Documenta 14 Nur die Unsicherheit ist sicher

Marta Minujín, The Parthenon of Books, 2017, Stahl, Bücher, Kunststoffolie, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März
Marta Minujín, The Parthenon of Books, 2017, Stahl, Bücher, Kunststoffolie, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März

Zum 14. Mal seit 1955 öffnete mit der documenta 14 am 10. Juni 2017 eine der größten Kunstausstellungen der Welt ihre Pforten in Kassel, der Heimatstadt. Doch es ist nicht alles wie gewohnt.

Zum ersten Mal in der Geschichte der documenta ist ein Teil der Ausstellung in eine andere Stadt gezogen: nach Athen. Dort wurde die documenta bereits im April eröffnet, die Eröffnung in Kassel war also in gewisser Weise ein Déjà-vu-Erlebnis, wie einige der Mitorganisatoren es nannten. Gleichzeitig ist der Parallelverlauf in Athen ein entscheidender Faktor für das erlebende Bewusstsein beim Ausstellungsbesuch in Kassel. Die Gegenwärtigkeit der Ferne. Nicht zuletzt bildet das krisengebeutelte Athen ein symbolisches Gegenstück zu Kassel.
 
Erster Redner auf der Pressekonferenz zur Eröffnung ist Kurator Bejeng Ndikung. Er spricht von Sehnsucht und Entbehrung und untermalt seine Worte mit einem Zitat aus dem eindrucksvollen Gedicht des somalischen Poeten Warsan Shire:
 
„no one leaves home unless
home is the mouth of a shark
you only run for the border
when you see the whole city running as well”
 
„Dies ist ein Bild für unsere Zeit, eine Zeit im Zeichen der Unsicherheit“, setzt Bejeng Ndikung fort. Er spricht davon, wie Ignoranz zu einer angesehenen Fähigkeit avanciert ist, zu sehen am Beispiel von Trumps Rückzug der USA aus dem internationalen Klimaschutzabkommen. „Die Krise ist in unserer Zeit zur Norm geworden, wir müssen neue Wege finden, wie wir alle zusammen wieder Menschen sein können.“   
 
Sein Vorschlag ist zu vergessen, statt zu erinnern, um gemeinsam den Weg in die Zukunft zu gehen. Die Ausstellung sei ein Raum für Unsicherheit, der nicht vorgebe, Geborgenheit und Sicherheit zu schaffen, sagt er abschließend.

Bücher

Die Kunstwerke auf der documenta sind wie immer in der gesamten Stadt verteilt, einer der größten Ausstellungsorte ist das Fridericianeum. Direkt davor auf dem Friedrichsplatz befindet sich das auffälligste Kunstwerk in diesem Jahr, El Partenón de libros, (Parthenon der Bücher, 1983) der argentinischen Künstlerin Marta Minujín (geb. 1943, Buenos Aires), ein mit Büchern besetzter Tempel. Dabei handelt es sich jedoch nicht um zufällige Bücher – alle 25.000 Bücher sind zum Zeitpunkt ihres Erscheinens in den jeweiligen Ländern verboten gewesen.

Das Werk wurde erstmals 1983 in Buenos Aires ausgestellt, damals sagte Marta Minujin darüber: „Es ist für mich eine Freude und ein Wunder, diesen Tempel der verbotenen Bücher 1983 hier mitten in Buenos Aires erschaffen zu können, jetzt wo sich das Land verändert hat. Ich hoffe, dass wir zur Freiheit zurückkehren können, und das wir ganz wir selbst sein können, ohne Einschränkungen und Verbote.“ Nun steht das Werk als Monument für Demokratie und Bildung mitten in Kassel und erinnert uns daran, Freiheit und Demokratie wertzuschätzen. Doch steht es auch für alles, was auch heute noch verbannt, verboten und zensiert wird, und wie wir damit umgehen können und sollten.

Rauch

Banu Cennetoğlu, BEINGSAFEISSCARY, 2017, verschiedene Materialien, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto (Ausschnitt): Roman März Banu Cennetoğlu, BEINGSAFEISSCARY, 2017, verschiedene Materialien, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto (Ausschnitt): Roman März „Being safe is scary“ steht mit großen Buchstaben am Fridericianum geschrieben, zu Deutsch „Sicherheit ist angsteinflößend“. Hinter dem Kunstwerk steht der Künstler Banu Cennetoğlu (geb. 1970, Ankara). Die Inspiration zu diesem Ausspruch stammt aus dem Tagebuch der Freiheitskämpferin und Chefredakteurin Gurbetelli Ersöz aus ihrer Zeit bei der kurdischen Guerilla. Nach ihrem Tod wurde das Tagebuch zunächst auf Deutsch und später auf Türkisch veröffentlicht, in der Türkei wurde das Buch doch zügig verboten. Es gibt also einen deutlichen Zusammenhang von „Being safe is scary“ und Marta Minunjins Tempel der verbotenen Bücher auf dem Platz vor dem Fridericianum.

