Interview mit der begleitenden Deutschlehrerin Jana Ginzelová

Tschechische Teilnehmerinnen der IDO 2014: Kateřina Martincová, Jana Ginzelová, Jelizaveta Laškevičová (v.l.) © Goethe-Institut; Foto: Valentin Fanel Badiu

Interview mit Frau Jana Ginzelová, Deutschlehrerin am Erzbischöflichen Gymnasium in Prag 2, die an der Internationalen Deutscholympiade 2014 (IDO 2014) in Frankfurt am Main teilgenommen hat.

Liebe Frau Ginzelová, Sie sind zur Internationalen Deutscholympiade 2014 in Frankfurt am Main als Begleitung der beiden tschechischen Teilnehmerinnen, von denen eine Ihre Schule besucht, gefahren. Was haben Sie von der Teilnahme an der IDO erwartet und wurden Ihre Erwartungen im Laufe der vierzehn Tage erfüllt? Bereuen Sie nicht, dass Sie zwei Wochen Ihres Urlaubs dafür „opfern“ mussten?

Ich bereue meine Teilnahme auf keinen Fall, im Gegenteil! Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit! Vor der Abreise habe ich, ehrlich gesagt, keine konkrete Vorstellung gehabt. Ich wusste, dass ich an einem Seminar für Deutschlehrer/-innen mit dem Schwerpunkt Deutsche Landeskunde teilnehmen würde. Ich habe mich überraschen lassen und die Überraschung war positiv und überaus inspirierend.

In Frankfurt wurde ein Programm für die begleitenden Deutschlehrer/-innen vorbereitet. Was stand alles auf dem Programm und was davon war für Sie das Schönste bzw. hat Ihnen das meiste gebracht? Gab es auch gemeinsame Programmpunkte für die knapp 50 Deutschlehrer/-innen und die rund 100 teilnehmenden Schüler/-innen?

Das Seminarprogramm war sehr bunt und ausgewogen: die Aktivitäten in den Seminarräumen des Hauses der Jugend, in dem die Schüler/-innen untergebracht waren und in dem auch ihre Wettbewerbe stattfanden, wurden durch Spaziergänge durch Frankfurt ergänzt, bei denen wir die Möglichkeit hatten, die verschiedenen Gesichter dieser multikulturellen Metropole und ihre Geschichte kennenzulernen. Erwähnen möchte ich besonders den Besuch des Goethe-Hauses, die Aussicht vom Main Tower, die malerischen Ecken des Stadtviertels Sachsenhausen und seinen berühmten „Ebbelwoi“ (Apfelwein) und vieles mehr. Während der Arbeit im Haus haben wir meistens in zwei Gruppen mit zwei Seminarleiterinnen gearbeitet oder wir haben alle gemeinsam an einem Vortrag teilgenommen (Musik im Unterricht, ein sog. DACH-Projekt, Rhythmus, Klang, Grammatik usw.). Die Gruppenarbeit war einerseits auf das gegenseitige Kennenlernen und das Kennenlernen der anderen Kulturen ausgerichtet, andererseits auf den Erwerb didaktischer Fertigkeiten für den eigenen Unterricht. Es ist schwer zu sagen, was mich am meisten beeindruckt hat. Vielleicht der unvergessliche Vortrag von Frau Prof. Marion Grein zur Neurolinguistik. Es war kein wissenschaftlicher Monolog, sondern ein lebhafter, demonstrativer und interaktiver Dialog zwischen der Vortragenden und den zuhörenden Deutschlehrern.

Wie bereits erwähnt, fand unser Seminar in demselben Gebäude statt wie die Olympiade. Wir konnten unsere Schüler also jeden Tag sehen, wir konnten sie fragen, woran sie gerade arbeiten, wir konnten sie ermutigen, wir konnten uns mit ihnen beim Essen in der Kantine treffen. Während der IDO fanden mehrere gemeinsame Aktivitäten statt, also sowohl für die Schüler, als auch für die Lehrer und die Organisatoren: der Eröffnungsabend, der Empfang im altertümlichen und nicht nur für die Stadt Frankfurt wichtigen Rathaus Römer durch die Vertreter der Stadt und des Landes, weiter der Länderabend, der Jahrmarkt der Kulturen auf dem Frankfurter Flughafen, der auch für die Öffentlichkeit zugänglich war, dann die Schifffahrt auf dem Main, zwei Konzerte und der sog. Frankfurter Abend an der Universität. Dankbar waren wir auch dafür, dass wir bei der Präsentation und beim Quiz unserer Schüler im Rahmen des Wettbewerbes dabei sein konnten.

Wie war die Atmosphäre zwischen den Deutschlehrkräften aus knapp 50 Ländern? Haben Sie schon mal eine ähnlich internationale Gruppe erlebt oder war das für Sie eine neue Erfahrung?

