Karl May Wie ich Karl May begegnet bin

© Český rozhlas

Karl May ist für mich einer der größten Schriftsteller und Dichter aller Zeiten. Seine Geschichten spielen zwar überwiegend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber in Wirklichkeit sind sie zeitlos. Die mutigen Helden, die in exotischen Ländern in dramatische Situationen geraten, sind Boten der Werte, auf denen die westliche Zivilisation aufgebaut ist – Ehre, Gerechtigkeit, Freundschaft, Humanismus. Deshalb hatte Karl May so viele Bewunderer. Und die hat er noch immer und wird sie sicherlich auch noch weiterhin haben.

Ich denke, dass ich so acht oder neun Jahre alt war und dass es eines meiner ersten richtigen Bücher war, nicht nur irgendein Märchen oder eine Erzählung. Mein Bruder hat es mir damals gegeben und hat zu dem Zeitpunkt nicht einmal geahnt, was er damit auslöst. Ja, auch er selbst ist mit den May-Romanen aufgewachsen und sie haben ihn letztendlich so stark beeinflusst, dass er in den Sechzigerjahren, schon als Produzent bei Supraphon, die Herausgabe der legendären LPs Ztracenka zpívá und Jezero dřímá durchgesetzt hat, mit denen er die tschechische populäre Musik (und die Kultur allgemein) für immer verändert und sie um das bis heute lebendige Genre der Tramp-, Country- und Westernmusik bereichert hat. Davon habe ich damals jedoch noch nichts verstanden. Ich habe lediglich eine ganz schön abgegriffene Ausgabe eines nicht ganz so bekannten Werks von Karl May in den Händen gehalten.

Im Reiche des silbernen Löwen

Der Roman Im Reiche des silbernen Löwen I (Anmerkung des Übersetzers: auf Tschechisch heißt der erste Teil V zemi černých stanů, dt.: Im Land der schwarzen Zelte) ist der erste Teil des umfangreichen Epos Im Reiche des silbernen Löwen. Die anderen Teile konnte ich lange Zeit nicht auftreiben und daher habe ich nicht gewusst, wie das Abenteuer der Hauptfigur, die zu Beginn Old Shatterhand heißt und zuletzt Kara Ben Nemsi, endet. Dieses Buch spielt nämlich sowohl im Wilden Westen als auch im Orient. Sein Prolog ist zeitlich kurz nachdem Winnetou auf dem Hancockberg heimtückisch von den Sioux erschossen wird einzuordnen. Auf dem Weg von Winnetous Grab zu den Apachen trifft Old Shatterhand dann eine Reihe merkwürdiger Figuren, erlebt viele Abenteuer und aus der Gefangenschaft der Comanchen befreit er einen gewissen Dschafar, einen Perser. Auf ihn trifft er dann im zweiten Buchteil erneut, als er bereits mit seinem treuen Freund Halef aus Bagdad über den Fluss Tigris nach Persien wandert.

In einem Teil des Romans befindet sich eine Erwähnung davon, dass Frauen eine Seele hätten und dass das auch Jüdinnen beträfe – und gerade diese Worte blieben mir lange im Gedächtnis hängen. Von zu Hause wusste ich, dass über Juden und das Judentum nicht viel geschrieben und in der Öffentlichkeit auch nicht gesprochen wurde – es waren die Fünfzigerjahre. Karl May war zudem verboten, weil er angeblich zur Lieblingsliteratur von Adolf Hitler gehörte. Wie konnte er denn dazugehören, wenn er gerade über Juden so schön schrieb? Und es gab eine Menge weiterer Fragen, auf die ich damals keine Antworten erhielt. Aber vor allem interessierten mich die weiteren Abenteuer.
Mein Mitschüler Jirka Lipan lieh mir dann eine fünfteilige Vorkriegsausgabe von Winnetou mit Illustrationen von Zdeňek Burian, die mich einfach faszinierten. Ich wollte auch ein solcher Illustrator werden, ich habe sogar begonnen zu zeichnen und zu malen. Und ich habe Burians Arbeit im Bereich Rekonstruktion längst ausgestorbener Geschöpfe entdeckt, die er gemeinsam mit einem der führenden Paläntologen, Josef Augusta gestaltet hat – und das lange vor der Dinosaurier-Modewelle, die Spielbergs Jurassic Park ausgelöst hatte.

