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Von Avantgarde bis Mainstream
Der moderne deutsche Comic

Line Hoven: "Liebe schaut weg"
© Line Hoven

Nach vielen Jahren erlebt der deutsche Comic heute eine neue Blütezeit, die sich in einer Vielzahl spannender und lebendiger Neuveröffentlichungen manifestiert. Erstaunlicherweise sind in Deutschland, immerhin dem bevölkerungsreichsten Land in Europa, historisch gesehen wenig originale Comics produziert worden. Während in Europa die belgisch-französische Tradition dominierte, hielt man sich in den USA und Japan in hohem Maße an eigene Publikationen.
 

Von Dennis Jacob Rosenfeld

In Deutschland wurden Comics traditionell als Kommerz oder Kinderkram abgetan, beides wird den vielen Möglichkeiten, die in dieser Kunstform liegen, in keiner Weise gerecht. Das fehlende Interesse insbesondere respektierter deutscher Medien resultierte darin, dass viele Verlage sich nicht trauten, originale deutsche Comics auf den Markt zu bringen. Dies führte zu einem stark amerikanisch geprägten Markt dominiert von einer Vielzahl von Übersetzungen, insbesondere den beliebten Superhelden-Comics der Verlage Marvel und DC.
 
Ähnlich wie in den USA, wo die Zensurbestimmungen in den 1950er Jahren eine Untergrund-Comic-Bewegung hervorbrachten, entstand besonders in der ehemaligen DDR eine lebendige und kreative Comic-Bewegung, die sich mit dieser verpönten Kunstform beschäftigte. Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands verbessern sich die objektiven Existenzbedingungen der originalen deutschen Comic-Kunst. Künstlerinnen und Künstler treten aus dem Untergrund ans Licht, und plötzlich entstehen neben Übersetzungen ausländischer Comics auch originale Werke, die sich mit der Lebenswirklichkeit und den gesellschaftlichen Bedingungen der deutschen Leser auseinandersetzen.
 

Persönliche Erzählungen

Gegen Ende der 1980er Jahre gewinnt der biographische und autobiographische Comic schnell an Popularität und die Verlage sind begeistert vom Konzept der Graphic Novel – besonders diese Form des Comics erfreut sich großer Beliebtheit. Eine lange Reihe von Werken beschäftigen sich mit der deutschen Geschichte, insbesondere den Ereignissen, die noch wenige Jahre zuvor tabu waren, beispielsweise die Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg. Obwohl man sich immer noch am Ausland und besonders an amerikanischen Künstlern wie Will Eisner, Art Spiegelmann und Robert Cromp orientiert, sind die neuen Comics originell und es zeigt sich ein spezifischer deutscher Zeichen- und Erzählstil darin.
 
1984 wird der Max-und-Moritz-Preis als Teil des Comic-Salons in Erlangen ins Leben gerufen. Im ersten Jahr werden nur drei Preise verliehen, aber schon kurze Zeit später wächst die Anzahl der Kategorien, von denen es heute neun bis zehn gibt – ein deutliches Zeichen für die großen Entwicklungen auf dem Gebiet der Zeichenkunst in den 1990er Jahren. Vorläufiger Höhepunkt im Kampf um die Akzeptanz von Comics als Kunstform ist das 2013 auf dem  internationalen Literaturfestival in Berlin deklarierte Comic-Manifest, in dem eine Reihe kreativer Akteure Comics als Kunst proklamieren. Das Wesentliche im Manifest ist die Forderung nach Gleichstellung von Zeichenkunst mit anderen Kunstformen, denn daraus ergibt sich die Berechtigung auf staatliche und private Kunstförderung.
 
  • Barbara Yelin: "Riekes Notizen" Foto (Zuschnitt): © Barbara Yelin/ Reprodukt
  • Éric Corbeyran & Horne: "Die Verwandlung" von Franz Kafka Foto (Zuschnitt): © "Die Verwandlung" von Richard Horne und Éric Corbeyran/ Knesebeck Verlag
  • Jens Harder: Alpha... Directions" Foto (Zuschnitt): © Jens Harder / Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2010
  • Kati Rickenbach: "Filmriss" Foto (Zuschnitt): © Kati Rickenbach/ Edition Moderne
  • Line Hoven: "Liebe schaut weg" Foto (Zuschnitt): © Line Hoven/ Verlagshaus Jacoby & Stuart
  • Nadia Budde: "Such dir was aus, aber beeil dich! Kindsein in zehn Kapiteln" Foto (Zuschnitt): © Nadia Budde/ S. Fischer Verlage
  • Reinhart Kleist: "Castro" Foto (Zuschnitt): © Reinhard Kleist / Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2010
 

Von Avantgarde bis Mainstream

Nach dem Mauerfall schufen die deutschen Zeichnerinnen und Zeichner einen charakteristischen deutschen Stil, dem man auch noch heute begegnet. Dabei handelt es sich um einen in vielerlei Hinsicht einfachen Strich. Damit einhergehend hat sich ein von graphischem Design inspirierter Stil etabliert, viele der deutschen Werke haben einen naivistischen, plakativen Ausdruck. Hiermit sei nicht gesagt, dass alle deutschen Comics mit demselben Strich gezeichnet sind, aber genau wie der Strich amerikanischer, französischer/belgischer und japanischer Zeichnerinnen und Zeichner oft das Entstehungsland des Werkes offenbart, gilt dieses Phänomen auch für die deutschen Werke. Während die großen Verlage in den USA Comics wie am Fließband produzieren, ist das deutsche Comic-Milieu vom Auteur-Gedanken geprägt, Text und Bild stammen vom gleichen Künstler. In Deutschland ist es ausgesprochen selten, dass Herausgeber Zeichnungen mit Texten anderer Autoren zusammenstellen.
 
Im Einklang mit der wachsenden Akzeptanz des Comics als Kunstform, die wesentlich mehr kann als nur Kinder zu begeistern, entstand Raum für experimentierende und avantgardistische Comics, die mit Form und Ausdruck spielen. Anspruchsvolle und komplexe Werke haben nicht nur ihren Weg auf den deutschen Markt gefunden, sie werden zunehmend auch in andere Sprachen übersetzt und finden ein internationales Publikum. Auch in der deutschen Presse kommt der Zeichenkunst mehr und mehr Aufmerksamkeit zu, Comics werden mittlerweile auf gleicher Höhe wie Literatur und Filme rezensiert. Außerdem ist es sehr beliebt, Romane als Comics zu adaptieren; das Ergebnis sind unzählige starke Comics, die auf geschriebenen Werken basieren und diese auf phantastische Art und Weise nuancieren.
 

Neuer Podcast über den deutschen Comic

Ist die Neugier auf deutsche Comics geweckt? In der neuen Podcast-Serie des Goethe-Instituts Dänemark werden aktuelle deutsche Zeichenkünstler und ihr Werk auf Dänisch porträtiert. Jede Folge bietet einen Einblick in das Werk spannender Zeichnerinnen und Autoren sowie die Besonderheiten des Deutschen Comics. Alle Bücher sind in der Comicbibliothek des Goethe-Instituts entleihbar, die neben aktuellen Veröffentlichungen auch Klassiker und Fachliteratur zum Thema enthält.


 

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