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Deutsches Theater
Streaming im Überfluss und neue, digitale Formate

Mephistoland von Maxim Gorki
Foto: Esra Rotthoff und Ute Langkafel/MAIFOTO

Ein akustischer LSD-Trip von Rimini Protokoll und die Onlineversion von Albert Camus‘ Die Pest sind einige der interessantesten Corona-Initiativen der deutschen Theaterwelt.Vorstellungen im Stream gibt es reichlich zu sehen. ISCENE empfiehlt, was man auf keinen Fall verpassen sollte.

Von Nina Branner

Hört endlich auf, eure Vorstellungen im Stream zu zeigen! Vergangene Woche war für die deutschen Theaterkritiker*innen das Maß voll. Wie überall auf der Welt sind die Bühnenkünstler*innen und Theater in Deutschland frustriert darüber, ihre Kunst nicht ausüben zu können. Und genau wie auf dem Rest der Welt sucht man auch hier Zuflucht in mehr oder weniger gelungenen Online-Versionen von Werken, die ursprünglich dafür geschaffen wurden, live gezeigt zu werden. Und gerade das darf man in dieser chaotischen Corona-Zeit unter keinen Umständen vergessen, obwohl es verlockend erscheint, sich Hals über Kopf in den Kampf um die Online-Aufmerksamkeit des Publikums zu stürzen.

Das meint der deutsche Kritiker Uwe Mattheis von der Tageszeitung Die Taz. „Was ist darstellende Kunst ohne die körperliche Präsenz von Akteur*innen und Publikum?“, fragte er letzte Woche in einem Kommentar und gab selbst die Antwort: „Kunst, Theater und Tanz sind gerade nicht jederzeit verfügbar und universell tauschbar, und so sollte es auch bleiben – Corona hin oder her. Dass Theater und Museen geschlossen sind, muss schmerzen, sonst gäbe es keinen Grund, sie wieder aufzusperren“, schrieb Uwe Mattheis.

Obwohl der verärgerte Kritiker recht hat, dass sich nicht jede Form von Theaterstück und Bühnenkunst für das Selbstbedienungsbüfett des Internets eignet, das mit jedem Tag umfangreicher wird, so dass man schon vom Hinschauen satt wird, können nur die wenigsten Theater dieser Versuchung widerstehen. Auch in Deutschland ist Streaming das neue Schwarz. Große wie kleine Bühnen bieten Aufnahmen von ihrem Repertoire an – man findet aber auch künstlerische Corona-Leckerbissen. Und wie nicht anders zu erwarten, stammen die experimentelleren Initiativen aus dem unabhängigen Bühnenkunstumfeld.

La Boheme jetzt für alle

So wie Dänemark sahen auch die deutschen Bundesländer schnell ein, dass die Kulturinstitutionen die Corona-Krise ohne finanzielle Unterstützung nicht überleben würden. Kunst und Kultur sind Teil des übergeordneten Hilfspakets in Höhe von 50 Mrd. Euro, das Selbständige und Kleinunternehmen unter die Arme greifen soll. Theater wie die Volksbühne, das Hebbel am Ufer, die Schaubühne und das Deutsche Schauspielhaus, die bereits staatlich unterstützt werden, erhalten weiterhin Mittel und werden die Krise größtenteils überleben.

Dass viele dieser Theater keine andere Antwort auf den Corona-Lockdown gefunden haben, als Vorstellungen zum Streamen online zu stellen, erscheint vor diesem Hintergrund etwas lasch. So wie Uwe Mattheis würde man sich wünschen, dass sich die größeren Häuser den Kopf zerbrechen und mit innovativeren Formen des digitalen Theaters aufwarten. Ein anderer Kritiker der Taz wies jedoch auf einen positiven Effekt der jetzigen Situation hin – dass Menschen, die sich einen Besuch der großen Theater normalerweise nicht leisten können, nun Bekanntschaft mit deren Stücken machen könnten, und das kostenlos.

Damit kann nun jeder Puccinis Klassiker La Boheme auf dem Youtube-Kanal der Komischen Oper, dem angesagtesten Opernhaus von Berlin, erleben. Das Operndrama in der Inszenierung des Australiers Barrie Kosky, das ein modernes Künstlerleben in Paris, wie es sich im 19. Jahrhundert hätte abspielen können, schildert, wird von den Kritiker*innen dafür hochgelobt, dass es nicht der  künstlichen Aktualität verfällt, sondern eine zeittypische Ästhetik bewahrt. Als besonderer Corona-Service beantwortet der Dramaturg der Komischen Oper nach den Streams im Live-Chat Fragen – von Opern-Nerds wie von Laien, die noch nie einen Fuß in eine Oper gesetzt haben.

