Karl May „Strafexpeditionen“ nach Prag

© Karl-May-Museum Radebeul

Vielen Schriftstellern aus dem Ausland diente Prag als künstlerische Inspiration – Karl May ausgenommen. Inspirationsquellen fand er anderswo in Böhmen, im Norden und Westen des Landes. Für den geistigen Vater des berühmten Häuptlings Winnetou war Prag ein rein geschäftliches Ziel. Die Stadt wurde das Tor zur tschechischsprachigen Leserschaft, die sich früh als eine der größten May-Liebhaberinnen weltweit erwies.

 

Karl May erschien in Prag erstmals im Jahr 1888 – jedoch nur vertreten durch sein Werk: Als erste tschechische Übersetzung eines seiner Texte wurde damals der legendäre Sohn des Bärenjägers (tsch. Syn lovce medvědů) veröffentlicht. Diese tschechische Ausgabe nimmt in der Schaffensgeschichte des Autors eine ganz besondere Stellung ein. Es ist die erste fremdsprachige Version seiner ersten Jugendromans . Der Verleger Josef Richard Vilímek veröffentlichte sie gerade einmal ein paar Monate nach ihrem Abdruck in der deutschen Jugendzeitschrift Der gute Kamerad. May und Vilímek standen damals erst vor der erfolgreichen Entwicklung ihrer Karrieren und hatten beide in ihrem jeweiligen Gebiet eine glänzende Zukunft vor sich. Ihre Zusammenarbeit erwies sich als strategisch günstig und vorteilhaft für beide Seiten, obwohl sie in der Zukunft noch so einige beachtliche Konflikte begleiten sollte.

Der Sohn des Bärenjägers erschien auf Tschechisch in mehreren Teilen und wurde ein solcher Erfolg, dass 1890 in Prag unter demselben Titel der erste tschechische Karl-May-Roman als Buch veröffentlicht wurde. Fünf Jahre darauf folgte der Roman Der Geist des Llano Estacado (tsch. Duch prérie). Die Herausgabe beider Titel wurde durch Josef Richard Vilímek finanziert und allem Anschein nach mit der Kenntnis des Autors umgesetzt, was in Österreich-Ungarn keine Selbstverständlichkeit war. Dem Autorenrecht zufolge konnte der Autor seine Rechte nur bis zu drei Jahre nach der Veröffentlichung des Werks geltend machen. Und den tschechischen Herausgebern reichte es so meistens, einfach abzuwarten.
 © Jos.R.Vilimek Verlag

Lieber einen Franzosen statt eines Deutschen

Die zu der Zeit gängige Zweisprachigkeit ermöglichte es vielen Tschechen zwar, Mays Romane im deutschen Originaldruck zu lesen, die massenhafte Verbreitung in den tschechischen Ländern erlebte das Werk des bekannten Schriftstellers jedoch erst mit der Herausgabe der tschechischen Übersetzung. Der talentierte Verleger Vilímek, der den einheimischen Lesern auch Victor Hugo und Jules Verne vorgestellt hatte, schätzte Karl Mays Potenzial voraussehend ein. Er behielt seine Arbeit langfristig im Auge und sprach den Schriftsteller 1897 mit einem Brief an, in dem er ihm einen Exklusivvertrag zur tschechischen Herausgabe sämtlicher bisheriger Bücher anbot. Es war höchstwahrscheinlich gerade dieses Angebot, das Karl May zu seinem ersten nachweisbaren Besuch in Prag motivierte.

Der Zug mit May und seiner Frau Emma fuhr am Bahnhof Dresden-Altstadt ab und erreichte über Tetschen/Děčín am 13. Februar 1898 die Hauptstadt des böhmischen Königreichs. Hier sollte eine Werbetour in Richtung Wien, Linz, München und Regensburg beginnen. Der Hauptinhalt dieser Reise bestand aus öffentlichen Lesungen und Abschlüssen von Geschäftsverträgen. May bezog das Hotel de Saxe in der Hybernská-Straße. Wenn auch kein Beleg davon existiert, so ist es doch nicht unwahrscheinlich, dass er während seines einwöchigen Aufenthalts persönliche Verhandlungen mit Vilímek geführt hat, zu denen ihn der tschechische Partner im Dezember des Vorjahres per Brief gebeten hatte. Die heute noch erhaltene Korrespondenz zwischen May und Vilímek zeigt die schwierigen Verhandlungen in den nachfolgenden Monaten über die Bedingungen der Zusammenarbeit. Sie diskutierten über Geld und beide Parteien präsentierten sich als starke Persönlichkeiten. Vilímek zog bei den Verhandlungen einen Trumpf aus dem Ärmel als er drohte, dass er, falls May den Kompromissvorschlag nicht annehmen würde, die gesetzlichen Möglichkeiten seines Landes ausnutzen und die Bücher ohne Zustimmung des Autors herausgeben würde. Und das tat er dann im September 1898 auch. Er brachte eine unautorisierte Ausgabe des Romans Durch die Wüste (tsch. Pouští) auf den Markt, den Stanislav Guth-Jarkovský übersetzt und überarbeitet hatte. Er hatte auch den Namen der Hauptfigur geändert, die im Zeitgeist des tschechischen Patriotismus nun nicht mehr der Deutsche Kara ben Nemsi war, sondern zum Franzosen Kara ben Han geworden ist.

