Fluchtroute Ostsee Die Flucht nach Dänemark

Ungefähr 6000 Ostdeutsche versuchten die Flucht über die Ostsee.
Ungefähr 6000 Ostdeutsche versuchten die Flucht über die Ostsee. | Foto: BSTU

Die Meisten denken an die Berliner Mauer, wenn von Fluchtversuchen aus der DDR die Rede ist. Aber es gab auch eine andere wichtige Fluchtroute aus der kommunistischen Republik: die Ostsee. Tausende von Fluchtschicksalen über die Ostsee werden allerdings von den Erzählungen aus der Hauptstadt des Kalten Krieges in den Schatten gestellt. Tatsächlich fanden mehr Flüchtlinge den Tod in den Meereswellen als an der Berliner Mauer. Die Fluchtroute über die Ostsee ist ein vergessenes Kapitel der Weltgeschichte – mit Dänemark in der Hauptrolle.

Oktober 1988 – mitten zwischen der DDR und Dänemark. Der Mann im dunkelroten Kajak winkt verzweifelt der Mannschaft des westdeutschen Schiffes M/S Dania zu. Es besteht kein Zweifel – dies ist ganz klar ein Notfall. Ein Matrose wirft dem Mann in dem kleinen Kajak schnell ein Seil entgegen, aber die hohen Wellen erschweren dem Schiffbrüchigen, es zu fangen. Ihm gelingt es erst nach mehreren Versuchen, das Seil zu fassen und lässt sich zu einer Öffnung an der Schiffseite ziehen, wo Matrosen ihn und sein Kajak unter größter Mühe an Bord hieven.

Der Mann im mittleren Alter floh in der vergangenen Nacht von der DDR-Ostküste. Knapp 12 Stunden verbrachte er in dem aufblasbaren Kajak und war in den letzten langen Stunden von den Naturgewalten überwältigt worden. Schließlich gab er auf und ließ sich vom Wind durch die Wellen treiben. Nun endlich in Sicherheit auf der M/S Dania wird der Mann in die Kajüte begleitet, wo er ein warmes Bad nimmt. Die Haut auf seinen Händen ist dermaßen aufgelöst, dass man die weißen Knochen darunter sehen kann. Peter Faust, 49 Jahre alt, ist einer der letzten ostdeutschen Flüchtlinge, die über die Ostsee aus der DDR fliehen – nur ein Jahr später fällt die Mauer in Berlin.

Fluchtziel Gedser

Als die ostdeutschen Behörden am 13. August 1961 die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland dicht machten, versperrte die DDR-Regierung gleichzeitig das größte und wichtigste Schlupfloch in Richtung Westen. Einer anhaltenden und bedrohlichen Entvölkerung der jungen kommunistischen Republik wurde mit einer blitzschnellen und effektiven Nachtaktion ein Riegel vorgeschoben. Tausende von Ostdeutschen mit Zukunftsträumen im Westen richteten danach ihren Blick gen Norden – in Richtung der mehr als 300 km langen Küstgrenze an der Ostsee. In den ersten Tagen nach dem 13. August 1961 entdeckten mehrere Ostdeutsche ein noch nicht geschlossenes Schlupfloch. Von einem ostdeutschen Touristenschiff mit täglicher Anfahrt in Dänemarks südlichster Stadt Gedser sprangen die Menschen von Bord – entweder auf den Kai oder in das Gedser Hafenbecken.

Viele haben es geschafft – und viele nicht, weil die STASI und VOPO den Sprung in die Freiheit verhindert haben. Für diese Straftat kam man im schlimmsten Fall für acht Jahre ins Gefängnis. Das Schlupfloch in Gedser wurde schnell zu bekannt und in weniger als einem Monat nach Errichtung der Berliner Mauer unterbanden die DDR-Behörden die Touristenstrecke nach Gedser. Aber die Flucht über die nördlichste Grenze der DDR und damit über die Ostsee galt nun als Möglichkeit, die viele Ostdeutsche mit Fluchtgedanken in Betracht zogen.

