Deutscher Animationsfilm
Komische Vögel, große Träume

Der Revolutionär Wladimir Majakowski in „1917 – Der wahre Oktober“ von Katrin Rothe
Der Revolutionär Wladimir Majakowski in „1917 – Der wahre Oktober“ von Katrin Rothe | Foto (Ausschnitt): © Katrin Rothe Filmproduktion

Der Animationsfilm tut sich schwer in Deutschland – trotz herausragender Ausbildungswege. Lange Zeit galt das Genre als Spielwiese für Exoten. Dank ermutigender Impulse ändert sich das vielleicht.

Richard hat keine Chance, aber er ergreift sie. Er will sich nicht damit abfinden, ein Spatz zu sein. Seit er von einer Storchenfamilie adoptiert wurde, sieht er sich als Zugvogel. Nichts soll ihn davon abbringen, im Herbst nach Afrika zu fliegen. Mit Witz und Einfühlungsvermögen erzählen der Regisseur Toby Genkel und Drehbuchautor sowie Co-Regisseur Reza Memari in der deutschen Koproduktion Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper von einem Außenseiter, der seine Flügel ausstreckt und die Naturgesetze außer Kraft setzt.

International einen guten Ruf

Es fällt nicht schwer, in dem kleinen Helden eine Metapher für die einheimische Animationsbranche zu sehen, die wacker die übermächtige Konkurrenz aus den USA herausfordert. Animationsfilmer sind Optimisten. Ihr Medium vertraut auf die Wandelbarkeit der Realität: Alles ist möglich, nichts muss bleiben, wie es war. Aber sie müssen auch Realisten sein. 

„Die Weltvertriebe sagen uns, dass der deutsche Animationsfilm international einen guten Ruf hat. Aber im eigenen Land ist das anders“, berichtet Genkel. Tatsächlich sind die großen Exporterfolge der letzten Jahre Trickfilme. Ooops! Die Arche ist weg (2015), der vorangegangene Film des Regisseurs Toby Genkel, wurde in 51 Länder verkauft und spielte 2016 über 23 Millionen Euro ein. Der Spitzenreiter des Vorjahres, Die Biene Maja (Alexs Stadermann, 2014), brachte es auf 49 Länder und ein Einspiel von rund 20 Millionen.

Schrittmacher der deutschen Animationsfilmszene

Aber im eigenen Land galt das Genre lange Zeit als Spielwiese für Exoten. Der Autorenfilmer Jochen Kuhn blieb jahrelang ein Einzelkämpfer, obwohl er mit anspielungsreichen, malerischen Traumerzählungen wie Sonntag 3 (2012) viele Preise gewann. Die Situation änderte sich leicht, als Gerhard Hahn und Michael Schaack in den frühen 1990er-Jahren ein Geschäftsmodell entwickelten, das in der Produktion von Filmen für ein erwachsenes Publikum (die Adaption der Werner-Comics) sowie der Arbeit an Fernsehserien für Kinder (Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg) bestand. Ein weiterer Pionier, Thilo Graf Rothkirch (Lauras Stern, 2004), leistete entscheidende Dienste, als er seine Vision verwirklichte: Kinderfilme mit Budgets zu drehen, die zwar nur ein Zehntel vergleichbarer Hollywoodproduktionen betragen, aber konkurrenzfähig sind.

Hervorragende Ausbildung mit hohem Renommee

Den Vergleich mit europäischen Standards, die maßgeblich in England, Frankreich, Irland und Luxemburg geprägt werden, muss der deutsche Animationsfilm nicht mehr scheuen. Überdies genießt die Ausbildung einen hervorragenden Ruf. Die Kunsthochschule Kassel richtete bereits 1979 einen eigenen Studienschwerpunkt ein. Dort studierten die Brüder Christoph und Wolfgang Lauenstein, deren Puppentrickfilm Balance (1989) der hiesigen Branche erste Oscar-Ehren als bester animierter Kurzfilm einbrachte. Die Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg etablierte 1984 einen Studienzweig; die Kunsthochschulen in Darmstadt und Köln setzen auf interdisziplinären Austausch. Zur Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg gehörte seit ihrer Gründung 1991 eine Animationsabteilung, die sich stark international ausrichtet.

