten Iva Procházková (geb. 1953) einen Wendepunkt. Als die Serie ausgestrahlt wurde, zu der sie das Drehbuch geschrieben hatte, veröffentlichte sie auch ihren ersten Krimi Muž na dně (Der Mann am Grund, 2014), dessen Handlung der Serie vorausging. Die kluge, glaubwürdige, souverän aufgebaute und in viele Richtungen nonkonforme Handlung (ein wirklich hinterhältiger Bösewicht ist ermordet worden: ein korrupter Polizist) ist eine der besten, die sich im tschechischen Krimischaffen der letzten Jahre finden lässt. Die Autorin knüpfte 2016 daran den Roman Dívky nalehko (Leichte Mädchen) an.
 

Krimidebütant*innen

Es traten auch Autor*innen in Erscheinung, die für ihr literarisches Debüt gerade das Krimigenre ausgewählt haben. Außer den Büchern von Nela Rywiková (Dům číslo 6 (Haus Nummer 6), Děti hněvu (Kinder des Zorns)) hat auch das bemerkenswerte Debüt Na kopci (Auf dem Hügel, 2013) von Jiří Březina (geb. 1980) Aufmerksamkeit verdient. Es beginnt als Suche nach einer übernatürlichen Erscheinung (einer Schülerin ist ein Engel erschienen), die sich allmählich in die Fahndung nach einem sexuellen Gewalttäter umwandelt. Auch Březinas Stärke liegt hier mehr in der Psyche der Figuren und im Aufbau der einzelnen Szenen als in der Haupthandlung. Erst in den darauffolgenden Romanen ist es, als ob der Autor handwerkliche Sicherheit erlangt hat – in Promlčení (Die Verjährung, 2015) befasst er sich mit einem alten Mord in den Bergen an der österreichischen Grenze und führt einen jungen Polizeiermittler ins Geschehen ein, auf den in den Folgeromanen Polednice (Die Mittagshexe, 2016) und Vzplanutí (Die Entzündung, 2019) weitere Fälle warten. 

 
Die „hartgesottene Schule“ im tschechischen Karpfenteich

Bereits acht Romane und ein Buch mit Erzählungen hat Martin Goffa (geb.1973), Pseudonym eines ehemaligen Polizisten, recht schnell nacheinander veröffentlicht. Schon seine ersten beiden Bücher Muž s unavenýma očima (Der Mann mit den müden Augen, 2013) und Vánoční zpověď (Weihnachtsbeichte, 2013) bieten ein überzeugendes psychologisches Profil des Verbrechers und seines Verbrechens sowie eine wertvolle Analyse der tschechischen Unterwelt. Die Hauptserie mit Detektiv Miko Syrový, den wir zuallererst außerhalb des Dienstes kennenlernen, der dann aber in das Team der Polizei zurückkehrt, ist eine tschechische Variation der raueren Krimis amerikanischer Autoren.
 
Diese echte „hartgesottene Schule“ tauchte in der tschechischen Literatur allerdings erst 2015 mit dem Roman Rychlopalba (Schnellfeuer) auf. Sein Autor ist Štěpán Kopřiva (geb. 1971), der zuvor etwas parodistische, sehr schwarzhumorige und überaus brutale Actionromane zwischen Sci-Fi und Fantasy veröffentlicht hat. In Rychlopalba hält er sich anfangs zurück, als er seine Hauptfigur, einen gewöhnlichen Polizisten, auf die bereits eingestellte Suche nach seiner zwölfjährigen Nichte schickt. Allmählich spitzt sich die Handlung allerdings zu, der namenlose Fahnder beginnt nicht nur die Dienstvorschriften zu verletzen, sondern auch das Gesetz, was von einem Einbruch in ein ländliches Wochenendhaus bis hin zu vier Erschossenen reicht.
 
Der Großteil der neuen Autor*innen, die tschechische Kriminalromane schreiben, braucht noch einige Zeit, um sich richtig „einzuüben“. Die Kunst der Kürzung, der Übertreibungen und der Vogelperspektive haben sie sich bereits angeeignet. Ihre bisherigen Bücher bringen aber natürlich und souverän in das bisher ein wenig künstliche Handlungsumfeld tschechischer Krimis Motive und Elemente wie soziale Spannungen, profitgieriger Materialismus in zwischenmenschlichen Beziehungen und ungestrafte Machenschaften von Krawattenträgern ein.
 

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