Steht man in einiger Entfernung vor dem Fridericianum, sieht man eine Rauchsäule aus dem Turm auf der rechten Seite des Gebäudes aufsteigen. Zunächst habe ich den Eindruck, der Turm stehe in Flammen, doch auch hier handelt es sich um eine Installation. Das Werk mit dem Titel Expiration Movement stammt von dem Künstler Daniel Knorr (geb. 1968, Bukarest). Seine Bedeutung erhält das Werk ebenfalls im Zusammenspiel mit dem Schriftzug auf dem Fridericianum, ”Being safe is scary”, der wiederum auch im Lichte von Knorrs Rauchinstallation zu lesen ist. Denn wo ist man eigentlich sicher? Ist Unsicherheit wirklich zur Norm geworden? Laut dem Künstler handelt das Werk von dem Moment des Loslassens, der das Gegenteil zur Inspiration bildet, Rauch könne aber auch als Zeichen für Freiheit gesehen werden.  

Hall

Im Inneren des Fridericianum sind die Räume mit zahlreichen Werken gefüllt. Während ich mich im ersten Raum befinde und eines der Werke betrachte, ertönt plötzlich ein lautes Geräusch gefolgt von einem tiefen Hall. Alle sich im Raum befindlichen Menschen erschrecken sich ob des Geräusches, kaum hat man sich vom Schock erholt, wiederholt sich das Ganze. Das Geräusch stammt klar von einer großen, gebogenen Metallplatte, die von der Decke hängt. Dahinter befindet sich ein großer Magnet, der in regelmäßigen Abständen auf die Metallplatte knallt und ein schreckliches, angsteinflößendes Geräusch auslöst. Das Werk heißt Gong und wurde 1978 vom Künstler Takis (geb. 1925, Athen) erschaffen.
 

Grenzen und Stacheldraht

Bewegt man sich herum im Fridericianum, stoße ich auf weitere Werke, die Angst und Unsicherheit in mir hervorrufen – u.a. der Druck einer schwarzen Wand gefüllt mit Namen, die mit schwarzem und weißem Stacheldraht bedeckt ist. Das Werk stammt aus der Hand der Künstlerin Andrea Bowers (geb. 1965, Ohio) und heißt Not forgotten. Es sind die Namen von Menschen, die bei dem Versuch, die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu überqueren, das Leben verloren haben. Ihnen ist das Werk gewidmet. Und es ist ein Mahnmal, sie nicht zu vergessen.

Obwohl sich die Werke in verschiedenen Räumen befinden, spielt das Werk gut zusammen mit Kendell Geers (geb. 1968, Südafrika) Acropolis redux, einer großen Installation bestehend aus zusammengerolltem, ungebrauchtem Stacheldraht, der auf Metallregalen in einem Lagerraum liegt und auf seine Verwendung wartet. Der Ausdruck des Werkes ist kalt und steril. Besonders die Unwissenheit in Bezug darauf, wofür der Stacheldraht verwendet werden soll, lässt es mir kalt den Rücken herunter laufen. Beide Werke setzen sich mit Grenzen auseinander, mit dem ein- oder ausgeschlossen sein. Sich auf der falschen Seite des Zauns zu befinden, wünscht sich niemand. Wer bestimmt den Verlauf dieser Zäune? Wer sind die Privilegierten?
 

Schiffe  

Guillermo Galindo, Fluchtzieleuropahavarieschallkörper, 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, documenta Halle, Kassel, documenta 14, Foto: Nils Klinger Guillermo Galindo, Fluchtzieleuropahavarieschallkörper, 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, documenta Halle, Kassel, documenta 14, Foto: Nils Klinger Nicht weit vom Fridericianum entfernt, ebenfalls am Friedrichsplatz, liegt die documenta Halle, 1992 in Verbindung mit der documenta 9 errichtet. Das erste, was in dem großen Saal ins Auge springt, sind eine Reihe havarierter Schiffe, die völlig zerstört von der Decke hängen. Sie stammen von dem Komponisten Guillermo Galindo (geb. 1960, Mexiko).