Ein skandalöses Inserat

In der „Villa Shatterhand“ im sächsischen Radebeul führten die unangenehmen Nachrichten aus Böhmen zu einer zweiten Reise nach Prag, die sich als Strafexpedition bezeichnen lässt. May bezog mit seiner Ehefrau am 12. Oktober 1898 wieder das Hotel de Saxe und veröffentlichte zwei Tage später in der der Prager deutschsprachigen Zeitung Bohemia eine ganzseitige, öffentliche Erklärung: „Bin ich doch gerade deshalb überzeugt, daß seine Berechnung nicht das erwartete Facit bringen wird, denn kein anständig denkender Mann bezieht seine geistige Nahrung von einem Lieferanten, der rücksichtslos von fremden Federn erntet, und mir die Früchte fast vierzigjähriger Reisen und Studien ohne angemessene Entschädigung vom Baume nimmt.“

May zeigte sich als versierter Geschäftsmann und großer Taktiker. Er versetzte Vilímek einen schmerzhaften Schlag, allerdings beabsichtigte er nicht, ihn völlig niederzumachen und sich damit einen lebenslangen Feind zu schaffen. Noch immer schätzte er Vilímek als beste Wahl auf dem Weg zu den tschechischen Lesern ein. Er nutzte seine federführende Position während der Verhandlungen, konnte die Bedingungen diktieren, und Vilímek blieb letztendlich nichts anderes übrig, als diese zu akzeptieren. Eine Übereinkunft erreichte er am 18. Oktober in Vilímeks Buchhandlung in der Spálená-Straße. Es entstand anschließend eine enge geschäftliche und persönliche Beziehung, die weitere zehn Jahre andauerte und den hiesigen Fans eine ganze Reihe an May-Romanen einschließlich des legendären Buchs Winnetou mit sich brachte. Ein interessanter Fakt ist, dass Karl May während dieser Aufenthalte in Prag ein dreizehnjähriger Fan seiner Bücher mit dem Namen Egon Erwin Kisch besuchte.

 © Goethe Institut

Vor Gericht

Ab 1904 traf May in Deutschland eine Serie von Angriffen, bei denen wiederholt seine moralische Autorität angezweifelt wurde. Seine Gegner wühlten in seiner kriminellen Vergangenheit zu Jugendzeiten und beschuldigten ihn, seine Leser betrogen zu haben, da er ihnen seine Romane zusammen mit der Legende, dass er die beschriebenen Abenteuer selbst als Old Shatterhand und Kara ben Nemsi erlebt hätte, verkauft habe. Beide Beschuldigungen beruhten auf einer wahrheitsgemäßen Grundlage, jedoch artete die Kampagne gegen in aus und nahm hysterische Ausmaße an. In dieser Atmosphäre bekam Vilímek das Gefühl, dass der Schriftsteller ihn als alleinigen Herausgeber umgangen hätte, denn der Konkurrenzverlag Alois Hynek hatte einige frühe Romane von May herausgegeben. Vilímek umgangen hatte May zwar nicht, jedoch hatte er in Anbetracht der aktuellen Begebenheiten nicht einmal mehr Lust, etwas dagegen zu unternehmen. Vilímek hielt damit den Vertrag von 1898 als ungültig und stellte die Honorarzahlungen an May ein. Der Schriftsteller raffte sich erst zu Beginn des Jahres 1907 auf, sich dagegen zu wehren und entschied sich dafür, den Streit über den Gerichtsweg zu lösen.

So fuhr er zum dritten und letzten Mal nach Prag und wieder war es keine Reise, um den genius loci der Mutter aller Städte kennenzulernen. Zur Verhandlung am 2. Juni 1908 erschien er in Begleitung seines Rechtsvertreters Artur Freund. Den Streit gewann May, und Vilímek musste sämtliche Honorare, die er noch schuldete, nachzahlen. Nicht einmal diese Angelegenheit zerstörte jedoch die Geschäftsbeziehung der beiden Männer. Der Prager Verleger behielt weiterhin die Sonderrechte an den tschechischen Ausgaben der May-Romane und verzichtete erst zehn Jahre nach dem Tod des Schriftstellers auf sie, um sie der Konkurrenz zu verkaufen.  

Die an Josef Richard Vilímek adressierten Briefe von Karl May kann heute jeder, der Interesse daran hat, einsehen. Das Denkmal des nationalen Schrifttums (tsch. Památník národního písemnictví) veröffentlichte sie 2013 als gesonderte Edition mit tschechischen Übersetzungen unter dem Titel Šest feniků za exemplář? Ne! Nemožné! (Sechs Pfennige pro Exemplar? Nein! Unmöglich!).