Neuer Deutscher Film
2015

Neuer Deutscher Film

Neuer Deutscher Film 2015

Programm

Produktive Identitätskrisen

Die Zeit der Selbstverständlichkeiten ist vorbei: Was für die Politik gilt, kann im Kino nicht anders sein. Aber man darf mit Erstaunen feststellen, dass sich das deutsche Kino immer lebendiger als Seismograf betätigt, sich selbst und die Zeit in der wir leben hinterfragt, teils mit Furor, teils unterschwellig.

Der filmische Umgang mit der Nazi-Vergangenheit verändert sich dabei deutlich, wie dieser Fokus zum deutschen Kino konzentriert zeigt. Am Diptychon aus IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS und DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER zeigt es sich: Da geht es um die Zeit nach dem Fall des Hitler-Regimes, und trotzdem durchwirkt sein geistiges Erbe noch immer die Gesellschaft, erstickt sie. Es ist kein Wunder, dass die Filme zu Oscar-Beitrag und Publikumspreisgewinner in Locarno geworden sind. Die Frage, ob nicht eine Rückwärtsgewandtheit in Politik und Denken um sich greift, macht sie zu hochaktuellen Filmen und ihre Protagonisten zu Beispielen einer kämpferischen Aufrichtigkeit. In Deutschland steht das Schlagwort von der »Willkommenskultur« neben der Angst vor »Dunkeldeutschland« – man muss mindestens von einer Irritation des öffentlichen Diskurses reden, von unsicher gewordener politischer Identität.
 
Das Kino rückt über dieses anwachsende Unwohlsein zwischen den Images eines europäischem Hegemons oder einer zweifelnden Selbstverständlichkeitsdemokratie die psychologische Spaltung in den Vordergrund: Identitätskrisen überall. Ob Sie aus diffuser Angst (HEDI SCHNEIDER STECKT FEST ) oder vernebeltem Hirn (ALKI ALKI) gespeist werden, oder aus dem Wohlstandsgefälle Europas (EIN ATEM) – das Motiv ist oft zu finden.
 
Cineastisch gesehen sind diese Identitätskrisen äußerst ertragreich. Sie führen zudem auch dazu, dass sich das Kino in Deutschland aus den Fesseln einer Überrationalität befreit.. DER NACHTMAHR ist ein Film, der dem Kino des Traums zugerechnet werden muss. BOY 7 wagt sich mitten hinein ins dystopische Sci-Fi-Genre, was man in der heutigen Finanzierungslandschaft Deutschlands als einen beherzten Sprung ins Unsichere werten muss.
 
Die Filmemacher geben sich eben nicht mehr zufrieden. Sie können Filme schneller umsetzen, weil die Produktionsmittel billig geworden sind. Und Produzieren mitunter Filme für wenig tausend Euro, deren künstlerischer Ertrag weit, weit darüber liegt. Vor allem ist die Spannbreite des deutschen Kinos in den letzten Jahren deutlich größer geworden. Die Komödie widmet sich ernsten Themen, die Dramen werden radikaler, und die Freude daran, die Ideen pur auf die Leinwand zu bringen nimmt zu (ein Beispiel für ein »Herzensprojekt« ist zweifellos NIGHTSESSION).
 
Die Zeit der 2010er Jahre wird man später vielleicht als eine Zeit der intensiven Suche im deutschen Kino verstehen, unter den Bedingungen einer sich verändernden Produktionslandschaft, die heute immer brüchiger wird. Denn die TV-Sender finanzieren einen großen Teil des Kinos, und haben immer weniger Geld.
 
Aber auch dies hat zwei Seiten: in dieses offenbar erodierende System sind längst neue, wilde, schnelle, kleine und künstlerische Filme vorgestoßen, es werden jährlich mehr. Eine Übersicht über den wilden Stand der Dinge kann man sich jetzt verschaffen.
 
Christoph Gröner
Kurator des Filmprogramms „Neuer Deutscher Film 2015“,
Programmer der Reihe „Neues Deutsches Kino“ im Rahmen des Filmfests München