Herbert Fritsch „Das Grundmoment des Theaters ist Unterhaltung, auch, wenn es traurig zugeht!“

Der deutsche Schauspieler, Regisseur und Filmemacher Herbert Fritsch, Foto: Tobias Kleinschmidt
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In der eher diskursgeprägten deutschsprachigen Theaterlandschaft ist Herbert Fritsch ein Regisseur des lustvollen Gegentrends. „Das fünffach vermittelte, um drei Ecken gedachte politische Theater interessiert mich nicht“, ruft er immer wieder mit Grandezza von Podien herab. „Das Grundmoment des Theaters ist Unterhaltung, auch, wenn es traurig zugeht!“

Tatsächlich befindet sich die Komödie in einem ungeahnten Aufwind, seit Herbert Fritsch im Jahr 2007 – mit 56 Jahren – als Stadttheater-Regisseur auf der Bildfläche erschien.

Sein Zugang zu diesem Beruf erfolgte nicht über Studien und Assistenzen, sondern direkt aus der Spielpraxis heraus: Vierzehn Jahre lang – von 1993 bis 2007 – gehörte er zu den prägenden Darstellern an Frank Castorfs Berliner Volksbühne, wo nicht nur Ausnahmekolleginnen wie Sophie Rois oder Henry Hübchen, sondern gelegentlich auch mal lebendige Riesenschlangen zu seinen Slapstick-Partnern zählten.

Det Kongelige Teater: Maskerade © Det Kongelige Teater/ Natascha Thiara Rydvald Fritschs Markenzeichen als Schauspieler - eine extrem körperbetonte Spielweise und die hemmungslose Lust an der Übertreibung – charakterisieren auch seine Inszenierungen.

Kurzum: Der typische Fritsch-Abend kommt grell, hoch stilisiert, hyperformal und sehr lustig daher. Nur eines ist er garantiert nicht: realistisch. Stets stecken die Schauspieler in farbenfrohen Reifröcken, Hosen oder Jacketts und lassen in schrill überschminkten Gesichtern die Augen rollen.

Und wenn sie die Körper in Hochgeschwindigkeitsslapsticks verbiegen, schwingen turmhohe Perücken auf ihren Köpfen nach. Ein Kritiker hat das Erscheinungsbild der klassischen Fritsch-Inszenierung einmal in die Formulierung „Robert Wilson auf Speed“ gegossen.

Det Kongelige Teater: Maskerade © Det Kongelige Teater/ Natascha Thiara Rydvald Stilistisch pflegt Herbert Fritsch einen bewussten Eklektizismus: Beim Vaudeville oder der Commedia dell`arte bedient er sich ebenso hemmungslos wie beim Comic. Aus der cineastischen Sparte grüßen nicht nur Buster Keaton und der expressionistische Stummfilm, sondern gelegentlich auch Alfred Hitchcock.

Dabei wirken Fritschs Bühnenwerke, die im Übrigen niemals abrupt enden, sondern das Spiel grundsätzlich bis in formal streng durchgearbeitete Applausordnungen hinein fortsetzen, allerdings tatsächlich bizarrer, zeitgemäßer und überdrehter als diese Vorbilder. Denn Fritsch gelingt das Kunststück, jedes Genre-Zitat im Moment seines Aufrufens immer schon ein Stückweit zu parodieren.

Extrem-Slapstick

Det Kongelige Teater: Maskerade © Det Kongelige Teater/ Natascha Thiara Rydvald Als exemplarische Arbeit ist Die (s)panische Fliege zu nennen, die der Regisseur 2011 an seiner ehemaligen schauspielerischen Wirkungsstätte – der Berliner Volksbühne – inszenierte. Im Mittelpunkt dieser 1913 uraufgeführten Klamotte von Franz Arnold und Ernst Bach steht der Senffabrikant Ludwig Klinke, der mit allen komödienüblichen Mitteln zu verhindern sucht, dass sein 25 Jahre zurückliegender One-Night-Stand mit einer Tänzerin auffliegt.

Fritsch, der die Bühnenbilder für seine Inszenierungen oft selbst entwirft, nimmt diese Vertuschungsanstrengungen wörtlich und entrollt auf dem Szenario ein riesiges Teppich-Imitat, das sich in mehreren knie- bis hüfthohen Bodenwellen bis zur Rampe ergießt und somit hervorragend zum buchstäblichen Unter-den-Teppich-Kehren belastender Indizien eignet.

Det Kongelige Teater: Maskerade © Det Kongelige Teater/ Natascha Thiara Rydvald In einer dieser Teppichfalten ist ein Trampolin versteckt. Wenn die Schauspieler dort wie Stehaufmännchen immer wieder vom Rücken auf den Bauch und zurück fallen, dabei hochnotkomisch mit kompromittierenden Aktenordnern jonglieren oder ihre Körper sich bei eigentlich konventionellen Begrüßungsritualen plötzlich hoffnungslos ineinander verknoten, ist das nicht einfach nur lustig.

Sondern Fritsch stülpt hier gleichsam alle inneren Verdrängungen und Verklemmungen, aus denen das bürgerliche Lachtheater seinen Humor bezieht, konsequent nach außen und erschließt dem Genre so eine radikal zugespitzte, überaus originelle Lesart:

Det Kongelige Teater: Maskerade © Det Kongelige Teater/ Natascha Thiara Rydvald Der Extrem-Slapstick kehrt gleichsam den bösartigen, alles andere als schmerzfreien Bodensatz der bürgerlichen Doppelmoral unter dem Teppich hervor und entstellt das Komödienpersonal so bis zur Kenntlichkeit.

 

Herbert Fritsch

Geboren am 20. Januar 1951 in Augsburg, absolviert Herbert Fritsch an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule seine Schauspielausbildung und spielt anschließend an diversen in- und ausländischen Bühnen. Von 1993 bis 2007 gehört er zu den prägendsten Akteuren der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz unter Frank Castorf. 2007 stellt er am Theater Luzern mit Molières Der Geizige seine erste abendfüllende Stadttheater-Regiearbeit vor. Darüber hinaus zeigte er immer wieder Ausstellungen mit eigenen Fotografien bzw. Computeranimationen und entwickelte ab dem Jahr 2000 das serielle, intermediale Kunstprojekt hamlet_X. Nach dem Intendantenwechsel der Berliner Volksbühne ist Fritsch 2017 zur Schaubühne gewechselt. Seine Inszenierung von Holbergs Maskerade ist bis zum 28.02.2018 im Königlichen Theater zu sehen.