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Interview mit Tina Lorenz
Deutschlands erste digitale Projektleiterin am Theater

Die digitale Projektleiterin Tina Lorenz und ein Bild aus der Vorstellung "Orfeo ed Euridice", Staatstheater Augsburg, auf dem eine Frau in bunter Kleidung und mit leuchtender VR-Brille zu sehen ist.
Foto: Jan Pieter Fuhr

„Wenn man den digitalen Spielraum ernst nehmen will, muss man Formate und ästhetische Ausdrucksformen entwickeln, die für diesen Raum gedacht sind.”
Als erste ihrer Art wurde sie als Projektleiterin für digitale Entwicklung an einem großen deutschen Theater angestellt. Ihrer Meinung nach sollten alle Theater heutzutage über eine Digitalisierungsstrategie verfügen. ISCENE traf die Digitalstrategin Tina Lorenz, um mehr über ihre Visionen für das Online-Theater zu erfahren.

Von Nina Branner


Am Staatstheater in Augsburg, der drittgrößten Stadt in Bayern, zuckt niemand mit der Augenbraue, wenn das Wort „Digitalisierung“ erwähnt wird. Und so ist das bereits seit langem. Während einige der großen Theater in Deutschland von der Coronapandemie und der damit verbundenen Forderung nach digitalen Angeboten in die Krise gestürzt wurden, hatte das Staatstheater in Augsburg schon lange vorher andere künstlerische Erlebnisse als analoges Theater im Angebot. Virtuelle Opern mit VR-Brillen und Vorstellungen im theatereigenen Kanal auf der Plattform Twitch.tv sind nur einige wenige der digitalen Angebote, die es auf der Webseite des Theaters zu entdecken gibt. 

„Als ich nach Augsburg kam, habe ich schnell gemerkt, dass alle Abteilungen auf das Digitale gespannt waren. Dieser Antrieb und die Neugierde, die hier herrschen, sind das Beste an meiner Arbeit, denn so ist es nicht an allen Theatern. Auf der anderen Seite ist das auch notwendig, denn wenn nur ich alleine diesen Antrieb hätte, könnten wir die digitale Bühnenkunst nicht gemeinsam erforschen. Alle hier im Haus, in allen Abteilungen, müssen bei den Experimenten an Bord sein“, sagt Tina Lorenz im Telefongespräch mit ISCENE. Nicht einmal das Orchester hatte Bedenken, den digitalen Raum auszuprobieren. Das ist ungewöhnlich, denn professionelle Theatermusiker*innen sind auf eine sehr hohe Klangqualität angewiesen, damit sie das Gefühl haben, ihre Arbeit unter den besten Voraussetzungen leisten zu können. Das ist ohne Zweifel eine Herausforderung, wenn man nicht analog spielt. Aber genau wie alle anderen Mitarbeiter*innen waren auch die Musiker*innen motiviert, digitale Formate auszuprobieren, solange die Qualität der Musik bewahrt wird. 

Künstlerische und künstliche Intelligenz gehen Hand in Hand

Wir befinden uns mitten im zweiten, relativ harten Corona-Lockdown, der seit Mitte Dezember 2020 anhält. Die Theatersäle sind seit langem verlassen, doch Tina Lorenz hat viel zu tun. Seit September hat sie in Augsburg auf Hochtouren daran gearbeitet, die Online-Präsenz des Theaters weiter zu entwickeln. Die Stelle als digitale Projektleitung ist die erste ihrer Art in ganz Deutschland, und die Wahl von Tina Lorenz bot sich an – wie nur wenige andere ist sie ebenso vertraut mit der künstlerischen Landschaft der Zukunft wie der Vergangenheit.

Ein virtueller Raum mit Säulen, der mit Blumen und vielen roten und pinken Kissen geschmückt ist. Bild aus der Vorstellung "Orfeo ed Euridice", Staatstheater Augsburg. | © Heimspiel GmbH/Christian Schläffer Bereits kurz nach ihrem Studium der Theaterwissenschaften und Amerikanistik arbeitete Lorenz als Dramaturgin und digitale Kommunikationsmitarbeiterin für das Landestheater Oberpfalz in Bayern. Parallel zur Bühnenkunst ist sie seit langem Teil der deutschen Digitalszene, unter anderem als Mitgründerin der Hackernetzwerke metalab und Chaos Computer Club. Für Lorenz sind Kunst und Computer alles andere als Gegensätze. 

„Die Theaterwelt und die digitale Welt waren früher völlig voneinander getrennt. Theaterleute sagen, dass Technik nicht ihr Ding ist, und die digitale Branche interessiert sich nicht für Kunst. Aber ich denke und hoffe, dass die meisten Theater jetzt verstanden haben, dass der digitale Raum eine Erweiterung des physischen Theaterraums sein kann und nichts ist, wovor man Angst haben muss“, sagt Lorenz. Ihrer Meinung nach hat die Coronazeit diesen Prozess gewaltig beschleunigt, ganz besonders während des zweiten Lockdowns. Diejenigen Theater, die schon vor Corona mit Online-Kunst experimentiert haben, waren im Frühjahr 2020 gut darauf vorbereitet, die Krise zu überstehen. Aber es gab auch Theaterhäuser, die der Situation überhaupt nicht gewachsen waren, sagt sie.