Auch das Maxim Gorki Theater und die Schaubühne bieten Streams an, wohlgemerkt für einen begrenzten Zeitraum – vielleicht um einen Hauch von Exklusivitätsgefühl beim Publikum hervorzurufen. Im Gorki ist jeden Mittwoch ab 18 Uhr eine Vorstellung aus dem Repertoire 24 Stunden lang abrufbar. Das nächste Stück ist ein Kleinod von 2013 über eine voreingenommene Deutschlehrerin, die, mit einer Pistole bewaffnet, ihre Schüler*innen mit Migrationshintergrund dazu zwingt, Friedrich Schillers humanistische Weltanschauung zu verstehen. Die Schaubühne zeigt ebenfalls Vorstellungen aus dem Archiv – sowie neue, dramatische Texte der Hausautoren des Theaters. Wer die Werke des politischen und aktivistischen Doku-Theatermachers Milo Rau noch nicht kennt, sollte sich insbesondere Die Wiederholung über Gewalt und Traumatisierung anschauen.
 

Digitales Theater nach Corona

Deutschlands größtes Theaterfestival, das Theatertreffen, das über drei Wochen im Mai hätte stattfinden sollen, musste natürlich – und mit großen Bedauern – sein umfangreiches Programm mit Vorstellungen, Workshops, Diskussionsforen, Debatten und Festivitäten abblasen. Das Festival ist ein internationaler Treffpunkt für Bühnenkünstler*innen, weshalb man eine digitale Corona-Ausgabe erwartet hatte. Am heutigen Freitag verkündeten die Organisator*innen, dass sechs der insgesamt zehn Vorstellungen, die auf dem Festival gezeigt werden sollten, gestreamt werden können. Die Vorstellungen wurden ausgewählt, nachdem sich eine Jury Hunderte Vorstellungen in ganz Deutschland angeschaut hat, und sie bieten einen guten Einblick in die derzeitige Szene – wohlgemerkt mit englischen Untertiteln.

Der interessanteste Punkt auf der digitalen Tagesordnung des Theatertreffens ist jedoch das dreitägige Diskussionsforum mit Fokus auf die virtuelle Theaterpraxis – UnBoxing Stages – digitale Praxis im Theater. In Zusammenarbeit mit der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund und einer neu gegründeten Interessengruppe namens Initiative Digitale Dramaturgie diskutieren Dramaturg*innen und Regisseur*innen mit „digitaler Erfahrung“ nicht nur den derzeitigen Ausnahmezustand, sondern auch darüber, welche Mittel die Bühnenkunst über die Krise hinaus anwenden kann.

Machen Sie Ihr Zuhause zum Theater

Die unabhängige und preisgekrönte Performancegruppe Rimini Protokoll hat sich, wie nicht anders zu erwarten war, als einer der corona-kreativsten Bühnenkunst-Akteure hervorgetan. Die Gruppe ist bereits für ihre interaktiven Formate bekannt, die sich verschiedener Medien bedienen, und nutzt den Lockdown natürlich dazu, neue künstlerische Wege zu erkunden. Derzeit kann man an einer Audiotour teilnehmen, die mit Regisseur Kaegis launiger Stimme und kecker Musik im Ohr durch das eigene Zuhause führt. 9 Bewegungen, mit denen Zuhause Theater wird ist eine Art akustischer LSD-Trip, die uns die eigene Wohnung oder das eigene Haus aus völlig neuer Perspektive betrachten und uns darüber nachdenken lässt, was Isolation mit Menschen macht.

Das Theater Oberhausen hat sich für eine ganz neue Interpretation von Albert Camus’ Die Pest von 1947 entschieden. Der Roman, der die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schildert, ist aus mehreren Gründen aktuell. Obwohl er bereits unzählige Male als Theaterstück adaptiert wurde, ist diese Version, bei der die Schauspieler*innen live in ihrem Zuhause aufnehmen, durchaus einen Blick wert. Auch Bürger der Stadt Oberhausen sind eingeladen, zur Online-Theaterserie beizutragen. Wie das aussieht, kann man am 2. Mai erleben, wenn der erste Abschnitt der Serie live gesendet wird.

„Die Corona-Krise birgt eine Chance für neue Theaterformate“, sagte der Regisseur von Die Pest, Bert Zander, neulich in einem Interview. Er ist auch einer der Bühnenkünstler*innen, die die Krise nach Aussage des Taz-Kritikers konstruktiv nutzen. Wenn man als Theater digitale Mittel einsetze, müsse man damit auch einen künstlerischen Zweck verfolgen.

Das Streamen von Theatervorstellungen funktioniert selten so gut wie die Live-Begegnung. Dennoch ist diese merkwürdige Zeit eine einmalige Chance, extrem viel Theater zum Nulltarif zu sehen – und vielleicht neue Formate zu entdecken, die aus der Krise geboren werden.


 

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