Ich war den Büchern von Karl May einfach verfallen. Als dann in den Sechzigerjahren begonnen wurde, sie auf Tschechisch herauszugeben, verschlang ich eines nach dem anderen. Es ging aber nicht nur um das Abenteuer. Der Sinn für Gerechtigkeit, Ehre und eine gehörige Portion Romantik sind mir bis heute erhalten geblieben. Ein Soziologe oder Psychologe würde sagen, dass diese Lektüre meine Wertvorstellungen beeinflusst hat. Und nicht nur meine, das betrifft auch die Generation vor mir und hoffentlich wird es auch noch weitere Generationen betreffen.
 

Dichtung und Wahrheit

Die Liste der May-Bewunderer ist, wie bekannt, lang und es befinden sich darunter auch die bekanntesten Namen. Für uns, die wir uns bemühen, auf das Phänomen zu verweisen, von dem Stefan Zweig als „Die Welt von gestern“ schrieb und das Friedrich Torberg in Tante Jolesch so bunt schildert, ist es interessant, dass viele Literaten dieser Zeit gerade von Karl May inspiriert wurden. Er schrieb doch äußerst fesselnd von exotischen Ländern und beschrieb erstaunliche Abenteuer, die er selbst erlebt hatte – und letztendlich zeigte sich, dass er sich den Großteil davon schlichtweg ausgedacht hatte. Warum sich ihn nicht als Beispiel nehmen? Bis heute ist mir nicht klar, ob das, was Egon Erwin Kisch in seinen Reportagen schildert, wirklich so passiert ist. Bei Kafkas Werken ist es ersichtlich, dass es sich um Übertreibungen, Karikaturen und das Absurde handelt. Aber was ist mit Werfels Die vierzig Tage des Musa Dagh? Nein, wir wollen hier keinen politischen Skandal herbeirufen – schauen wir lieber nach Hollywood.
 

Weites Land

Kenner des dichterischen Werks erkennen sie auf den ersten Blick: die Szene aus einem der berühmtesten Western, William Wylers Weites Land, als Gregory Peck ein wildes Pferd zähmt – als ob sie aus dem ersten Winnetou-Teil ausgeschnitten worden wäre. Das ist kein Zufall. Viele Drehbuchautoren – und nicht nur diese, auch weitere Berufe beim Film einschließlich der Komponisten der Filmmusik mit dem gebürtigen Brünner Erich Wolfgang Korngold an der Spitze – flohen vor Hitler aus Europa nach Amerika und viele fanden gerade in Hollywood eine Anstellung.
 
Und was ist mit John Hustons Schatz der Sierra Madre? Humphrey Bogart spielt hier den Antihelden – eine seiner meistausgezeichneten Rollen –, der sich des Goldes wegen niederträchtig verhält. Falls Sie das an Mays Erzählung Deadly Dust aus dem dritten Winnetou-Teil erinnert, ist die Ähnlichkeit zum wiederholten Male kein bloßer Zufall.
 

Siegfried

Ich halte mich nicht für einen Kenner von Mays Werk, aber an so manches erinnere ich mich aus seinen Büchern. Und wir haben hier noch nicht einmal über die Verfilmungen der May-Romane gesprochen, deren Zitate wir aus der tschechisch synchronisierten Fassung gern unter Freunden verwenden und wo uns bei der überwältigenden Musik von Martin Böttcher die Tränen laufen. Nur eines war mir immer ein Rätsel – warum die Intschu-tschuna, Nscho-tschi und dann auch Winnetou sitzend auf ihren Pferden unter steinernen Grabhügeln beerdigt wurden. Die Apachen bestatteten ihre Verstorbenen – genauso wie der Großteil der indianischen Stämme – doch in Baumkronen. Des Rätsels Lösung fand ich erst, nachdem ich Wagners Siegfried gesehen hatte.