Roman-Männer von heute Mann sein ist nicht einfach

Illustration von Ditte Lander Ahlgren
© Ditte Lander Ahlgren

Mann sein ist nicht einfach – schon gar nicht als Figur in einem Roman. Wie schwer genau das sein kann, macht momentan niemand grandioser vor als Karl Ove Knausgaard: in seinem großen Zyklus „Mein Kampf“ wird gelitten und getrunken, was das Zeug hält, im Leben des Helden folgt auf das mühsam errungene Glück immer wieder das heftige Scheitern. Auch in Deutschland hat der Norweger Knausgaard eine riesige Fangemeinde. Seine Bücher werden von den Leserinnen und Lesern begeistert verschlungen, weil in ihnen das ganze echte Drama des Lebens verkörpert zu sein scheint. Und sieht dieser Autor dabei nicht auch noch wahnsinnig gut aus, wie ein moderner Wikinger?

 

Bleibt die Frage, ob da die Männer in der deutschsprachigen Literatur von heute mithalten können. Eigentlich haben sie reichlich Erfahrung: Männer kriseln in deutschen Büchern schon immer ziemlich heftig. Goethes Werther schoss sich im 18. Jahrhundert aus Verzweiflung über seine unglückliche Liebe eine Kugel in den Kopf. Thomas Buddenbrook kann im 19. Jahrhundert den Untergang seiner Firma in Lübeck nicht aufhalten, Thomas Mann versenkt dabei gleich auch die Familie Buddenbrook.

 

Und wie sehen die Roman-Männer heute aus? Da gibt es zum Beispiel den besessenen Topmanager. Rainald Goetz, das 1954 geborene Enfant terrible der deutschen Literatur, der 2015 die bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung, den Büchnerpreis bekam, hat seinen Roman „Johan Holtrop“ über einen erfolgsverwöhnten Konzernführer geschrieben: ein von sich selbst und von Tabletten berauschter Typ, der allmählich durchknallt, die Macht in der Chefetage verliert und schließlich sein Leben. So genau wurde die eiskalte Hochstapler-Welt in den glitzernden Hochhaustürmen kaum jemals seziert: Männer und Macht – und tiefer Fall.

Ein typisches Männerproblem?

Aber es gibt nicht nur den verrückten Boss, sondern auch den sinnsuchenden Langweiler. Stephan Thome lässt in seinem Roman „Fliehkräfte“ einen sechzigjährigen Philosophieprofessor aus Bonn zu einer spontanen Reise durch Frankreich und Spanien aufbrechen – denn sein Job an der Universität langweilt ihn, seine Frau verwirklicht sich in Berlin selbst, es ist nicht viel los mehr in seinem Alltag. Aber so richtig weiß er auch nicht, was er will und wohin – ein typisches Männerproblem?

Sie horchen jedenfalls gerne in sich hinein, die deutschen Romanmänner von heute. Und die deutschen Autoren horchen wie ein Arzt das Herz ihrer Helden ab oder hören ihnen wie ein Psychoanalytiker zu. Ulrich Peltzer schildert in seinem Roman „Das bessere Leben“ (2015) zwei global agierende Unternehmer, deren Leben uneindeutig schillert, Erfolg und Krisen ineinander greifen – und die beide früher, in den siebziger Jahren, noch an eine andere, gerechtere Welt glaubten. Das wirkt in ihnen nach, die längst vergessene Vergangenheit, man wird sie nicht los – und überraschend kommt sie in Bildern und Träumen wieder.

Überhaupt die Welt von gestern: Sie ist für den Mann von heute immer wichtiger, wenn er seine Identität finden will. Botho Strauss, der neben Heiner Müller der wichtigste deutsche Dramatiker der letzten Jahrzehnte, ist jetzt 70 Jahre alt und hat ein schmales Buch über seinen Vater geschrieben: „Herkunft“. Es ist ein liebevolles Buch geworden: der Sohn hat früher, wie so oft, seinen Vater gar nicht verstanden, ihn abgelehnt – jetzt selber in jenem Alter, in dem sein Vater damals war, nähert er sich ihm an, schaut, woher dieser kommt, was dessen Träume und Grenzen waren. Und eine ganz andere, erschütternde Annäherung an einen Vater betreibt Ralf Rothmann in seinem jüngsten Roman „Im Frühling sterben“: der Vater wurde als junger Soldat der Wehrmacht 1945 von Vorgesetzten dazu gezwungen, einen Freund zu erschießen – ein Trauma von Schuld und Versagen, das Rothmann ohne Anklage in einfacher, bewegender Prosa rekonstruiert.

Männerträume

Wild durcheinander hingegen gehen die Träume eines jungen Mannes in den sechziger Jahren. Frank Witzel erhielt für seinen Roman mit dem wohl kompliziertesten deutschen Titel seit langem, „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“, 2015 den Deutschen Buchpreis für den besten Roman. Da tauchen die verrückten Kinder- und Jugendwelten der bundesdeutschen Provinz um 1968 auf, Popmusik wird entdeckt, das Fernsehen, eine Jugend in der Kleinstadt, die skurrilen Familienwelten zwischen Traditionskatholizismus und zaghafter sexueller Befreiung – Witzel erzählt die große Jungmännertraumwelt von damals. Einen anderen Männertraum, nämlich aus der späten DDR des Jahres 1989, erzählt Lutz Seiler, der für „Kruso“ 2014 den Buchpreis bekam: Kruso ist ein charismatischer Typ auf der Insel Hiddensee in der Ostsee, der auf der Insel eine Gemeinschaft gleichgesinnter Freiheitssucher gründen will, um zu verhindern, dass die freiheitsliebenden versuchen, vor der DDR-Diktatur über die Ostsee nach Dänemark zu flüchten und dabei oft umkommen. Dieser Kruso setzt dagegen auf einen seltsamen Männerbund, dessen geheimer Herrscher er ist – natürlich geht auch diese Männerphantasie unter, wie die DDR 1989.
 

Ja, sie können schon sehr seltsam sein, die Männer in der deutschen Literatur von heute. Aber ihre Schicksale lesen sich oft spannend und unterhaltsam – und dabei dürfen wir den 87-jährigen Dauerchronisten der männlichen Krise nicht vergessen: Martin Walser kreist in unzähligen Roman um die Probleme des Mannes – die sich natürlich letztlich immer auf vier Buchstaben reduzieren lassen, auch in seinem vorerst letzten „Ein sterbender Mann“: Eros.

 

Da ist es in diesem Reigen an männlichen Autoren natürlich wohltuend, wenn es jetzt eine Autorin gibt, die in ihrem Roman gleich 12 Männerfiguren entwirft: Monique Schwitter, die in Hamburg lebende Schweizerin, wurde für ihren Roman „Eins im Andern“ im vergangenen Jahr gefeiert. Ihre Romanheldin erzählt ein modernes Panorama von Liebesarten – eine Frau und ihre zwölf ganz unterschiedlichen, sympathischen oder ekelhaften Männer, zwischen Banalität und Irrsinn, Traurigkeit, Witz und Glück. Wir Männer können nach all unseren Krisen jedenfalls froh sein, dass der Blick einer klugen Autorin immer noch so liebevoll sein kann.