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Bei den Altgläubigen am Peipus See

Foto: Argo Ingver/Ekspress Meedia

„Nein”, sagt Anastasia, „ich werde nicht mehr in mein Dorf zurückkehren.“  Sie kommt aus Mustvee, einem Ort am Peipus See, in dem es fünf verschiedene Glaubensrichtungen gibt. Anastasia stammt aus einer altgläubigen Familie. Ihre Großmutter praktiziert ihren Glauben noch intensiv, Anastasias Mutter schon weniger und die zwanzigjährige Anastasia selbst sagt, sie glaube an gar nichts. Sie ist groß, schlank mit langen braunen Haaren und lebt seit zwei Jahren in Tartu, wo sie eine Ausbildung im Tourismussektor macht.

Es ist eine geheimnisvolle Gegend am Peipus See, an der Außengrenze der EU. Eine vergessene Welt, in der die Zeit angehalten zu sein scheint.  Der See ist weit, zwei Schiffe dümpeln am dunstigen Horizont. Das russische Ufer ist nicht zu sehen, weshalb der Eindruck entsteht, an einem Meer zu sein. Im November hängt der Himmel tief, und ein eisiger Wind fegt durch die kleinen Dörfer, die entlang des Ufers aufgereiht wie Perlen an einer Schnur liegen. Ein alter Mann mit Pelzmütze radelt vorüber, eine Katze huscht verschreckt in eine Scheune. Holzhäuser im russischen Stil mit ihren kleinen Vorgärten wechseln sich ab mit Backsteingebäuden.
 
In Varnja, einer der Gemeinden der Altgläubigen, liegt die große Kirche direkt am Wasser. Auf der Turmspitze ragt trotzig das Kreuz der Altgläubigen in den Himmel. Mit acht Enden, erklärt später Irina Külmoja, emeritierte Professorin für Slawistik an der Universität Tartu, unterscheidet es sich von dem der Orthodoxen, das nur sechs Enden hat.
 
Um acht Uhr früh beginnt der Gottesdienst und dauert zweieinhalb Stunden. Sechs Frauen in bodenlangen schwarzen Mänteln, den Kopf vorschriftsmäßig mit großen Tüchern bedeckt, stehen vor der Ikonostase, beten, singen, bekreuzigen sich, werfen sich auf den Boden nieder. Nur eine Lampe beleuchtet das Lesepult, sonst ist der ca. acht Meter hohe und dreißig Meter lange Kirchenraum von zahlreichen Kerzen erhellt. Von der Decke hängen zwei Leuchter, auch in ihnen flackern Kerzen. In der Mitte des Raumes wärmt ein großer Kachelofen. Der Fußboden ist mit Teppichen ausgelegt. Aber die Füße werden dennoch schnell kalt. Ein Priester kommt selten nach Varnja. Meist gestalten die Frauen den Gottesdienst selbst.
 
Es ist berührend. Der Gesang der alten Frauen ist kräftig, unbeirrt lesen sie vor, folgen einem Ritual, dass Außenstehenden verborgen bleibt. Es ist diese Mischung aus Singsang und Gesprochenen, aus Kerzenlicht und  den glänzenden Ikonen, die eine Stimmung verbreitet, der man sich nicht entziehen kann. Auch vor hundert, vor zwei- oder dreihundert Jahren werden die Gottesdienste ähnlich gewesen sein. Tiefer Glaube und tradierte Rituale haben die Altgläubigen durch die Zeiten getragen, die häufig durch Verfolgung und Unterdrückung gekennzeichnet waren. Seit sie ihre Religion frei leben können, ist die größte Gefahr für diese Religionsgemeinschaft die Moderne mit ihrer Mobilität. Für die mittlere Generation ist es schwierig, in der verlassenen Gegend am Peipus See ihr Auskommen zu finden, junge Menschen drängt es gleich hinaus in die Welt. Zurück bleiben die Alten.
 
„Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“ sagt Zoja nach dem Gottesdienst. „Vielleicht wird die Kirche geschlossen. Es liegt alles in Gottes Hand.“ Sie ist 83 Jahre alt und hat – bis auf ihre Studentenzeit in Tartu - immer am Peipus See gelebt. Viele Jahre arbeitete sie als Ärztin in einem der Nachbardörfer, Varnja ist ihr Lebensmittelpunkt. Dort zog sie ihre Söhne auf, dort lebt sie auch heute mit ihrem Mann. Der geht nicht in die Kirche. Weil die Männer immer zum Fischen auf dem See waren, erläutert Zoja.
 
 Die Autorin des Artikels Susanne von Schenck (rechts) gemeinsam mit ihrem Mann, der Übersetzerin und Zoja. Die Autorin des Artikels Susanne von Schenck (rechts) gemeinsam mit ihrem Mann, der Übersetzerin und Zoja. | Foto: Argo Ingver/Ekspress Meedia Gut fünf Kilometer sind es von Varnja nach Kolkja, einer anderen Gemeinde am Peipus See. Die meisten Orte wirken ein wenig russisch. Einen richtigen Kern haben sie nicht, die einstöckigen Holzhäuser säumen rechts und links der Straße. Viele sind gelb, ocker oder blaugrün gestrichen, etliche auch verlassen und verfallen. Hin und wieder sorgen eine Kirche, eine Tankstelle oder eine der wenigen noch betriebenen Schulen für etwas Abwechslung. Das Informationszentrum in Kolkja hat geschlossen wie auch das Restaurant, das Fisch vom Peipus See anpreist. Geschäfte sind nicht zu sehen, ein Bus versorgt vermutlich die Menschen mit Brot, Fleisch, Gemüse und dem Nötigsten.
 
Auch das Museum der Altgläubigen in Kolkja ist im Winter eigentlich geschlossen, denn in dieser unwirtlichen Jahreszeit  verirren sich kaum Gäste an den Peipus See. Aber heute hat Lili Tarakanow die Tür aufgeschlossen. Der Kachelofen in der Ecke des Eingangsraums verströmt eine angenehme Wärme. Bestickte Tisch- und Bettwäsche, eine Ikone, ein Samowar mit Teetassen, der  in keinem Haushalt hier fehlt – das Museum der Altgläubigen ist ein Heimatmuseum, 1998 begründet von Lilis Vorgängerin.  Sie hat die Gegenstände bei den Bewohnern der umliegenden Dörfer  gesammelt. Lili zeigt ein Gerät, mit dem vor über hundert Jahren Zichorien geschnitten wurden  – eine Besonderheit. „Es gab hier auch mal ein Zichorienmuseum.“, sagt sie. 
 
Lili ist Anfang vierzig und übt zahlreiche Berufe aus. Während der Saison ist sie Museumsdirektorin, dann vertreibt sie als Avon-Beraterin Kosmetik, sie ist in der Gemeindepolitik engagiert, hilft, wo sie kann, promotet Kurse zur Küche der Altgläubigen und versucht außerdem, ihren drei Töchtern die Traditionen dieser Glaubensrichtung nahezubringen. Und davon gibt es einige. Die kirchlichen Hochfeste werden inzwischen wieder feierlich begangen – zu Sowjetzeiten war das schwierig -, das Kreuz wird mit zwei statt mit drei Fingern geschlagen (einer der elf Punkte, die die Altgläubigen von den Orthodoxen unterscheiden). Gäste erhalten eigenes Geschirr, und Lilis Mann, der in Schweden arbeitet, hat dorthin ebenfalls sein eigenes Geschirr mitgenommen. Früher hätte er nach seiner Rückkehr zwei Wochen in Quarantäne verbringen müssen, bevor er wieder vom Familiengeschirr hätte essen dürfen. Ursprünglich hatte das hygienische Gründe, um Krankheiten nicht weiterzuverbreiten.
 
Lili Tarakanows älteste Tochter heißt Getter Suup. Sie ist zwanzig Jahre und ist nicht, wie ihr Name vermuten lässt, bereits verheiratet. Damit  ihnen keine Nachteile aufgrund ihrer Herkunft entstehen sollten, wollte Lili ihren Kindern nicht ihren russischen Nachnamen weitergeben, sondern entschied sich für den estnischen Mädchennamen. Wie die gleichalte Anastasia aus Tartu möchte auch Getter nicht mehr zurück in ihr Dorf. Sie ist gläubig, spricht aber nicht gern darüber. „Das ist Privatsache.“ Ihre Kinder würde sie später schon nach dem Ritual der Altgläubigen taufen. Jetzt träumt sie davon, für ein paar Jahre ganz weit weg zu gehen – nach Neuseeland.
 
