Literaturfestivals in Estland Von Prima Vista bis HeadRead

Prima Vista Literaturfestival
Prima Vista Literaturfestival | Foto: Prima Vista Literaturfestival

Literaturfestivals sind in Estland eine recht neue Erscheinung, sie kamen zusammen mit der Wind der Freiheit und der Rückkehr der Literatur.

Die Literatur verlor mit der wiederkehrenden Freiheit zu Beginn der Neunziger Ziel und Sinn. Bis dahin war die schriftliche estnische Kultur eine Waffe gewesen, eine Möglichkeit die Identität zu erhalten, bewusster Widerstand. Die Estnischsprachigkeit der Literatur war an sich bereits ein Kampf für unser Überleben. In der kapitalistischen Wohlstands- und Konsumgesellschaft, in der alles für den Erhalt Notwendige von selbst vorhanden zu sein scheint, ist sie nicht wichtig.

Solch eine sich auf das Materielle konzentrierende Sache kann doch wohl nicht lange andauern? Zu Sowjetzeiten fühlten doch alle diese geistige Bedrücktheit: der Geist war verkümmert und bedrängt! Doch mit Ankunft der Freiheit entdeckten die Menschen eine neue Droge: den Konsum. Dinge, Dinge sind es doch, die den Menschen frei machen! Im Geld steckt das Geheimnis. Die Menschen schienen vergessen zu haben, was sie bedrückt hatte.

Erakkond, Tartuer NAK, Õigem Valem usw.

So musste man nicht lange warten, bis ein Teil der jungen Menschen zu fühlen und zu bemerken schien, dass irgendetwas fehlt. Und das führte zum Wuchern kleiner literarischer Gruppen im Estland Ende der neunziger Jahre. In Tartu traf sich Erakkond, eine Gruppe aus Philologie- und Semiotikstudenten, deren Vorbilder in der französischen und östlichen Lyrik lagen und die auch die jüngsten Strömungen des Postmodernismus erfassten (von da nahmen ihren Weg z. B. Kalju Kruusa, Lauri Sommer, Aare Pilv, Mathura, Kristiina Ehin u.v.a.). Als Gegengewicht dazu bildete sich um den bekannten flegelhaften Poeten Sven Kivisildnik und die südestnisch schreibende Kauksi Ülle die Tartuer NAK (Noorte Autorite Koondis – Vereinigung junger Autoren), die viel volkstümlicher herüberkam – lustige Spottlieder und politische Satire waren ihre Glanznummer (Contra, Olavi Ruitlane, Aapo Ilves, aber auch der junge fs/François Serpent, der sich im darauffolgenden Jahrzehnt zu einem der wichtigsten und beißendsten realistischen Dichter wandelte, u.v.a.).

Zur gleichen Zeit richtete sich in Tallinn ein Freundeskreis mit dem Namen ÕigemValem auf, bestehend aus Elo Viiding (später weniger mit der Gruppe verbunden), Kalju Kruusa (auch im Erakkond), Fagira D. Morti, Juku-Kalle Raid und Jan Kaus, die alle in der Literatur der letzten paar Jahrzehnte eine wichtige Rolle spielten.

Um einige estnische Philologen der Universität Tallinn (damals noch Pädagogische Hochschule) sammelte sich eine Gemeinschaft, die sich TNT nannte (natürlich mit Anspielung auf das Dynamit, doch eigentlich eine Abkürzung von Tallinna Noored Tegijad [Tallinner Junge Macher]) – die Gruppe wurde angeführt von Ivar Sild, Wimberg (Jaak Urmet) und dem Schreiber dieser Zeilen.

All dies zusammen bedeutete ca. 30–40 ambitionierte Dichter/Schriftsteller, denen Ausgabemöglichkeiten fehlten. Es war zwar leichter Bücher zu veröffentlichen als in der Sowjetunion, aber die Auflagen waren niedrig und es war schwieriger wahrgenommen zu werden. So wurde der Lyrikabend zu einer wichtigen Form. Die Gruppierungen waren wie Bands, man trat gemeinsam auf, ging auf Tournee. Über den Live-Auftritt fand man ein Publikum. So, einander zuhörend, entstand ein Wettkampfmoment, der Dichter suchte nach Entwicklung, man versuchte sich gegenseitig mit besseren Texten und besseren Auftritten zu übertrumpfen.