Die Hochschulfilme sind zwar exzellente Visitenkarten. Doch in einem Land, das nur zwei, drei animierte Langfilme jährlich produziert, garantieren sie keine goldene Zukunft. In den USA und Frankreich sind deutsche Talente hingegen sehr gefragt, zumal sie einen Vielzahl von Techniken beherrschen: Das Spektrum reicht von der Computeranimation über den Silhouettenfilm bis zum Legetrick und der Sandanimation. Es gibt sogar ein eigenes Festival für den Brickfilm, der mit Legosteinen arbeitet.

Eine relative Monokultur

Wer in Deutschland Animationsfilme machen will, braucht nicht nur Fantasie, sondern auch Ausdauer und verlässliche Partner. Das Fernsehen bietet kaum noch Sendeplätze. Selbst auf dem öffentlich-rechtlichen Kinderkanal KiKA ist der Anteil einheimischer Filme und Serien gering. Eine Quote, die wie in Frankreich festlegt, wie hoch der Anteil deutscher Animationsfilme im Fernsehen sein muss, würde helfen, hiesige Talente zu binden und eine solidere Infrastruktur zu schaffen. Der Berufsverband „AG Animationsfilm“ muss schwierige Lobbyarbeit leisten. Eine zentrale Funktion des Fernsehens war es noch vor ein paar Jahren, Marken zu kreieren, die es dann auf die große Leinwand schaffen.

Ein Erbe dieses Systems ist eine relative Monokultur. „Einen Animationsfilm für Erwachsene in Deutschland zu drehen, ist vermutlich immer noch der Weg zum sicheren Ruin“, meint der Filmkritiker Lars Penning. „Das klassische Muster verläuft in der Folge: erfolgreiches Kinderbuch, Fernsehserie oder Clips, Spielfilm, Sequel.“ Das funktioniert bei vielen Rothkirch-Filmen so, weitere Beispiele sind Ritter Trenk (Anthony Power, 2015) und Der kleine Rabe Socke (Ute von Münchow-Pohl, 2012). Die Skepsis gegenüber Originalstoffen ist bei Fördergremien und Produktionsfirmen groß, zumal Filme wie Überflieger den Kindern durchaus etwas zumuten: Sie feiern nicht nur Tugenden wie Freundschaft und Toleranz, sondern verschließen sich auch nicht den Härten des Lebens. „Als wir in der Stoffentwicklung waren,“ sagt Regisseur Reza Memari, „haben uns alle angeschaut, als wären wir wahnsinnig. Viele, die uns absagten, gaben uns den Ratschlag, erst einmal ein Kinderbuch daraus zu machen.“

Internationalisierung als Chance

Aber die Zukunft des deutschen Animationsfilms kann langfristig nicht in der Formelhaftigkeit liegen. Eine Chance ist die Internationalisierung. Wichtige künstlerische Impulse hat er in den letzten Jahren von Migranten wie Ali Samadi Ahadi, dessen The Green Wave 2011 Scherenschnitt-Passagen mit Dokumentaraufnahmen von der grünen Revolution im Iran verknüpft. Gerade feierte Teheran Tabu des in Berlin lebenden Iraners Ali Soozandeh bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes großen Erfolg. Sein Film hätte nie an Realschauplätzen gedreht werden können, denn er übertritt in seiner Darstellung von Sex, Korruption und Prostitution islamische Bilderverbote. Die Zukunft wird auch darin liegen, individuelle Handschriften zu ermöglichen. 1917 – Der wahre Oktober von Katrin Rothe könnte ein Wendepunkt werden. Sie nähert sich mit altmodischen, der Kunst der Epoche verwandten Techniken fünf Künstlern, die zu Chronisten der Oktoberrevolution wurden. Außerdem überwindet sie die Bildernot des Dokumentarfilms und erzählt Historie ganz neu. Ist das nicht der Kern dieser Kunstform, uns die Welt anders und subjektiv zu zeigen?

 


 

 

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