Getter findet die Lage der Altgläubigen gar nicht mehr so hoffnungslos. Denn inzwischen zögen junge Leute wieder zurück aufs Land. Dank der Mobilität könnte man dort wohnen und in der Stadt arbeiten. Es würden auch durch den Tourismus Arbeitsplätze entstehen, fügt ihre Mutter Lili hinzu, und erzählt von Plänen, ein Spa am Peipus See zu entwickeln. Das ist aber noch Zukunftsmusik für eine Region, die bisher vor allem von Zwiebelanbau, Beeren und Fischfang lebt.
 
Laut einer Untersuchung von 2011 geben 12 600 Menschen in Estland an, Altgläubige zu sein, erklärt Irina Külmoja, die  an der Universität von Tartu über Kultur und Sprache der Altgläubigen forscht. Wahrscheinlich aber seien es noch mehr. Die meisten von ihnen leben am Peipus See, aber auch in Tartu und Tallin, sagt die Wissenschaftlerin. Wie es mit ihnen weitergehe? Sie zuckt die Schultern. „Wenn ich das wüßte!“
 
Die Zukunft der Kirche ist ungewiss. Die Zukunft der Kirche ist ungewiss. „Vielleicht muss die Kirche geschlossen werden. Alles liegt in den Händen Gottes“, sagt Zoja. | Foto: Argo Ingver/Ekspress Meedia Inzwischen ist in diese einsame Gegend, in der die Altgläubigen jahrhundertelang weitgehend abgeschottet von der Außenwelt lebten, auch der Tourismus vorgedrungen. Verglichen mit den anderen verschlafenen Orten herrscht in Nina, einem kleinen Fischerdorf nördlich von Kolkja, geradezu Leben auf der Straße. Vor der Kirche schippt ein Mann Erde in eine Schubkarre, eine junge Frau harkt Laub zusammen und auf dem schönen Friedhof direkt am Wasser und mit Blick auf einen alten Leuchtturm sind etliche Menschen damit beschäftigt, die Gräber zu pflegen. Zum ersten Mal an diesem Tag reißt der Himmel auf, der Wind lässt nach und die Sonne schickt ein paar Strahlen.
 
Ein Holländer soll hier mit seiner estnischen Frau ein bed&breakfast nebst Fahrradverleih betreiben. Außerhalb des Ortes sei das, wird mit Händen und Füssen erklärt und auf eine Buckelpiste mit riesigen Schlaglöchern gezeigt.
Nach einem guten Kilometer taucht direkt am Seeufer ein modernes Haus auf, so ganz anders als die, die sonst für die Orte am Peipus See charakteristisch sind. Dazu gehören drei  Bungalows mit großen Fenstern zum See und jeweils einer kleinen Terrasse, auf der trotz der kalten Jahreszeit Stühle zum Sitzen einladen – offensichtlich Ferienhäuser.  Zwei blonde Kinder öffnen die Tür - sie sehen aus wie aus einem Buch von Astrid Lindgren. Nein, sie seien weder  Schweden noch die gesuchten Holländer, erklärt ihre Mutter, sondern Esten. Die hübschen Ferienhäuser seien das ganze Jahr über zu vermieten. Das holländisch-estnische Paar hingegen wohne mitten in Nina. 

Dort muss man das Verbotsschild ignorieren und einfach in den Dorfkern fahren bis zu „Nina Kordons Külalistestemaja“. Das große weiss verputzte Haus, früher eine ehemalige Schule und dann Grenzschutzgebäude, wurde vor gut zehn Jahren renoviert und mit teilweise alten Möbeln eingerichtet. Es gibt eine Sauna und ein Restaurant; eine einfache Übernachtung kostet zwischen 45 bis 60 Euro. Die Haustüre steht offen, aber trotz mehrmaligen Klingelns am Empfangstresen kommt niemand. Es ist eben keine Saison. Aber die wird kommen.