„Hier im zweiten Lockdowns war es sehr viel deutlicher, dass die Theater aktiv dazu Stellung genommen haben, wie sie als Häuser zum digitalen Theater beitragen können. Sie nehmen das Digitale jetzt als Spielraum ernst und sehen es nicht als Notlösung an. Aber die Theater werden ja auch vom Staat finanziert, unter anderem mit dem Auftrag, einen Raum für den öffentlichen Diskurs und Diskussionen zur Verfügung zu stellen. Wenn die Debatte heutzutage vor allem online stattfindet, ist es meines Erachtens auch Teil der Aufgabe der Theater, dort zur Stelle zu sein.”

Eine neue Art, Geschichten zu erzählen

Das einige Theater ihre digitale Entfaltung darauf beschränkt haben, aufgezeichnete Vorstellungen online zur Verfügung zu stellen, quittiert Tina Lorenz nur mit einem Kopfschütteln. Wenn man den digitalen Spielraum ernst nehmen will, muss man anfangen, Formate und ästhetische Ausdrucksformen zu entwickeln, die für diesen Raum gedacht sind und das digitale Theater als eigenen Bereich verstehen. Und dafür ist es notwendig, dass die Theater die technischen Kräfte ins Haus holen, die es braucht, um ordentliches digitales Theater zu produzieren, und beispielsweise Computerprogrammierer*innen ins Team holen.

„In gewisser Weise sehen wir das Theater noch immer wie vor 200 Jahren. Wir gehen in einen Zuschauerraum, der von der Bühne getrennt ist, dann wird es dunkel und wir gucken in eine Blackbox. Es gibt historische Beispiele für Theater, das mit der Form experimentiert – zum Beispiel Amphitheater oder Barocktheater – aber die Bühnenkunst, die wir heute sehen, hat sich seit dem bürgerlichen Theater des 18. und 19. Jahrhunderts kaum verändert. Doch jetzt, wo wir die Spielräume auf den Online-Raum ausweiten, entsteht automatisch eine neue Zuschauersituation, die ganz anders ist, als wir sie kennen“, stellt Lorenz fest.

Eine Schauspielerin sitzt in einem Bühnenbild mit schwarzem Hintergrund und Neonfarben. Bild aus der Vorstellung "Orfeo ed Euridice", Staatstheater Augsburg. | Foto: Jan Pieter Fuhr
Was ist Ihre Vision für das digitale Theater an Ihrem neuen Arbeitsplatz?

„Ich interessiere mich für Hybridformen wie Mixed Reality, der Verschmelzung von reeller und virtueller Welt, und ich würde das Theatererlebnis im physischen und digitalen Raum gerne mehr kombinieren. Die Kombination aus digital und analog ist meines Erachtens das Spannendste“, sagt sie und weist auf die Aufführung des Staatstheater Augsburgs von der Oper Orfeo ed Euridice hin, bei der das Publikum gleichzeitig VR-Brillen trug und physisch im Saal zugegen war, wie wir es vom „altmodischen“ Theater kennen.  

„Die Zuschauer*innen erlebten die Handlung gleichzeitig auf der wirklichen Bühne als auch mit den Brillen auf der virtuellen Bühne. Sie waren auf der einen Seite im gleichen Raum wie die Schauspieler*innen, und gleichzeitig in einem anderen. So hätte man keinen rein physischen Raum gestalten können. Genau das ist es, was der digitale Raum kann: Den physischen Raum ausweiten und somit andere Geschichten erzählen – oder Geschichten anders erzählen,“ erzählt Lorenz begeistert. Neben Mixed Reality gilt ihr Interesse auch den Einflüssen von Künstlicher Intelligenz und Algorithmen auf die Kunst.

„Wie werden diese Tendenzen unser Kunstverständnis in der Zukunft beeinflussen? Welche Geschichten wollen wir im 21. Jahrhundert erzählen, und wie verwaltet man das digitale Theater? Wie können wir zum Beispiel Technik und Automatisierung dafür nutzen, Online-Kunst einfacher zu verwalten? Welche Abteilungen und Prozesse des Theaters können digitalisiert werden?„, fragt Lorenz rhetorisch, ehe wir unser Gespräch am Telefon beenden – einem Medium, das plötzlich hoffnungslos veraltet anmutet. „Das sind einige der Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Akteur*innen des Digitalen und Kunstakteur*innen müssen viel mehr miteinander sprechen, um ihren Horizont zu erweitern. Zum Glück werde ich von mehr und mehr Theaterleuten kontaktiert, die Input und Inspiration brauchen. Sie sind dabei zu verstehen, dass der digitale Spielraum ein aufregender Theaterraum ist.“
 

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