Der estnische Film Von Mandarinen, Krokodilen und dem Frühling

Mandarinen, Lembit Ulfsak
Mandarinen, Lembit Ulfsak | Foto: Allfilm

Die Themen des estnischen Kinos unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen in anderen europäischen oder amerikanischen Filmen. Und doch gibt es bisweilen einen besonderen estnischen Blick auf diese großen Fragen – bisweilen sind es die Geschichten selbst, die die Filme so besonders machen.
 

„Mandariinid“ auf der Oscar-Liste

In diesem Jahr war ein Film für den Auslands-Oscar nominiert, der sich mit einem Krieg beschäftigt, den die Welt kaum wahrgenommen hat: 1992 tobte eine Auseinandersetzung zwischen Abchasen und Georgiern, in die auch die estnische Minderheit Abchasiens hineingezogen wurde. Davon erzählt „Tangerines“ (estnisch: „Mandariinid“), der Film des georgischen Regisseurs Zaza Urušadze, in dem die estnischen Schauspielstars Lembit Ulfsak und Elmo Nüganen die Hauptrollen übernehmen.

In einem verlassenen abchasischen Dorf leben die estnisch-stämmigen Männer Ivo (Lembit Ulfsak) und Margus (Elmo Nüganen). Ivo will das Grab seines gefallenen Sohnes nicht verlassen, Margus möchte die Mandarinen-Bäume abernten und so schnell wie möglich nach Estland fliehen. Doch dann kommt der Krieg ins Dorf…

In der Mitte des europäischen Kinos


Obwohl von einem georgischen Regisseur gedreht, ist die georgisch-estnische Koproduktion „Tangerines“ typisch für eine Entwicklung des estnischen Kinos: Der Autorenfilm setzt sich mehr und mehr durch – egal ob in Anime-, Dokumentar-, oder Spielfilmen; gleichzeitig wird auch die genrebasierte Kinokunst stärker.

Die Geschichten folgen dabei meist der klassischen europäischen Filmtradition: Eine Figur sucht nach Sinn, nicht nach Beschäftigung, wie wir es aus dem klassischen Hollywood-Kino kennen. Zu den Lieblingsthemen gehören zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstfindung, die Rolle des Individuums gegenüber der Gesellschaft. Immer mehr zeigt sich auch die für das nordische Kino charakteristische, teils bedrückend wirkende Realität, daneben aber auch ein leiser Humor, eine ironische Auseinandersetzung mit nationalen Eigenheiten und Überzeugungen.

Wie sehr Estland mit dieser Mischung aus nationaler Eigenheit und europäischem Geist in der Mitte des europäischen Kinos angekommen ist, zeigt auch, dass 2011 die Preisgala der Europäischen Filmakademie 2011 in Tallinn stattfand – eine große Anerkennung für die estnische Kinokultur.

Die Anfänge des estnischen Kinos


Um vom estnischen Kino zu sprechen, muss man am Anfang beginnen. Gut 100 Jahre ist es jetzt her, dass der erste estnische Film gedreht wurde: 1912 erzählte Johannes Pääsuke die Geschichte des Kunstfliegers Utotschkin und seines Flugs über Tartu. Johannes Pääsuke war auch der Autor des ersten estnischen Spielfilms „Karujaht Pärnumaal“ („Bärenjagd in Pärnumaa“), der 1914 entstand. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Es waren die Brüder Parikas und die Brüder Märska, die die Entwicklung in den 1920er Jahren vorantrieben. Sie hatten auch Anteil an der Gründung des ersten estnischen Filmstudios „Estonia-Film“ (1919–1932).

Kultfim „Kevade“

Mit der Sowjetzeit kam die Veränderung für das estnische Kino – und dennoch bewahrte es seine Eigenheiten. Legendär ist das Jahr 1969, in dem „Kevade“ („Frühling“) und „Viimne Reliikvia“ („Die letzte Reliquie“) entstanden, zwei Hauptwerke des estnischen Films. 2012 wählten die Esten „Kevade“ zum besten Film des Jahrhunderts. Der Regisseur Arvo Kruusement zeigt das Schicksal einer kleinen Dorfschule in Paunvere Anfang des 20. Jahrhunderts. Aus kleinen Anekdoten entwickeln sich große philosophische Fragen – gute und schlechte Freundschaften, Eifersucht, Neid und Begehren sind die Hürden auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Allein 1970 sah ein Drittel aller Esten „Kevade“ im Kino.

