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Poesie
Die Poesie ist ein Allesfresser

Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger | Foto: Marco Verh, CC BY 2.0

Hans Magnus Enzensberger (*1929) zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Dichtern des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Porträt von seinem Übersetzer.

Von Pavel Novotný

„Die Poesie ist, jedenfalls in meinen Augen, so etwas wie ein Allesfresser. Das heißt, es gibt überhaupt nichts, was uns angeht, was wir erleben, unsere ganzen Erfahrungen, es gibt überhaupt nichts, was nicht in der Dichtung einen Platz finden kann“, sagte Hans Magnus Enzensberger mal bei dem Prager Schriftsteller-Festival. Im Einklang mit diesem ästhetischen Ansatz vereint er das scheinbar Unvereinbare: seine literarischen Wurzeln reichen zu Bertolt Brecht und Gottfried Benn, meisterhaft bedient er sich der Technik der literarischen Montage, seine Lyrik wurde mehrmals als „Anti-Poesie“ bezeichnet.

Für Enzensbergers Dichtung ist eine organische Verbindung von Poesie und Wissenschaft, Philosophie oder auch Politik typisch. Enzensberger ist dabei nicht nur ein bedeutender Dichter, sondern ebenfalls ein scharfsinniger Essayist, Prosaiker, Kinderbuch- oder auch Hörspielautor, Dramatiker, der gerne provoziert und verschiedene literarische Masken aufsetzt. Im Einklang damit erschien manches von diesem Autor auch unter diversen Pseudonymen, unter anderem Andreas Thalmayr, Elisabeth Ambras, Linda Quilt oder Giorgio Pellizzi. Enzensberger ist weiterhin als Übersetzer, Redakteur und Verleger bekannt.

Vom „zornigen jungen Mann“ und Revolutionär zum Skeptiker

Besonders in den 1950er-Jahren und am Anfang der 1960er-Jahre galt Enzensberger als „der zornige junge Mann“ der deutschen Poesie, der zynisch das Wirtschaftswunder, die neue Konsumwelt sowie die unbewältigte Vergangenheit kritisierte (siehe dazu vor allem seine ersten Gedichtsammlungen Verteidigung der Wölfe und Landessprache). In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre hat er eine Zeitlang auf das poetische Schaffen verzichtet und sich möglichst sachlich mit politischen Themen beschäftigt; in seiner legendären linksorientierten Zeitschrift Kursbuch hat er somit programmatisch die Literatur „zu Grabe getragen“ und später den puren Dokumentarismus gepflegt (siehe vor allem seinen Roman Der kurze Sommer der Anarchie). In den Jahren 1968/69 war Enzensberger auf Kuba, was einen erheblichen Einfluss auf sein literarisches Schaffen hatte: Der Aufenthalt stellte für den linksorientierten Autor eine wahre Schocktherapie dar, die zu seiner ideologischen Ernüchterung und schließlich auch skeptischen Haltung führte.

In den 1970er-Jahren erschienen unter anderem seine umfangreichen Gedichtzyklen Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts (1975) und Der Untergang der Titanic, die zu seinen wichtigsten Werken zählen, indem sie die Kulturgeschichte der Neuzeit multiperspektivisch und äußerst konzentriert reflektieren. Ähnlich wie auch in seiner späteren Sammlung Die Furie des Verschwindens (1980) beschäftigt sich der Autor hier mit den Kehrseiten des menschlichen Fortschritts und bringt das Verfahren der literarischen Montage zur Perfektion. Auch in seinen späteren Texten hat Enzensberger seinen skeptischen und kritischen Ton behalten – siehe zum Beispiel seine Sammlung Kiosk (1995), die Essays Aussichten auf den Bürgerkrieg (1993) oder Schreckens Männer (2006). Enzensbergers Spätwerk zeichnet sich durch einen weltoffenen und gutmütigen Charakter aus – siehe zum Beispiel sein Text- und Bilderbuch Album (2011) oder seine Experten-Revue (2019). Zu seinen neuesten lyrischen Werken gehören die Sammlungen Blauwärts (2014) oder Wirrwarr (2020).
 

 

Hans Magnus Enzensberger: Mausoleum Hans Magnus Enzensberger: Mausoleum | Foto: Suhrkamp

Mausoleum als eines der wichtigsten Werke Enzenbergers

Gilt der junge Enzensberger als Erfinder und Wegbereiter der neuen poetischen Sprache, so ist für sein späteres Schaffen ein programmatischer Verzicht auf jegliche linguistische Virtuosität charakteristisch. In seiner Dichtung der 1970er-Jahre, exemplarisch in seinem Mausoleum, wird die Kunst des poetischen Ausdrucks durch die Kunst der Recherche und scheinbar kalter, dokumentarischer Montage ersetzt. Sowohl das Mausoleum als auch Der Untergang der Titanic stellen demzufolge offene Strukturen dar, deren poetische Wirkung sich aus dynamischer Verbindung einzelner Fakten und Informationen entwickelt. So bietet das Mausoleum siebenunddreißig Porträts verschiedenster Erfinder, Philosophen, Weltverbesserer – von Giovanni de Dondi über Johannes Guttenberg, Lazzaro Spallanzani bis hin zu Wilhelm Reich oder Che Guevara; die einzelnen Balladen sind miteinander motivisch eng verbunden, wodurch ein dichtes intertextuelles Netz entfaltet wird. Der menschliche Fortschritt zeigt sich hier als ein vielschichtiger, gemeinsamer Prozess, als eine globale wahnsinnige Obsession, deren Akteure, den Regenwürmern gleich, „die Erde zu Humus, tonnenweise, lautlos und unaufhaltsam (...) vermahlen“ (siehe das Gedicht über Charles Darwin).

Was Enzensberger in seinem Mausoleum zeigt, ist vor allem die Schattenseite der aufklärerischen Weltanschauung: der kalte ‚Verstand‘, der die Welt zwar besser, schneller und effizienter machen will, schließlich aber in direkten Konflikt mit jeder Humanität und menschlicher Freiheit gerät. Dieses dunkle Bild des menschlichen Fortschritts schildert Enzensberger aus der Perspektive eines gelehrten, forschenden, zugleich aber freien und weltoffenen Geistes: eines wahren, humanistisch denkenden Aufklärers. Schon durch diesen kreativen Ansatz, der für Enzensberger bis heute typisch bleibt, stellt das Mausoleum die eigentliche Essenz seines Œuvres dar, und zusammen mit der Titanic lässt es sich als sein zentrales Werk ansehen.
Hans Magnus Enzensberger in der Universitätsstadt Tübingen, 2013 Hans Magnus Enzensberger | Foto: Alex König, CC BY 3.0

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