Das erste Literaturfestival in Estland

Die erste Festivalmöglichkeit bot dieser Generation das Sotsia 2001: Die Losung lautete sozial und sozialistisch (dieses Wort wirkte damals in Estland wie ein roter Fliegenpilz auf einen Stier, es wirkt wohl immer noch). Auftrittsmöglichkeiten bot man auch den Stars der älteren Generation, die diese mit Freude ergriffen: Die Generationen mischten sich und kommunizierten. Besonders eifrig nahm an den Festivals von Jahr zu Jahr der beliebte Surrealist Andres Ehin teil, aber auch der Dichter und Professor Toomas Liiv, die beide zudem Idole der jüngeren Generation waren.

Zur gleichen Zeit begann das vom Nordischen Ministerrat organisierte Nordische Poesiefestival, das dem Ganzen eine internationale Dimension verlieh: estnische Dichter traten neben den wichtigsten Namen der nordischen Länder auf. Der Vergleich lohnte sich, die Esten sind bei ihren Auftritten ziemlich gut.

Ein Jahr später fand in Tartu das erste Prima Vista statt, welcher zwar auch immer andere Städte miteinbezogen hat, aber vom Charakter her eine auf Tartu konzentrierte Erscheinung ist, welche die Universitätsstadt einmal im Jahr vor Literatur zum Überschäumen brachte. Das Prima Vista findet auch jedes Jahr ein besonderes Thema und einen bekannten Schriftsteller als Schirmherrn.

2009 entstand das Tallinner Literaturfestival HeadRead, in dem Sotsia und das Nordische Poesiefestival miteinander verschmolzen, zusätzlich wurde ein großer Prosateil ins Leben gerufen: jedes Jahr sind ein Dutzend Autoren aus verschiedenen Teilen der Welt zu Besuch – als Bedingung einzig, dass irgendetwas von ihnen vor kurzem auf Estnisch erschienen ist. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass sowohl das Tartuer als auch das Tallinner Festival schon Namen von Weltrang anziehen können.

Auch dies ist wichtig: die heutige Weltliteratur, die in Übersetzung das Estnische erreicht, findet ebenso wenig ihre Leser. Für all diese Autoren ist es dennoch ein Kanal – eine Möglichkeit in direktem Kontakt mit demjenigen zu sein, der dieses Buch/diesen Autoren für sich entdecken kann. Zudem tatsächlich auch das, dass die Auflagen von Gedichtbänden derartig gering sind, dass ein-, zweihundert Zuhörer auf einem Festival ein wichtiger Kanal zur Verbreitung sein können.

Die Funktion der Literaturfestivals

Literaturfestivals entstanden in Estland gerade dann, als sie nötig waren, und sie erfüllen heute ihre Funktion gut. Zumindest sind sie sichtbar und ziehen Menschen an. Selbst die Organisation hat sich geändert: Vom ursprünglichen organisatorischen Chaos und der Bohemien-Atmosphäre ist nur noch der Geist der Lyrikabende übriggeblieben: die Auftretenden fühlen sich auf der Bühne immer noch ziemlich frei. Die Organisatoren hinter der Bühne nicht mehr ganz so… Begann man damit, das Festival für sich selbst zu veranstalten, zur eigenen Freude, so hat die Verantwortung von Jahr zu Jahr zugenommen.

Im Moment sind die zwei großen Literaturfestivals die wichtigsten, doch neben ihnen haben seit Jahren auch die von Ave Alavainu auf Hiiumaa im Klub Ave Vita veranstalteten Kleinfestivals stattgefunden, die mit magischen Daten (z. B. 12.12.12) verbunden sind, außerdem das Minifestival Hullunud Tartu [Durchgedrehtes Tartu], das von Jaan Malin einmal im Jahr im Schutz der Novemberdunkelheit betrieben wird und weitere kleinere, doch nicht weniger wichtige Ereignisse. Dieses Anwachsen kompensiert ein wenig diesen geringeren Kontakt des Publikums mit der Literatur.