Aufschwung und Probleme in den 90ern

Mit der Unabhängigkeit 1990 kam auch ein Aufschwung zu Beginn der 1990er Jahre für das estnische Kino. In dieser Phase des Übergangs wurde probiert und experimentiert, die hiesige Filmsprache wurde vielfältiger – und die Regisseure besannen sich der Geschichte(n) ihres Landes. Als gutes Beispiel lässt sich der Film „Need vanad armastuskirjad“ („Diese alten Liebesbriefe“) von 1992 anführen: Er erzählt von Raimond Valgre, dem estnischen Musiker und Songschreiber. Erfolgreich in den 1930ern, wurden seine Lieder als ungeeignet für den „sowjetischen Lebensstil“ nach dem Krieg verbannt.

Doch die Unabhängigkeit brachte auch Probleme mit sich: Die Budgets mussten gekürzt werden, die Filme spielten insgesamt weniger ein – weshalb sich die Zahl der produzierten Filme verringerte. Die finanziellen Möglichkeiten waren teils so beschränkt, dass zum Beispiel 1996 kein einziger estnischer Spielfilm gedreht wurde. Trotzdem waren die 90er eine gute Zeit für einen Neuanfang, denn gerade zu dieser Zeit wuchs eine Generation junger, glänzender Filmemacher heran.

Zwischen Sowjetzeit und Europa

Was in den 90ern gesät wurde, wird im 21. Jahrhundert geerntet – und beschert eine anhaltende Blütezeit. Der estnische Film ist im internationalen Kinomarkt angekommen. Immer mehr werden auch auf estnischem Boden spannende internationale Kooperationsprojekte entwickelt. Estland ist für Europa interessant geworden, liegt es doch kulturell und historisch auf der Schnittstelle zweier Welten: der früheren Sowjetunion und des modernen Europa.

Eine positive Entwicklung zeigt sich auch beim estnischen Dokumentarfilm. Filme wie „Uus Maailm“ („Neue Welt“) und „Disko ja tuumasõda“ („Disko und Atomkrieg“) waren sowohl an der Kinokasse als auch bei den Festivals erfolgreich. Das estnische Kino hat das einstige Niveau des Dokumentarfilms wieder erreicht und vor allem junge Filmemacher nutzen dieses Genre und entwickeln es weiter. Im Durchschnitt werden pro Jahr fast 40 Dokumentarfilme gedreht, etwa die vom Estnischen Nationalen Rundfunk finanzierten „Eesti lood“ („Estnischen Geschichten“).

Der preisgekrönte estnische Film

Eine besondere Anerkennung für das hiesige Kino ist, dass inzwischen fast alle estnischen langen Spielfilme auf weltbekannten Festivals der A-Kategorie ihre Premiere feiern, also in Berlin, Cannes, Venedig oder Locarno. In den letzten Jahren konnte man auch einige Preise mit nach Hause bringen – 2007 erhielt der „Herbstball“ von Veiko Ōunpuu auf den Filmfestspielen von Venedig den Hauptpreis in der Kategorie Orizzonti.

Und auch der estnische Animations- und Kurzfilm ist international erfolgreich: 2010 gewann der Film „Krokodill“ von Kapar Jancis den Cartoon d’Or. Ülo Pikkovs „Keha mälu“ („Das Gedächtnis des Körpers“) stand auf der Vorschlagsliste des Oscars für den besten Kurzfilm 2013 – und 2011 schaffte es der Film „Pihtimus“ („Die Beichte“) des jungen Regisseurs Tanel Toom auf die Shortlist des Oscars für den besten Kurzfilm. Da reihen sich die georgisch-estnischen Mandarinen bestens ein.