Das Werk nennt sich Fluchtziel-europahavarieschallkörper und besteht aus den Überresten von Flüchtlingsbooten, die an der Küste der griechischen Insel Lesbos gefunden wurden. Der Künstler hat die Überreste selbst so zusammengesetzt, dass die Wrackteile wieder als Schiffe erkennbar sind. Wie sie dort liegen, erzählen sie von einer Reise und einem Traum, der nicht in Erfüllung ging, die Wracks erinnern an all die Schiffe mit Geflüchteten, die jedes Jahr im Mittelmeer untergehen und nie das andere Ufer erreichen. Sie erzählen ebenfalls eine Geschichte davon, wie es ist, eine unsichere Grenze zu überschreiten, sein Leben aufs Spiel zu setzen, und sind ein deutliches Symbol dafür, dass diese Reise oft nicht glücklich endet.  

Willkommen

Auf dem Platz vor dem Kasseler Bahnhof steht ein großer Container. Man geht hinein, eine Treppe herunter, dann gelangt man in einen stillgelegten unterirdischen Bahnhof. Folgt man den Gleisen aus der Haltestelle heraus, gelangt man ins Freie, hier stößt man auf Zafos Xagoraris (geb. 1963, Athen) großes Schild mit der Aufschrift „Xaipete“, „Willkommen“. Das Gefühl von Unsicherheit und Krieg, das die anderen Werke in mir hervorgerufen haben, lassen mich sofort daran glauben, dieses Schild sei ironisch gemeint. Das ist es vielleicht auch, vielleicht aber auch nicht. Der perfekte Abschluss für diese Ausstellung. Willkommen. Denn letzten Endes ist der kürzeste Abstand zwischen zwei Menschen ein Lächeln, ganz in diesem Sinne scheint es ein Teil der Botschaft der documenta 14 zu sein, nicht nur unsere Türen zu öffnen, sondern auch unsere Herzen, um Platz für gegenseitigen Respekt und Verständnis zu schaffen, ungeachtet der Herkunft.
 
Die Gegenwärtigkeit der Ferne. Das Bewusstsein über die Existenz und der Zusammenhang mit dem anderen Teil der documenta 14 in Athen sind allgegenwärtig. Die Hoffnung auf Gemeinschaft und Dialog mit all denen, die sich in einer anderen Situation befinden als wir, sind durchgehend.
Zafos Xagoraris, The Welcoming Gate, 2017, Metall, Acryl auf Leinwand, Soundinstallation, Ehemaliger unterirdischer Bahnhof (KulturBahnhof), Kassel, documenta 14, Foto: Jasper Kettner Zafos Xagoraris, The Welcoming Gate, 2017, Metall, Acryl auf Leinwand, Soundinstallation, Ehemaliger unterirdischer Bahnhof (KulturBahnhof), Kassel, documenta 14, Foto: Jasper Kettner Die politische Agenda der Ausstellung ist nicht zu übersehen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das Anliegen wirklich glückt. Die Überdeutlichkeit der Botschaft führt dazu, dass der Deutungsrahmen der Werke stark eingeschränkt ist. Der Phantasie ist auf der documenta 14 wenig überlassen. Man würde sich eine offenere Ausstellung wünschen, mit mehr Raum für Diskussionen und Dialog zwischen unterschiedlichen Standpunkten. Stattdessen trifft man hier auf eine Nachbildung der Wirklichkeit, wie sie in den Nachrichtensendungen zu sehen ist.
 
Die folgenden Zeilen stammen aus einem Gedicht von Constantine Cavafy mit dem Titel Ithaka. Das Gedicht wurde 1911 auf Griechisch veröffentlicht und ist hier in der deutschen Übersetzung von Helmut von Steinen (1953) zu lesen. Es ist in der Einleitung des Begleithefts zur documenta 14 abgedruckt, um den Besuchenden auf dem Weg Gesellschaft zu leisten. Nicht zuletzt ist es ein wunderschönes Gedicht.       
Immer halte Ithaka im Sinn.

Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.
Doch beeile nur nicht deine Reise.
Besser ist, sie dauere viele Jahre;
Und alt geworden lege auf der Insel an,
reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.
Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.
Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise, wie du wurdest, in solchem Maße erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.
 

Faktenbox documenta

  • 1955 von Kunstprofessor Arnold Bode ins Leben gerufen
  • Eine der größten Kunstausstellungen der Welt
  • Findet jedes fünfte Jahr statt
  • 2017 erstmalig an zwei Orten: Kassel und Athen
  • 2012 verzeichnete documenta 12 860.000 Besuchende