Die Flüchtlinge kamen spät in der Nacht

Die schmalste Stelle zwischen der DDR und Dänemark war 38 km lang. Die Länge wird von Ahrenshoop auf Fischland bis Gedser an Dänemarks Südküste gemessen. Allerdings war bis Mitte der 70er Jahre dieser Abstand halbiert – auf halbem Wege zwischen der DDR und Dänemark lag das dänische Feuerschiff „Gedser Rev” vor Anker. Das bedeutete auch, dass ein Stück Dänemark nur 17 km von der ostdeutschen Küste entfernt lag. Eine verlockende und – für viele – auch machbare Distanz, wenn der Freiheitsdrang stark genug wurde. Niels Gartig arbeitete von 1962 bis 1972 als Matrose auf der ”Gedser Rev” und schätzt heute, dass er mehr als 50 Republikflüchtlingen an Bord des Feuerschiffes geholfen hat.

„Die Flüchtlinge kamen in der Regel im Spätsommer. Da waren die Nächte lang und das Wasser immer noch warm genug. Wenn dann auch noch das Meer ruhig und das Wetter etwas diesig war, konnten wir davon ausgehen, dass ‚sie heute kommen‘ – und das taten sie auch. Normalerweise spät in der Nacht. Ins Wasser an der ostdeutschen Küste gingen sie ungefähr um Mitternacht und brauchten dann fünf bis sechs Stunden, um bis zu uns zu rudern oder zu paddeln.“

Ein Kajak war das üblichste Fluchtmittel. Niels Gartig und seine Kollegen sammelten aber auch oft Flüchtlinge aus Gummibooten oder Jollen auf. Zweimal half er Schwimmern auf das Schiff, die sich unter Wasser von selbstgebauten „Unterwasserscootern“ ziehen ließen. Vom Feuerschiff aus wurden die Flüchtlinge nach Gedser mit einem Postboot gebracht. Von hier aus ging es für die Meisten weiter nach Westdeutschland. Niels Gartig erlebte selbstverständlich nur die erfolgreichen Fluchtversuche, aber er hörte oft Geschichten von Fischern im Gedser Hafen, die von einer Leiche im Fischernetz erzählten. Viele von diesen Menschen hatten sehr wahrscheinlich das Feuerschiff als Ziel, wurden aber von der Kälte auf dem Weg dahin überwältigt.

Gedser und Møn waren die geeignetsten Ziele für viele DDR-Bürger, die die Ostsee als Fluchtroute wählten. Im Westen lag die westdeutsche Küste nur wenige Kilometer von der ostdeutschen entfernt, wurde aber dementsprechend schwer von der ostdeutschen Seite bewacht. Im Osten waren Schweden und Bornholm potenzielle Fluchtziele, aber für eine Flucht dahin mussten mehr als 100 km bewältigt werden. Aus diesen Gründen wurden Dänemarks südlichste Küstengebiete ein natürlicher Anlaufpunkt für Flüchtlinge.

Die vergessene Fluchtroute

Während weiterhin viele Millionen Euro in die Aufarbeitung der Geschichte um die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze investiert werden, gibt es nur wenig Mittel für die Erforschung der Flucht über die Ostsee. Das Interesse für diese Grenze entwickelte sich erst später als zum Beispiel das für die Berliner Mauer, die seit dem Kalten Krieg in aller Munde war. Es gibt allerdings recht sichere Zahlen, wie viele die Flucht über die Ostsee gewagt haben. Genau 913 Ostdeutsche konnten über das Meer sicher in den Westen fliehen. Viele, vermutlich die Hälfte davon, schafften es mit Dänemark als Zwischenstation. Mehr als 4000 Ostdeutsche kamen erst gar nicht soweit – sie wurden entdeckt und landeten im Gefängnis. Mindestens 164 Erwachsene und Kinder sind bei ihrem Fluchtversuch ertrunken. Der letzte, ein junger ostdeutscher Soldat, ertrank in dem Jahr, in dem die Mauer fiel.

Peter Faust hätte leicht dasselbe Schicksal erlitten. Wenn der Kapitän der M/S Dania nicht aufgrund des schlechten Wetters die Route an dem Morgen im Oktober 1988 geändert hätte, wäre es schwer zu sagen gewesen, ob der 49jährige lebend im Westen angekommen wäre. Nur ein Jahr vor dem Mauerfall setzte er zum ersten Mal einen Fuß auf den Kai in Burg am Fehmarn – und zählt damit in der Statistik zu einem der letzten glücklichen Flüchtlinge über die Ostsee.

„Wenn ich gewusst hätte, dass die Mauer ein Jahr später fallen sollte, hätte ich mich niemals diesem Risiko ausgesetzt. Aber damals hätte ich nicht zu hoffen gewagt, dass es irgendwann anders in der DDR werden sollte.“