Obwohl ich so eine „Internationalität“ schon einmal erlebt habe, z.B. beim Weltjungendtag, hatte die IDO einen anderen Charakter. Es handelte sich um ein unglaublich offenes, freundliches, intensives und harmonisches Zusammenleben der Kulturen und der Nationen an einem Ort. Als ob für diese zwei Wochen alle Grenzen verschwunden wären: zwischen den Kontinenten, den Ländern, den Nationen, den Sprachen, den Altersgruppen… Diese Erfahrung ist zu großen Teilen nicht übertragbar, mit Worten nicht beschreibbar. Wir durften eine einzigartige Gemeinschaft mitgestalten und (er)leben. Ich möchte es so ausdrücken: Es hat uns nicht nur der Beruf oder die Kenntnis einer Fremdsprache verbunden (Deutsch öffnet Türen), sondern vor allem der gegenseitige Respekt und die Bereitschaft zum Dialog und zum Erfahrungsaustausch. Es ist schade, dass es von dieser Harmonie im alltäglichen Leben jedes Einzelnen und im globalen Leben so wenig gibt.

Mit Ihren Kollegen aus den anderen Ländern haben Sie sicher viel über die Sorgen und Freuden der Deutschlehrer/-innen, bzw. der Lehrer/-innen im Allgemeinen in ihrem Alltag gesprochen. War etwas, was Sie von den anderen Lehrern erfahren haben, besonders interessant für Sie? Ähneln sich die Erfahrungen der Deutschlehrer/-innen in den verschiedenen Ländern und auf den verschiedenen Kontinenten eher oder unterscheiden sie sich voneinander?

Wir haben unendlich viel über unsere Schulen, Methoden, Techniken im Unterricht geredet, und vielleicht noch viel mehr über Schulen im Allgemeinen, über Schulsysteme, Einteilung der Ferien, Bezahlung der Lehrkräfte… Jedes Land hat seine Spezifika, die geographische Lage (Neuseeland oder Indonesien z.B. versus Tschechien) spielt in der Beziehung zur deutschen Sprache eine große Rolle (aber: Deutsch in Brasilien ist beispielsweise trotz der Ergebnisse der Fußball-WM sehr in!). Auch die ökonomische Lage und das hohe Ansehen (oder auch niedrige Ansehen) des Lehrberufs beeinflussen das Schulwesen. Also trotz der tausenden von Kilometern, die unsere „Alma-Mater“ trennen, sind wir auf nicht gerade wenig Gemeinsames gestoßen.

Worauf wir uns einigen konnten, ist die Tatsache, dass externe Faktoren viel beeinflussen können, die Grundelemente des Lernprozesses bleiben jedoch weiterhin vor allem die Schüler/-innen und die Lehrer/-innen sowie die Bereitschaft der Lehrkräfte ständig etwas Neues zu lernen.

Am Ende der IDO fand die feierliche Siegerehrung statt. Wie waren Ihre Gefühle, als Sie gehört haben, dass die ersten Plätze in zwei von drei Kategorien gerade an die tschechischen Teilnehmerinnen Jelizaveta Laškevičová (Schülerin Ihrer Schule) und Kateřina Martincová gehen?

Ich muss sagen, dass mir so etwas nicht mal im Traum eingefallen wäre! Ich war sehr froh, dass ich beide Mädchen zur IDO begleiten konnte, dass ich bei ihnen sein konnte, als doch ein wenig Lampenfieber vor einer Präsentation oder vor dem Quiz aufkam, dass wir zusammen durch das historische Zentrum Frankfurts spazieren und dass wir zwischen unseren Programmpunkten ab und zu ein paar Wörter während der Kaffeepause wechseln konnten. Kurz gesagt: als ich Katkas Namen gehört habe, habe ich mich riesig gefreut, und beim Namen von Líza sind mir Glückstränen in die Augen gestiegen und ich konnte nur ein Wort sagen: Wahnsinn! Wunderbar war auch die selbstlose Freude der anderen Lehrer/-innen, die mir in einer unendlichen Schlange zu diesem unglaublichen Erfolg gratuliert haben.

Diesen Erfolg wünsche ich den beiden Schülerinnen von ganzem Herzen, genauso wie auch viel Erfolg im kommenden Schuljahr, das für beide in vielerlei Hinsicht sehr wichtig ist, denn beide werden Abitur machen und dann die „richtige Tür“ für den weiteren Lebensweg suchen.

Das neue Schuljahr nähert sich, Ihre Ferien sind zu Ende und in Gedanken sind Sie wahrscheinlich schon zurück in der Schule. Hat die Teilnahme an der IDO Sie irgendwie inspiriert oder motiviert und haben Sie etwas Neues, Interessantes oder Schönes für Ihre Schüler vorbereitet?

Auf jeden Fall möchte ich zuerst alle Fremdsprachenlehrer ermutigen: unsere Arbeit scheint manchmal unendlich, oft unsichtbar und kaum wahrnehmbar, aber lasst uns nicht verzweifeln! Sobald unsere Schüler/-innen die Gelegenheit haben, Fremdsprache „live“ zu (er)leben, motiviert sie dies ganz von allein.

Ich freue mich darauf, dass ich meine Erfahrungen zunächst einmal an meine Kolleginnen und Kollegen in unserem Gymnasium weitergeben kann. Ich habe viele Ideen, Unterlagen und Unterrichtsmaterialien mitgebracht, die ich im Unterricht benutzen kann. Was konkrete Projekte angeht, entstand die Idee eines „Korrespondenzaustausches“ mit Neuseeland. Die Details müssen die neuseeländische Kollegin und ich noch besprechen. Aber warum sollten meine Schüler/-innen das „Land der Hobbits“ nicht mit Hilfe der deutschen Sprache entdecken?


 

Die Fragen stellte Štěpánka Laňová, Goethe-Institut in Prag.
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August 2014